Die alte Jungfer (Die Gartenlaube 1876/11)

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Textdaten
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Autor: Friedrich Herman Semmig
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Titel: Die alte Jungfer
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aus: Die Gartenlaube, Heft 11, S. 180
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1876
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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[180]

 Die alte Jungfer.

 Von Hermann Semmig.

 Sie sitzt am Fenster, still ihr Haupt,
 Das bleiche, drückend in die Hand;
 Ihr Auge, kalt und glanzberaubt,
 Blickt vor sich hin starr, unverwandt.
Ihr scheint im fröhlichsten Gewimmel
 Die Welt ein schweigend wüstes Meer
Mit farblos nebelödem Himmel,
 Gleich ihrem Herzen einsam, leer.

 Verborgen wuchs sie, Allen fern;
 Sie floh den Tanz, ein scheues Reh;
 Sie liebte nie; stets einsam gern,
 That Keinem sie, ihr Keiner weh.
Nie hing beglückt an liebem Munde
 Beglückend sie in holder Scham;
Nie hat verschwiegne süße Wunde
 Ihr Herz gepflegt in stillem Gram.

 Zwar als ihr Kindertraum zerrann,
 Als bei der Nachtigallen Schlag,
 Im Glanz der Jugendsonne dann
 Der Erde Garten vor ihr lag,
Da hat’s in nächtlich süßen Schauern
 Gar oft gewogt in ihrer Brust
Von einem sehnsuchtsbangen Trauern,
 Von heißer unerklärter Lust.

 Dann schlief es unverstanden ein,
 Und nur ein tiefes krankes Weh
 Schlich sich in ihren Busen ein,
 Jungfräulich kalt wie frischer Schnee.
So ohne Thränen, ohne Klage,
 So ohne Lächeln, ohne Lust
Verblühten ihre Jugendtage,
 Und still und leer blieb ihre Brust.

 Zuletzt, als der Verkümm’rung Pein
 Sich schon um ihre Lippen zog,
 Da war’s, als ob ein Sonnenschein
 Hell über ihre Züge flog,
Als löste sich nach langen Zeiten
 Ihr Herz von einem schweren Bann,
Als müßte sie die Arme breiten
 In Hast um den geliebten Mann.

 Zu spät! Sie war ihm überreif;
 Er sah sie schmerzlich an und ging.
 Es war kein Thau, es war wie Reif,
 Was da an ihrer Wimper hing.
Dann schloß, daß sie sich selbst betrüge,
 Sie lächelnd zu ihr müdes Herz;
O Weib! Durch Deines Lächelns Lüge
 Weint doch ein namenloser Schmerz.

 So fliegt im Spätherbst noch einmal,
 Gleich einem milden Frühlingskuß,
 Ein letzter warmer Sonnenstrahl –
 Ein Willkomm-, ach, und Scheidegruß –
Hin über die erstarrte Welt,
 Die er im Frühling nicht verklärte,
Bis dann der Schnee des Winters fällt
 Leis auf die todesmüde Erde.

 So lächelte ihr Angesicht,
 Auf dem die Rosen schon verblüht,
 Indeß ihr mildes Augenlicht
 Vom letzten Strahle zuckend glüht.
Die Tage fliehn; es kommt die Zeit,
 Wo wie des Schnees erste Flocke
Das erste Silberhaar geschneit
 In ihre mädchenbraune Locke.

 Dann fliegt vielleicht es noch einmal
 Durch ihre Seele zitternd bang,
 Wie seines Auges süßer Strahl,
 Wie seiner Stimme lieber Klang,
Wie auf beschneitem Rosenzweige
 Vom Frühling singt ein Vögelein;
Dann neigt sie still ihr Haupt, das bleiche,
 Und lächelnd, lauschend schläft sie ein.