Die besessenen Knaben von Illfurth

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Autor: H. v. C.
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Titel: Die besessenen Knaben von Illfurth
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 52, S. 854–856
Herausgeber: Ernst Keil
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1872
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Die besessenen Knaben von Illfurth.


Ein neuer Beweis für die Schlechtigkeit des Teufels.


Als ich Mitte Januar 1871 auf meiner Fahrt mit einem deutschen Sanitätszuge nach Frankreich von Brumath aus einen Abstecher zu Schlitten nach Straßburg machte, fiel mir, schon im Bereiche der Laufgräben und Verwüstungen zur Linken von der Straße gleich bei Schiltigheim, ein allein unversehrt gebliebenes großes Gebäude mit Kirchlein auf. Mein Rosselenker, ein fünfzehnjähriges elsässer Bürschchen, erklärte das für ein Waisenhaus und setzte mit besonderer Betonung hinzu: „Da druff habbe se nit schisse därfe.“

Hätte ich damals gewußt, durch welch ein Mirakel nur kurze Zeit vorher dieses Haus verherrlicht ward, so würde ich mir es wohl zweimal angesehen haben, denn in der That trug diese Stätte bei, ein neues Zeugniß dafür zu liefern, wie viel Unglaubliches im Glauben noch heutzutage geleistet werden kann.

Zu Illfurth, einem katholischen Pfarrdorfe des Bisthums Straßburg, im ehemaligen Arrondissement Altkirch des französischen Departements Oberrhein – jetzt im kaiserlich deutschen Reichslande Elsaß – ist ein „unbemittelt, aber christliches und frommes“ Elternpaar Burner, das sich durch Handarbeit ernährt, in Besitz zweier Knaben, von welchen der ältere, Theobald 1854, der jüngere, Joseph, zwei Jahre später geboren wurde. Im Spätherbst 1864 fingen Beide an zu kränkeln: „ein mehrartiges Fieber äußerte sich.“ – Aerzte konnten nicht helfen. Wie aber den Knaben dennoch geholfen wurde, offenbart uns der „Treue Bericht“ von dem Herrn Pfarrer zu Illfurth Karl Brey, veröffentlicht „mit Erlaubniß des Hochw. Ordinariats von Straßburg“, dem ich das Folgende mit größter Gewissenhaftigkeit nacherzähle. Nach diesem Berichte wurde am St. Katharinentag (25. November) 1865 Theobald, auf dem Rücken liegend, plötzlich schnell wie ein Rad herumgedreht; dann warfen beide Knaben, „wie von einer unsichtbaren Gewalt genöthigt“, sich schreiend auf ein Bett, schlugen mit Händen und Füßen auf dasselbe, daß starke Bretter aus der Bettstatt fielen, und setzten dieses Dreschen, wie sie es selbst nannten, mehrere Tage oft halbe Stunden lang und nahe an hundert Male fort, und zwar ohne davon zu ermüden, denn nach demselben gingen sie stets lachend und scherzend wieder zu ihren anderen Geschwistern. Bald stellten sich auch convulsivische Bewegungen und Krämpfe ein. Dies Alles geschah natürlich im Beisein vieler Zeugen, von denen Jeder irgend ein bewährtes Heilmittel anzurathen wußte. Indeß nur Einer der Umstehenden traf das Rechte: er rieth, den Leidenden ein mit etwas Gesegnetem gemischtes Getränke zu geben. Und siehe, kaum hatte Theobald davon genossen, so erstarrte er und blieb fast eine Stunde lang bewegungslos wie ein Todter liegen.

Dieser gesegnete Trank war es offenbar, der das Unheilige in den Kindern in Aufruhr gebracht hatte, denn nun erfolgte, wie der Herr Pfarrer sich ausdrückt, „eine lange Reihe der verschiedenartigsten, wunderlichsten Phänomene oder Erscheinungen, welche man in die Fabelwelt verweisen möchte, gäbe es nicht Hunderte von bewährtesten Augen- und Ohrenzeugen, welche für deren Wahrheit bürgen.“ Die Beschreibung aller dieser Vorkommnisse würde, wie der Herr Pfarrer ebenfalls versichert, mehrere Bände füllen; um dies zu vermeiden, wollen wir uns mit einigen der merkwürdigsten Vorfälle begnügen.

