Die Wiege des Königs

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Autor: H. P.
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Titel: Die Wiege des Königs
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 26, S. 436–439
Herausgeber: Ernst Keil
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1871
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Die Wiege des Königs.


In welcher wunderbaren Symbolik bewegen sich oft die Ereignisse! Wenige Tage sind es her, daß man in Paris die eherne Gestalt Napoleon des Ersten von ihrem hohen, stolzen Piedestale unter großem Jubel herabgestürzt, und wenige Tage sind erst dahin, daß man in Berlin unter Begeisterung des Volkes dem Könige Friedrich Wilhelm dem Dritten ein Denkmal der Ehren und Dankbarkeit aufgerichtet hat.

Jener hat die Nation, die ihn an ihre Spitze gestellt hatte, von jenem weltgeschichtlichen 18. Brumaire an verrathen und zum Opfer seines maßlosen Egoismus gemacht, und das ward sein Untergang. Unter Friedrich Wilhelm dem Dritten, der auf den Stufen des Thrones geboren ist, hat sich das Vaterland zu neuem, gesundem Leben emporgehoben, aus tiefem Fall und grenzenlosem Elend, und daß er dem großen Volkszuge die Bahn frei machte, das war seine Rettung, das war sein Verdienst und Ruhm, das wird sein Gedächtniß der Liebe und Ehren für alle Zeiten sein.

Wenn man durch die Straßen der Stadt Potsdam wandelt, die sich mit Vorliebe und mit Recht die zweite Residenz der preußischen Monarchie nennt, wenn man vom Bahnhofe aus die lange Brücke überschritten hat, wenn man das sich zu beiden Seiten derselben entfaltende Landschaftsbild in seiner reizenden Zusammenstimmung saftigen Baumgrüns mit dem klaren, frischen, blauen Wasserspiegel der Havel genossen, wenn man durch die an der Brückenseite gelegenen Colonnaden des Lustgartens, an der einstigen Wohnung Voltaire’s vorbei, um die Ecke des Stadtschlosses gebogen und durch die an der Stadtseite gelegenen Colonnaden das Gebiet des Schlosses verlassen und die eigentliche Stadt betreten hat, dann stößt man auf einen Asphaltweg, der vom Schlosse an durch die Stadt bis nach Sanssouci führte und für König Friedrich Wilhelm den Vierten gelegt worden war. Verfolgt man denselben etwa zweihundert Schritte weit, dann gewinnt man zu rechter Hand den Blick auf eine kurze breite Straße und von da auf einen kleinen Platz, der neue Markt genannt. Rechts in der ersteren, und zugleich die Ecke nach der Schloßstraße bildend, präsentirt sich ein stattliches im Aplombstyl des achtzehnten Jahrhunderts erbautes Haus. Es hat ein Erdgeschoß und eine Beletage, über derselben noch eine architektonisch reich verzierte Attika; fünf Fenster der Seitenfront gehen nach der Hauptstraße, die Façade liegt nach der Nebenstraße, sie hat zehn Fenster, über dem Eingange einem von zwei Bildsäulen getragenen Balcon, vor dem Hause stehen vier Lindenbäume. Es ist eins der vielen Häuser, welche Friedrich der Große aus eigenen Mitteln den Bewohnern Potsdams aufbaute; eigentlich ließ er den vorhandenen Gebäuden nur eine neue Façade geben. Die innere Einrichtung und die Rückseite aus Fachwerk blieben in dem Zustande, in welchem sie waren. Viele hatte er aber auch von Grund aus aufgebaut; er besaß zu diesem Zwecke eine große Sammlung von Kupferabbildungen der schönsten öffentlichen und Privatgebäude Europas; von diesen wurden die Copien oder Motive für die neu aufzuführenden genommen, und so kommt es, daß man in Potsdam steinerne Abbildungen von Whitehall, von Gebäuden des Palladio in Rom und von anderen hervorragenden Bauwerken in Paris, Venedig und Amsterdam sieht.

