Die deutsche Loango-Expedition im Kriege

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Autor: Eduard Pechuel-Loesche
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Titel: Die deutsche Loango-Expedition im Kriege
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 21–22, S. 348–350, 365–367
Herausgeber: Ernst Keil
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1876
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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[348]

Die deutsche Loango-Expedition im Kriege.[1]
Von Dr. Pechuel-Loesche.


Chinchoxo, 7. Februar 1876.

Man ist wohl noch vielfach unklar darüber, wie ungünstig die Verhältnisse an der Westküste Afrikas, besonders an dem hiesigen Küstenstriche sind, wie unsicher, unberechenbar die Beziehungen zwischen Schwarzen und Weißen, wie erfolglos bisher alle Versuche waren, selbst für den auch den Eingeborenen directen Nutzen bringenden Handel neue Stützpunkte binnenwärts vorzuschieben und zu erhalten.

Was ehemals hier geschehen, was noch geschieht, erbt sich fort unter den Negern als eine böse Tradition, welche in ihrem ohnehin nicht gutangelegten Charakter nur die schlimmsten Eigenschaften ausbildet, das Bessere im Individuum sehr bald ertödtet und den Verkehr mit diesem Volke zu einem äußerst schwierigen macht. Grenzenlos habgierig, feige, indolent, als höchstes Gesetz nur die Selbsterhaltung kennend, sind diese Neger politisch vollständig zerfallen, in unzählige kleine Gemeinschaften aufgelöst, die, in Besorgniß um die eigene Existenz, einander fürchten, heimlich und zuweilen auch offen befehden. So lange ihnen darum nicht Männer erstehen, die alle Fähigkeiten besitzen, Massen zu fanatisiren, zu verschmelzen, zu führen, sind sie den weißen Elementen, wenn es sich um deren Existenz überhaupt handelt, nicht gefährlich; die Einzelnen jedoch, die an der Küste in ihren meist einsam gelegenen Factoreien sitzen, des Handels wegen ihrer bedürfen, lassen sie ihre bösen Neigungen im vollsten Maße empfinden, namentlich in Form unzähliger „Palaner“, Erpressungen, und jener endlosen Scherereien, in denen es die Schwarzen durch lange Uebung zu einer unglaublichen Virtuosität gebracht haben.

Leider haben die Weißen durch eigene Schuld diese Zustände so bedenklich heranwachsen lassen. Die Concurrenz ist keineswegs gering; die Handelsinteressen bedeutender Firmen, welche viele Factoreien unterhalten, und die der selbstständigen Händler beherrschen in gleicher Weise die Beziehungen der einzelnen Vertreter unter sich und mit den Negern. Natürlich werden, wie aller Orten, nicht immer ganz lautere Mittel angewandt, wenn es gilt einen Concurrenten auszumanövriren. In diesem rechtslosen Landstriche ist dies jedoch eine höchst verderbliche, kurzsichtige Politik, durch welche die Teufeleien der Eingeborenen erst recht begünstigt werden und bei welcher letztere allein dauernd gewinnen, zum Nachtheile aller mit ihnen verkehrenden Parteien. Jeder Händler ist somit im Verkehre gewöhnlich auf seine eigenen geringen Hülfsmittel angewiesen, denn die Verbindung an der Küste ist langwierig und Hülfe von etwa zugehörigen Factoreien nicht schnell zu erhalten. Allerdings haben sich öfter schon an wichtigen Punkten die verschiedenen dort etablirten Häuser zu Schutz und Trutz verbunden, und zwar mit gutem Erfolge; die Coalitionen jedoch, durch augenblickliche gemeinsame Gefahr hervorgerufen, wurden sehr bald wieder, durch Ueberwiegen der Einzelinteressen, illusorisch. Die Neger wissen recht wohl, was sie dem Einzelnen bieten können, und verfolgen ihren Vortheil mit einer grenzenlosen Unverschämtheit, und zwar in der beleidigendsten Form derselben: der Unverschämtheit der Feigheit. Eine angemessene Bestrafung wird ihnen fast nie zu Theil für ihre Uebergriffe, weil die Geschädigten nur selten gemeinsam, und dann nicht nachdrücklich genug vorgehen. Auch ist es schwierig genug, den Uebelthätern beizukommen, da sie im Nothfalle mit ihrer Habe die Dörfer verlassen und sich in den dichten Wäldern verbergen, von diesen aus aber und in den mit hohem Grase bestandenen Campinen den Angreifenden gefährlich werden. Ein Niederbrennen ihrer leeren Schilfhütten ist gar keine Strafe für Eingeborene, welche dieselben mit geringer Mühe schnell wieder erneuern können.

Der Wilde muß anders gefaßt werden. Er hat nur zwei wunde Punkte: seine Persönlichkeit und seine Existenzmittel. Wer nach den Ideen der Civilisation mit Menschen Krieg führen will, welche jene gar nicht würdigen können, sie nur als Schwäche ansehen, der wird stets im Nachtheile bleiben, bis er endlich auch die eisernen Gebote der Nothwendigkeit rücksichtslos durchführt.

Die Humanität ist eine schöne Doctrin, doch ihre Grundlage ist die Gerechtigkeit; wo diese in den allgemeinen Zuständen zu walten aufhört, da findet auch jene ihre praktischen Grenzen – und überdies sollte sie doch zunächst jene Partei begünstigen, welche die tüchtigste, für die Menschheit brauchbarste ist. Wem solche Lehrsätze allzuhart erscheinen, der möge bedenken, daß sie auf einem unerschütterlichen Naturgesetze beruhen, dessen ehernes Walten allgemein mit dem Schlagworte „Kampf um’s Dasein“ bezeichnet wird; er möge bedenken, wie viel Leben und Eigenthum an hiesiger Küste verloren wurde, wie viele schutzlose Factoreien überfallen, nach Ermordung der Weißen ausgeraubt und niedergebrannt wurden. Auch die deutsche Expedition hat früher, ehe sie sich zu ihrer jetzigen Macht entwickelte, Vieles zu leiden gehabt; wurde doch unter Anderem gerade heute vor einem Jahre unser Herr Lindner auf der Büffeljagd unweit Chinchoxo wenige Schritte von mir meuchlerisch angeschossen, obgleich einer der angesehensten und sicherlich einer der vortrefflichsten Häuptlinge der Küste unser Jagdgeber war.

Diese Zustände an der Loangoküste werden so bleiben, so lange nicht jeder schlechten That der Eingeborenen die Strafe auf dem Fuße folgt, und das kann erst geschehen, wenn dieser wichtige Küstenstrich nicht mehr herrenlos ist.

