Die alten Friedhöfe (Freiburg)

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Textdaten
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Autor: Friedrich Kempf
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Titel: Die alten Friedhöfe
Untertitel:
aus: Freiburg im Breisgau. Die Stadt und ihre Bauten Seite 407–414
Herausgeber: Badischer Architekten- und Ingenieur-Verband
Auflage:
Entstehungsdatum: 1898
Erscheinungsdatum: Vorlage:none
Verlag: H. M. Poppen & Sohn
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Erscheinungsort: Freiburg
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Quelle: Scans auf Commons
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DIE ALTEN FRIEDHÖFE.
Von Fr. Kempf.

Es ist oftmals, noch zuletzt in besonders ansprechender Weise von einem unserer beliebtesten Volksschriftsteller[1], als eine fromme und bedeutungsreiche Sitte unserer Vorfahren bezeichnet worden, ihren Todten, wo nicht innerhalb der geweihten Mauern selbst, so doch gewissermassen im Schatten des Gotteshauses die letzte Ruhestätte zu gewähren. Diesem ehrwürdigen Brauche gemäss befand sich auch in Freiburg die früheste Begräbnissstätte in der Umgebung der Hauptkirche, auf dem heutigen Münsterplatze, der in den Urkunden zumeist der »kilchhof« schlechthin genannt wird. Der Gottesacker war von einer mannshohen Mauer umgeben, die im Volksmunde den Namen »Esel« trug und zwar desshalb, weil auf ihr am Palmsonntage zur Erinnerung an den Einzug des Herrn in Jerusaleum ein hölzerner, mit Rollen versehener Esel herumgeführt wurde, auf dem gegen ein kleines Entgelt die Jugend reiten durfte. An die Aussenseiten dieser Mauer waren Verkaufshallen, die sogen. Kronlauben und Kornlauben, angelehnt, jene auf der Südseite, diese auf der Nordseite. Innerhalb dieser Umfriedigung, die im Jahre 1780 niedergelegt wurde, befand sich eine Kapelle, ein Beinhaus, sowie ein Thürmchen aus spätgothischer Zeit, in welchem die Bäckerzunft zur Erinnerung an die im Kampfe gegen die Grafen gefallenen Bürger ein immerwährendes Licht unterhielt. Ausserdem stand hier, gegenüber dem Wirthshause zur Schnecke, dem jetzigen Rheinischen Hof, das grosse Crucifix, das im Januar 1786 auf [408] den »allgemeinen Gottesacker«, also auf den Alten Friedhof übertragen wurde[2]. Es wird unten näher zu besprechen sein.

Neben seiner eigentlichen Bestimmung diente der Kirchhof, ähnlich wie in älterer Zeit das Innere des Münsters selbst, zur Vornahme öffentlicher Handlungen und Rechtsgeschäfte, insbesondere zur Verkündigung obrigkeitlicher Verordnungen.


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Grabstein des Professors Staravasnig.


Einen eigenen Gottesacker besass die Lehener Vorstadt rings um ihre sehr alte Pfarrkirche St. Peter, etwa dort, wo gegenwärtig die Eisenbahnüberführung nach dem Stühlinger hin gelegen ist. Um diesen Gottesacker erhob sich wiederholt Streit zwischen der Pfarrgemeinde und den Klausnerinnen, die unmittelbar bei St. Peter ansässig waren. Aus den Urkunden, die wir darüber noch besitzen, geht hervor, dass der älteste, unmittelbar an die Kirche angrenzende Friedhof schon im 15. Jahrhundert nicht mehr in Gebrauch war. Am 21. September 1450 ordnete Erzherzog Albrecht von Oesterreich besondere Nachgrabungen an, um festzustellen, dass sich dort überhaupt eine Begräbnissstätte befunden habe, wo inzwischen die Klausnerinnen einen Baum- und Rebgarten angelegt hatten. Wo der neuere Friedhof angelegt war, entzieht sich unserer Kenntniss. Jedenfalls erfahren wir, dass man schon in so früher Zeit die Todtenäcker aus der unmittelbaren Nähe der Gotteshäuser zu verlegen suchte.

Eigene Friedhöfe hatten die Klöster gewöhnlich in dem Quadrum und in den Hallen der Kreuzgänge für die Klosterangehörigen und für solche, die sich durch Schenkung oder Vermächtniss einen Platz erwarben.

[409] Auch die Spitäler besassen für sich kleine Friedhöfe. Derjenige des hl. Geistspitals auf dem Münsterplatze wurde im Jahre 1437 durch den Weihbischof Heinrich von Konstanz im Auftrage des Kardinals Julian Cesarini neu eingeweiht. Die Begräbnissstätte des Armenspitals in der Vorstadt Neuburg, auf welcher die alte St. Michaelskapelle stand, wird bereits im Jahre 1318 erwähnt.

