Die Worte des Gesetzes

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Textdaten
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Autor: Johann Gottfried Herder
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Titel: Die Worte des Gesetzes
Untertitel:
aus: Zerstreute Blätter (Dritte Sammlung) S. 255-258
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1787
Verlag: Carl Wilhelm Ettinger
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Erscheinungsort: Gotha
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Quelle: ULB Düsseldorf und Commons
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Zerstreute Blaetter Band III 255.jpg
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[255]
Die Worte des Gesetzes.


Als Gott sein Gesetz auf Sinai geben wollte, trat Moses in der heiligen Wolke vor ihn und sprach: „Allgütiger, du willt jetzt dein Gesetz für Israel geben, daß alles Volk es vernehme; wie aber? werden auch die andern Völker und die kommenden Geschlechter Gottes Stimme hören?“

„Sie haben sie gehört, sprach der Allmächtige, und jeder der Propheten und der Weisen, selbst jedes Kind, wo es auf Erden lebt, hat seinen Theil empfangen: denn ihre Seelen sind nur Nachklang meiner Stimme, die alle Welten füllt.“ –

Gott sprachs und winkte dem Engel der Seelen, daß er den Fragenden ins Reich der innern Schöpfung führte. Hier sahe Moses, wie durch die Macht des ewigen Worts das Gebilde der [256] Menschheit ward: ein jedes Wesen ward die Wurzel eines Baums voll göttlicher Gedanken.

„So viele, sprach der Engel, hier Menschenseelen sind, so viele sind Auslegungen der Stimme, die dieses Weltall schuff; und viele Seelen fassen viel der Stimmen und deine Seele, (fuhr der Engel zu Moses fort,) faßt des Gesetzes Baum mit Wurzeln, Stamm und Zweigen. Jedwede Seele wird gerichtet werden, nach dem was in ihr war, nach jenem Laut der Stimme, der sie zum Leben rief.“ –

Und der Engel nahm ihn bei der Hand und führte ihn ins Reich der ungebohrnen Kinder, in die Vorhöfe des Paradieses. „Hier, sprach er, werden sie erzogen und zu ihrem Leben auf der Erde bereitet. Wie eine Seele Folgsamkeit und Treue erwiesen, steiget sie in dieses oder jenes Geschlecht hinab, zu ihrem Lohn oder zu ihrer Strafe. Doch ehe jede derselben niedersteigt, führet ihr Engel sie umher und zeigt ihr die [257] Pforten der Hölle und des Paradieses. Dort siehet sie die Ungerechten gequält; hier die Gerechten getröstet. Welchen Eindruck nun das Kind bewahret und behält, nach solchem bildet es sich fürderhin im Leben. Wem nur die Hölle im Gedächtniß schwebt, der wird ein Knecht; wer aber die Freuden des Paradieses ahnend in sich empfindet, der wird ein Kind Jehovahs und findet auf der Erde schon den Trost des Paradieses. Wer nichts von beiden erhält, verwildert ohne Gefühl und wird ein Thier des Feldes.“

Siehe, da kam der Engel der Weisen und nahm den Moses bei der Hand und führte ihn in die Schule des Himmels. „Hier, sprach er, steigt jedwede Seele in jedem stillen Augenblick hinauf, da sie das Wort des Ewigen in sich lieset. Sobald die Sinne schweigen und der Leib des Menschen schläft, steigt sie zum Himmel empor und wird gewürdiget, den Sinn des Ewigen zerstreuungslos zu hören. Die höchsten Engel [258] schweigen mit ihren Lobgesängen, bis alle Seelen der Menschen versammlet sind, wie geschrieben steht:

     Die Blumen sind entsprossen von der Erde,
     Die Zeit des Gesanges ist da,
     Die Turteltaube lässet sich hören auf unsrer Flur –

Alsbald empfangen die Engel die Lobgesänge der Seelen und flechten sie dem Ewigen selbst zur angenehmen Krone.“

Da fiel Moses nieder und sprach:

     Wie hat Jehovah die Menschen lieb
     All seine Heiligen sind um ihn her;
     Sie sitzen ihm zu Füßen
     Und lernen von ihm selbst sein heiliges ewiges Wort.