Besonders günstige Gelegenheit für Unternehmungen der Neger bietet der für den Handel wichtige Fluß Chiloango (Dschiloango) eine Wegstunde im Süden von Chinchoxo (Dschintschotscho). Bis einige Meilen oberhalb der Mündung liegen an diesem eine Reihe einzelner Handelshäuser, vorgeschobene Posten der Hauptfactoreien von Landana, ein halbes Stündchen südlich vom Flusse, an der Bai gleichen Namens. Da der Chiloango schmal ist und beide Ufer dicht bewaldet sind, wird er von den Bewohnern der umliegenden Gebiete vollständig beherrscht und als eine Art Schraube benutzt, um ebensowohl ihre schwarzen Brüder, die Producte aus dem Inneren herabführen, wie auch die Weißen nach Belieben auszupressen. Auf irgend welchen nichtigen Grund hin wird der Fluß von Bewaffneten durch querüber gezogene Seile gesperrt und die Verbindung mit den Factoreien gewaltsam unterbrochen; Boote und Canoes mit Gütern werden weggenommen, bis ihre Forderungen erfüllt sind. Schlau genug [349] operirt man gewöhnlich nur gegen einen oder einige Händler, sodaß andere sich momentan im Vortheile befinden, denselben ausnutzen wollen und keineswegs geneigt sind, mit den gerade Geschädigten gemeinsam vorzugehen. Ein hierzu verpflichtendes Bündniß besteht allerdings seit langer Zeit, aber nur auf dem Papiere. Unter solchen Umständen summirt sich natürlich die Rechnung der Neger am besten – sie sind stets die Gewinner.

Der Hauptanstifter solcher Streiche ist der Mataenda, ein Häuptling, welcher einen kleinen District mit mehreren theilweise großen Dörfern rings um Landana sein eigen nennt. Er und seine Anhänger haben die Nutzbarmachung der Weißen zu einem anerkennenswerthen System herangebildet, dessen letztes Mittel immer dasselbe bleibt: Flußsperre, bis Bezahlung erfolgt. Ist die Angelegenheit für die Neger wieder einmal befriedigend geordnet, der Fluß geöffnet, so taucht binnen Kurzem ein neues Palaner auf – für Gründe zu diesen sind Schwarze nie in Verlegenheit – welches nun vielleicht ein anderes Haus betrifft, und das alte Stück spielt sich wieder ab.

In Folge der ihnen wenig imponirenden Haltung der Händler wurden diese Flußpiraten im Laufe der Zeit unternehmender und übermüthiger. Endlich wagten sie es sogar, bei einem Geschäftsbesuche in Landana – am 9. December vorigen Jahres – einen Weißen in seinem eigenen Hause zu insultiren, indem sie einen Privateingang mit Gewalt zu öffnen suchten und, als der Besitzer ihnen das verwehren wollte, denselben beschimpften, in’s Gesicht schlugen, ihm die goldene Uhrkette abrissen, dann aber schleunigst entflohen, weil die Crumanos des Letzteren zu den Gewehren eilten, – die leider verschlossen waren.

Die Aufregung in Landana war eine große; man befürchtete sogar einen allgemeinen Angriff der Neger und zog von entfernten Factoreien so viel Bewaffnete wie möglich heran. Auch wir empfingen eine formelle Bitte um Hülfe und sagten unsere Mitwirkung zu, im Falle man nun endlich ernstlich gegen die Eingeborenen vorgehen wolle, um das Ansehen der Weißen hier nachhaltig zu heben. Wir sandten Raketen nach Landana und verabredeten Signale für den Fall der Noth. Unsere kleine Armee war mobil; eine für hiesige Verhältnisse furchtbare Macht, weil jederzeit schlagfertig und durch keinerlei Rücksichten behindert. Unsere kriegslustigen Leute spähten erwartungsvoll aus nach Landana und etablirten Nachts sogar eine Wache vor der Station, um ja die Signale rechtzeitig zu bemerken. Es geschah aber gar nichts von Seiten der Händler, und dieser unter den obwaltenden Umständen beispiellose Vorfall blieb ohne gebührende Vergeltung.

Natürlich wurde nun die Haltung der Neger noch herausfordernder; Landana befand sich in Belagerungszustand, in beständiger Furcht und Aufregung erhalten durch einen Haufen frechen Gesindels. Am 17. December wurden wir durch einen Gesandten im Namen aller übrigen Bewohner Landanas ersucht, am nächsten Tage mit unserer ganzen Macht dorthin zu kommen, da diese unerträglichen Zustände beendet werden sollten. Wir folgten bereitwillig dem Rufe und marschirten am nächsten Morgen ab, Herr Dr. Falkenstein, Herr Lindner und ich mit vierundzwanzig Mann. Herr Soyaux, welcher nach seiner langwierigen Krankheit noch der Schonung bedurfte, blieb mit dem Rest der Leute zum Betriebe der Station zurück. Am Strande flüchteten alle Fischer und Herumtreiber vor unserem stattlichen Zuge.

Unsere Crumanos, welche aus dem fernen Süden stammen und ebensowohl durch einen natürlichen kriegerischen Sinn und persönlichen Muth, wie auch, seitdem sie mit uns und unseren Zwecken vertrauter geworden sind, durch ruhiges Betragen, eine gewisse Gutmüthigkeit und Zuverlässigkeit sich vortheilhaft vor hiesigen Negern auszeichnen, – obgleich sie sonst wild genug und, wie sie gar nicht verhehlen, ganz reguläre Menschenfresser sind – besitzen auch eine ungewöhnliche musikalische Begabung und manche fesselnde eigenartige Melodieen. Eine der bemerkenswerthesten ist ihr Kriegsgesang, ein Wechselgesang von Solo und Chor, vielfach modulirt, je nach den gerade improvisirten Worten, dessen Hauptmotiv, aus unvermittelt auf einander folgenden Mollaccorden bestehend, einen wunderbaren, unter Umständen schauerlichen Eindruck macht, umsomehr als der Rhythmus ein seltsam zögernder ist; die Melodie, klagend und wild zugleich, ist so mächtig packend, daß sich Niemand ihrer Einwirkung entziehen kann. Unter den weitschallenden Klängen dieses Kriegsgesanges rückte die „Cannibalen-Armee“ in dem die deutschen Farben mit allen Flaggen begrüßenden Landana ein.

