Die Zwingburg im See

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Titel: Die Zwingburg im See
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aus: Die Gartenlaube, Heft 35, S. 580–584
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1871
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Die Zwingburg im See.


Wer die Schweiz blos in ihrer gegenwärtigen politischen Gestalt kennt als einen Bund von Republiken aus mehr oder minder, doch immer, nach deutschen Polizeibegriffen, sträflich breiter demokratischer Grundlage, der muß sich in hohem Grade überrascht fühlen, wenn er fast in allen zweiundzwanzig Cantonen, auf so zahlreiche Monumente und Zeugen des Feudalismus stößt. An alten Burgen und Adelssitzen namentlich, theils noch erhaltenen, theils in Trümmern liegenden, ist die Schweiz so reich wie irgend ein Land Europas, mindestens ebenso reich wie die ruinengeschmückten Ufer des Rheins und andere große Heerstraßen des mittelalterlichen Verkehrs, ja einzelne Bezirke von Graubünden, von Wallis, von Bern und Waadtland übertreffen Alles, was wir in Deutschland an derartiger Romantik besitzen.

Aber die Demokratie der Schweiz ist in den meisten Cantonen

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Die Gartenlaube (1871) b 581.jpg

Im Schließerstübchen des Schlosses Chillon. Originalzeichnung von Professor Jordan in Düsseldorf.

[582] noch eine sehr junge, aus den dreißiger Jahren oder gar erst seit der durch den Sonderbundskrieg von 1847 hervorgerufenen neuen Bundesverfassung datirend. Bis dahin blühte in der Schweiz das Junkerregiment so lustig wie nur heute in Mecklenburg, blos einmal durch den Einfall der Franzosen und Napoleon’s Weltherrschaft unterbrochen, um nach der Restauration desto übermüthiger wieder das Haupt zu erheben. Die „gnädigen Herren Junker“, ob als Vögte, als Bannerherrn als Baillis auf ihren über das Land verstreuten Burgen sitzend, ob als regimentsfähige Geschlechter in den städtischen Rath- und Zunfthäusern tagend, ob als Bischöfe und Aebte in fürstlichen Schlössern und Stiften residirend, waren allmächtig. Der gewerbtreibende Bürger und der Bauer, in politischen Dingen eine reine Null, kamen staatlich kaum mehr in Betracht als die Heloten der alten Griechen. Ja, verschiedene der heutigen selbstständigen Cantone und gleichberechtigten Cantonsgebiete waren bis zur französischen Revolution bekanntlich im buchstäblichen Sinne des Worts Unterthanenländer dieser gnädigen Herren, so Waadt und Aargau von Bern, Tessin von Uri, und in Bünden schaltete ein ganzes Schock von Adelsdynasten mit absoluter Willkür.

So finden die vielen Zwingburgen in den Thälern der Rhone, des Rheins, der Reuß, der Aare, die Herrenschlösser am Genfer, Boden-, Thuner und Neuenburger See, die bethürmten Patricierhäuser in Bern, Zürich, Freiburg, Solothurn, Schaffhausen und anderen größeren und kleineren Städten des Landes ihre Erklärung.

