Die Wiederbelebung Händelscher Tonwerke

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Titel: Die Wiederbelebung Händelscher Tonwerke
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 13, S. 207
Herausgeber: Adolf Kröner
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Erscheinungsdatum: 1897
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Die Wiederbelebung Händelscher Tonwerke.

Mit den Bildnissen von Friedrich Chrysander und Hermann Kretzschmar.

Im verwichenen Winter haben in Leipzig zu besonders festlichen Gelegenheiten – am Erinnerungstag der Völkerschlacht und zur Feier der Gründung des Deutschen Reichs – zwei glänzend ins Werk gesetzte Konzertaufführungen stattgefunden, denen in doppelter Hinsicht eine historische Bedeutung innewohnte. Es handelte sich in beiden Fällen um Oratorien Georg Friedrich Händels, die trotz ihrer Schönheiten und packenden Eigenschaften schon längst aus dem Bereich der Kirchenemporen und Konzertsäle geschwunden waren, denen aber neuerdings der hochverdiente Händelbiograph und Händelforscher Chrysander eine Bearbeitung zu teil werden ließ, welche durch künstlerische pietätvolle Anpassung an den fortgeschrittenen Geschmack ihre Wiederbelebung bezweckte.

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Friedrich Chrysander.

Der außerordentlich günstige Erfolg, welchen am 18. Oktober Händels „Deborah“ und am 17. Januar Händels „Herakles“ bei diesen Aufführungen fanden, hat überzeugend dargethan, daß diese Neugestaltung älterer Händelscher Oratorien durch Chrysander einen hocherfreulichen Gewinn für unser gesamtes Musikleben bedeutet. Schon sind inzwischen andere Städte dem Beispiele gefolgt und für Leipzig selbst ist im Werke, alljährlich aus dem Stadttheater zwei weitere dieser Bearbeitungen, sogar mit scenischer Darstellung, dem Publikum vorzuführen. So dürften jene beiden Konzerte, die durch den Riedelschen Chorverein unter Leitung von Hermann Kretzschmar und in Anwesenheit Chrysanders stattfanden, im Zusammenhang mit den Bemühungen in anderen deutschen Städten, wie Mainz, Hamburg, München, den Beginn einer neuen Aera in der Pflege von Händels Genius darstellen. Denn es ist zweifellos zu erwarten, daß diese sich auch anderwärts nun nicht mehr auf die Aufführung seiner allergrößten und machtvollsten Werke und jener kleineren Stücke beschränken wird, die schon immer einen festen Bestand in den Programmen unserer Kirchenkonzerte gebildet haben.

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Hermann Kretzschmar.

Friedrich Chrysander aber, der heute im 70. Lebensjahr stehende Bearbeiter dieser Oratorien, sieht mit diesen Erfolgen sein ganzes Lebenswerk aufs schönste gekrönt. War doch all sein Streben und Schaffen von Beginn an dem Einen Händel geweiht, dem gewaltigen Tonschöpfer, der neben seinem Zeitgenossen Johann Sebastian Bach das Höchste in den Formen der Kirchenmusik hervorgebracht und es wie keiner verstanden hat, dem Oratorium einen wahrhaft dramatischen Inhalt zu geben! Vor vierzig Jahren ließ Chrysander den ersten Band seiner grundlegenden und tiefgründigen Biographie des großen Hallenser Komponisten erscheinen und noch immer ist er mit dem Abschluß derselben nachdem jüngst auch die erste Hälfte des dritten Bandes vollendet wurde, beschäftigt. Mit einer Hingebung sondergleichen ist er mit scharfblickenden Forscheraugen den vielverschlungenen Lebenspfaden Händels gefolgt, hat er ihn auf die Bahnen des Triumphes begleitet, die ihn von seiner bescheidenen Geigerstelle in Hamburg bereits als Jüngling auf die Dirigentenpulte der ersten Bühnen Italiens führten und später in London unter aufreibenden Kämpfen zu einer so herrschenden Stellung als Opern- und Oratorienkomponist, wie sie kein anderer Tonkünstler im 18. Jahrhundert eingenommen hat. Neben dieser biographischen Arbeit Chrysanders ist aber seit 1856 eine andere langwierige Unternehmung einhergegangen, die das gleiche Ziel wie jene auf anderem Wege erstrebte. Um eine monumentale Gesamtausgabe der Werke Händels ins Leben zu rufen, brachte er es zur Gründung der „Deutschen Händelgesellschaft“, als deren Willensvollstrecker er dann die Redaktion der sämtlichen 98 Bände jener Ausgabe besorgte, die bis jetzt von ihr vorliegen. Als eine klassische Musterleistung, die der deutschen Wissenschaftlichkeit zur höchsten Ehre gereicht, wird diese Händelausgabe Chrysanders von allen Kennern bewundert. Aber das in seiner Biographie und in dieser Ausgabe für Händel Geleistete genügte seiner Begeisterung noch nicht. Zwei Denkmale, dauernder als Erz, hat er in ihnen geschaffen, aber wie diese nur dem Zweck dienen sollten, Händel und sein Werk zur vollen Geltung zu bringen, so drängte es ihn, noch unmittelbarer das musikalische Leben der Gegenwart in diesem Sinn zu beeinflussen. Ueber seinem Studium Händels gelangte Chrysander zu einer umfassenden Einsicht in die Schönheitswelt der Händelschen Werke, in die Gesetze und Geheimnisse seines Schaffens und gewann die Ueberzeugung, daß gar manches herrliche Werk des Meisters, das bisher für veraltet galt, leicht so eingerichtet werden könnte, um in voller Frische und Lebensfülle auch auf das heutige Geschlecht zu wirken. Aus dieser Ueberzeugung entsprangen die fein abgewogenen Bearbeitungen von Oratorien wie die obengenannten, welche ihre Wirkungskraft in den Leipziger Konzerten so vorzüglich bewährten.