Hier war man keineswegs einig über die weiteren Schritte. Macht war genug vorhanden, aber der abgehaltene Kriegsrath ließ ihre Verwendung noch unentschieden. Ein wohlbekannter hoher Häuptling, der an den letzten Vorfällen nicht direct betheiligt war, hielt sich in einem nahen Dorfe auf; durch ihn sollte das Ultimatum den übrigen bekannt werden. Er folgte auch dem Rufe, brachte aber, trotz der dies als Friedensbruch ganz speciell verbietenden Verträge, einen Haufen Bewaffneter mit sich. Sein übriges Gefolge drängte ihm nach in das Berathungszimmer, besetzte ungenirt Stühle und Bänke und behielt, wie er selbst, mit herausfordernder Vermessenheit die Kopfbedeckungen auf. Dem Häuptling wurde in sehr bestimmter drohender Sprache mitgetheilt, er habe sofort Boten zum Mataenda zu senden, damit die Hauptschuldigen zur Aburtheilung ausgeliefert würden, andernfalls würden die Weißen mit Gewalt sich Genugthuung verschaffen und Krieg beginnen; er selbst mit den Seinen habe in L. zu bleiben, bis eine befriedigende Antwort einträfe. Der schlaue Neger wußte recht wohl, was er von diesen Bestimmungen zu halten habe. Gegen Abend, als natürlich keinerlei Antwort erfolgte, sagten die Internirten einfach: sie wünschten fort zu gehen, und sie gingen – man ließ sie gehen. Darauf wurde wieder Kriegsrath abgehalten, aber trotz der so bestimmt abgegebenen Drohungen behielten die selbstsüchtigen Handelsinteressen abermals den Sieg, und die Schwarzen triumphirten. Später erst wurde auch noch bekannt, daß zu derselben Zeit ein Händler schon wieder an sie bezahlt hatte, um sich ihre specielle Gunst zu sichern.

Nachdem wir so einige Tage nutzlos verloren hatten, kehrten wir nach Chinchoxo mit der Versicherung zurück, daß wir fernerhin nur dann zu Hülfe kommen würden, wenn Landana brenne oder wir den Kampf dort sehen könnten.

Nun wurden die Neger noch kühner als je zuvor. Eine Woche später war der Chiloango schon wieder gesperrt, aber nicht blos durch Seile, sondern durch eine regelrechte Stockade, auf lange Dauer berechnet und von vielen Bewaffneten geschützt. Ein leeres Boot, welches den Fluß hinauffuhr, wurde vom Mataenda mit der hohnvollen Bemerkung zurückgesandt: der Weiße könne doch nicht verlangen, daß er ein leeres Boot wegnehmen sollte, er möge doch wenigstens ein beladenes schicken!

Eine der Hauptfactoreien hatte schon vor einiger Zeit beschlossen, ihr Haus oben am Fluß zu schließen und die Güter aus demselben herunter zu schaffen. Am 3. Januar traf der kleine, sehr langsame Dampfer „Fanny“ ein, um dies zu bewerkstelligen. Am 5. Januar empfingen wir eine schriftliche Bitte, uns am andern Tage mit zwanzig Mann auf demselben einzuschiffen, da es auf dem Chiloango leicht zu Thätlichkeiten kommen könnte. Natürlich schlugen wir es ab, die Interessen eines einzelnen Hauses zu schützen.

Früh am 6. Januar dampfte die „Fanny“ über die Barre und den Chiloango hinauf. Der Besitzer derselben hatte einen angesehenen Neger, der zu den Uebelthätern gehörte, rufen und, als derselbe erschien, festnehmen und als Geisel an Bord bringen lassen. Als man aber oben am Hause angekommen war und ein großer Haufen von dessen Angehörigen, zum Theil bewaffnet, seine Freilassung verlangte, ließ man ihn auch laufen, statt mit Kartätschen unter die Sippschaft zu schießen. Hätten die Schwarzen nur einmal blutigen Ernst gesehen, so hätten sie nichts weiter zu thun gewagt, namentlich wenn man den Gefangenen später am Steuer festgebunden hätte. Am nächsten Tage waren die Güter an Bord der „Fanny“ untergebracht, und diese trat die Rückfahrt an. Hatten die Flußpiraten vorher die Verpfählung theilweise hinweggeräumt, so hatten sie dieselbe nun eilig um so fester geschlossen und glaubten ihrer werthvollen Beute ganz sicher zu sein. Längs der Ufer im Walde verborgen, theils hinter den Stämmen, theils oben in den Bäumen lauernd, begannen die unsichtbaren Feinde ein heftiges Feuer auf das kleine Schiff; glücklicherweise gelang es diesem nach einigem Arbeiten die Stockade zu durchbrechen. Hierbei wurde der Mann am Steuer durch einige Schüsse schwer verwundet [350] und das Fahrzeug lief in die Mangroven, wurde aber noch rechtzeitig freigemacht und kämpfte sich bis zur Flußmündung durch, wo es vor der dort befindlichen englischen Factorei in Sicherheit ankerte. Von den vier Weißen, welche sich an Bord befanden, war keiner verwundet, wohl aber sechs von der Schiffsmannschaft mehr oder weniger schwer, obgleich alle möglichst geschützt gewesen waren.

Eine spätere Besichtigung des Dampfers zeigte, wie heiß es hergegangen war. Er war mit Kugelspuren bedeckt; Taue waren zerschossen; Holz war zersplittert; das Sonnenzelt hing in Fetzen. Als ein Beweis, was Negergeschosse – gehämmerte Eisenkugeln, Nietköpfe, sonstige Metallstücke – leisten können, diene die Thatsache, daß die Bollwerke und Seiten des Fahrzeuges, aus mehr als viertelzölligem Eisen bestehend, an verschiedenen Stellen glatt durchschlagen waren; als Curiosum, daß ein anderes Geschoß, welches ein englisches Militärgewehr – Snider-rifle – von der Seite, einige Zoll unterhalb der Mündung traf, den Lauf nicht nur verbogen, sondern die starke Wand auch vollständig durchbohrt hatte. Dieses interessante Rohrstück befindet sich jetzt in meinem Besitz.

Wir empfingen die erste Kunde von diesen Vorgängen schon am Nachmittage durch die Kanonen der „Fanny“, die wir vom Fluß her hörten; nach Mittag wurden dann die Verwundeten gebracht, um, wie gewöhnlich, bei Herrn Dr. Falkenstein Hülfe zu finden. Die Einbringung derselben bewirkte natürlich einen großen Auflauf im Gehöft; Neger der Umgegend kamen in großer Menge herbeigeströmt; es war sehr auffallend, wie diese sonst so geräuschvollen Afrikaner kleinlaut waren als sie die stöhnenden Opfer sahen, an welchen der Arzt seine Kunst übte. Einige Stunde später erhielten wir von der englischen Factorei am Chiloango die hastig geschriebene Anzeige, daß die Neger im Begriff seien, Landana selbst anzugreifen. Bald darauf hörten wir plötzlich das wohlbekannte Gellen und Jauchzen unserer Leute, welche aus den Plantagen hereinströmten in wildem Kriegsjubel: in Landana wurde geschossen. Wirklich sahen wir auch dort die Rauchwölkchen an den Hügeln hängen und aus dem Gebüsch aufwirbeln; ein Kanonenschuß wurde abgefeuert, und das lange Stück weißen Zeuges flatterte an der Fahnenstange empor: das verabredete Nothsignal.