Unter sämmtlichen dieser Denkmale der Feudalzeit aber hat die Schweiz wohl kein zweites aufzuweisen, dessen Name der Welt so geläufig wäre wie die Inselburg Chillon im Genfer See: Lage, Geschichte und Poesie, sie alle drei haben sich vereinigt, ihre Zinnen mit einer unvergänglichen Glorie zu umkränzen. In der schönsten Bucht des Lemans, wo, ein immer blühender Terrassengarten voller Städte, Dörfer, Villen und Schlösser, gegen Morgen und Mittag von den Felshörnern und Schneebergen der Waadtländer, Walliser und Savoyer Alpen behütet, dieser Winkel des Genfer Sees in seinem idealen Ensemble von Anmuth und Erhabenheit alle Rivalen siegreich aus dem Felde schlägt, und zwar auf der allerschönsten Stelle derselben haben wir unsere Inselveste zu suchen. Nur zwei Schritte von dem gleich einem Seeungethüm sich trutzig emporreckenden Steinklumpen der Burg stehen jetzt die leichten Bauten der Station Veytaux-Chillon. Eine doppelte Umfassung von crenelirten Mauern schützt das Schloß nordwärts nach dem Lande zu. An ihren Ecken springen drei spitzbedachte Rundthürme vor, gegen Osten mit einer massigen quadratischen Warte verbunden; durch sie führt die spitzbogige Pforte, der einzige Eingang des Bauwerks, in das Innere der Burg. Inmitten des Felseneilands erhebt sich, alle übrigen Constructionen weit überragend, der gewaltige viereckige Donjon. Von wo aus man Chillon daher auch sehen mag, überall stellt es sich in hohem Grade malerisch dar, erst aber, wenn man in den ersten der terrassenförmig übereinander aufsteigenden drei Höfe der Veste eintritt, empfängt man eine Vorstellung von dem außerordentlichen Umfange, den sie beschreibt.

Seine Hauptfaçade, welche aus zwei oder, die Souterrains mitgerechnet, aus drei Etagen besteht, kehrt Chillon dem Wasser zu. Hier liegen, doch nicht unter dem Seespiegel, wie man vielfach liest, sondern acht Fuß über dem See, die in den Felsen gehauenen Gewölbe, die einst zu jenen furchtbaren Kerkern dienten, von welchen uns die Geschichte erzählt. Es sind ihrer drei, zwei nebeneinander, der dritte, durch verschiedene Zwischenlocalitäten von ihnen getrennt, nähert sich mehr der nordwestlichen Burgecke. Die beiden letzteren sind mächtige Hallen, so groß, daß eine ganze Compagnie Soldaten darin exerciren könnte. Plumpe byzantinische Säulen stützen ihre gothischen Deckenbogen, und an den Gewölben angebrachte kleine Schießscharten lassen nur ein mattes Sonnenlicht eindringen. Morgens, wenn der See das Blau des Himmels widerspiegelt, färben azurne Reflexe die Bogen; Abends kommen grünliche Tinten, allein dieser schwache Schimmer verscheucht nur wenig das Dunkel, und der Hintergrund der Verließe bleibt in ewige Finsterniß eingehüllt.

Zwischen den einzelnen Krypten passirt man zwei enge und dunkle Grotten, in welchen wahrscheinlich die zum Tode verurtheilten Gefangenen ihre Häupter auf den Block legen mußten. Ueber der ersten dieser Gefängnißhallen hatte der Burgvogt und Castellan seine Wohnung; einst war sie so ausgestattet, wie der Künstler es auf unserm Bilde gezeichnet hat, jetzt ist sie zur nüchternen Behausung eines modernen Pförtners degradirt. Ueber der zweiten sehen wir die Küche und den Speisesaal der ehemaligen Residenz, welchen vier Säulen von geschnitztem Eichenholze theilen. Ungeheure Kamine mit leicht geneigten Decken thun dar, wie verschwenderisch die dichten Wälder ringsum das erforderliche Brennmaterial lieferten. Aus dem dritten Kerkergewölbe geht es direct nach dem Gerichtssaale empor. In ihm ward das Loos so manches Unglücklichen besiegelt, den man durch eine Fallthür in die hier achthundert Fuß messende Tiefe des Sees versenkte und so auf ewig verstummen und verschwinden ließ.

