Die drei ersten Jahre des Kindes

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Titel: Die drei ersten Jahre des Kindes
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aus: Die Gartenlaube, Heft 49, S. 822–824
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1875
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Die drei ersten Jahre des Kindes.[1]


Es ist eine alte Wahrheit, daß die größten Wunder täglich vor unseren Augen stehen und geschehen, ohne daß wir es gewahr werden, eben weil sie täglich sich wiederholen und erneuen. Von diesen Wundern ist das herrlichste das Kind und seine körperliche und geistige Entwickelung. Wird die Reihe von Erscheinungen, die das Kind uns zeigt von seinem ersten Schrei bis zu seinem ersten Schritte, wirklich so beobachtet, so gewürdigt und mit Geist und Herzen so genossen, wie sie es verdient? Sind nicht selbst der Eltern, welche dem erwachenden Leben des Kindes eine solche Aufmerksamkeit widmen, leider nur gar zu wenige? – und wie viele Tausende gehen kalt und theilnahmlos an der ganzen Kinderwelt vorüber! Das könnte in der That zu traurigen Betrachtungen führen über Wirklichkeit und Wirkung der sogenannten Bildung unseres Zeitalters, wenn wir es nicht vorziehen dürften, unsere Leser auf ein Werkchen hinzuweisen, welches Alle, denen die Fähigkeit nicht abgeht, sich des schönsten Wunders mitzufreuen, in die lauschigen Räume führt, wo sie das Kind vom ersten Athemzuge vor sich sehen, Tag um Tag das körperliche Gedeihen, das langsame Entfalten der Sinneskräfte, das allmähliche Erwachen des Geistes und seiner tastenden Regungen beobachten und an der Hand eines sinnigen Vaters Blicke werfen nach all den Strahlen des Geistes- und Herzenslebens hin, welche aus der Familienumgebung bei des Kindes Wiege zusammentreffen, denn das Kind bleibt vom ersten Hauche an der Mittelpunkt aller Freudenstrahlen und aller Sorgenschatten des Hauses, das mit ihm gesegnet ist.

Da wir aber den Inhalt dieses Werkchens gewissenhaftest beobachtender Vaterliebe nicht besser zusammenfassen können, als es dem Verfasser in dem Vorworte zu demselben gelungen ist, so wollen wir dieses unseren Lesern unverkürzt mittheilen:

„Es ist dem Verfasser dieses Tagebuches erst in späteren Jahren möglich geworden, eine Familie zu gründen. Schon von früh auf mit den großen Problemen des Daseins beschäftigt, war er in den letzten Jahren vor seiner Verheirathung durch das jüngste Auftreten des Materialismus auf’s Neue angeregt worden, dem Welträthsel nachzuforschen. Er leugnete die Realität des Stoffes nicht, aber er fragte sich: Ist der Geist, dessen Erscheinen und Wirken unverkennbar, nicht etwas ebenso Wirkliches wie der Stoff? Wenn der letztere auf zeitliche und räumliche Unendlichkeit Anspruch macht, er, der doch nur unbewußt natürlichen Gesetzen folgt, um wie vielmehr darf dies nicht der Geist, der mit Freiheit und Bewußtsein wirkt?

Als dem Verfasser nun ein Kind geboren wurde, kam ihm ganz natürlich der Gedanke, in dem jungen Wesen dem Erwachen des Geistes nachzugehen, in der Hoffnung, auf diesem Wege der Lösung des Räthsels auf die Spur zu kommen. Er schrieb daher, womöglich, Tag für Tag seine Beobachtungen nieder. Unwillkürlich aber gruppirten sich um dieselben andere Scenen, Bilder des Familienlebens, Erinnerungen vergangener Zeit, Schilderungen der Natur, gesellschaftliche und andere Eindrücke. So gestaltete sich das Tagebuch zu einem vollständigen Gemälde der ersten Kindheit von der frühesten Entwickelung an bis dahin, wo das Kind den ersten Schritt zur Trennung von den Eltern thut, den Gang in die Schule.

Der Verfasser hat geglaubt, daß die Mittheilung dieses Tagebuches auch auf Andere anregend einwirken könne, und übergiebt es daher mit einigen Kürzungen der Oeffentlichkeit. Er [823] glaubt, daß die darin enthaltenen Erlebnisse und Empfindungen so allgemein menschlicher Art sind, daß sie ein jeder Andere erlebt und empfunden haben kann. Nicht Jeder aber hat die Muße, sich dieselben klar zu machen; wie Viele auch gehen an den Schätzen des häuslichen Lebens vorüber, ohne sie nur zu ahnen!