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Auch die Kirche von Herdern umgab ein sehr alter Friedhof, welcher mit
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dem Abbruch der alten Kirche (1841) aufgehoben und nach dem alten Friedhof an der Karlstrasse verlegt wurde. Auffallend ist, dass nicht die geringste Spur eines Denkmals von dieser Stätte auf unsere Zeit gekommen ist. Der alte Kirchhof in der Wiehre ist 1679 eingeebnet worden; später wurde wieder ein solcher rings um die Kirche angelegt, den man aber Anfangs der 30er Jahre unseres Jahrhunderts in das Oberfeld, unweit des jetzigen Wiehre-Bahnhofes verlegt hat. Letzterer, auf welchem unter Anderem einige der nach der Revolution von 1848 zum Tode verurtheilten Aufständischen beerdigt sind, so der jugendliche Dortu, ist 1872 mit. der Errichtung des neuen Friedhofes eingegangen.

Im Münster, wie in den anderen Kirchen und Kapellen sind von jeher regierende Herren und Personen von hervorragender Stellung bestattet [410] worden. Der letzte Bürger, der im Münster seine Ruhestätte fand, war der am 31. October 1797 verstorbene Alexander Krebs. Aus den Kosten der Begräbnissanlagen flössen der Geistlichkeit und dem Baufond gewisse Einnahmen zu. Desshalb leistete auch der Klerus einigen Widerstand, als Kaiser Maximilian I. im Jahre 1514 auf Grund eines päpstlichen Breves anordnete, dass die gesundheitsschädlichen Friedhöfe im Innern der Stadt aufgehoben und durch einen allgemeinen Gottesacker in der Vorstadt Neuburg ersetzt werden sollten. Dieser neue, durch den Bischof von Basel unter Assistenz der Aebte von St. Peter, St. Trudpert, Ettenheimmünster und Tennenbach eingeweihte Friedhof war bei der ehemaligen Pfarrkirche St. Nicolaus gelegen und hiess daher auch Nicolai-Kirchhof (coemeterium s. Nicolai). In den Jahren 1515, 1585 und später noch mehrfach erfuhr er Erweiterungen.

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Bei der unter Ludwig XIV. im Jahre 1677 erfolgten Befestigung Freiburgs durch Vauban, welcher sämmtliche Vorstädte und damit viele geschichtliche Denkmäler zum Opfer fielen, wurde auch die Pfarrkirche St. Nicolaus mit dem Friedhofe und seiner Kapelle zerstört.

Nun war man genöthigt, nach einem anderen Begräbnissplatze Umschau zu halten und begann unterdessen wieder auf dem ältesten Friedhofe am Münster zu beerdigen. Namentlich fanden dort Soldaten der französischen Garnison massenweise ihr Grab. Diesem schwer empfundenen Uebelstande suchte man dadurch abzuhelfen, dass man den Soldaten vorübergehend eine Begräbnissstätte hinter St. Peter im Gewann Metzgergrün, bei dem jetzigen Fünfwundenkreuze anwies (1680). Der frühere St. Nicolai-Kirchhof wurde nicht ganz in die Fortification einbezogen, man hat vielmehr einen Theil desselben schon bald wieder als bürgerlichen [411] Friedhof benutzt. Später wurde er durch Erwerbung verschiedener Liegenschaften zu dem Umfange erweitert, den er heute noch als »alter Friedhof« besitzt, so in den Jahren 1683, 1711 und zuletzt noch 1860.

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Um die Geschichte der alten Friedhöfe zu vervollständigen, muss noch erwähnt werden, dass im Jahre 1788 für die Soldaten ein eigener Friedhof mit einer kleinen Kapelle angelegt wurde. Dieser befand sich in unmittelbarer Nähe des »alten Friedhofs«, ungefähr da, wo heute die Knabenschule in der Karlstrasse steht. Auch er musste mehrmals erweitert werden, bis er im Jahre 1828 aus gesundheitspolizeilichen Rücksichten geschlossen und eingeebnet wurde. - Ebenso befand sich jenseits der Dreisam, unweit des Wirthshauses »Zur Sonne« an der Baslerstrasse, ein Soldatenfriedhof. Als aber in den Jahren 1814 und 1815 bei der Typhusepidemie alle Spitäler mit kranken Soldaten überfüllt waren, sah man sich genöthigt, wieder beim Fünfwundenkreuz vorübergehend die Leichen in Massengräbern zu bestatten.