Dergestalt sind die Kerker von Chillon beschaffen, in die bis zum Anfange des sechszehnten Jahrhunderts kein neugieriger Blick dringen durfte. Das Volk kannte sie blos aus vagen und geheimnißvollen Beschreibungen und nannte sie nur den „Schlund von Chillon“. Alles, was man sich davon erzählte, war voller Schrecken. Wie viele Köpfe waren darin weiß geworden, wie viele Märtyrer darin von den Menschen vergessen gestorben! Wie Wenige von allen Denen, welche man in das grausige Verließ geworfen, haben jemals das Licht des Tages wieder erblickt! Die mächtigen Felsen, die Einsamkeit, die Brandung, die eintönig an die Mauern schlägt, der dumpfe grabeshohle Klang der menschlichen Stimme in den vielen Gewölben – das Alles war dazu angethan, das Herz mit Eisesschauern zu überrieseln.

Eine andere finstere und winklige Stiege bringt uns in den Rittersaal. Das zierliche Holzgetäfel an der Decke ist noch erhalten, auch einige Spuren von Malerei zeigen sich noch am zerbröckelnden Abputze der Wände. Im Uebrigen ist es ein nackter, wüster Raum, der uns nichts vom Glanze seiner Jugendtage verräth. Auch „die Gemächer des Herzogs und der Herzogin“ sind keineswegs fürstliche Appartements nach unseren heutigen Begriffen, und von der hart an den dritten, westlichen Rundthurm grenzenden Capelle sind nur noch wenige Reste vorhanden; sie reichen indeß hin, uns den zierlichen Spitzbogenstyl erkennen zu lassen, in welchem sie erbaut war. Daß man hier auch die Folterkammer nicht vergessen hatte, bedarf leider keiner Erwähnung. Gegenwärtig ist Chillon das Artilleriezeughaus des Cantons Waadt und über seinem Thore prangt die waadtländische Wappendevise „Liberté et Patrie“.

Chillon hat als Schloß und Gefängniß eine ungewöhnlich reiche Geschichte. Wann aber die Burg gegründet worden ist, das läßt sich nicht mehr genau verfolgen. Bereits vor länger als tausend Jahren stand die Steinmasse des Donjon auf dem Felsengrunde und war schon damals – was Chillon bis in unser Jahrhundert hinein geblieben ist, – ein „Grab der Freiheit“. In Karl’s des Großen fränkischem Reiche galt Chillon als ein „Ort des Schreckens und der Einsamkeit“. Später war es eine Burg der streitbaren Bischöfe von Sitten; von ihnen ward es gegen andere Ländereien an die Bischöfe von Genf abgetreten, bis es im dreizehnten Jahrhundert mit dem größten Theile der burgundischen Schweiz in den Besitz Peter’s, Herzogs von Savoyen und Grafen von Piemont, gelangte. Die Geschichte hat diesem Fürsten den stolzen Namen „Der kleine Karl der Große“ beigelegt. Wie sein Zeitgenosse, der um fünfzehn Jahre jüngere Graf Rudolf von Habsburg, im deutschen Helvetien, ebenso entschieden gebot Peter im romanischen und bevölkerte die unterirdischen Verließe von Chillon mit neuen Märtyrern der Freiheit, bis ein endlicher Friede die Grenze zog zwischen seinem Gebiete und dem der Bischöfe von Sitten. Auch einen späteren Kampf gegen Rudolph von Habsburg bestand er siegreich.

Glänzendere Tage hat Chillon niemals gesehen, als unter Herzog Peter. Er hatte der Veste im See vor allen seinen vielen Schlössern seine Neigung zugewandt, hatte sie zu dem weitläufigen Bau umgeschaffen, so ziemlich, wie er heute steht, zum Kriegsarsenal seines Reiches gemacht, mit Wurfmaschinen und Belagerungsgeräthen, mit Bogen und Pfeilen angefüllt, mit einer starken Besatzung ausgerüstet und zugleich einen Hofhalt darin errichtet, wie seine Zeit nur wenige gleich prachtvolle kannte. Auf seinem Lieblingssitze im Anblicke des Leman und der penninischen Alpen zu sterben, war ihm aber nicht vergönnt; auf der Rückkehr von Italien, wohin ihn eine neue Fehde gerufen hatte, ereilte ihn der Tod in der Burg Pierre-Châtel am Einfluß der Isère in die Rhone.

