Die achte Elegie

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Autor: Rainer Maria Rilke
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Titel: Die achte Elegie
Untertitel:
aus: Duineser Elegien
S. 30–32
Herausgeber:
Auflage: Erste Auflage
Entstehungsdatum: 1912–1922
Erscheinungsdatum: 1923
Verlag: Insel-Verlag
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: UB Bielefeld S. 30–32
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DIE ACHTE ELEGIE
Rudolf Kaßner zugeeignet
 
MIT allen Augen sieht die Kreatur
das Offene. Nur unsre Augen sind
wie umgekehrt und ganz um sie gestellt
als Fallen, rings um ihren freien Ausgang.

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Was draußen ist, wir wissens aus des Tiers

Antlitz allein; denn schon das frühe Kind
wenden wir um und zwingens, daß es rückwärts
Gestaltung sehe, nicht das Offne, das
im Tiergesicht so tief ist. Frei von Tod.

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Ihn sehen wir allein; das freie Tier

hat seinen Untergang stets hinter sich
und vor sich Gott, und wenn es geht, so gehts
in Ewigkeit, so wie die Brunnen gehen.
Wir haben nie, nicht einen einzigen Tag,

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den reinen Raum vor uns, in den die Blumen

unendlich aufgehn. Immer ist es Welt
und niemals Nirgends ohne Nicht:
das Reine, Unüberwachte, das man atmet und
unendlich weiß und nicht begehrt. Als Kind

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verliert sich eins im stilln an dies und wird

gerüttelt. Oder jener stirbt und ists.
Denn nah am Tod sieht man den Tod nicht mehr
und starrt hinaus, vielleicht mit großem Tierblick.
Liebende, wäre nicht der andre, der

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die Sicht verstellt, sind nah daran und staunen…

Wie aus Versehn ist ihnen aufgetan
hinter dem andern… Aber über ihn

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kommt keiner fort, und wieder wird ihm Welt.
Der Schöpfung immer zugewendet, sehn

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wir nur auf ihr die Spiegelung des Frei’n,

von uns verdunkelt. Oder daß ein Tier,
ein stummes, aufschaut, ruhig durch uns durch.
Dieses heißt Schicksal: gegenüber sein
und nichts als das und immer gegenüber.

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Wäre Bewußtheit unsrer Art in dem

sicheren Tier, das uns entgegenzieht
in anderer Richtung –, riß es uns herum
mit seinem Wandel. Doch sein Sein ist ihm
unendlich, ungefaßt und ohne Blick

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auf seinen Zustand, rein, so wie sein Ausblick.

Und wo wir Zukunft sehn, dort sieht es alles
und sich in allem und geheilt für immer.
Und doch ist in dem wachsam warmen Tier
Gewicht und Sorge einer großen Schwermut.

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Denn ihm auch haftet immer an, was uns

oft überwältigt, – die Erinnerung,
als sei schon einmal das, wonach man drängt,
näher gewesen, treuer und sein Anschluß
unendlich zärtlich. Hier ist alles Abstand,

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und dort wars Atem. Nach der ersten Heimat

ist ihm die zweite zwitterig und windig.
O Seligkeit der kleinen Kreatur,
die immer bleibt im Schooße, der sie austrug;
o Glück der Mücke, die noch innen hüpft,

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selbst wenn sie Hochzeit hat: denn Schooß ist alles.


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Und sieh die halbe Sicherheit des Vogels,
der beinah beides weiß aus seinem Ursprung,
als wär er eine Seele der Etrusker,
aus einem Toten, den ein Raum empfing,

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doch mit der ruhenden Figur als Deckel.

Und wie bestürzt ist eins, das fliegen muß
und stammt aus einem Schooß. Wie vor sich selbst
erschreckt, durchzuckts die Luft, wie wenn ein Sprung
durch eine Tasse geht. So reißt die Spur

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der Fledermaus durchs Porzellan des Abends.

Und wir: Zuschauer, immer, überall,
dem allen zugewandt und nie hinaus!
Uns überfüllts. Wir ordnens. Es zerfällt.
Wir ordnens wieder und zerfallen selbst.

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Wer hat uns also umgedreht, daß wir,

was wir auch tun, in jener Haltung sind
von einem, welcher fortgeht? Wie er auf
dem letzten Hügel, der ihm ganz sein Tal
noch einmal zeigt, sich wendet, anhält, weilt –,

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so leben wir und nehmen immer Abschied.