Die kleinen Schuhe

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Textdaten
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Autor: D. L. H.
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Titel: Die kleinen Schuhe
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 24, S. 251-254
Herausgeber: Ferdinand Stolle
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1853
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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[251]
Die kleinen Schuhe.

Am 6. Januar 1776, dem Feste der Erscheinung, bot das Hinterdeck des französischen Kriegsschiffes „der Reiher“ den Anblick einer kleinen Scene dar, die anziehend genug ist, um wieder erzählt zu werden.

Alle Officiere, welche der Schiffsdienst nicht anderswo fesselte, ergingen sich rauchend und plaudernd auf dem Verdecke, als plötzlich ein junger Seecadett die Treppe, welche zu der Kajüte des Capitains führte, herauf gesprungen kam und ausrief „Hut ab, meine Herren! Ihre Majestät die Königin!“

Aber Marie Antoinette hatte Versailles nicht verlassen, mit Hülfe der Königsschlange oder mit der Gabe, Doppelgänger zu schauen, wie sie die Bergschotten besitzen, würde man sie in diesem Augenblicke, aller Etikette, ihrer tödtlichsten Feindin zum Trotz, in einem abgelegenen Flügel des Schlosses auf der Familienbühne erblickt haben, mit ihrem Schwager, dem Grafen von Artois im lebhaften Dialoge begriffen, während dessen Bruder, der Graf von Provence, soufflirte. Sie gab die Hauptrolle im „Wahrsager“ und sang:

„Verloren hab’ ich meinen Retter,
Verloren hab’ ich all’ mein Glück!“

Worte, die sie später manchmal zu wiederholen Veranlassung hatte, – ohne zu singen, – diese arme Königin, die bereits der Geschichte anheim gefallen ist, und die bald dem Drama anheim fallen wird, ein ebenso poetischer und schöner, aber ein reinerer Charakter, als Maria Stuart.

Wer war die kühne Prätendentin, welche zwölf Hundert Meilen von Versailles sich das Scepter anmaßte, das die rechtmäßige Königin für einen Augenblick mit dem Schäferstabe vertauscht hatte?

Weder Betrug, noch Hochverrath war hier im Spiele. Die königliche Majestät, welcher die Schiffsmannschaft des Reihers huldigte, war keine andere, als die unschuldige und flüchtige Majestät der Bohne. Die Gunst des Schicksals hatte eine liebenswürdige kleine Creolin von der Insel Martinique, eine Verwandte des Capitains, damit bekleidet. Sie machte die Reise unter dem Schutze einer alten Tante, wie die Virginie des Bernardin de Saint-Pierre, um in der Hauptstadt entfernte Hoffnungen auf ein großes Vermögen und eine Erbschaft zu verfolgen.

Und es war in der That Schade, daß die junge Königin nur eine Bohnenkönigin war, denn sie unterzog sich ihren hohen und neuen Pflichten mit einer Würde und Anmuth, um die Catharine II. und Marie Theresie sie beneidet haben müßten.

„Knie nieder, schöner Page!“ sagte sie zu dem jungen Cadetten, der ihr Erscheinen verkündigt hatte, „siehst Du nicht, daß ich meinen Handschuh habe fallen lassen?“

„Zum Conseil, meine Herren Minister, und lachen Sie [252] nicht; denn der Fall ist ernst. Sie müssen wissen, ich liebe mein Volk, und ich wünsche, daß mein Volk mich liebt. Sie mögen nun erwägen, ob eine blaue Schleife oder eine weiße Schleife an meinen Schuhen bessere Dienste leisten werde, um meinen Füßen seine Huldigungen dargebracht zu sehen. Aber wie? Sehe ich recht? Mein erster Leibarzt wagt es, der Nase seiner souverainen Herrin gewaltige Tabackswolken als Weihrauch zuzusenden?“

„Es möge sofort einer der Herren Gesandten den Hippogryph besteigen, um im Monde nachzusehen, ob nicht diesen Morgen nach dem Frühstück die Vernunft des guten Doctor’s denselben Weg gegangen ist, wie die des seligen Roland?“

Und tausend unschuldige Scherze, tausend drollige Einfälle folgten einander und brachten die wackern Seeleute so herzlich und so anhaltend zum Lachen, daß ihnen darüber ihre großen Pfeifen unter den Händen ausgingen.