Wir haben diese Gelegenheit wahrgenommen, den begeisterungsvollen siegreichen „Händelianer“ den Lesern der „Gartenlaube“ im Bilde vorzuführen. Friedrich Chrysander ist ein geborner Mecklenburger. Am 8. Juli 1826 kam er in Lübtheen zur Welt. Er studierte in Rostock Philosophie und widmete sich nach bestandenem Universitätsexamen bald ganz der Musikwissenschaft. Von besonderem Einfluß auf seine Händelstudien wurde sein Verkehr mit Gervinus, dem gelehrten Litteraturforscher in Heidelberg, dessen Werk „Händel und Shakespeare“ auf ihn einen bestimmenden Eindruck machte. Bei Gründung der Händelgesellschaft und Inangriffnahme der Händelausgabe gewann er auch Gervinus dazu, für diese die Uebersetzung eines großen Teils der Werke zu übernehmen. Als seine Händelforschungen Chrysander nach England führten, ward der Kultus, dessen sich dort Händel erfreut, weil die Engländer in dem bei ihnen zu Ruhm und Stellung Gelangten den größten „englischen“ Komponisten feiern, zu einem weiteren Ansporn für ihn das Verständnis Händels in dessen wirklicher Heimat nach Kräften zu beleben. Nachdem er die Redaktion der Händelausgabe übernommen, siedelte er sich in Bergedorf bei Hamburg an und gründete hier, einem anderen Zuge seiner Natur folgend, die großen Handelsgärtnereien, deren Aufblühen ihn in den Stand setzte, im übrigen unabhängig seiner Muße und der Muse Händels zu leben. Um Notenstich und Druck der Ausgabe bis ins kleinste überwachen zu können, errichtete er dort neben seinen Treibhäusern eigens eine Druckerei, aus welcher dann Band für Band in klassischer Vollendung hervorging. So hat er meist in stiller Zurückgezogenheit gelebt, und nur selten ist er einmal an die Oeffentlichkeit getreten, wie jetzt bei dem freudigen Anlaß, den die Aufführungen der „Deborah“ und des „Herakles“ ihm boten.

Daß es aber zu diesen Aufführungen gekommen ist mit so herrlichem Gelingen, ist der Thatkraft des Nachfolgers von Karl Riedel an der Spitze des Riedelvereins, dem Professor Hermann Kretzschmar zu danken. Dieser Verein, dessen Kirchenkonzerte schon seit Jahrzehnten dem Leipziger Publikum die herrlichsten Meisterwerke der kirchlichen Tonkunst mustergültig vorführen, hat freilich schon unter seines Gründers Leitung sein höchstes Streben auch an Werke Händels gesetzt. Hermann Kretzschmar ist tapfer und siegreich in diesen Bahnen weitergeschritten und hat jetzt durch den glänzenden Erfolg von „Deborah“ und „Herakles“ dem Verein darin neuen Rubin erworben. Er ist ein Kind des Sächsischen Erzgebirges. Der Geist seiner Vorfahren, die seit 1620 nachweisbar schlichte Kantoren waren, hat sich auf ihn vererbt. Schon mit 22 Jahren wurde er Lehrer am Leipziger Konservatorium, das er vorher als Schüler besucht hatte. Gleichzeitig übernahm er die Leitung des Bachvereins, der Singakademie, des „Ossian“ und der „Euterpe“. Nachdem er zehn Jahre in Rostock Universitäts- und städtischer Musikdirektor gewesen war, kam er 1887 nach Leipzig zurück, um als Nachfolger Langers Dirigent des „Paulus“ zu werden. Hier rief er dann die „Akademischen Orchesterkonzerte“ ins Leben, die er im gleichen Geist wie den berühmten Chorverein leitete, dessen Direktion ihm 1888 zufiel. Auch in anderen führenden Stellungen weiß er den alten Ruhm Leipzigs als Musikstadt zu wahren. Zu seinem neuesten Unternehmen aber dürfen wir ihn um so mehr beglückwünschen, als die begeisterte Aufnahme der Konzerte durch Tausende von Zuhörern dem Hoffen und Streben Chrysanders so völlig recht gegeben hat.
Johannes Kleinpaul.