Die Aufregung, der Tumult in der Station war unbeschreiblich. Diese Menge ganz kriegstoller Leute, die ihre besten Kleider anlegten, die Gewehre an sich rissen und prüften, ihre Macheten – große, säbelähnliche Buschmesser – schnell noch einmal schärften, die dazwischen umherlaufenden Weiber, welche ihren Männern noch einzelne Gegenstände zutrugen, die vielen fremden Neger, welche angstvoll auseinander stoben und das Weite suchten, Rufe, Befehle, welche fast ungehört in dem allgemeinen Stimmengewirre verhallten, dieses Durcheinander von dunkeln Gestalten in ihrer entfesselten Wildheit, einzelne schon mit hochgeschwungenen Waffen den Kriegstanz beginnend – das war ein echt afrikanisches Bild. Und nun brach er wieder los mit seinen mächtigen Accorden, dieser erschütternde Kriegsgesang der Mbalundus, während die Leute, wie das ihre Art war, in geschlossener Masse sich um die deutsche Fahne, ihren „Kriegsfetisch“, schaarten. Die „Cannibalen-Armee“ war wieder einmal mobil. Nun ging es wie die wilde Jagd an dem wie ausgestorbenen Strande entlang; Boten über Boten trafen uns, zur höchsten Eile zu mahnen; ein Haus sei schon fast genommen, hieß es. Als wir den Chiloango erreichten, brach ein heftiges Gewitter los, und wir regneten in der englischen Factorei ein; nach kurzem Aufenthalte setzten wir jedoch in der Dunkelheit über den Fluß, zogen in vollem Regen ganz still nach und durch Landana und besetzten die Mission.

Auf diese war der Angriff der Neger zunächst gerichtet gewesen, obgleich dieselbe natürlich ganz außerhalb aller Streitigkeiten mit den Händlern steht. Die Angreifenden mochten geglaubt haben, die vier dort befindlichen frommen Herren und ihre wenigen zuverlässigen Leute würden sich aus der schutzlosen weitläufigen Besitzung leicht verjagen lassen, hatten sich aber sehr verrechnet, denn diese entwickelten eine Kriegstüchtigkeit, welche, wenigstens für den Augenblick, den Anschlag vereitelte. Auf der Mission wurde nun Kriegsrath gehalten. Selbst jetzt noch waren die Meinungen getheilt. Mancher hätte wohl gern nochmals in alter Weise mit den Negern unterhandelt, um wieder eine kurze trügerische Sicherheit zu erkaufen; zum Unglück lag der erfahrenste und tüchtigste Küstenmann tödtlich erkrankt an schwerem Fieber; erst früh zwei Uhr wurde der einstimmige Beschluß erlangt, Gleiches mit Gleichem zu vergelten, einem neuen Angriffe zuvorzukommen und bei Tagesgrauen selbst anzugreifen.

Zur festgesetzten Zeit versammelte sich die für die Offensive bestimmte Macht auf der Mission, zehn Weiße und achtundneunzig Crumanos. Letztere trugen als Erkennungszeichen je ein Stück rothes Zeug um den Kopf. Während unsere Leute nur Vorderlader, schwere Militärgewehre, führten und pro Mann nur fünfzehn Patronen hatten – mehr wollten sie gar nicht; das sei genug für einen Krieg –, waren die übrigen Crumanos größtentheils mit vortrefflichen, leichten englischen Rückladern bewaffnet und besaßen Jeder die vier- bis sechsfache Anzahl scharfer Patronen. Bei ihrer Art der Kriegführung waren solche Massen von Munition auch nothwendig. Der beschlossene Angriffsplan, nach welchem wir zunächst die am weitesten landein liegenden Dörfer und dann die übrigen nach der See zu angreifen wollten, wurde geändert, als es hieß, daß auf den Hügeln Bewaffnete von dem nächsten Dorfe, Levula, uns beobachteten. Nachdem das Nöthigste geordnet und namentlich Allen eingeschärft war, sich sofort zu sammeln und das Feuern einzustellen, sobald Herr Lindner auf einem Signalhorne blasen würde, übernahmen wir, mit zwei der streitbarsten Herren von der Mission und unseren Leuten, die Führung, schärften denselben ein, möglichst viele Gefangene zu machen, und rückten aus.

[365] Die Mission und die Factoreien von Landana liegen am Nordabhange des etwa dreihundert Fuß hohen gleichnamigen Vorlandes, welches nach Westen schroff in das Meer hinaustritt. Dicht an dem jenseitigen Steilabsturze desselben, eine halbe Stunde entfernt, hinter einem dichten Gürtel von Buschwald, zehn bis fünfzehn Fuß hohem schilfartigem Grase, und unterbrochen von Streifen üppigen Mandioc und Mais, liegt wie hinter einem vortrefflich schützenden Wall, durch den ein einziger Pfad führt, das Dorf Levula. Dasselbe hat einen sehr bösen Ruf; seine Bewohner aber erhielten für alle an den Weißen ausgeübten Schlechtigkeiten noch niemals eine erhebliche Züchtigung, nur die von den Flüchtigen geräumten Hütten wurden vor Jahren schon mehrmals verbrannt.

In langer Reihe, Einer hinter dem Andern, zogen wir auf dem schmalen Negersteige, zwischen hohem, nassem Grase und krausem Gebüsche hügelan, unser schöner pommerscher Schäferhund, der unverwüstliche „Tyras“, immer mit voran. Auf dem Plateau dehnte sich eine freiere, mit kürzeren Gräsern bestandene Hügelcampine aus, von Wäldern umrahmt, von einzelnen Baum- und Buschgruppen unterbrochen, das Ganze wie verjüngt vom Regen und duftig schimmernd in den ersten Strahlen der Sonne. Einzelne Nebelstreifen hingen noch in geschützten Waldwinkeln, oder zogen leise mit der Landbrise zum Meere hin, dessen dunkle Fläche nach Westen sich ausbreitete. Hinter uns lag das Thal Chiloango mit seinen Lagunen und noch nebelverhüllten Mangrove-Wäldern; von jenseit derselben grüßten die sanft gerundeten bräunlichen Hügel von Chinchoxo herüber. Vor uns lagen die Dickungen von Levula. Es war ein köstlicher, erfrischender afrikanischer Morgen; die Vögel sangen und zwitscherten rings umher; fern, aus der Tiefe herauf, drang das dumpfe Grollen der Brandung.