Der große König fand bei seinem Regierungsantritt eine Stadt von Häusern aus Fachwerk und Backsteinen und hinterließ eine solche von Palästen. Seine gewaltige schöpferische Kraft bethätigte er nach seinen Kriegsthaten in Werken des Friedens. Er ließ bauen im ganzen Lande, Canäle, Wege, Brücken und außerdem seinen lieben Potsdamern hübsche Häuser; unter die stattlichsten gehört das eben beschriebene. Daran stößt ein weniger hübsches; dasselbe sieht in seiner schmucklosen Einfachheit gegen die reiche Ornamentirung des Nachbarhauses wie der arme Mann neben dem reichen aus, die Fenster zeigen gar keinen künstlerischen Schmuck, es wendet mit vier Fenstern seine Seitenfront dem Markte zu, die Façade steht nach der Schwertfegerstraße, nach dieser Seite hin ist ein Fenster zugemauert. Und doch besitzt dieses Haus eine Bedeutung, welche das danebenstehende prächtigere nicht hat; dieselbe ist in einer Marmortafel ausgedrückt, welche [437] zwischen zwei der nach dem Markte gehenden Fenster eingefügt ist; auf dieser steht in goldenen Lettern geschrieben:

Friedrich Wilhelm III.
In seines Volkes Andenken
der Gerechte,
wurde in diesem Hause geboren.

Am 3. August 1870.
Die Stadt Potsdam.

Wie kommt die Wiege des Großneffen Friedrich’s des Großen, wie kommt der künftige Thronerbe von Preußen in dieses unscheinbare Haus, gegen welches selbst das Geburtshaus des Advocatensohnes von Ajaccio ein kleiner Palast ist? Umspielt seine Wiege etwa irgend ein romantisches Ereigniß? Trug vielleicht die Mutter nicht den Hermelin um ihre Schultern, um ihn über den schlummernden Säugling breiten zu können? Mußte der Vater, der spätere König Friedrich Wilhelm der Zweite, das Kind vor den Sonnen- und Blitzesaugen seines regierenden Oheims verborgen halten? Nichts von alledem! Potsdam war keine Stadt zu solcher Romantik gemacht, und Friedrich der Große hatte mit seinem achtundzwanzigsten Jahre, mit seinem Regierungsantritte, diese Anwandlungen für sich und sein Haus abgestreift. Der Vater des Kindes war der älteste Neffe des Königs, die Mutter eine Prinzessin von Hessen-Darmstadt, eine Frau, von der man nicht mehr viel Anderes weiß, als daß ihr Schicksal Leiden und Dulden war, jedenfalls eine vortreffliche Mutter.

Die Gartenlaube (1871) b 437.jpg

Das Geburtshaus Friedrich Wilhelm’s des Dritten in Potsdam.
Nach der Natur aufgenommen.


Als der künftige Thronerbe sich verheirathete, wurde nach einer passenden Wohnung für den jungen Haushalt gesucht. Wohl besaß der König das geräumige Stadtschloß in Potsdam, er hatte außerdem das Neue Palais bauen lassen, Paläste, die Raum genug boten, aber er bestimmte deren keinen für seinen Neffen. Er wohnte zwar die meiste Zeit in Sanssouci, aber doch auch wieder eine kurze Weile in den beiden genannten Schlössern, so daß er sich durch eine zweite Hofhaltung gestört, beengt fühlte. Alternde Herren, die keine Frau haben, welche ihnen die Grillen abfangen kann, haben oft derlei Launen – genug, es wurde für den Thronerben ein Privathaus gemiethet, das oben beschriebene, am Neuen Markt gelegen, und als dieses sich nicht ausreichend erwies, nahm man das daranstoßende Bürgerhaus dazu und durchbrach die Zwischenwand, um so die Verbindung mit der Beletage des größeren, prächtigeren herzustellen. In dem nach der Schwertfegerstraße gelegenen Eckzimmer war das Schlafzimmer der Prinzessin von Preußen; da aber die Einwohner der gegenüberliegenden Häuser sehr neugierig waren und den ganzen Tag in den Fenstern lagen, um zu sehen, was da drüben für interessante Dinge vorgingen, so ließ die Prinzessin das Fenster zumauern und in diesem Zimmer hat der spätere König Friedrich Wilhelm der Dritte das Licht der Welt erblickt, in der ihm so schwere Anfechtungen aufbehalten sein sollten. Also keine Romantik, im Gegentheil: die Geburt des Fürstenkindes war eine sehr officielle.

