Die Unruhen auf Kreta

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Titel: Die Unruhen auf Kreta
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aus: Die Gartenlaube, Heft 29, S. 500a
Herausgeber: Adolf Kröner
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1896
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung: Aufstand der Kreter gegen die osmanischen Besatzer
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[500a] Die Unruhen auf Kreta. Es gibt unglückliche Länder, auf denen der ungerechte Fluch eines blinden Schicksals lastet, Länder, über deren Gefilde der Frieden niemals seinen Segen ausbreitet. Jahrhunderte vergehen und die Geschichte ihrer Bewohner weiß nur von blutigen Kriegen, von roher Vergewaltigung, von unmenschlichem Druck und von vergeblichen Versuchen zum Abwerfen des schmählichen Jochs zu berichten. Ein solches Land ist die unglückliche Insel Kreta. Ihr heiterer Himmel rötet sich wieder in den stillen Nächten von der Lohe brennender Dörfer, ein Aufstand herrscht wieder in ihren Bergen und man hört von Metzeleien, von blutigen Schlachten, die zwischen den verfolgten Christen und den Herren der Insel, den Türken, stattfinden.

So weit die geschichtliche Kunde reicht, erfreute sich die etwa 8600 qkm große Insel niemals auf die Dauer geordneter Zustände[.] Schon die griechischen Ansiedler, die etwa 1000 Jahre vor Chr. von Kreta Besitz ergriffen, gründeten hier keineswegs ein einheitliches Reich, sondern zerfielen in etwa 20 von einander unabhängige Staaten, die sich gegenseitig befehdeten. Zur Zeit, da die Römer ihre Herrschaft über das Mittelmeerbecken ausdehnten, waren die Kreter als Seeräuber berüchtigt. Später bildete die Insel ein Ziel der Raubzüge der Sarazenen, einen Kampfpreis zwischen diesen und den byzantinischen Kaisern. Im dreizehnten Jahrhundert fiel Kreta in die Hände der Venetianer und die Kreter kämpften gegen diese Herren, bis sie um die Mitte des siebzehnten Jahrhunderts von den Türken unterjocht wurden. Damit begann in der traurigen Geschichte dieses Eilandes der traurigste Abschnitt. Von nun an gab es auf ihm nur Herren und Sklaven. Die siegreichen Türken ließen hier ihren Leidenschaften den freiesten Lauf und verübten die scheußlichsten Greuelthaten. Unter diesem Druck flohen Scharen christlicher Bewohner von der Insel, Tausende beugten sich vor dem Islam und wechselten ihre Religion; nur in den Bergen, namentlich auf den schwer zugänglichen Höhen der westlichen Landschaft Sphakia blieb ein Häuflein Kreter frei und unabhängig und behauptete seine Rechte im ewigen Kampfe gegen die fremden Eroberer. Das reiche Land verödete, und an Macht gewann nur die Saat, die von der Tyrannei emsig ausgestreut wurde, der glühendste Haß der Bedrückten gegen ihre grausamen Peiniger.

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Hafenansicht von Kanea.
Nach einer Originalzeichnung von Jos. Winckler.

So lagen die Dinge auf Kreta, als im Anfang unseres Jahrhunderts für die geknechteten Griechen die Stunde der Erlösung schlug. Die Kreter blieben hinter ihren Landsleuten in Morea nicht zurück, im Maimonat 1821 entfalteten sie auf ihrer Insel das Banner der Unabhängigkeit. Leider sollten sie vergebens ihr Blut vergießen, denn die europäische Diplomatie schloß im Jahre 1830 in dem Protokoll zu London Kreta von dem neugegründeten griechischen Staate aus – überantwortete die Insel auch weiterhin der türkischen Herrschaft! Zwar versuchte man die Türkei zu Reformen zu zwingen und eine Gleichberechtigung der Christen und Türken durchzusetzen, aber alle diese Versuche führten zu keinem ersprießlichen Ende. Die Geschichte Kretas besteht seit jener Zeit aus einer Kette von Aufständen, die immer mit blutiger Gemalt unterdrückt wurden.

Ein solches schmähliches Drama spielt sich auch gegenwärtig auf dem schwergeprüften Eilande ab. Die Christen erhoben sich, unterstützt von ihren Stammesbrüdern in Griechenland, und es begannen Zusammenstöße und Metzeleien zwischen Türken und Christen, in welchen der grimmigste Haß zum Ausdruck kommt, so daß nicht einmal das Leben von Frauen und Kindern geschont wird. Die Verbindungen mit dem Innern des Landes sind zumeist aufgehoben und man weiß nicht genau, welche grauenvollen Vorgänge sich dort abspielen. Selbst in den Hafenstädten konnte die Ruhe nicht aufrechterhalten werden. So war die Hafenstadt Kanea, deren Ansicht wir in unserem Bilde wiedergeben, der Schauplatz blutiger Auftritte. Hier wohnt in engen Gassen, dicht zusammengedrängt, eine Bevölkerung von etwa 12 000 Menschen. Reich an geschichtlichen Erinnerungen, mit Kirchen und Moscheen geschmückt, in der Nähe fruchtbarer Gefilde gelegen, könnte sie sich einer bedeutenden Wohlhabenheit erfreuen. Aber ruhige Tage sind selbst den Hafenstädten der Insel nicht beschieden. Am Pfingstfest kam es dort zu einem Streit zwischen einem griechischen Diener des russischen Konsuls und der Thorwache. Der Streit artete bald in ein Handgemenge aus und damit war das Signal zu einer Niedermetzelung der Christen gegeben. Darauf wurde der Kampf von den bewaffneten Scharen im Innern mit verstärktem Eifer fortgeführt, und es gelang den Aufständischen noch in letzter Zeit, einige Vorteile über die türkischen Truppen zu erringen. Inzwischen hat die Türkei dem Drängen der europäischen Großmächte nachgegeben, einen christlichen Gouverneur ernannt und Reformen versprochen. Es ist dringend zu wünschen, daß die Leiter dieser kretischen Freiheitsbewegung diese Zugeständnisse annehmen. Eine völlige Befreiung Kretas ist infolge der politischen Lage unmöglich und nur durch weise Mäßigung auf beiden Seiten kann der Frieden geschlossen und eine gedeihlichere Entwickelung der Insel herbeigeführt werden.

Kreta ist in Europa wenig bekannt. Um so mehr sollte man den wenigen guten Werken über das an landschaftlichen Reizen reiche Eiland, wie z. B. „Erlebnisse und Beobachtungen eines mehr als zwanzigjährigen Aufenthaltes auf Kreta“ von Elpis Melena (Hannover, Schmorl und von Seefeld Nachf.), eine größere Verbreitung wünschen. Die öffentliche Meinung würde aus ihnen erfahren, daß der tapfere Kreter, wie rauh ihn auch die ewigen Kämpfe gemacht haben mögen, doch unsre Sympathien verdient.