Sobald wir die Höhe, das feindliche Gebiet, erreichten, entwickelten unsere Leute ihre taktischen Fähigkeiten, die so recht zeigten, wie geübt sie im Buschkriege waren. Anstatt ruhig hinter uns in der Reihe zu bleiben, brach die größere Hälfte derselben nach beiden Seiten aus und zog in breiter Front über die Campine, mit schußfertigem Gewehre hier- und dorthin huschend, jeden Busch, jede Baumgruppe, jeden dichten Grasfleck untersuchend, an den Waldrändern hinschleichend, verschwindend, wiedererscheinend, lautlos sich mit einander verständigend; es konnten ja überall Feinde verborgen sein, da man vor Kurzem dort Bewaffnete gesehen haben wollte. Die auf dem Fußsteig gebliebenen Krieger rückten enger an uns auf; dadurch aber, und durch das frühere Ausbrechen der Plänkler, wurde in der langen Reihe die Lücke, welche unsere Truppe von den Nachfolgenden trennte, immer weiter, und je näher wir dem gefährlichen ausgedehnten Pflanzenwall kamen, um so größer wurde der Zwischenraum.

Zum Warten hatten wir keine Zeit; unsere Spürer waren bereits bis an die Dickungen hinan; einzelne tauchten schon in diese hinein, und wir mußten schneller marschiren, um nur in Front zu bleiben. Nun führte auch uns der schmale, vielgewundene Pfad in die hohen verfilzten Gras- und Buschmassen mit ihrer dunstigen, erdrückenden Atmosphäre; von rechts und links kam zuweilen ein leises Rauschen und Knacken, wo die Plänkler sich entlang wandten. Ein schmales Mandiocfeld ließ uns hier und dort eine der dunkeln Gestalten erkennen; dann folgten wieder hohe Grasbestände und dichtes Gebüsch. Der Feind konnte dicht vor uns, sogar neben uns verborgen sein; es war nicht möglich weiter zu sehen, als man das Gewehr strecken konnte. Unsere Leute schienen jedoch die Nähe des Dorfes mit dem Instinct der Wilden zu fühlen; die hinter uns befindlichen huschten seitwärts an uns vorbei – die Rangordnung wurde nicht mehr beachtet; wie die Katzen glitten sie auf dem Pfade vor uns, neben uns, zwischen den Gewächsen entlang; gebückt, schußfertig, immer schneller drängte Jeder nach vorn. Endlich ging es in vollem Anlaufe gegen den noch unsichtbaren Feind.

Plötzlich ein Schuß, dann mehrere rechts und links. Hell klingt dazwischen das scharfe Gebell des braven Tyras, dann eine rollende Salve – Pulverrauch umgiebt uns; wir sind im Dorfe. Herr Dr. Falkenstein und Herr Lindner laufen nach rechts, die streitbaren Missionäre nach der Mitte, ich nach links. Gellen, Jauchzen, Brüllen ringsum. Es herrscht ein entsetzlicher Tumult, ein verwirrender Lärm. Schüsse krachen zwischen den Hütten, vom Walde herüber; einer unserer Besten, der immer freundliche Tona, bricht wenige Schritte vor mir zusammen, dicht über dem Herzen tödtlich getroffen. Mit der Machete in der Faust, rasen unsere Leute zwischen den Schilfhütten umher, an Wänden und Dächern zerrend, das Innere durchsuchend. Wo Andere noch die Fliehenden verfolgen, im Dickicht drüben, am anderen Ende des Dorfes, knattert und knallt es noch; deutlich unterscheidet das Ohr den dumpfen Krach der Steinschloßflinten von dem scharfen Schlag unserer Gewehre. Aus einer Hütte flieht ein schlankes hübsches Mädchen hervor; ein paar Sprünge, ein rascher Griff sichert mir die Zitternde als Gefangene; mit seltener Geistesgegenwart hat sie ihren kostbaren Schmuck von Edelkorallen und blanken Münzen vom Halse gerissen und sucht ihn vor den Plünderern im geballten Händchen zu verbergen. In furchtbarer Angst vor den wilden Kriegern schmiegt sie sich weinend und klagend an den weißen Mann.

Unterdessen waren noch einige Weiße mit ein paar Crumanos bis zum Dorfeingang gekommen; die Uebrigen warteten draußen auf der Campine. Das Feuern hatte aufgehört; die Unseren suchten nach Beute. Noch eine Frau und ein Knabe wurden als Gefangene gebracht; zwei Andere zeigten stolz die todten Feinden abgenommenen Gewehre. Zwischen den nächsten Hütten lag einer derselben, weiterhin ein zweiter, am jenseitigen Waldrand ein dritter. Im Dickicht drüben sollten noch mehrere liegen. Unsere Leute umtanzten die Gefallenen im Dorfe mit wilden Geberden – der Kriegsgesang hallte weithin durch die Morgenluft; sie streiften mit den Fingern das Blut von den todten Feinden und aßen es; Andere beugten sich nieder und sogen es sogar direct von den Wunden; dies ist ihr Landesgebrauch, doch gehorchten sie sofort dem Verbote.

Die später gekommenen Weißen riefen nun, es wäre Zeit abzuziehen, der Feind käme zurück, wir würden im Dickicht erschossen werden. Sie marschirten auch, bis auf Einen, fort, und begannen zugleich rechts und links ziellos in die Büsche zu knallen; ihre Crumanos auf dem Pferde thaten desgleichen mit ihren Rückladern, und auch die Helden in der Campine nahmen das Feuern auf. Da der Pfad so vielfach gewunden war und die Abziehenden einfach seitwärts feuerten, verirrten viele Kugeln sich in das Dorf und wurden besonders meinen Cameraden am anderen Ende gefährlich. Von der Campine draußen wurde [366] auch meistens nach uns zu geschossen. Nun kamen die Genossen herbei. Die Leute sammelten sich; Herr Lindner blies und blies auf seiner Trompete, aber das Schießen dauerte fort. Die Kugeln pfiffen über uns hinweg, klatschten durch die Hütten, schnitten durch das hohe Gras, splitterten die spröden Stangen des Mandioc; ein glücklicher Zufall beschützte uns alle vor den bleiernen Feindesgrüßen, nur ein Gewehr wurde durch eine anschlagende Kugel untauglich gemacht. Nun wurde es uns doch zu warm im Dorfe; die Leute wurden unruhig, wüthend über diese Art der Kriegführung, die den Freunden viel gefährlicher war als den Feinden. An ein Verwüsten der Plantagen konnten wir nicht mehr denken, nur die Hütten wurden noch angezündet und unser Todter in die erbeutete Tipoja des Dorfherrn gelegt, dann zogen wir ab. Draußen auf der freien Campine aber fanden wir unsere Verbündeten in einem großen Haufen beisammen stehend, ladend und ziel- und zwecklos nach allen Richtungen schießend, – einzelne Kugeln waren bis nach Landana geflogen – die Gewehre einfach von der Hütte abfeuernd. Das ist die gebräuchliche Art des Negerkrieges.