Am 3. August 1770 nach acht Uhr wurde von den Thürmen der Stadt geblasen, soviel nur Posaunen in der Stadt zu finden waren; die Garnisonkirche spielte mit ihrem berühmten Glockenspiele einen Choral, um drei Uhr Nachmittags kam der König von Sanssouci in die Stadt geritten und hielt vor dem stattlichen [438] Hause am Neuen Markt. Am Eingang desselben hatten sich die Einwohner der Stadt versammelt, überall unter denselben war Freude und Bewegung, und die Leute zischelten sich in die Ohren: „Seht, der alte Fritz kommt, er will den kleinen Großneffen sehen!“ Fünf Tage darauf war die Taufe; da kam er wieder des Nachmittags, aber nicht auf dem Pferde, sondern im Wagen und mit glänzendem Gefolge; dann stieg er, empfangen von seinem Neffen, dem Vater des Kindes, der damals noch schlank und einer der schönsten Männer im Lande war, die Treppe in den ersten Stock hinauf, trat einen Augenblick in das Zimmer der hohen Wöchnerin, begrüßte dieselbe, dann ging er in das Taufzimmer zurück, allwo ihm die Großmutter des Kindes, die kluge, edle Landgräfin von Hessen-Darmstadt, den Täufling in die Arme legte. Er schenkte ihr sein Portrait in Brillanten, sowie der Wöchnerin einen Haarschmuck aus Brillanten; sonst pflegte er zum großen Heile seines Landes mit derartigen Geschenken nicht eben sehr tief in die Tasche zu greifen, aber bei dieser Gelegenheit ließ er es sich etwas kosten.

Der Geistliche der Hof-Garnisonkirche, der Patronatskirche, des königlichen Hauses, der Hofprediger Cochenius, verrichtete die heilige Handlung. Lange kann dieselbe nicht gedauert haben; die Herren vom geistlichen Amte kannten in dieser Beziehung die Ansichten des Königs. Nach etwa zwanzig Minuten kam er wieder die Treppe herab und fuhr nach seinem Sanssouci zurück. Von da aus hat er an den General v. Krokow geschrieben: „Ein für mich und mein gesammtes königliches Haus so interessantes Ereigniß hat mich mit der lebhaftesten Freude erfüllt, und was für mich dasselbe noch erhöht, ist der Umstand, daß das ganze Vaterland sie mit mir theilt. Möchte dasselbe dereinst auch die Freude mit mir theilen, diesem jungen Prinzen auf den glorreichen Pfaden seiner Vorfahren wandeln zu sehen!“ Auch Herr v. Voltaire hatte aus Ferney einen Gratulationsbrief geschickt, der sicherlich sehr geistreich und verbindlich abgefaßt war; waren die beiden großen Geister doch wieder gute Freunde, nachdem sie hart aneinander gerathen waren. Darauf schrieb ihm der König zurück: „Ich danke Ihnen für den Antheil, welchen Sie an dem Kinde nehmen, das uns geboren worden ist. Ich wünsche nur, es möge einst die Eigenschaften besitzen, die nöthig sind, daß dieser Prinz, weit entfernt, das Unheil der Menschen zu sein, vielmehr der Wohlthäter derselben werde!“

Als der Prinz geboren wurde, war der König achtundfünfzig Jahre alt, sein Leben ging abwärts; bisher war es mit der Nachfolge im preußischen Hause ziemlich schwach bestellt; um so größere Hoffnung setzte er nun auf den neugeborenen Sprößling des königlichen Hauses und auf dessen Erziehung. Er schrieb eigenhändig eine Instruction für den Hofmeister, den ehrlichen biederen Hofrath Behnisch, in welcher die denkwürdigen Worte vorkommen: „Er soll lernen, daß alle Menschen gleich sind, daß die Geburt nur eine Chimäre ist, wenn sie nicht durch das Verdienst unterstützt wird.“ Der König warf für ihn einen Etat aus, dessen Details er selbst aufschrieb, und dessen Summe noch heute für die Kinder des preußischen Hauses bis zum zehnten Jahre geltend ist. Derselbe belief sich auf etwa zweitausendfünfhundert Thaler, darunter waren zweihundertfünfzig Thaler für Bücher, Karten und Spiele. In den ersten Lebensjahren kam man damit wohl aus, aber später wurde es sehr knapp; der König gab nach einer Zeitfrist ein Taschengeld von zwei Friedrichsd’or monatlich und dazu den Rath, das Geld in Silbermünzen umzuwandeln, damit es einen recht großen Haufen mache, aber zu höheren Leistungen wollte er sich durchaus nicht verstehen.