Noch Jahrhunderte lang herrschten seine Nachfolger über [583] beide Ufer des Leman, ihr Einfluß in der Waadt hatte sich indeß beträchtlich verringert. Auch kamen sie selten nach Chillon. Hier waltete nur ein Burgvogt, welcher gleichzeitig Bailli (Amtmann) des Chablais war. Er vertrat den abwesenden Fürsten, unterzeichnete in seinem Namen Verträge, führte im Kriege die Ritterschaft an, befehligte alle festen Plätze des Landes, hielt namentlich Chillon in vertheidigungsfähigem Stande und commandirte die zum Schutze des Sees bestimmte kleine Flotille, welche unweit des Schlosses vor Anker lag. Auch in Genf saß ein savoyischer Prinz auf dem Bischofsstuhle. Schon schien es Savoyen gelingen zu wollen, die widerspenstigen Genfer Bürger unter seine Botmäßigkeit zu bringen, da hielt aus Frankreich her die Reformation ihren Einzug an den Gestaden des Sees, und in der Stadt wie in der Umgegend verbanden sich die Kämpen der religiösen mit den Streitern für die politische Freiheit, um das verhaßte savoyische Regiment abzuschütteln. Alle bauten dabei auf die Hülfe Berns, des alten Widersachers der Savoyer, welches laut seine Stimme erhob, auf daß dem Worte Gottes freier Lauf gelassen werde.

Von allen Männern der Bewegung hatte vielleicht keiner mehr dazu beigetragen, der Reformation und Freiheit in Genf den Weg zu bahnen, als der Prior von St. Victor, François von Bonivard. Von Geburt Savoyarde und durch Blut und Freundschaft zu dem hohen Adel des Landes in engen Beziehungen, war er doch von ganzem Herzen der Sache Genfs ergeben und unablässig bemüht gewesen, ein Bündniß der Stadt mit den Eidgenossen der Schweiz zu bewerkstelligen. Keinen verfolgte darum auch der Herzog von Savoyen mit solchem Grimme wie den noch jungen Vorstand des kleinen Klosters, dessen Priorat Bonivard als zwanzigjähriger Jüngling im Jahre 1514 von einem alten Onkel geerbt hatte. Um jeden Preis mußte der kühne Rebell unschädlich gemacht werden. Es geschah durch Verrath. Eines Tages kam der Herzog nach Genf. Bonivard hatte sich von ihm nichts Guten zu versehen, er fand es deshalb für gerathen, bei einem Freunde im Waadtlande, dem Abte von Montheron, ein Asyl zu suchen. Allein der Freund war ein Schurke. Unter Mithülfe eines waadtländischen Edelmannes ließ er den arglosen Prior unterwegs von einer bewaffneten Bande ergreifen, zwang ihn seiner Pfründe zu entsagen, welche er in seine eigene Tasche steckte, und lieferte ihn dem Herzoge von Savoyen aus, der ihn volle zwei Jahre lang gefangen hielt.

Seine Freunde erwirkten ihm zwar endlich die Freiheit wieder, aber alle Anstrengungen Bonivard’s, auch das Priorat in seinen Besitz zurückzubekommen, blieben fruchtlos. In seinen eigenen Aufzeichnungen muß man nachlesen, was der muthige Mann aufbot, sein kleines Reich wieder zu erobern. Mit einer Truppe von sechs Mann unter der Führung eines Freiburger Hauptmanns warf er sich in ein festes Schloß und bekriegte von da aus den Herzog. Wie man sich leicht denken kann, mißglückte das Abenteuer und diente nicht dazu, seine Feinde zu versöhnen. Jetzt blieb ihm nichts Anderes übrig, als die Stadt Genf um ein kleines Jahrgeld anzugehen und ihr dafür die Rechte auf seine Pfründe abzutreten. Er erhielt die Pension, aber sie langte nicht aus, ihn und seinen getreuen Pagen zu ernähren. Allmählich verarmte er gänzlich. Da, in seiner großen Noth, ließ er sich verleiten, das Mitleid seines unerbittlichen Gegners, des Herzogs Karl des Dritten, anzurufen, wenngleich er, wie er selbst sagt, dem Mann nicht traute.