Levula hatte eine schwere Züchtigung erhalten. Obgleich die Schwarzen ihre Verluste gut zu verheimlichen wissen, wurde doch später bekannt, daß sie außer den drei Todten noch mehrere schwer und eine Anzahl leicht Verwundeter hatten. Dem berüchtigten Dorfherrn selbst sollte der Arm zerschossen sein. Unsere Leute hatten nicht nur seine Tipoja erbeutet, sondern auch den Kriegsschmuck des „Mankaka“ (Anführer), zwei Gewehre, mancherlei Fetisch- und Zauberkram. Auf dem Kopfe, in die Kleidung eingebunden, am Gürtel baumelnd, schleppten sie den ganzen Reichthum des Dorfes mit sich: Zeuge, Matten, Schüsseln, Teller, Töpfe, Säbel, Messer, Hühner, Enten, Spiegel, Fackeln etc.; sie hatten gründlich aufgeräumt.

Wir gingen nun den alten Pfad ein Stück zurück, sandten unseren Gefallenen und die Gefangenen nach den Factoreien hinunter und bogen dann rechts ab, nach dem nächsten Dorfe. Die Crumanos von Landana verweigerten aber auf diesem Wege zu folgen; er sei zu gefährlich, es solle ein anderer benutzt werden. Unser Todter hatte ihnen Grauen eingeflößt; auch waren sie demoralisirt durch die Haltung eines Weißen, welcher, sobald das Schießen begann, Krankheit vorschützend, nach Hause zurückgekehrt war, sich fünf der Seinen zur Deckung des Rückzuges mitnehmend. Wir schlugen nun den anderen Weg ein, der wieder nach der Mission und dann hügelan führte; langsam folgten die Uebrigen. Jenseits eines kleinen Thales lag das Dorf Dschimbumbu; die Bewohner waren schon auf ihrer Hut; wir hörten sie sprechen, rufen. Eine allgemeine Salve wurde gegeben; die Unseren stimmten den Kriegsgesang an und liefen den Hang hinab. Unsere Verbündeten blieben oben auf dem Hügel und lagerten sich sogar, wahrscheinlich um recht behaglich zuzuschauen, wie wir mit ihren Feinden anbinden würden. Wir winkten, riefen, sandten Boten hinauf; vergeblich: sie weigerten sich ganz einfach, weiter zu gehen. Wir hatten trotzdem gute Lust, das ziemlich freiliegende Dorf zu nehmen, doch wollten wir nicht allein zu Gunsten jener uns und die Unseren in Gefahr bringen; sicherlich hätten die Freunde auch wieder zwischen uns geschossen, sobald das Feuern begann; so kehrten wir denn klug um, rückten in die Mission ein und begnügten uns damit, diese zu schützen.

Gegen Abend, nachdem wir unsern Todten mit allen Ehren begraben hatten, kam uns die Nachricht von Landana, die Neger hätten ihre Macht, einige Hundert Bewaffnete, aufgeboten und würden in der Dunkelheit einen Ueberfall ausführen. Obgleich es nun hier ihre Art nicht ist, Nachts zu kämpfen, war ein Angriff doch denkbar, und wir trafen unsere Maßregeln.

Die Mission, eine große schöne Besitzung, liegt in einer flachen Thalmulde; Plantagen von vielartigen Feldfrüchten wechseln ab mit schönen Blumengruppen, Ziersträuchern, vortrefflichen Fruchtbäumen, zum Theil aus verschiedenen Welttheilen importirt, so daß das Ganze parkähnlich, wie ein botanischer Garten erscheint. Zum kleinsten Theil von freien Campinen umgeben, im Uebrigen von Buschwald allzudicht umschlossen, scheint sie unter Voraussetzung dauernd friedlicher Zustände geplant zu sein. In den Anlagen vertheilt liegen verschiedene schmucke Holzhäuser, die Einzelwohnungen der frommen Herren.

Alle diese exponirten Häuser wurden nun für die Nacht verlassen und die Weißen an zwei Punkten zusammengezogen: die Missionäre nebst Herrn Lindner quartierten sich in dem großen Holzgebäude ein, in welchem der Kirchensaal, das Eßzimmer und die Wohnung des Oberen sich befand, Herr Dr. Falkenstein und ich in einem circa hundert Schritt davonliegenden Gebäude, welches ein oberes Stockwerk nebst Veranda besaß, von welcher aus wir die ganze Ansiedlung, sogar die ganze Thalmulde bis zu den Hügelkronen mit unseren Rückladern beherrschen; unter uns, in einem sonst als Magazin benutzten Raume, befanden sich unsere Leute. Wir verzehrten, mit den Gewehren neben uns, unser Abendbrod und aßen tüchtig, trotz der Möglichkeit, daß jeden Augenblick Kugeln durch das Gitterwerk des luftigen Raumes hereinfahren konnten, da die brennenden Lampen uns trefflich für einen vielleicht im nahen Gebüsch heranschleichenden Feind beleuchteten. Wir mußten uns auf die Tüchtigkeit unserer Leute verlassen, welche größtentheils schon seit Einbrechen der Dunkelheit zu Zweien und Dreien an umsichtig gewählten Punkten verborgen lagen.

Nach Tisch, beim Thee besprachen wir die Ereignisse des Tages und planten weitere Operationen – da fiel plötzlich ein Schuß drüben in den Plantagen, dann mehrere; während wir hinauseilten, begann das Feuern auch auf der andern Seite, dann ringsum und wurde außerordentlich lebhaft. In der Finsterniß, noch geblendet vom Licht, sahen wir nur das Aufblitzen der Schüsse, konnten aber nicht unterscheiden, wo Freund, wo Feind sich hielt, und mußten uns begnügen, eine Anzahl Kugeln in die nächsten Buschmassen und nach den Hügelhängen zu senden, um durch möglichst großen Lärm die Angreifer von unserer Bereitschaft zu überzeugen. Das Schießen hörte sehr bald wieder auf; die Gefahr war vorüber. Von Landana kamen Hülfstruppen in vollem Laufe heran, wir aber ersuchten sie, fernerhin ruhig dort zu bleiben, so lange nicht die große Glocke der Mission sie riefe, wir würden vorläufig uns halten können; in Wahrheit fürchteten wir bei einem Nachtgefecht die Kugeln unserer Freunde am allermeisten.

