Die Thronfolgerin des „kranken Mannes.“ Kartoffel und ein neuer Trank dazu

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Autor: N. N.
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Titel: Die Thronfolgerin des „kranken Mannes.“ Kartoffel und ein neuer Trank dazu
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, S. 638–639
Herausgeber: Ferdinand Stolle
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Erscheinungsdatum: 1855
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Die Thronfolgerin des „kranken Mannes.“ Kartoffel und ein neuer Trank dazu.

Ich weiß nicht mehr, welcher Professor es war, der seinen Vortrag damit anfing: „Meine Herren, wenn Sie Kartoffeln essen, dann gehen Sie lieber gleich wieder nach Hause, weil Sie in diesem Falle meine Vorlesung nicht verstehen können.“ Der Mann hatte so Unrecht nicht. Ich weiß nicht, wie viel Decimalbrüche von Geist in den Kartoffeln stecken, wenig ist’s aber jedenfalls, so wenig, daß der Mensch auf die Dauer auch nicht in der geringsten Sphäre der Kultur damit auskommen kann. Er verbraucht in diesem Falle immer mehr als er einnimmt. Sicherer wissen wir schon das Deficit an meßbarer Nahrungskraft, welches durch dauerndes Kartoffelessen entsteht. Der Magen bekommt eine Ladung Kartoffeln und verbraucht zehn Pferdekraft, um eine halbe Menschenkraft daraus hervorzuwalken. Außerdem sind die Kartoffeln bekanntlich jetzt durchweg mehr oder weniger krank und dabei so theuer, als ständen sie unter Zollschutz. Wir sind durchweg so herunter in Geschmack und Gewohnheit, daß wir unsere Frau sehr brummisch behandeln würden, brächte sie zum besten Braten nicht auch einen Kübel Kartoffeln. Wie Friedrich der Große die Bauern mit dem Krückstock zur Kartoffelkultur zwang, sollte sich jetzt jeder Kartoffelsclave selbst einen Stock anschaffen und sich damit jedesmal kasteien, so oft er Kartoffeln gegessen. Es ist eine Schande für unsere ganze Civilisation, daß wir lieber entbehren, hungern und Geld auf dem Altare des Gewohnheitsthierrechts verschwenden, statt uns auf der reichgedeckten Tafel der Natur nach bessern Gerichten umzusehen und zuzugreifen.

Nur eigentlich gelehrte Botaniker und wissenschaftliche Agrikulturisten haben bis jetzt beiläufig Versuche gemacht, die geisttödtende, körperschwächende, feig machende Kartoffel durch bessere Knollen zu ersetzen. In der Praxis, in’s Volk ist diese Weisheit noch nicht gedrungen.

Wir verdienen daher außer unserm Honorar einen Gotteslohn, wenn wir hier auf die Mittel hinweisen, wie man die Kartoffel und den daraus hervormaltraitirten Fusel thatsächlich verdrängen kann. Der Stern der Hoffnung für das Auge des hungrigen und kartoffelverkümmerten Europa ist nach dem Oriente gerichtet. Die Alliirten haben nicht umsonst ihren Kreuzzug unternommen. Unter ihren Siegestrophäen steht die Thronfolgerin der Kartoffel oben an, eine vor sechs Jahrtausenden schon berühmte segensreiche Frucht, eine Art Jamswurzel. Wie die schon bekannten, ost- und westindischen Jams, gehört die Pflanze zu der Gattung dioscorea, doch hat sie ganz specifische Vorzüge. Der Franzose Decaisne und der Engländer Lindley haben sie durch Anbau und chemisch untersucht, und sind Beide entschieden der Ansicht, daß sie unserer Kartoffelnoth in ganz Europa ein seliges Ende machen könne. Die Pflanze hat große perennirende Wurzeln, deren obere Enden faustdick werden. Nach Unten nehmen sie ab geradlinig bis zur Dicke eines Fingers und dringen in lockerem Boden bis über eine Elle tief ein. Der Stengel, von der Dicke einer Gänsefeder, cylindrisch, sich von Rechts nach Links windend, violet, mit kleinen, weißen Fleckchen, wird zwei Yards hoch und stirbt jedes Jahr ab. Ohne Stütze knickt er leicht nach der Erde und schlägt reichlich neue Wurzeln. In China ist die Pflanze seit Jahrtausenden verbreitet und unter dem Namen „Sän-in“ bekannt. Sie ist die Kartoffel Chinas. Französische Kunstgärtner haben sie seit einiger Zeit kultivirt und genau studirt. Folgende sind ihre Hauptergebnisse: 1) in Geschmack und Nahrhaftigkeit (nach Professor Decaisne) der Kartoffel überlegen; 2) mehr Ertrag und sicherer, da keine Kartoffelkrankheit unter ihnen wüthet; 3) wächst gut auf sandigem, unfruchtbarem Boden und giebt die beste Gelegenheit, aus Wüsten und hungrigen Flächen Nahrung und Leben zu ziehen; 4) sehr verbreitungsfähig ohne Abnahme in Güte, Größe und Nahrungssaft, in jeder Jahreszeit ein leicht zugängliches Lebensmittel bietend; 5) kann Jahre lang in der Erde bleiben, ohne zu verderben; 6) geerntet kann sie in Kellern oder Schuppen mehrere Monate länger, als die Kartoffel, gesund erhalten werden, und endlich 7) braucht sie nicht einmal so lange Zeit kochen als die Kartoffel. Decaisne bemerkt noch: „Soll eine neue Pflanze Aussicht auf Erfolg im Ackerbau haben, muß sie gewisse Bedingungen erfüllen. Nun aber erfüllt die chinesische Jamwurzel alle Bedingungen, die man an sie stellen kann. Sie gedeiht in Frankreich ganz vortrefflich, ohne daß die kräftige, saftige, fleischige Wurzel an Nahrungsstoff oder Geschmack verliert. Sie schmeckt schon roh, läßt sich leicht rösten oder kochen und schmeckt dann wie eine Art Mehl (fécule). Sie ist sofort ein eßbares Brot und in jeder Beziehung der Kartoffel vorzuziehen. Lindley empfiehlt folgende Regeln für deren Kultus in England. Zur Fortpflanzung sucht man die kleinsten Wurzeln aus und schützt sie während des Winters nur vor Frost. Im Frühlinge pflanzt man sie in Furchen, ziemlich nahe an einander in gut und tief aufgelockerten Boden. Sie schießen bald in langen Keimen am Boden hin, welche, wenn sie die Länge [639] von sechs Fuß erreicht haben, zerschnitten werden. Die Schnitte werden nun zwischen kleinen Furchen auf die hohen Kanten gelegt (mit Ausnahme der Blätter), mit etwas Erde überstreut oder überhackt. Bei regnigem Wetter fassen die Schnitte sofort Wurzel, ohne Regen müssen sie begossen werden, bis die Wurzelung anfängt. Nach 15 bis 20 Tagen fangen die Wurzeln an, sich zu Früchten auszubilden. Gleichzeitig bilden sich Seitenschößlinge, die sorgfältig wiederholt abgebrochen werden müssen, wenn die Wurzeln gut gedeihen sollen. In der Regel bildet jede Pflanze zwei bis drei Rhizomen oder Wurzelknollen. Diese sehen äußerlich kartoffelartig grau oder bräunlich aus und schließen eine weiße, opalinische, sehr leicht zerreibliche, etwas milchige, cellulöse Masse ein,die gekocht eben so leicht trocknet, wie die Kartoffel, mit der sie im Geschmack verwechselt werden kann. Deutschland, versuche und koste Du auch!