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Wer die schattigen Baumgänge des Alten Friedhofs durchwandelt, gewahrt eine stattliche Zahl, wenn auch künstlerisch nicht sehr bedeutsamer, so doch anziehender und meist wohlerhaltener Denkmäler, welche von denen der Neuzeit sich vortheilhaft unterscheiden. Während ehemals

[412] der Steinmetz ganz wackere architectonische und bildnerische Arbeiten schuf oder ein Kunstschmied
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die Gräber mit zierlich geschmiedeten Kreuzen schmückte, begegnen wir jetzt nicht selten Denkmälern, welche das Gepräge der Einförmigkeit tragen. Die Massenfabrikation in polirtem und unpolirtem Marmor, Granit und Syenit herrscht überall vor, ein bedauerliches Zeichen veränderter Geschmacksrichtung. Das schliesst natürlich nicht aus, dass immer noch einzelne Werke von grossem Kunstwerthe geschaffen werden. Diese stummen Mahnzeichen der Vergänglichkeit mit ihren Inschriften und heraldischen Darstellungen erinnern an zahlreiche geistliche und weltliche Würdenträger, an hervorragende Männer der Wissenschaft, an alte, angesehene, zum Theil schon ausgestorbene Geschlechter der Stadt und des Landes. Nur wenige Namen
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aus der grossen Fülle seien angeführt. Es ruhen da die Professoren Beck, Buchegger, Duttlinger, Staudenmaier, Hug und Hirscher, der Weltpriester, Magistratsrath und Armenvater Weiss, der Geschichtschreiber Karl v. Rotteck, Heinrich Sautier, der den schlichten Ehrennamen des »Stifters« trägt, der Archäologe Anselm Feuerbach und Christian Wenzinger, der grosse Meister des Rococo. Von den Adelsgeschlechtern nennen wir die Herren von Wangen, von Krotzingen, ferner den letzten Sprössling des Geschlechtes Schnewlin, welches Jahrhunderte lang in der Stadt den bedeutendsten Einfluss ausübte, sodann von Bodman, von Andlaw, von

[413] Pfirdt, von Roggenbach, von Reinach, den letzten von Greiffenegg, dessen Vater das Rommel’sche Schlösschen auf dem unteren Schlossberg erbaute, die letzte des spanischen Grandengeschlechtes Colombi; endlich auch alteingesessene Bürgerfamilien wie Adrians, Andre, v. Buckeisen. Das Grabmal der im Kriege 1870—71 gefallenen Freiburger befindet sich gleichfalls noch auf diesem Friedhofe. Hier ruhen ferner die Gebeine des Emigrantenführers Mirabeau-Tonneau, welcher zu Freiburg am 15. September 1792 starb und zuvor auf dem Soldatenfriedhof beigesetzt war.

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Die meisten der Grabmäler aus dem Ende vorigen Jahrhunderts bringen die Trauer um die Verstorbenen naturwahr zur Anschauung. Ein interessantes Denkmal dieser Art ist das an der westlichen Mauer der Maria Theresia Ligibel im Jahre 1795 errichtete mit dem Spruche »Wer 77 Jahre gearbeitet, bedarf der Ruhe«. In Hautreliefs ausgeführt sehen wir eine alte Frau, welche von einem Genius in’s Grab geleitet wird. Eines der interessantesten Grabmonumente ist das des Professors Staravasnig an der südlichen Umfassungsmauer. Es rührt nach einer viel verbreiteten Annahme von Chr. Wenzinger her. Eine grosse Rolle unter diesen bildhauerischen Leistungen spielen sodann Vasen und Urnen, Genien und Kindergestalten, gebrochene Säulen und Pyramiden, allerdings zumeist mittelmässig hergestellte Denkmale. Vor der Kapelle, inmitten des Hauptweges, steht ein hohes Steinkreuz mit reich gegliedertem Sockel. Der Christuskörper mit ausdrucksvollem Kopfe stammt aus älterer Zeit. Das Kreuz hat, wie schon früher erwähnt wurde, bis zum Jahre 1786 auf dem Münsterplatze gestanden, seine Entstehungszeit ist jedoch aus stilistischen Gründen nicht wesentlich früher anzusetzen. Der am Fusse befindliche Todtenkopf hat durch seinen drastischen Ausdruck Anlass zu einer Sagenbildung gegeben.

Besondere Aufmerksamkeit verdienen schliesslich die schmiedeisernen Grabkreuze und hier fällt in erster Reihe das links von der Kapelle stehende Rococokreuz in’s Auge, welches zu den schönsten Schöpfungen der Schmiedekunst in unserer Stadt gehört. Es steht auf einem schlichten Steinsockel. Die Stütze bildet ein Füllhorn, aus dem [414] reiches Ranken- und Blattwerk nach oben hervorspriesst. Der Meister wusste mit routinirter Technik künstlerisches Formgefühl in seltener Weise zu verbinden.

Mit der immer mehr zunehmenden Entwickelung der Stadt und ihrer sich rasch vollziehenden Ausdehnung nach Norden wurde der »Alte Friedhof« unzulänglich und ist desshalb geschlossen worden. Der neue, gemeinsame, am 1. November 1872 eröffnete Friedhof befindet ausserhalb im Westen der Stadt.

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  1. Heinr. Hansjakob, Im Paradies. S, 244.
  2. Chronikblätter der Stadt Freiburg, Beilage zum Adressbuch (1897), S. 19.