Dazu kommt, daß die Entwickelung des Kindes, wie sie der Verfasser geschildert, eine natürlich regelmäßige war. Die Kinder, die er später das Glück gehabt hat zu erhalten, hatten mit so viel Schwierigkeiten in ihrem Aufkommen und Wachsthum zu kämpfen, daß die Beobachtung des Denkers der Sicherheit entbehrt hätte und die sonstigen Erlebnisse von einem zu privaten Charakter gewesen wären. Bei wie viel Tausenden ist dies nicht auch der Fall! Um so leichter wird der Leser dem Lebensgange folgen, wie er ihm hier geboten wird, wo nichts zu Persönliches sich in die Schilderung eindrängt. Er wird trotzdem dabei die ganze Stufenleiter der Gefühle durchlaufen und in dem engen Rahmen der Häuslichkeit ein Abbild von dem Streben und Ringen der Welt wiederfinden.

Ich widme dies Buch allen Denkern. Der Philosoph, der Geschichtschreiber, der Sprachforscher, sie Alle wissen oft nicht, wie anregend, wie belehrend die Beobachtung des zarten Kindes ist; den Uranfängen der Menschheit glaubte ich oft beizuwohnen, wenn ich sah, wie das Kind sich in unsere Civilisation erst hineinzuleben hatte. In den späteren Jahren ist das Kind schon ganz mit unseren Zuständen verwachsen, ganz ein Glied unserer Gesellschaft, das deren Anschauung und Richtung theilt. Der Säugling allein ist noch ursprünglich wie der erste Mensch; um seine Wiege lagert noch die Dürftigkeit des Urmenschen Schlözer’s, oder auch der Glanz des Paradieses.

Ich widme es vor Allen den Müttern, deren Sorgfalt und Pflege allein die junge Menschenpflanze aufzuziehen vermag, die mit dem Hellsehen der Liebe gewiß meine Erfahrungen bestätigen und ergänzen werden; möge dieses Buch ihnen neue Fernsichten eröffnen bei der Betrachtung ihres Lieblings; möge es ihnen in den schlaflosen Nächten, die sie an der Wiege verbringen, ein freundlicher Zuspruch sein; möge es ihnen, wenn sie schon der Neige des Lebens zugehen, schöne Erinnerungen wach rufen aus dem rosigen Lenz ihrer Kinder, der auch ihnen einen neuen Frühling schuf.

Ich widme es auch ihren Gatten, die in der Zerstreutheit der Geschäfte, die heutigen Tages den Mann nur zu sehr in Anspruch nehmen, oft nicht die Muße und die offene Stimmung finden, ihr eigenes Glück zu genießen und das Leben des Kindes mitzuleben. Vielleicht dient ihnen dieses Tagebuch als Wegführer in dem Paradiese ihrer Häuslichkeit, vielleicht schärft es ihre Empfänglichkeit für die Freuden, die das Kind den Eltern bereitet.

Ich widme es auch Dir, reifere Jungfrau, die, noch von der Lust der Welt ergriffen, sich gern im Strudel der Feste zu berauschen sucht, oft nur um das aufkeimende Gefühl der inneren Leere zu betäuben. Glaube der glücklichen Mutter meines Kindes: es giebt beglückendere Freuden als die, welche die glänzende Gesellschaft der Salons und Ballsäle bietet; im engen Zimmer, bei der Wiege ihres Lieblings, sieht die junge Mutter all den blendenden Schimmer ihrer Mädchenfeste verbleichen vor dem himmlischen Glanz, der aus den Augen ihres Kindes aufleuchtet. Oder Du schmiegst Dich schon in reiner Liebe an den Bräutigam, in dessen Wohnung Du bald das Feuer des häuslichen Herdes anzünden sollst. Nimm dieses Buch dann mit hinüber in die freundliche Häuslichkeit, in die der Geliebte Dich einführt; es sind Stunden der Andacht, die Du in diesen Blättern durchliesest; sie werden – so hoffe ich – stete Nahrung dem keuschen Feuer Deines Busens bieten und Dein noch unerfahrenes Herz würdig vorbereiten für den Empfang des liebsten Wesens. Zwar eine Mutter ist wie der Dichter, der als solcher geboren wird; in Beiden loht das Feuer der himmlischen Erleuchtung; aus sich selbst schaffen sie in genialer Begeisterung, aber um ein wahrer Künstler zu werden, bedarf auch der genialste Dichter zuletzt der klärenden, leitenden Regel; so wird auch die junge Mutter die Belehrung des schon erfahrungsreichen Vaters nicht verschmähen.

