Die Widersprecherinn

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Autor: Christian Fürchtegott Gellert
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Titel: Die Widersprecherinn
Untertitel:
aus: Sämmtliche Schriften. 1. Theil: Fabeln und Erzählungen, Erstes Buch. S. 55–57
Herausgeber:
Auflage: 1. Auflage
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1769
Verlag: M. G. Weidmanns Erben und Reich und Caspar Fritsch
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Erscheinungsort: Leipzig
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Originalherkunft:
Quelle: Scans auf Commons
Kurzbeschreibung:
Erstdruck 1746/48
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[55]
Die Widersprecherinn.


Ismene hatte noch, bey vielen andern Gaben,
Auch diese, daß sie widersprach.
Man sagt es überhaupt den guten Weibern nach,
Daß alle diese Tugend haben;

5
Doch, wenns auch tausendmal der ganze Weltkreis spricht:

So halt ichs doch für ein Gedicht,
Und sag es öffentlich, ich glaub es ewig nicht.
Ich bin ja auch mit mancher Frau bekannt,
Ich hab es oft versucht, und manche schön genannt,

10
So häßlich sie auch war, bloß, weil ich haben wollte,

Daß sie mir widersprechen sollte;
Allein sie widersprach mir nicht.
Und also ist es falsch, daß jede widerspricht.
So kränkt man euch, ihr guten Schönen!

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Itzt komm ich wieder zu Ismenen.

Ismenen sagte mans nicht aus Verleumdung nach,
Es war gewiß, sie widersprach.

Einst saß sie mit dem Mann bey Tische;
Sie aßen unter andern Fische,

20
Mich deucht, es war ein grüner Hecht.

Mein Engel, sprach der Mann, mein Engel, ist mir recht:
So ist der Fisch nicht gar zu blau gesotten.
Das, rief sie, hab ich wohl gedacht,
So gut man auch die Anstalt macht:

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So finden Sie doch Grund; der armen Frau zu spotten.
[56]
Ich sag es Ihnen kurz, der Hecht ist gar zu blau.

Gut, sprach er, meine liebe Frau,
Wir wollen nicht darüber streiten,
Was hat die Sache zu bedeuten?

30
So wie dem welschen Hahn, dem man was rothes zeigt,

Der Zorn den Augenblick in Nas und Lefzen steigt,
Sie roth und blau durchströmt, lang aus einander treibet,
In beiden Augen blitzt, sich in den Flügeln sträubet,
In alle Federn dringt, und sie gen Himmel kehrt,

35
Und zitternd, mit Geschrey und Poltern, aus ihm fährt:

So schießt Ismenen auch, da dieß ihr Liebster spricht,
Das Blut den Augenblick in ihr sonst blaß Gesicht;
Die Adern liefen auf, die Augen wurden enger,
Die Lippen dick und blau, und Kinn und Nase länger;

40
Ihr Haar bewegte sich, stieg voller Zorn empor,

Und stieß, indem es stieg, das Nachtzeug von dem Ohr.
Drauf fieng sie zitternd an; Ich, Mann! ich, deine Frau,
Ich sag es noch einmal, der Hecht war gar zu blau.
Sie nimmt das Glas und trinkt. O! laßt sie doch nicht trinken!

45
Ihr Liebster geht, und sagt kein Wort;

Kaum aber ist ihr Liebster fort,
So sieht man sie in Ohnmacht sinken.
Wie konnt es anders seyn? Gleich auf den Zorn zu trinken!

[57]
Ein plötzliches Geschrey bewegt das ganze Haus;
50
Man bricht der Frau die Daumen aus;

Man streicht sie kräftig an; kein Balsam will sie stärken.
Man reibt ihr Schlaf[1] und Puls; kein Leben ist zu merken.
Man nimmt versengtes Haar und hälts ihr vors Gesicht.
Umsonst! Umsonst! Sie riecht es nicht!

55
Nichts kann den Geist ihr wiedergeben.

Man ruft den Mann; er kömmt, und schreyt: Du stirbst, mein Leben!
Du stirbst? Ich armer Mann! Ach! meine liebe Frau,
Wer hieß mich dir doch widerstreben!
Ach, der verdammte Fisch! Gott weis, er war nicht blau.

60
Den Augenblick bekam sie wieder Leben.

Blau war er, rief sie aus, willst du dich noch nicht geben?

So that der Geist des Widerspruchs
Mehr Wirkung, als die Kraft des heftigsten Geruchs.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Schlaf=Schläf[e]