Es war im Jahre 1530. Um eine Streitigkeit des Grafen von Greyerz zu schlichten, tagte Karl mit seinen Vasallen eben in Moudon an der Straße von Lausanne nach Bern. Dahin begab sich Bonivard, welchem man Hoffnung gemacht zu haben scheint, der Herzog werde seine Bitte um das bescheidene Einkommen von vierhundert Thalern gegen Verzichtleistung auf seine Priorei erfüllen.

„Ich dachte,“ schreibt er in seinen Memoiren, „meine Angelegenheit der Fürsprache der dort versammelten Edelleute zu empfehlen. Es war am Abend vor Himmelfahrt. Ich saß beim Nachtessen dem Marschall von Savoyen gegenüber und fand bei dem Haushofmeister der Herzogin Quartier. Da man sich noch nicht alsbald mit meinem Anliegen beschäftigen konnte, beschloß ich, andern Tages nach Lausanne zurückzukehren. Bellegarde – der Haushofmeister – gab mir einen reitenden Diener zum Geleite mit. Aber kaum befanden wir uns auf der Höhe des Jorat bei Sainte- Cathérine, da erschien der Burggraf von Chillon, Antoine von Beaufort, der sich mit einigen Begleitern im Gehölz versteckt gehalten hatte, und überfiel uns. Ich ritt ein Maulthier und mein Führer ein hohes Roß. ‚Vorwärts!‘ rufe ich ihm zu, ‚vorwärts!‘ und sporne selbst mein Thier, indem ich die Hand an mein Schwert lege. Mein Geleiter aber dreht sein Pferd um, dringt auf mich ein und zerschneidet mit seinem Messer meine Schwertkoppel. Dann stürzen alle die braven Leute auf mich her, nehmen mich im Namen des Herzogs gefangen und schleppen mich gefesselt und geknebelt nach Chillon, wo ich meine zweite Passion ausstehen sollte.“

In das schauerliche Grab von Chillon also warf man den unerschrockenen Kämpen für die religiöse und staatliche Freiheit. Noch zeigt man in einem der düsteren Gewölbe die Säule, an welche er angeschlossen war, und den Ring, der die Kette an seinem Fuße festhielt. Was wurde aus ihm? Was hat er gedacht? Was gelitten? Leider hat er uns nicht, wie in neuerer Zeit Silvio Pellico, seine Gefängnißqualen erzählt. Nur wenige Worte enthalten seine Denkwürdigkeiten von den langen Tagen, welche er im Verließe der Inselveste geschmachtet hat. Er sagt uns blos, daß er nicht sogleich in das dunkle Gewölbe gebracht worden sei, daß man ihn vielmehr zwei Jahre lang in einem Gemache neben der Wohnung des Schloßhauptmanns untergebracht habe, der ihn täglich besuchte und rücksichtsvoll behandelte. Ein Besuch des Herzogs in Chillon machte aber dieser Milde ein jähes Ende.

„Jetzt“ – sagt Bonivard – „steckte mich der Hauptmann in ein Verließ, tiefer als der See, wo ich vier Jahre blieb. Ich weiß nicht, ob er es auf eigenen Antrieb ober auf den Befehl des Herzogs that, allein das weiß ich, daß ich seltsame Muße hatte, zu promeniren, dergestalt, daß ich in den Felsen, welcher das Pflaster meines Käfigs bildete, einen kleinen Fußpfad eingrub, als hätte ich diesen mit einem Hammer ausgehauen.“

In der That sieht man in der erwähnten Krypte noch heute eine kleine Vertiefung, die uns als die Fußbahn des Märtyrers gezeigt zu werden pflegt.