Vor Allem aber ist dieses Buch Dein, mein treues Weib! Wenn ich je eine Stätte voller, reiner Freude am Dasein gefunden habe, so ist es die, die du mir bereitet hast; hier fand ich nach des Lebens Kampf und Mühe den verlorenen Frieden wieder, der uns mit Gott versöhnt und der Welt; hier schenktest du mir in dem Pfande deiner Liebe das höchste, süßeste Glück, das der Mensch auf Erden empfinden kann, das allein uns erfüllt wie eine Ahnung reiner himmlischer Seligkeit, das Glück, ein Kind mein zu nennen. Dieses liebe Kind, du hast es nicht nur geboren, du hast es groß gezogen und gepflegt in schlaflosen Nächten und mühevollen Tagen, und während mir das mühelose Glück zu Theil geworden, mich im Anschauen des Lieblings zu sättigen, war dein die Arbeit und die Sorge. Nimm die Erzählung von dem, was ich gesehen und was mich beglückt, was du gethan und gelitten, von mir hin als ein Zeichen jener frommen Verehrung, zu der sich in dem Gatten die glühende Liebe umwandelt, wenn die Geliebte seines Herzens nun zur sorgsamen Hausfrau, zur zärtlichen Mutter geworden ist. O wohl dem, der ein tugendsam Weib hat, deß lebt er noch Eins so froh!“

Hier verlassen wir das „Vorwort“ des Verfassers, um noch in das Büchlein selbst dem Leser einige Blicke zu gestatten. Das Ganze besteht aus selbstständigen, nur mit Rücksicht auf die Zeitfolge an einander gereiheten längeren und kürzeren Sätzen und Aufsätzen, zwischen denen auch manche eigene und fremde Gedichte, wie Blumen am Wege, ihre Stelle gefunden haben. Wir wählen gleich aus dem Anfange des Buches die folgenden acht Tagebuchblätter aus:

– „Mutterbrust! Süßes, nie ausgedachtes, nie genug besungenes zaubervolles Räthsel! Nach wenigen Stunden schon fühlt das Kind, dessen Augen und Ohren noch nicht ausgebildet genug sind, um wahrzunehmen, wenn es nur kaum an dem Busen liegt, daß es in seiner Heimath ist. Erst schrie es, klagte aus vollem Halse, ward ungeduldig, als hinge sein Leben an einem Augenblick, und nun es an der Quelle der Muttermilch und Mutterliebe ruht, beeilt es sich keineswegs; es ruht sich wie behaglich aus; es spielt mit den kleinen Fingern an der Brust, denn es weiß, daß es Alles gefaßt hat, was es braucht.“

– „Die zweite Woche seines Daseins geht zu Ende. Der kleine Körper ist wahrhaftig schon gewachsen. Und sein Geist? Noch scheint es nichts zu bemerken. Und doch ist es von Zeit zu Zeit, als habe es wahrgenommen, beobachtet. Und jetzt, ganz gewiß – es verzog den Mund so lieblich, so angenehm; ja, es hat gelächelt. Es war nur ein leiser Schimmer, ein Hauch, aber gewiß, es war ein Lächeln. Und jetzt schreit es wieder – man läßt das Arme lange, unbarmherzig lange warten, ehe man es befriedigt, und während man es befriedigt, währt es ihm noch zu lange; es schreit zum Erbarmen. Und siehe, was perlt da in dem Winkel seiner Aeugelein? Nein, es ist nichts Anderes; ja wohl, es ist eine Thräne. Sie ist klein, winzig klein, kaum so groß wie eine Stecknadelkuppe, aber ich habe das bittere Salz gekostet – ich habe seine erste Thräne geschlürft.

Erstes Lächeln! Erste Thräne! Welcher Strom von Gefühlen wird aus diesen Quellen fließen?“

– „Es ist Nacht; Alles ist still. Da stößt es einen leisen Laut aus. Es ist kein Ruf, kein Seufzer, kein Schrei; der Laut hat einen so zarten, feinen Klang. So zwischert das Vöglein im Traume.“

– „Wie ist das Kind gewachsen an Leib und Seele! Was man aber von großen Personen gar nicht zu sagen, kaum zu denken wagt, hier spricht man alles natürlich aus. ‚Ist das Kind schon groß! seht nur die kleinen Waden an und die kleinen Schenkel, wie kräftig schon! Das Knie, wie rund! schon zeichnen sich die Hüften.‘ Aller Zwang und alle falsche Scham verschwindet; das Kind führt uns die Natur zurück, die immer rein und keusch ist. Spricht nicht aus den kräftigen Gliedern die Gesundheit, und ist die Gesundheit nicht die Grundlage alles Glücks?“