Da eine Wiederkehr des Feindes kaum zu erwarten war, wir aber alle große Müdigkeit fühlten, suchte, nachdem die nöthigen Wachen ausgestellt worden waren, bald Jeder sein Lager auf. Nach Mitternacht entstand plötzlich unter uns, wo unsere Leute schliefen, ein außerordentlicher Tumult, ein Stampfen und Poltern, als ob ein Kampf, Mann gegen Mann, begonnen hätte. Im Nu waren wir aus den Betten. Mein Gefährte sprang, fast unbekleidet, mit einem Revolver hinaus auf die Veranda in die feuchte Nachtluft; voller Mondschein lag über der schönen Landschaft; unter uns war alles verhüllt – dicke schwere Nebelschwaden brüteten über dem Boden. Wir hörten nun die Leute nach dem Kirchenhause hinüber laufen, wo einige Schüsse fielen; ein paar unregelmäßige Salven folgten, dann wurde es wieder still. Hinter einem Erdabstich und sonstigen Deckungen verborgen, fanden wir die Unseren den nahen Waldrand beobachtend, von welchem aus nochmals einige Schüsse gefallen waren. Unter solchen Umständen fanden wir für den Rest der Nacht nur wenig Ruhe und wurden von den Moskiten bös zerstochen.

Am nächsten Tage richteten wir die Mission zur bequemeren Vertheidigung ein. Fässer wurden von Landana heraufgerollt und zu Verschanzungen verwandt, auch drei Kanonen holten wir herbei und brachten sie in Position. Die allzunahen Dickungen wurden abgeräumt, die Campinen niedergebrannt und geschnitten, einzelne hinderliche Bäume ihrer Kronen beraubt, Distanzen abgeschritten und endlich unseren Leuten eingeschärft, bei einem nächtlichen Kampf den freien Platz in unserer nächsten Umgebung nie zu überschreiten, damit wir, von unserer alles beherrschenden Veranda aus, die jenseits aufblitzenden Schüsse zu Zielpunkten nehmen konnten.

Kriegsberichte gingen nach Chinchoxo; Friedensberichte kamen zurück nebst weiteren Patronen und einer Anzahl Rücklader zur bessern Bewaffnung der streitbaren Herren Missionäre. Unsere Kriegsthaten waren sofort bekannt geworden; die Neger der Umgegend waren darauf zur Station gekommen und hatten sich erboten, einen Cordon von Wachen ringsum aufzustellen; als Herr Soyaux das für unnöthig hielt, hatten sie noch versichert, daß bei der geringsten Gefahr die ganze Streitmacht der Umgegend zum Schutze da sein werde. Wie anders hätten die Schwarzen früher gehandelt! Jetzt aber fürchteten sie uns und [367] wußten, daß sie für jede auf ihrem Gebiete verübte That verantwortlich gemacht werden würden.

Die Energie von Landana war erschöpft; man dachte dort gar nicht mehr an die Offensive und war ja außerdem frei von jeder Gefahr, so lange wir die Mission hielten. In der zweiten Nacht wiederholten sich die Vorgänge der ersten in noch stärkerm Maße; das Gewehrfeuer stieg mehrere Male zu außerordentlicher Heftigkeit und rollte wie ferner Donner über das Chiloangothal hin, blieb aber, wie gewöhnlich beim nächtlichen Buschkriege, nur ein abschreckender Lärm. Tags darauf rückten wir mit den Unseren aus, brannten jenseits der Hügel unbequeme Campinen nieder und bedrohten die Dörfer. Da wir die allerdings sehr großen Entfernungen ziemlich genau kannten, schossen wir mit unseren Rückladern hinüber und erfüllten die Bewohner mit neuem Entsetzen vor unseren weitfliegenden Kugeln. Um den Schrecken vor uns zu steigern, beabsichtigten wir auch ein Geschütz mit uns über die Hügel zu schleppen, mit Vollgeschossen und Kartätschen die Ortschaften zu bedrängen, Raketen hineinzuwerfen und den Feind Tag und Nacht in beständiger Angst zu erhalten. Wir brauchten jedoch diese Mittel gar nicht mehr anzuwenden. Um unsere Nachtruhe zu sichern, hatten wir verkünden lassen, sobald die Mission noch einmal belästigt würde, würden wir allein die Dörfer attaquiren und sie wie Levula behandeln. Das wirkte vortrefflich; wir schliefen wenigstens fortan ungestört.

Von Landana hatte man unterdessen an die großen Etablissements am Congo berichtet und Hülfsmannschaften erbeten, um den Krieg energischer weiter zu führen. Da wir aber die Sache schnell beendet sehen wollten und um ganz sicher zu gehen, erbot sich der Obere der Mission, mit dem Dampfer „Fanny“ hinzureisen, persönlich für uns zu wirken und namentlich ein Kriegsschiff zu rufen. Ein von allen Weißen unterzeichnetes Schreiben an die Befehlshaber englischer Kreuzer wurde abgefaßt und die „Fanny“ requirirt. Da der Ingenieur derselben am Fieber niederlag, führte unser Herr Lindner an seiner Stelle das Fahrzeug nach Banana. Unterdessen durchstreiften unsere Leute weithin die Umgegend; sie hatten großes Vergnügen daran, die Feinde zu ängstigen und hier und dort einige einzufangen; sie führten ihre Streiche mit großer Gewandtheit durch. Sehr zu statten kam ihnen dabei die wahrhaft lächerliche Furcht vor ihrem Cannibalismus, über welchen die haarsträubendsten Geschichten erzählt und geglaubt wurden. Einige der tollsten Burschen, namentlich unser bester Jäger, im Busche erfahren wie kein Anderer und ein Riese von Gestalt, wußte durch mancherlei im Feindesgebiete ausgeübte Streiche das Entsetzen zu erhöhen. In der letzten Zeit brachte er fast täglich Gefangene ein.