Es geschah u. A. Folgendes. Wenn die Knaben auf ganz schweren, hölzernen Stühlen saßen, wurden sie in die Höhe gehoben und die Stühle in eine, die Knaben in die andere Ecke geschleudert. Bald überkam die Kinder eine Art von Wolfshunger, und zu gleicher Zeit fühlten sie ein Stechen am ganzen Leib. Und da sah nun Jedermann, wie ihnen schmutzige Federn und Seegras aus den Ohren und anderen Körpertheilen „gleichsam“ hervorwuchsen. Es half nichts, die Kinder umzukleiden, Hemd und Hosen waren doch gleich wieder voll dieses Unraths.

Das dauerte wochenlang und die Knaben waren endlich so geschwächt, daß sie das Bett nicht mehr verlassen konnten. Convulsionen und Magenkrämpfe stellten sich ein, ebenso Geschwulst des Unterleibes und Gefühl, als ob eine Kugel oder etwas Lebendiges im Magen herumliefe, und dabei waren die Beine „wie biegsame Ruthen zusammengewunden“, so daß kein Mensch sie auseinanderreißen konnte. Gegen diese Uebel mußte Etwas geschehen, und man griff, wie der Herr Pfarrer berichtet, nach einem einfachen Mittel: man brachte nämlich das heilige Kreuzzeichen und das Besprengen der Leidenden mit Weihwasser in Anwendung.

Abermals scheint die fromme Cur das Böse nur gereizt zu haben, denn wenn man jetzt den Knaben ein in Tuch eingenähtes Kreuz, eine geweihte Medaille oder das zu Ehren des heiligen Joseph besonders angefertigte St. Josephschnürchen noch so sorgsam und fest auf den Leib band, so riß es eine unsichtbare Macht doch hinweg und noch die Hemden dazu entzwei. Auch das Beten wurde den Knaben immer schwerer, „die Aussprache der heiligsten Namen Heiliger Geist, Jesus, Maria weckte in den Kleinen starke Convulsionen!“ Das Schlimmste waren die gespenstischen Erscheinungen, von welchen Tag und Nacht namentlich der ältere Knabe geplagt wurde; „ihm zeigte sich ein den Umstehenden unsichtbares, ungestaltes, aber gräuliches Wesen; es hatte einen Entenschnabel, bekrallte Hände und den Leib mit unsauberen Federn bedeckt.“ Wenn dieses Ungethüm über dem [855] Knaben schwebte und ihn zu würgen drohte, so riß er ihm mit beiden Händen Federn aus, die er dann an die Umstehenden vertheilte. Solche Teufelsfedern werden in vielen Familien als „Reliquien“ aufbewahrt. Wenn man sie verbrannte, stanken sie sehr; freilich stinken da andere Federn auch, aber doch wohl nicht so sehr, wie Teufelsfedern.

Die ganze Angelegenheit war endlich so ruchbar geworden, daß auch die Obrigkeit sich derselben annehmen konnte. Anfangs Februar 1868 ließ der Gemeindevorsteher (damals noch Maire) Nikot beide Knaben aus dem elterlichen Hause in das alte Schulgebäude bringen und sie, getrennt, der Aufsicht zweier Krankenschwestern der Stadt Mühlhausen, Schwester Methula und Schwester Severa, übergeben. Nachdem beide vergeblich einen Betrug in den Vorgängen zu erspähen gesucht, ließ man Aerzte von Mühlhausen und Altkirch zu den Knaben kommen. Da sah man nun, erzählt der Herr Pfarrer, daß ein Arzt, welcher offenbar von der wahren Erkenntniß der Krankheit am weitesten abgewichen war, denn er wollte sie als Hysterie, Veitstanz, Schlafwandeln etc. erklären, von den Knaben deßhalb höhnisch belobt wurde. Dagegen fand der Herr Pfarrer auch „einen unter jeder Rücksicht ausgezeichnetsten Arzt“ dabei, denn derselbe „stellte die Möglichkeit der Umsessenheit der Knaben nicht in Abrede.“ Jedenfalls hat der Herr Pfarrer darin ganz Recht, denn was soll denn aus Besessenheit und Teufel werden, wenn Niemand mehr an sie glauben will?