Man kann ja auch aus derselben Quelle gleich dazu trinken, wenigstens chinesischen Spiritus. Die aus China nach Frankreich gebrachte und dort seit mehreren Jahren, in England seit einem Jahre, kultivirte Pflanze, welche die Botaniker „Holcus saccharatus“ nennen, enthält 181/2 Procent Zucker, mehr als die Runkelrübe. Man gewinnt den Zucker eben so, wie aus dem Zuckerrohre; aber in der Regel bleibt bis jetzt beinahe ein Drittel unkrystallisirbar (unter nördlichen Breitegraden). Diese Zuckermasse, die sich nicht fügen will, wird nun mit Vortheil in die Zauberapparate des Destillateurs gebracht, wo sie sofort sehr freigebig zu Alkohol wird, und zwar besserem Alkohol, als die berüchtigte Kartoffel liefern kann.

Der Franzose Vilmorin gewann aus 40,147 Pfund Runkelrüben 1927 Pfund Zucker – das ist der Durchschnittsertrag per Acker. Dieselbe Quantität giebt 120 Gallonen Alkohol, dieselbe Quantität Holcus aber 182 Gallonen, 60 Gallonen mehr per Acker. Als Trinkpflanze erscheint daher Holcus saccharatus besonders acceptabel. Sie wird in der That als neuer Weinberg empfohlen, nachdem der Weinstock angefangen hat zu kränkeln wie die Kartoffel. M. de Beauregard brachte eine Quantität Holcus durch Abfälle von Trauben in Gährung und erhielt einen vorzüglichen Alkohol, der in Marseille enthusiastisch gekauft ward. Dr. Turrel, der englische Chemiker, erklärte, daß Holcus saccharatus der beste Stellvertreter des Weinstocks sei, indem nicht die Trauben, sondern der gegohrene Rebensaft bei edleren Naturen in Betracht komme. Was kann man mehr verlangen? Nichts! Und doch ist Holcus saccharatus zugleich noch ein anderer, noblerer Retter in der Noth – an Lumpen, die besonders in England groß ist. Die entzuckerte Masse liefert noch das beste Material für Papier. Zu guter Letzt ist’s auch noch das encouragirendste Pferdefutter. In Indien füttern die Engländer allemal ihre Jagd- und Rennpferde mit grünem oder geheutem Holcus, welche dann doppelt so viel leisten, als bei üblichem Futter.

Das sind einige Andeutungen von der Freigebigkeit und dem Reichthume der Natur, aus welchem die Menschen immer Fülle und Freude gegen Noth und Elend schöpfen könnten, wenn sie sich nicht zu sehr zu Gewohnheitsthieren gemacht hätten. An Manchem wird ein halbes Jahrhundert vorübergehen, ehe er zugiebt, daß noch ein Leben ohne Kartoffeln möglich, oder ein Festessen ohne Rebensaft anständig sein könne. Wer aber eine Hand und einen Kopf dazu hat, wird gleich be- und zugreifen.