Die Feinde konnten natürlich am Strande von Landana nicht mehr fischen, die Weiber nichts mehr dorthin zu Markte bringen; der Rum war längst zu Ende, die Furcht vor uns im stetem Wachsen; kein Wunder, daß in Folge dessen große Unzufriedenheit über Mataenda unter den Seinen herrschte. Noch aber konnten diese drüben am Strande unterhalb Levula fischen. Unser Vorschlag, mit Booten das Vorland zu umfahren, alle Netze und Canoes zu nehmen und zu zerstören, um den Negern noch fühlbarer zu machen, ein wie böses Ding der Krieg sei, fand nur theilweise die lebhafteste Unterstützung. Verschiedene Stimmen waren dagegen; das Friedenspalaner würde nur um so länger verzögert, es müßte dann nur noch mehr bezahlt werden. Man dachte also schon gar nicht mehr an ein nachdrückliches Vorgehen.

Unsere Anwesenheit in Chinchoxo war sehr nöthig, da ein Theil unserer Felder abgeerntet und neu besäet werden mußte. Zum Schutze der Mission genügte auch die Hälfte unserer Leute. Gänzlich konnten wir sie nicht verlassen, da sie sonst sofort der Rache der Neger anheim gefallen wäre. So zog denn Herr Dr. Falkenstein nach der Station; ich blieb mit zwanzig Mann zurück.

Endlich kamen auch der Herr Obere und Herr Lindner vom Congo zurück. Das englische Kriegsschiff konnte erst nach einer Woche erscheinen, da es zunächst wieder zum Schutze der Factoreien von Ambriselle, wo auch Negerunruhen ausgebrochen waren, zurückzukehren hatte; von den großen Centralfactoreien, für deren Eigenthum wir so bereitwillig eingetreten waren, brachten sie uns nichts als einen höflichen Dank, ein hübsches zweipfündiges Feldgeschütz und glänzende Versprechungen. Augenblickliche Handelsinteressen behielten die Oberhand; Jeder gedachte seinen Concurrenten auszumanövriren. Die ganze Angelegenheit endete in der schon Eingangs geschilderten Weise.

Herr Dr. Falkenstein löste mich unterdessen von meinem Posten ab, da er seinen Aufenthalt durch Photographiren vieler und neuer Pflanzentypen und Landschaften vortrefflich ausnutzen konnte, und ich kehrte mit einem weiteren Theile der Krieger nach Chinchoxo zurück. Die Neger zeigten sich geneigt, zu unterhandeln, sie verlangten aber, die Weißen sollten zu diesem Zwecke in einem zu wählenden Dorfe erscheinen, sie selbst könnten nicht nach Landana kommen. Da sie späterhin als Grund hierfür die Furcht vor dem noch anwesenden Rest der „Cannibalen-Armee“ angaben, benutzte Herr Dr. Falkenstein diese willkommene Gelegenheit, um unter Zustimmung sämmtlicher Weißen am 1. Februar nach der Station zurückzukehren, nachdem durch Botschaft an Mataenda die Mission fernerhin für unverletzlich und unter unserem besonderen Schutze stehend erklärt worden war.

Die Mission ist vorläufig sicher, um so mehr, da jede Stunde ein französisches Kriegsschiff vom Gabun eintreffen muß, welches zu ihrem Schutze hier ankern wird. Wie es den Handelshäusern in Landana und am Fluß noch ergehen wird, ist nicht abzusehen. Die Neger sind wieder so drohend wie je vorher; vorläufig haben die Unterhandlungen noch nicht begonnen, um aber ihren Vortheil nach Kräften zu wahren, haben sie einstweilen wieder den Chiloango gesperrt.

  1. Loango-Expedition“ nennt die deutsche „Afrikanische Gesellschaft“ die Unternehmung, durch welche sie einen etwa siebenzigtausend Geviertmeilen großen Theil Afrikas südlich vom Aequator der Forschung erschließen will. Zu diesem Behufe sandte die Gesellschaft, die ihren Sitz in Berlin hat, im Mai 1873 den Dr. Güßfeldt; den Geologen Dr. Lenz und den Major von Homeyer an die Loangoküste, von wo aus diese drei Männer, unter Güßfeldt’s Oberleitung, in drei Abtheilungen in das Innere aufbrechen sollten, und zwar Dr. Lenz am Ogowe hin, Major Homeyer von Angola und Güßfeldt selbst von Chinchoxo aus, wo für die Expedition eine feste Station eingerichtet und erhalten worden war. Den genannten Reisenden gesellten sich im März des folgenden Jahres noch der Arzt Dr. Falkenstein, der Mechaniker Lindner, der Botaniker Soyaux und der den Lesern der „Gartenlaube“ schon durch seine Forschungen über den Wal und den Fang desselben, bei welchem letzteren er selbst einige Jahre thätig war, bekannte Dr. Pechuel-Loesche aus Leipzig zu. Leider stellten gerade dem von Güßfeldt geführten Zuge sich die größten Hindernisse entgegen, denn während die beiden anderen Führer glücklich vorwärts kamen, hatte jener erst unbeschreibliche Schwierigkeiten bei dem Aufbringen der vielen nöthigen Träger zu überwinden, dann brach unter den Eingeborenen eine Blattern-Epidemie aus; es starb der einflußreichste Gönner des Unternehmens im Lande, und als endlich dies Alles überwunden schien, ergriffen im Augenblicke des Aufbruchs der Expedition die Träger bis auf den letzten Mann die Flucht. Zwar wußte Güßfeldt sich andere Träger zu verschaffen, und es gelang ihm, am Quillu bis zu den vorher noch unerreichten Katarakten von Bumina vorzudringen, aber die Feindseligkeit der dortigen Negerstämme äußerte sich in so bedenklicher Weise, daß auf Güßfeldt’s persönliche Berichterstattung vor einer Versammlung der Delegirten und des Vorstandes der Gesellschaft am 3. October 1875 in Berlin der Beschluß gefaßt wurde, die Station Chinchoxo aufzuheben und die Reisenden zurückzuberufen. Doch ist damit nicht das ganze Unternehmen aufgegeben, sondern es soll mit erneuten Kräften eine Expedition am rechten Ufer des Congo entlang versucht werden. Für die Erhaltung der Station Chinchoxo sind mit großem Eifer Dr. Falkenstein und Pechuel-Loesche aufgetreten, denen dieselbe manche neue Schöpfung und Verbesserung zu verdanken hat. Wie auch hierüber entschieden werden möge, immer werden unsere Leser einen Bericht Pechuel-Loesche’s aus jener deutschen Station in Afrika mit Theilnahme entgegennehmen. Wer sich genauer über die ganze Angelegenheit unterrichten will, den verweisen wir auf das „Correspondenzblatt der Afrikanischen Gesellschaft, herausgegeben im Auftrage des Vorstandes von Professor Dr. R. Hartmann“ in Berlin.
    D. Red.