In späteren Jahren geschah es, daß Friedrich Wilhelm der Dritte seine jungen Söhne mahnte, daß sie bedenken möchten, wie gut sie gestellt wären an Vergleich zu ihm in seinen Jugendjahren. Da sei es ein ganz besonderer und außerordentlicher Genuß für ihn und seinen Bruder, den Prinzen Ludwig, gewesen, wenn Behnisch sie in einen Kirschengarten führte und ihnen Milch und Kirschen geben ließ. Daher auch der einfache, genügsame, haushälterische Sinn, der dem späteren Könige bis an das Lebensende geblieben war und der in den Zeiten des Unglücks ihm über alle Entbehrungen des äußerlichen materiellen Lebens[1] leicht hinweghalf, wie er auch später zum Wiederaufbau des Staates ein so thätiger und kräftiger Mithelfer wurde. Als nach der Rückreise der königlichen Familie aus dem Exil von Königsberg im Jahre 1809 der Hofmarschall eines Tages den König fragte, ob wieder Champagner bestellt werden sollte, war dessen Antwort: „Nein, nicht eher, als bis meine Unterthanen wieder Bier trinken können.“

Wie jenes schmucklose Haus in einer der Nebenstraßen der Havelresidenz die Wiegenstätte, so war die ganze Stadt und das sie umgebende anmuthige, weite, grüne Gehege der Schauplatz geistigen Erwachens des jungen Prinzen gewesen. Hier wuchs er in der lichten Atmosphäre des Helden des siebenjährigen Krieges, des philosophischen Königs in das Leben und in die verwickelten Verhältnisse desselben hinein. Dem Vater, dem späteren Könige Friedrich Wilhelm dem Zweiten, war Friedrich der Große nicht sehr hold, er mußte in dessen Privatleben Unregelmäßigkeiten bemerken, die in ihm manche Besorgnisse für die künftige Regierung des preußischen Staates erweckten, um dessen Ruhm, Größe und Bedeutung es sich der alte Herr hatte so sauer werden lassen durch sein ganzes Leben. Desto größere Hoffnungen setzte er auf den heranwachsenden Großneffen, in dessen Naturell und Fähigkeiten sein Scharfblick viele edle, triebkräftige Keime entdeckte. Er überwachte die Erziehung, die Lehrer, den Gouverneur, er ließ sich regelmäßig Bericht über den Fortgang der Studien des jungen Prinzen erstatten, er hatte diesen viel um sich, er prüfte ihn oftmals selbst, und denkwürdig ist jene Scene in Sanssouci, welche Friedrich Wilhelm der Dritte vielleicht fünfzig Jahre später dem Bischofe Eylert bei einem Spaziergange in der Allee des königlichen Gartens erzählte.

Die große Wahrhaftigkeit des Herzens, die hohe Redlichkeit des Sinnes, die den späteren König gegen sich wie gegen alle Welt, im Privat- wie im Staatsleben kennzeichnete, diese offenbarte sich schon damals in dem etwa sechszehnjährigen Jünglinge. Der König zog aus seiner Tasche einen Band von Lafontaine’s Fabeln und ließ seinen Großneffen eine davon übersetzen. Derselbe löste seine Aufgabe zur großen Zufriedenheit des Königs, der ihn darum lobte und ihm die Wangen streichelte. Schließlich gestand denn Prinz Fritz, daß es darum so gut gegangen sei, weil er die nämliche Fabel bei seinem Informator vorher geübt habe. Bei diesem Geständnisse ging ein ernster Zug, eine Miene hoher Befriedigung über das Antlitz des großen Königs, und bewegt sprach er zu seinem künftigen Nachfolger die Worte:

„So ist es recht, lieber Fritz; nur immer ehrlich und aufrichtig. Wolle nie scheinen, was Du nicht bist; sei stets mehr, als Du scheinst. Fritz, werde etwas tüchtiges par excellence. Es wartet Großes auf Dich. Ich bin am Ende meiner Carrière und mein Tagewerk ist absolvirt. Ich fürchte, nach meinem Tode wird’s pêle-mêle gehen. Ueberall liegen Gährungsstoffe, und leider nähren sie die regierenden Herren vorzüglich in Frankreich, statt zu calmiren und zu exstirpiren. Die Massen fangen schon an, von unten auf zu drängen, und wenn dies zum Ausbruche kommt, ist der Teufel los. Ich fürchte, Du wirst ’mal einen schweren, bösen Stand haben. Habilitire, rüste Dich, sei firm; denke an mich. Wache über unsere Ehre und unsern Ruhm. Begehe keine Ungerechtigkeit, dulde aber auch keine.“

„Unter solchen Aeußerungen,“ erzählte der König dem Bischofe, „war Friedrich der Große in Sanssouci bis zum Ausgange gekommen, wo der Obelisk steht. ‚Sieh ihn an,‘ sprach er zu mir. ‚Schlank, aufstrebend, hoch und doch fest in Sturm und Ungewitter. Die Pyramide spricht zu Dir: ‚Ma force est ma droiture‘. Der Culminationspunkt, die höchste Spitze überschauet und krönet das Ganze, aber trägt nicht, sondern wird getragen von Allem, was unter ihr liegt; vorzüglich vom unsichtbaren, tief untergebauten Fundament. Das tragende Element ist das Volk in seiner Einheit; halte es stets mit ihm, daß es Dich liebe und Dir vertraue; darin nur allein kannst Du stark und glücklich sein.‘

Er maß mich mit festem Blick von der Fußsohle bis zum Scheitel,“ erzählte der König Friedrich Wilhelm der Dritte, „reichte mir die Hand, küßte mich und entließ mich mit den Worten: ‚Vergiß diese Stunde nicht.‘“

Es war das letzte Mal, daß der Jüngling und der Greis sich im Leben sahen, am 17. August 1786 in einer der Frühstunden stand im Schlosse von Sanssouci der Großneffe Fritz vor der Leiche des Mannes, der sieben Jahre lang halb Europa gegen sich in Waffen gesehen, der in das Königthum einen neuen Gedanken, den der höchsten Pflicht, gebracht hatte, dessen Name in dem fernsten bewohnten Winkel des Erdballes mit Ehrfurcht und Bewunderung genannt wurde, von dem ein zeitgenössischer Dichter singt: „Einziger, nie ausgesungener Mann!“ [439] Wie hätte der fürstliche Jüngling, nunmehrige Kronprinz, in dem Anschauen der Züge des großen Todten nicht des letzten Zusammenseins mit dem Leben gedenken müssen, und seiner letzten Worte, die er, ein theures Vermächtniß, dem ältesten hoffnungsvollen Sprossen seines Hauses in die Seele sprach, und der Mahnung, die wie ein letzter Abschied klang: „Vergiß diese Stunde nicht!“Der spätere König hat sie auch nicht vergessen; er wurde oft genug durch die Tragik der Ereignisse, die über ihn, seinen Thron und sein Land hereinbrachen, daran erinnert, und daß ein prophetischer Geist es war, der da sprach: „Ich fürchte, Du wirst ’mal einen schweren, bösen Stand haben.“