Glauben muß man aber an Besessenheit, sobald folgende wörtlich nach des Herrn Pfarrers Bericht mitgetheilte „unzweifelhafte Anzeichen“ derselben vorhanden sind: „1) Kenntniß fremder Sprachen, die nie gelernt worden sind; 2) wissenschaftliche Einsichten und auffallende Fertigkeit, über wissenschaftliche Sachen sich auszusprechen von Seite solcher Personen, die nie mit dergleichen sich abgegeben; 3) das Aufdecken und Wissen geheimer oder solcher Dinge, die an entfernten Orten vorgehen, namentlich das Eindringen in die Gedankenwelt Anderer; 4) Kraftäußerungen, welche über alle menschlichen und natürlichen Kräfte offenbar hinausgehen.“

Von den genannten Anzeichen machten beide Knaben den beiden Krankenschwestern gegenüber bald den empfindlichsten Gebrauch: sie entdeckten ihnen unter Anderem, offenbar zu deren entsetzlichem Schrecken, „ihre geheimsten Sachen“. Eben so wenig schonten sie neugierige Besucher, auch diesen „entdeckten sie frei gewisse geheime, oft schwere Fehler, so daß sie tief beschämt, blaß und wie vom Blitze getroffen, von dannen zogen.“ Ferner wußten die Knaben nicht blos zu unterscheiden, ob man ihnen etwas Geweihtes oder Ungeweihtes darbot, sondern waren mit allen Vorkommnissen nicht blos Illfurths, sondern entfernterer Ortschaften so vertraut, daß „Mancher und Manche sich ein seltenes Vergnügen daraus machten, wenn es ihnen gegönnt war, den kleinen, interessanten Erzählern aufzulauschen.“ Auch den Tod zweier Personen sagte Theobald richtig voraus; beide Knaben ertheilten auf Fragen über geschichtliche Thaten Auskunft, ebenso über Familienverhältnisse auf zwanzig und vierzig Jahre zurück, und zwar in verschiedenen ihnen bisher fremd gewesenen Sprachen; namentlich drückte Theobald sich ganz gut lateinisch aus, wie der Herr Pfarrer versichert, ja, er gab sogar häufig auf lateinische Fragen französische Antworten. Und dabei vermochten es beide Knaben, wie Hähne zu krähen, wie Hunde zu heulen und wie wilde Thiere zu brüllen, und zwar dies Alles – „wie (auch) das Reden, bei fast geschlossenem Munde, ohne Bewegung der Lippen.“

Zwei Vorkommnisse enthüllten endlich die Anwesenheit des Bösen auf das Klarste. Am dritten Fastensonntage nämlich hatte die fälschlich verbreitete Nachricht, daß an diesem Tage die Knaben vom Teufel befreit werden sollten, einige hundert Fremde nach Illfurth gelockt, – und am Ende desselben Tags jubelte Theobald hoch auf, „weil durch diesen Besuch gar Viele den Gottesdienst versäumt hätten!“ War das nicht eine echt teufelische Freude? Und – „als kurz darauf die Kinder sich zum Empfange des heiligen Bußsacraments vorbereiteten, vernahmen die Anwesenden eine düstere, aus Theobald kommende Stimme sprechend: ‚Dem Hündlein (Kinde) will ich das Gehör nehmen, damit er (!) nicht mehr durch das Gitter blasen (beichten) könne, und er wird gehörlos bleiben bis zur Stunde seiner Befreiung.‘“

Und so geschah es. Beide Knaben wurden taub, und Theobald blieb es bis zu der vom Teufel selbst ganz offenherzig angegebenen Frist; Joseph aber erhielt sein Gehör schon vorher wieder, und zwar – wie er selbst sich ausdrückte – „auf das Verlangen der großen Frau“, das ist, der seligsten Jungfrau Maria.

Da die Mühlhäuser Krankenschwestern Methula und Severa den Knaben nicht helfen konnten, so kehrten beide Theile nach Hause zurück. Theobald’s aber erbarmten sich zwei Bürger von Illfurth, Herr Franz Joseph Brobeck und Herr Dominicus Tresch; sie unternahmen mit ihm im Sommer 1868 eine Wallfahrt nach Maria-Einsiedeln, und dort fanden sich endlich die rechten Helfer in der Noth: die hochwürdigen Patres Laurenz Hecht und vor Allem der Exorcist Nepomuk Buchmann. Letzterer gab das schriftliche Urtheil ab: „daß nicht unzweideutige Beweise wahrer Besessenheit wahrgenommen werden und daß der Herr Pfarrer von Illfurth sich bemühen solle, bei der bischöflichen Behörde zu Straßburg dahin zu wirken, sie wolle einen Exorcisten zur strengen Untersuchung und endlichen Erledigung dieser Angelegenheit ernennen.“