Bonivard ist Chillons berühmtester Gefangener gewesen, derjenige, dessen Name mit dem der Burg für alle Zeilen unzertrennlich verbunden bleibt. Er war es, welchen Lord Byron in seinem gefeierten Gedicht verherrlichen wollte. Als der Poet aber, während eines Regentages im Gasthofe zum Anker in Ouchy bei Lausanne festgehalten, in Einem Zuge seine gewaltigen Verse auf’s Papier warf, da kannte er, wie er in einer späteren Auflage seines „Prisoner of Chillon“ unumwunden eingesteht, Bonivard’s Geschichte noch nicht. So ist sein Held eine reine Schöpfung der Phantasie, keine Gestalt der Wirklichkeit. Der englische Dichter spricht von einem Vater seines Gefangenen, der um des Glaubens willen auf dem Scheiterhaufen geendet habe; von sieben Brüdern seines Heros, von denen drei mit diesem in Chillons Verließe angekettet worden und darin „an seiner Seite“ gestorben seien, er „der allein Ueberlebende von Allen“. Ich brauche nicht erst zu bemerken, daß dies Alles blos Fiction ist. Dennoch hat Byron mehr dafür gethan, Bonivard’s Ruhm in alle Lande hinaus zu tragen, als sämmtliche Geschichtsbücher der Welt, und wer des tapfern Priors von Sanct Victor gedenkt, dem kommt unwillkürlich auch Byron’s Epos in Erinnerung. Jedenfalls hat dies Epos auch den Künstler unserer Illustration begeistert. Er hat sich zu seinem Gemälde den Moment gewählt, wo der Burgwart sich zu seiner letzten Tagesrunde durch die Kerkerhallen der Veste anschickt. Der Alte zündet die Laterne an zu seinem Gange, der ihm ein schwerer ist, wie wir in den traurigen Zügen seines Antlitzes lesen.

„Um etwas milder wird mein Leid:
Mein Hüter zeigt Barmherzigkeit,“

singt Byron. Ob wohl die Tochter, die wir schwermuthsvoll in den abenddämmernden See und auf die Berge drüben hinausblicken sehen, dem Vater, der

„Gewöhnt ist, Schmerz und Qual zu schauen,“

das Herz gerührt hat? Wir dürfen es annehmen, denn das Weib ist ja die natürliche Verbündete aller Leidenden, und wer weiß, ob nicht auch noch ein anderes Interesse für den jüngsten der gefesselten Brüder,

„Für ihn, der schön war wie der Tag,
Mit Augen wie des Himmels Blau,“

ihr die Brust erfüllt? Wer weiß es? Wer weiß es, wie oft sie in der Angst ihrer Seele geknieet haben mag vor dem kleinen Crucifix dort auf des Vaters Tische, inbrünstig zu Gott betend

[584] um Barmherzigkeit, um Leben und Freiheit für den in der nächtlichen Tiefe schmachtenden Jüngling?

Was aber mögen während der endlosen vier Jahre die Gedanken Bonivard’s gewesen sein? Die Dichtungen und Schriften, die nach seiner Haft seine emsige und schwungvolle Feder zu Tage gefördert, geben uns davon Kunde. In ihnen hat er die Ideen niedergelegt, welche ihn in seiner Einsamkeit beschäftigten. Daß die ersten Regungen seiner Brust, nachdem er sich des Lichts und der Luft beraubt sah, Zorn waren gegen den Fürsten, welcher ihn so grausam verrathen hatte, – wen wird das Wunder nehmen? Bald aber wichen diese Empfindungen höheren Betrachtungen. Bonivard war ein Mann von einem für seine Zeit ungewöhnlich reichen Wissen. Er hatte außerordentlich viel gelesen und besaß ein vorzügliches Gedächtniß neben einer höchst beweglichen Einbildungskraft. Nicht nur die Römer und Griechen waren ihm vertraut, er verstand auch Italienisch und Deutsch. Sein Lieblingsstudium war, in den alten Sprachen den Wurzeln unserer neueren nachzuspüren, und in diesen Untersuchungen hat er mehr Scharfsinn entwickelt als irgendwer seiner Zeitgenossen. Ueberhaupt suchte er als denkender Kopf allen Dingen auf den Grund zu dringen, ganz besonders den Aufzeichnungen der Bibel, die er, wie seinen Horaz, fast auswendig wußte.

