Die deutsche Fahne vor dem Gabentempel zu La Chaux de Fonds

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Titel: Die deutsche Fahne vor dem Gabentempel zu La Chaux de Fonds
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aus: Die Gartenlaube
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1863
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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[576] Die deutsche Fahne vor dem Gabentempel zu La Chaux de Fonds.[1]

Hier ward ein alter Bund eneut,
Ein neuer Völkerbund geschlossen,
Der Eintracht Saat in’s Herz gestreut
Und frisch mit Wort und Wein begossen.

Gedeihe sie und trage Frucht
So reich, wie sie der Haß getragen,
Der uns Jahrhundert’ heimgesucht
Und uns am tiefsten selbst geschlagen.

So ist es. Deutsche, Schweizer und Italiener haben in gegenseitiger Anfeindung, Bekriegung, Verfolgung und Vernichtung so Großes geleistet, daß sie den blutigen Stoff zu vielem Feldherrnruhm geliefert; die Blätter ihrer Geschichte sind voll Großthaten des Nationalhasses und des Glaubenswahns, ja das dicke Buch ihrer Geschichte würde um Vieles dünner werden, wenn alle jene Blätter voll Jammer und Jubel des Kriegs plötzlich herausfielen, aber auch um so viel ärmer würde es an den bitteren Lehren, welche erst in der Gegenwart verstanden werden. Deutsche, Schweizer und Italiener haben ihr Rütli gefunden vor dem Gabentempel zu La Chaux de Fonds. Wohl sind es auch hier nur einzelne Männer gewesen, die das Wort für ihr Volk führten, aber aus den Herzen der Besten dieser Völker haben sie gesprochen, und je weiter der Geist wahrer Freiheitsliebe die Massen erleuchtet, um so mehr wird der Handdruck des Friedens und der Achtung, den hier die wenigen Männer sich gaben, von den Völkern anerkannt und zu voller Gültigkeit erhoben werden.

Das ist die hohe Bedeutung der Uebergabe der deutschen und italienischen Fahne als Ehrengaben für die schweizerischen Schützenvereine, jener beiden Fahnen, die von denen aller Nationen allein die Ehre genossen, den Gabentempel mit zu schmücken. Unser Bild erklärt sich selbst. Die Fahne, die Niemand mehr die schwarz-roth-goldne zu nennen braucht, die sich den Ehrennamen der deutschen errungen, begrüßt das Schweizervolk zuerst vom gesammten Ausland als das Zeichen der deutschen Nation. Wird es, wenn sie wieder von deutschen Schiffen weht, noch einmal den Staatslenkern Englands einfallen, sie für eine Piratenflagge zu erklären?

H.

[573]
Die Gartenlaube (1863) b 573.jpg

Die Uebergabe der deutschen Schützenfahne am Gabentempel von La Chaux de Fonds.
Nach der Natur auf Holz gezeichnet von H. Jenny.

  1. Hierzu das Bild auf S. 573. – Vergl. Gartenl. Nr. 33, S. 521.