Der Herr Pfarrer ließ sich das nicht zweimal sagen. Welche außerordentliche Wichtigkeit er einer amtlichen Erklärung der bischöflichen Behörde über das Vorhandensein der Besessenheit eines Menschen etc. beimaß, möge unseren Lesern die Anmerkung[1] darthun. Dem Manne ward geholfen. Im August 1869 kam endlich der Tag, wo „der Hochwürdigste Herr Bischof von Straßburg für gut erachtete, den Theobald (sammt seiner Mutter) nach St. Karl, einer Waisen-Anstalt bei Schiltigheim, zu berufen. Die Schwestern derselben erhielten den Auftrag, den Knaben fünf Wochen lang Tag und Nacht in seinem Thun und Reden zu beobachten. Seine bischöfliche Gnaden ernannten zur allseitigen Prüfung desselben eine Commission, bestehend aus den hochwürdigen Herren Rapp, Generalvicar, Stumpf, Vorstand des Priesterseminars, Eicher, Vorstand der Jesuiten, sämmtlich von Straßburg. Alle sprachen sich einstimmig für das Bestehen einer wahren Besessenheit aus. Der Hochwürdigste Herr Bischof beauftragte nachher den hochwürdigen P. Souquat aus der Gesellschaft Jesu, die Beschwörungen vorzunehmen.

Dies geschah in der Capelle jenes Waisenhauses bei Schiltigheim am vierten October 1869. Hauptzeugen und geistliche Beistände bei der heiligen Handlung waren: Erzpriester Spitz, Seminar-Superior Stumpf, Waisenhausanstaltsvorstand Hauser, Seminarist Schrantzer, Abbé und Professor der Sittenlehre am Straßburger Priesterseminar Rossé, die General- und Local-Oberin des Hauses und einige Schwestern. Wir nennen die Namen dieser Personen hier als Zeugen für die Wahrheit unserer Erzählung. Es kann ihnen das, von ihrem Standpunkte aus, nur lieb sein. Schämen werden sie sich schwerlich. – Die Beschwörung geschah genau nach der Vorschrift des römischen Rituals, das auch dafür einen besondern Artikel enthält. Die Procedur mußte zwei Mal vorgenommen werden, weil der Teufel das erste Mal nicht weichen wollte. Der Knabe wurde, wie Tags zuvor, in die Capelle geführt und vor dem Chor niedergelegt.

Hören wir nun den Bericht des geistlichen Vorstandes von St. Karl über das Weitere: „Der Leidende befand sich im nämlichen Zustande wie gestern; nur schwer konnte man ihn bemeistern, er schäumte vor Wuth. Diese Raserei war äußerst groß, besonders in gewissen feierlichen Augenblicken und namentlich als man auf dessen Haupt das Bildniß der unbefleckten Jungfrau, den Kopf der Schlange zertretend, legte. Allein diese Krisis war die letzte. Einige Augenblicke nachher blieb der Kranke ruhig, bewegungslos, einem tief schlafenden Menschen gleich; das Kreuzbild, welches man auf seine Brust gelegt, beibehaltend. Alles wurde still und die Anwesenden [856] beteten fort, bis man endlich den Knaben, schlafend, in jene Abtheilung des Hauses tragen ließ, wo die Priester, die Schwestern und die Mutter des Kindes sich versammelt hatten. Nach einer Viertelstunde erwachte er wie aus einem tiefen Schlafe, hörte ganz gut, er, der bei achtzehn Monate ganz taub war, antwortete mit einer großen Liebenswürdigkeit und verspürt in diesem Augenblicke keine Nachwehen mehr. Er erinnert sich nicht einmal dessen mehr, was sich mit ihm zugetragen hatte.“

Der Triumph der siegenden „heiligen Kirche“ war natürlich ein ebenso großer, als – gerechter, aber doch nur ein halber, so lange der unreine Geist noch in dem Knaben Joseph hauste. Die That dieser zweiten Vertreibung war, nach dem Willen des Hochwürdigsten Herrn Bischofs von Straßburg, unserm Herrn Pfarrer vorbehalten und er vollbrachte sie am siebenundzwanzigsten October 1869, und zwar „in einer alten, der lieben Mutter Gottes gewidmeten Kirche, die auf dem Gottesacker zu Illfurth steht.“ Dorthin wurde besagten Tages in aller Frühe, trotz heftigen Sträubens, der Knabe getragen. Die vorgeschriebenen Exorcismen begannen nach der heiligen Messe. Der Herr Pfarrer erzählt den merkwürdigen Verlauf so:

„Als die Beschwörung anhob, schrie der böse Geist: ‚Ich gehe nicht, ich werde nicht gehen!‘ Der Exorcist aber fuhr fort, und je mehr er dem Teufel zusetzte, desto hartnäckiger bewies sich dieser. Endlich nach einem heftigen zweistündigen Kampfe wurde Satans Macht gebrochen. Denn als er den Befehl vernahm, zu weichen im Namen der unbefleckten Jungfrau, so schrie er verzweiflungsvoll: ‚Jetzt ist’s denn mit mir aus; ich bin überwunden, ich ziehe fort.‘ Da auf sein Verlangen, in die Schweine, Gänse etc. fahren zu dürfen, ihm geantwortet wurde: ‚Nein, in den Abgrund der Hölle fährst Du!‘ knirschte er mit den Zähnen, wüthete bei einer Viertelstunde noch im Körper des Kleinen, der sich bäumte, krümmte wie ein zertretener Wurm. Man sah, wie der böse Geist ein Glied nach dem andern zu verlassen sich anstrengte; er konnte beinahe nicht aus seiner Beute sich herauswinden. Dieses gewaltsame Scheiden des Satans vom Leibe, den er so lange bewohnte, bot allen Gegenwärtigen einen erschütternden, herzbrechenden Anblick dar.“

Auch Joseph erwacht nach der Vertreibung des Teufels wie aus einem tiefen Schlaf und weiß natürlich von allem Vorgegangenen nichts. Um so merkwürdiger ist’s, daß er, wie der Herr Pfarrer erzählt, „sittlich ganz verwandelt“ neben ihm in die Kniee sinkt, um mit allen Anwesenden „dem dreieinigen Gott und der unbefleckten, stets makellosen Jungfrau Maria den innigsten Dank für den wunderbar errungenen Sieg über die Hölle zu bringen.“

Wer nun glaubt, daß mit dem Tedeum, das am folgenden Sonntag unter dem Geläute aller Glocken abgehalten wurde, die Verherrlichung dieser Teufelsaustreibung schloß, der irrt sich. Dieser Triumph der h. Kirche soll noch weiter ausgebeutet werden; dies spricht sich aus in dem Wunsch: „daß auch in andern Bisthümern bei ähnlichen Fällen ein Exorcist aufgestellt und überdies in den Bildungsanstalten der Priester die Lehre der heiligen katholischen Kirche von dem Einwirken böser Geister, von den kirchlichen Mitteln zur Zernichtung jeglichen teuflischen Einflusses gründlicher denn je vorgetragen werde“ – und gipfelt in dem Plane: in Illfurth zu Ehren der unbefleckten Empfängniß und ihres Triumphes über den höllischen Drachen eine aus Erz gegossene Bildsäule der Madonna zu errichten, welche durch ihre Größe und Schönheit den Vorübergehenden bis in die spätesten Zeiten die Macht und Erbarmung derselben in der Befreiungsgeschichte der beiden Knaben verkünden soll.

Das ist die Geschichte dieser jüngsten Teufelsbeschwörung im Bisthum Straßburg. Wir übergeben sie, wie sie ist, dem Nachdenken unserer Leser. Nur eine Bemerkung können wir nicht unterdrücken: Wir haben so viele, viele Jahre lang vom deutschen Rheinufer Erwin’s Wunderbau in Feindesland sehen müssen, – das war unser tiefster patriotischer Schmerz. Mit welchem Herzen soll aber der Deutsche heute zum Münster emporschauen, wenn er die ewig herrlichen Hallen von solchen Priesterhänden entweiht sieht! Straßburg ist erobert, – erobere der deutsche Geist nun auch sein Münster zurück!

H. v. C.



  1. „Denn“ – sagt der Herr Pfarrer S. 35 seines Treuen Berichts – „eine im Namen der bischöflichen Behörde geschehene Erklärung hat eine außerordentlich große Kraft, die Vorurtheile gegen Besessenheit zu zernichten, die Zweifel niederzuschlagen, den Verdächtigungen ein schnelles Ende zu machen, die wegen dieser Angelegenheit schon lange und heftig entzweiten Gemüther zu einigen und selbst Gelehrte, welche noch nie wie Joseph Görres (‚Die christliche Mystik‘, Manz in Regensburg), dieser große Gelehrte Deutschlands, einen tiefen Blick in die Regionen des teuflischen Reichs gethan, zu ernstem Nachdenken über dergleichen Vorfälle zu bewegen und von deren Wahrheit zu überzeugen.“ So bitter rächen sich die Schriftstellersünden des Lebens noch nach dem Tode! –