So fehlte es auch in dem dunklen Verließe von Chillon seinem Geiste nicht an Gesellschaft. Dem menschlichen Verkehre entzogen, versenkte er sich in die Geschichte, deren Gesetze er zu enträtseln trachtete. Die Frucht dieser seiner Forschungen ist uns in den lateinischen Versen enthalten, welche er nachmals veröffentlichte und später selbst in sein wunderliches savoyisches Französisch übertrug. Mittlerweile gingen draußen in der Welt die Ereignisse ihren Lauf. Das Jahr 1536 war herangekommen, da beschlossen die gnädigen Herren von Bern, Savoyens Macht am Leman zu brechen. Mit sechstausend Mann fielen sie in dem Waadtland ein und marschirten bis vor Chillon. Die Genfer Freiheitsmänner – „les Enfants de Genève“, wie sie sich selber nannten –, die ihren Prior von Sanct Victor nicht vergessen hatten, wurden ihre Verbündeten. Mit zwei Galeeren, zwei Barken und einigen leichteren Fahrzeugen unterstützten sie die Expedition der Berner. Als die Flotille absegelte, war das ganze Volk am Ufer versammelt. „Rettet Bonivard!“ rief es wie aus Einem Munde.

Er war gerettet. Am 29. März dröhnte das Geschütz der Genfer vom See, das der Berner von Montreux und von Villeneuve her über die Veste; schon gegen Mittag des andern Tags ergab sich das Schloß. Jubelnd drangen die Sieger ein – ihre ersten Schritte lenkten sich nach den Kerkergrüften hinab. Man hatte gefürchtet, der durch die Flucht entkommene Gouverneur möchte seine Gefangenen mit auf das Schiff geschleppt und mit diesem den Flammen überantwortet haben. Zum Glück war die Angst grundlos. Man hörte Athemzüge, – Bonivard war noch da, er lebte noch!

„Du bist frei, Bonivard!“ jauchzten ihm seine Erlöser entgegen.

„Und Genf?“ frug er mit kaum vernehmbarer Stimme.

„Genf ist es auch,“ lautete freudig die Antwort.

Eine Zeitlang schien der Gefangene, der vier Jahre hindurch kein theilnehmendes Menschenwort gehört, nicht zu begreifen, was man von ihm wollte. Es war, als scheute er sich vor dem Lichte und der Luft der Freiheit. An der Ausgangspforte seines Kerkers kehrte er wieder um und nahm mit thränenden Augen Abschied von den finsteren Mauern, die ihn so lange begraben hatten; die Gewohnheit hatte ihm selbst sein Gefängniß zur Heimath gemacht. –

Nach Bonivard hat Chillon noch manchen Gefangenen beherbergt, unter andern auch, im Jahre 1848, den in Freiburg residirenden Bischof von Lausanne, Etienne Marilley. Er hatte die neue Verfassung der Eidgenossenschaft nicht anerkennen wollen, weil sie die bischöfliche Autorität gewissen Einschränkungen unterwarf. Seine unfreiwillige Residenz auf der Inselveste währte jedoch nur wenige Wochen.

Heute dient Chillon als Haftort für renitente Milizen, deren Strafe übrigens keine harte zu sein scheint, denn gemüthlich kann man sie allezeit in den Höfen des Schlosses umherschlendern sehen.