Wer sich aber am allermeisten über die Triumphe des liebenswürdigen Kindes zu freuen schien, das war ein alter Matrose aus der Bretagne, Peter Hallo, der mehr Narben als Runzeln an sich trug. Er hatte gerade an diesem Tage als späten Lohn langer und treuer Dienste eine Ehren-Medaille erhalten, und war in dessen Betracht von dem Capitain zur Tafel gezogen worden, an welcher die beiden Damen, die Creolin und Verwandte des Capitains, die Ehrenplätze einnahmen. Maria Rosa, so hieß das junge Mädchen, hatte schon seit längerer Zeit mit großer Bewunderung von den ausgezeichneten Thaten Peter Hallo’s erzählen hören. Sie hatte ihn unter Schmeicheleien beglückwünscht, und das Herz des rauhen Greises, dem solche Gefühle ganz neu waren, hatte bei den Liebkosungen des Kindes ebenso laut geklopft, als bei dem Empfange der Ehrenmedaille.

Er allein war es, der sich ganz ihrem Dienste geweihet hatte, und er allein war es auch beinahe, der über sie wachte; denn die Tante Maria Rosa’s, eine gute Alte, welche von der Gicht an den Stuhl gefesselt war, beschäftigte sich den ganzen lieben Tag lang mit der Lectüre des heiligen Augustinus und unterbrach sich nur dann und wann durch den Ausruf: „Ici Minette! ici Marie-Rose!“ wenn sie etwa wahrnahm, daß ihre Katze einer Maus in den Schiffsraum nachlaufen, oder daß ihre Nichte, sobald ein Sonnenstrahl sich blicken ließ, auf das Verdeck springen wollte.

Aber Maria Rosa, die, wie die meisten Kinder in den Colonien, in großer Unabhängigkeit aufgewachsen war, hörte es nicht oder wollte es nicht hören. Bald stieg sie in’s Takelwerk und schaukelte sich an den Tauen – dann nahm Peter Hallo unten seinen Stand und war bereit, sie, wenn sie etwa auf das Verdeck fallen sollte, mit seinen großen Händen aufzufangen, wie er ein vom Fluge müdes Vögelchen aufgefangen haben würde, oder, wenn der Wind sie in das Meer geführt hätte, sie schwimmend herauszufischen; bald vergnügte sie die müßige Schiffsmannschaft durch Tanz und Gesang – dann stand Peter Hallo mit gespannter Aufmerksamkeit da, und es schien, als ob ihm plötzlich ein Sinn aufgegangen sei, für das Verständniß ihrer Verse und ein neues Gefühl, um die Anmuth ihres Wesens zu würdigen.

Am andern Tage nach dem Feste und ihrem kurzen Königthume sah das liebenswürdige Kind sehr traurig und niedergeschlagen aus, und der alte Meerwolf stellte sich besorgt und schweigend vor sie hin, wie eine Pudelhündin, die ihren Herrn weinen sieht. Sie konnte es nicht über sich gewinnen, den guten Alten auf diesen rührenden fragenden Blick ohne Antwort zu lassen, und machte ihn zu ihrem Vertrauten.

Eine alte Maron-Negerin[1], die für eine Zaubererin galt, und welcher Maria Rosa heimlich Brod in den Wald hinaus zutrug, hatte ihr eine seltsame Wahrsagung gemacht, die ihr das Köpfchen eingenommen hatte, und die sie ihrem ganzen Wortlaute nach wieder zu geben wußte:

Gute, kleine Herrin, ich haben sehen in der Wolke einen großen Condor steigen, sehr hoch, sehr hoch, mit Rose in seinem Schnabel. Du sein Rose. Du sehr unglücklich – dann Du Königin; dann großer Sturm und Du sterben.

„Gestern war ich Königin,“ fügte sie hinzu, „und nun, denke ich, muß der Sturm kommen, der mich im Meere begräbt.“

„Sein Sie nicht ängstlich, liebes Fräulein,“ erwiederte ihr Hallo, „wenn dem Reiher ein Unglück widerfahren sollte, so greifen Sie fest in die Seite meines Gürtels herein – so, hieher, – und mit Hülfe Gottes und meines Schutz-Patrons (das war ein großer Heiliger, sehen Sie, denn er ging auf dem Wasser, ohne hineinzusinken, und das ist, auf Seemannswort, ein schönes Wunder,) sollen Sie sanft anlanden, wie eine Goëlette, die von einem Dreimaster bugsirt wird.

Maria Rosa, die wieder etwas Muth schöpfte, belohnte die Hingebung des wackern Mannes dadurch, daß sie ihm eine Romanze vorsang, die noch Niemand von ihr gehört hatte. Sie enthielt ihre Klagen und ihr Lebewohl, wie es, als die Abreise entschieden war, ein junger Creole, ihr Nachbar, in Verse gebracht und in Musik gesetzt hatte:

Brich’ Negerknabe, mir zur Krone,
Der Blüthenfluren Schmuck und Wonne;
Die Negerin, die in Waldesnacht
 Entflohne,
Verhieß mir zehnmal Königs-Pracht
 Und Macht.