– „Aber auch sein Geist wächst. Es hat nun sechs Wochen, und schon sagen uns die zahlreicheren Modulationen seiner Stimme, daß sich das Sprachorgan immer mehr ausbildet. Seine Augen fixiren Dinge und Personen immer sicherer, immer neugieriger; es beobachtet und sammelt Eindrücke ein. Sein Gehör ist klarer – es horcht auf und sucht mit den Augen, woher der Laut kommt. Das Leben auf der Straße, das wir ihm vom Fenster zeigen, verfolgt sein Blick mit sichtbarem Interesse; [824] aber vor Allem fesselt seine Aufmerksamkeit der Flug und das Gezwitscher der Schwalben in der Luft; es hebt das Köpfchen unverrückt nach ihnen auf und folgt ihnen durch die Bläue des Himmels.“

– „Es ist ein Mädchen, unser Kind. Habe ich es nicht schon gesagt? Wer denkt auch gleich daran? Für die Eltern ist es ein Kind.“

– „Ein Kind! Ihr habt wohl noch nicht darüber nachgedacht, wie poetisch, wie keusch zugleich die Sprache in dem Worte ‚das Kind‘ ist; sie unterscheidet nicht zwischen dem Sohne und der Tochter; alles Geschlechtliche existirt auch nicht für das Neugeborene; die Kleidung für den Knaben ist dieselbe wie für das Mädchen; das Kind ist nur der Keim des Menschen. Erst später ‚reißt sich stolz der Knabe vom Mädchen‘, aber in der Wiege lächelt uns nur ‚das geliebte Kind‘ zu.“

„Frauenschönheit! Wer sie nicht in einer jungen Mutter gesehen hat, hat sie nicht gesehen.

Da sitzen die zwei neuvermählten Freundinnen im Garten, zwei schön erblühte Frauenblumen mitten unter Blumen; der einen ruht schon die süße Frucht ihrer Liebe auf dem Schooße; der andern regt sich die liebliche Hoffnung noch unter’m Herzen. Sie begegneten sich zum ersten Male nach der Vermählung wieder. In ihrem Blicke ringt ein wunderbares süßes Gemisch von verschiedenartigen Empfindungen und Gedanken; es ist ein holder Streit von mädchenhafter Schamhaftigkeit und weiblicher Erfahrung. Sie sehen sich an mit verständnißinnigem Lächeln und können doch gegenseitig ihren Blick nicht aushalten und – sie schlagen das Auge nicht nieder, denn was in ihren Herzen vorgeht, ist rein wie das Sonnenlicht – aber sie wenden es weg, sanft erröthend in lieblicher Verwirrung, und dann auf einmal sehen sie sich wieder herzhaft an und brechen wie muthwillige Kinder in ein helles, schalkhaftes Lachen aus, daß die Sonne neugierig durch die schwankenden Zweige hereinblickt und die Vögel plötzlich in ihrem Gezwitscher innehalten. Und nun beginnt ein fröhliches Geplauder von so wonnigem Zauber, wie es nur auf den Lippen junger Frauen erblühen kann, die sich als Mädchen im Pensionat verlassen haben und sich nun als Neuvermählte, als glückliche Mütter wiedersehen; die Erinnerungen an die Kinderspiele durchkreuzen sich mit den Ergüssen des Mutterglückes; in den hellklingenden Scherz tönt mit komischer Gravität der Bericht, wie eine Jede das Scepter des Hauses führt, aber keine Note in dem lustigen Concert wird festgehalten – das rinnt in geschwätzigem Plaudern fort, wie die Wiesenquelle unter Blumen über Kiesel hinrinnt, und darein singen die Vögel, die von den Bäumen zuhören, spielen die Sonnenlichter, die sich in die glücklichen Augen hineinstehlen möchten, nicken die Blumen, die wie mitfühlend zarter duften, und dazwischen blüht auf dem Schooße der jungen Mutter die schöne Menschenknospe, das holde Kind, und wenn es von dem fröhlichen Geplauder erwacht und das Auge öffnet, da geht es daraus hervor wie Paradiesesglanz und der Garten wird zum Eden. Aber über das Antlitz der jungen Frau, der Mutter, fliegt eine Verklärung voll rosiger Milde und strahlender Wonne, daß der ganze Himmel, der sich über ihr ausspannt in krystallener Bläue, noch einmal so sonnig lacht, als wäre er nur der Widerschein von der Seligkeit im Mutterauge.“


  1. Das Kind. Tagebuch eines Vaters.“ Leipzig, H. Hartung u. Sohn. 1876.