Wie sehr der Weise und Prophet von Sanssouci Recht hatte, ist allerwärts bekannt und es kann darum nicht unsere Sache sein, hier nochmals auf die Geschichte jener ruhmlosen Tage, welche Deutschlands größte Erniedrigung bildeten, zurückzukommen, und auf die jener andern, in welchen sich Volk und König aus tiefem Sturze emporarbeiteten, die schmachvollen Fesseln fremder Gewaltherrschaft auf immer abzuschütteln. In diesem Ringen nach Rettung mochte dem König die Stunde vor dem Obelisk in Sanssouci in die Erinnerung, in den thatkräftigen Willen zurückgekehrt, jetzt mochte ihm die Offenbarung der neuen Zeit aufgegangen sein, daß die Zeit der einzelnen großen Individualitäten, wie Friedrich der Große, als der Lenker des Volkes vorüber sei, daß der König der Zukunft nicht wie eine Art Vorsehung über dem Volke stehen müsse, sondern in ihm selbst Blut von seinem Blute, Herzschlag mit seinem Herzschlage, daß die Mitthätigkeit des Volkes, das Zusammenwirken der Gesammtheit zur Erhebung und zur Ehre des Vaterlandes der neue Gedanke der neuen Zeit sei. In seiner Seele wachte wieder auf, was er schon damals, als er den Thron bestieg, gefühlt und gedacht hatte, er berief Stein in seine Nähe, den Mann, dessen Seele ein brennender Dornbusch war, er zog Scharnhorst und Gneisenau, Hardenberg in seinen Rath, und mit diesen Männern vollbrachte er die gesetzgeberischen Thaten, die den Staat auf einer neuen Grundlage erbauten, die Preußen in die erste Reihe der Culturvölker und nach und nach auf eine Machtstufe stellten, auf der es zu seinem großen deutschen Berufe heranwuchs.

Friedrich Wilhelm der Dritte erhob den großen Gedanken Scharnhorst’s zum Gesetz: das Volk ist die Armee! Er befreite den Nacken des Soldaten, der das fremde Joch abschütteln sollte, auch von dem Joche der entehrenden Fuchtel, er gab die Städte-Ordnung, er hob die Leibeigenschaft auf, er nahm von dem Bürger und Bauer den Alp weg, der Jahrhunderte auf ihnen lag, er entband die Kräfte seines Volkes zu freier Thätigkeit, und dieses Volk hat es ihm nie vergessen, aus freiem dankbarem Herzen jubelte es ihm zu, als er den Aufruf an dasselbe ergehen ließ: Frei sein von fremder Herrschaft oder untergehen! Und mit seinem Volke hat er seine Sache hinausgeführt zu einem glorreichen Ende.

Vor sieben Jahren legte König Wilhelm zum Andenken an jene große eiserne Zeit, zum Ehrengedächtniß des Königs und Vaters den Grundstein zu einem Denkmal auf dem Platze zwischen Schloß und Museum in Berlin. Die Enthüllung sollte am 3. August 1870, am hundertjährigen Geburtstage Friedrich Wilhelm’s stattfinden; Alles war zu dieser Feier vorbereitet, aber es sollte nicht sein. Statt auf den Festplatz in Berlin marschirten an diesem Tage unsere Truppen gegen den Feind; am 4. August hielten sie bei Weißenburg eine Nachfeier des Tages. Die Enthüllung der Statue Friedrich Wilhelm’s des Dritten war einer andern Zeit, einem bedeutungsvolleren Moment aufbehalten, dem 16. Juni, als man schrieb im ersten Jahre der Einheit Deutschlands, als unsere Truppen aus Feindesland wiederkehrend ihren siegreichen Einzug in Preußens und Deutschlands Hauptstadt hielten.

In sieben Monaten hatte Napoleon Bonaparte einst Preußen zertrümmert. Sieben Monate waren hinreichend, um 1870 dem deutschen Erbfeinde zu beweisen, wie weit der Staat Friedrich Wilhelm’s des Dritten sich aus jenem Falle wieder erhoben hat. Die Brust der unter dem Volksjubel dahin schreitenden Tapferen schmückt dasselbe Zeichen und Andenken jener eisernen Zeit, das eiserne Kreuz, das der König am 10. März 1813, am Geburtstage seiner im Andenken des Volkes verklärten unvergeßlichen Louise gestiftet hatte. Weihen wir inmitten des Festjubels einen Blick der Dankbarkeit, einen Gedanken der Pietät der Geburtsstätte des Mannes, der seinem Volke mehr als ein Gerechter war, wallen wir im Geiste hinaus in die hohe, weite grüne Allee von Sanssouci an die Stelle, wo er aus dem Munde des großen Königs wie einen Geistessegen die große Lehre empfangen hat: „Halte es stets mit dem Volke, daß es dich liebe und dir vertraue; darin allein kannst du stark und glücklich sein. Vergiß diese Stunde nicht!“
H. P.
  1. Vorlage: „Leaens“