Was ist es, daß der Knabe zittert?
Hat er den Nordwind schon gewittert,
Der nur auf’s Neue jetzt das Haupt
 Erschüttert?
Mir all’ mein blühend Glück entlaubt
 Und raubt?

Schon müssen meine Thränen rinnen;
Leb’ wohl! das Meer sollt’ ich gewinnen
Für dich, du mein Drei-Insel-Land,
 Darinnen
Die kleine Barke, licht am Strand,
 Mir stand.

Leb’ wohl, muß ich, vom Wind enttragen,
Der Heimath und der Schwester sagen.
Der Blume Stern sinkt, wo ihr Stern
 Sollt’ tagen.
Ich ruht’ am Herz Dir, Schwester fern,
 So gern!


Aber es gibt ein Alter, in dem alle Schmerzen leicht und flüchtig vorüberrauschen, wo die Thräne, die Abends [253] Schwermuth weinte, mit dem Thautropfen des Morgens vertrocknet, und Maria Rosa war in diesem Alter. Am andern Morgen tanzte sie wieder. Tage und Wochen verflogen, ohne daß ihre übersprudelnde Fröhlichkeit einen Abbruch erlitten hätte. Aber nicht so war es mit ihren niedlichen Schuhen. Mit dem letzten Sprunge in einer Farandole flogen die letzten Trümmer derselben auf und davon. Unglücklicher Weise war die Garderobe der Damen nichts weniger als überflüssig ausgestattet; sie waren im Begriffe, nach Paris zu gehen, und hatten es für ihre Pflicht erachtet, die Anschaffung des Nöthigen aufzuschieben, bis sie die Befehle der Mode an dem Orte ihrer Residenz einholen könnten.

Maria Rosa war bald dahin gebracht, unbeweglich an der Seite ihrer Tante sitzen zu bleiben, um die bloßen Füßchen unter dem Kleide zu verbergen. Und wie sie da saß, in dem fieberhaften Drange nach Bewegung, den Kopf und den Leib hin und her wiegend, und sich doch nicht zu dem Wagestücke entschließen konnte, einen Schritt vorwärts zu thun, da glich sie jener Daphne in den Tuilerien, die mit der Büste noch lebt, während die Füße schon im Boden festwurzeln. Die kleine Königin spielte die Trauergestalt einer bezauberten Prinzessin, die auf den irrenden Ritter harrt, der sie befreien soll.

Der irrende Ritter kam, es war Peter Hallo. „Diese liebenswürdigen Füßchen nackt zu lassen,“ sagte er zu sich selbst mit dem Ausdrucke der tiefsten Indignation, „das hieße so viel, als nicht für zwei Pfennige Herz besitzen.“ Aber wenn der Dichter gesagt hat, „Indignation mache Verse,“ so ist damit nicht gesagt, daß sie Schuhe mache. Peter Hallo sann nach, rieb sich die Stirne, schlug sich vor den Kopf; er warf das Stück Kautabak, das er nach Seemannsart im Munde hatte, von der einen Seite zur andern und machte seinen Schuster – es ist ein schlechtes Wort, aber man mag mir verzeihen, es gibt kein anderes Wort, um die Sache auszudrücken, und die Sache ist zu wichtig, wenn es sich um Seemannssitten handelt, als daß ein gewissenhafter Erzähler sie verschweigen könnte. Der Schuster ist für den Gedanken des Matrosen das, was der Weiser für die Uhr ist; wenn der Gedanke im Gang ist, dreht sich der Schuster herum. Freilich hatte er sich auch eine Aufgabe gestellt, die für einen Anfänger in der Mathematik von großer Schwierigkeit war, nämlich: „Etwas aus nichts zu machen,“ ein Problem, das Gott allein zu lösen vermochte.

„Ein Stück Leder! Meine Pfeife und meine Medaille für ein Stück Leder!“ sagte er mit derselben Kraft der Verzweiflung, mit welcher Richard II. ausgerufen hatte: „Ein Pferd! Mein Königreich für ein Pferd!“ Gewiß alle Netze im Schiffe würden sich im Augenblicke in das Meer versenkt haben, wenn er die Geschichte vom Ritter Don Quichotte gelesen gehabt hätte, er durfte ja dann hoffen eine eben so glückliche Hand zu haben als Sancho Pansa, der seine Angel nach Forellen auswarf und ein paar alte Schuhe anbeißen sah. Er durchsuchte und durchstöberte jeden Winkel und stürzte Alles um; wo auch nur eine Maus hätte hinschlüpfen mögen, da war seine Hand geschäftig. Endlich! – er stieß einen Freudenschrei aus, ähnlich dem des Harpagon, als er seine Geldkasse wieder gefunden, oder dem J. J. Rousseau’s als er sein Wintergrün erblickte. Es war keine Blume, es war kein Schatz, was Peter Hallo, entdeckt hatte, es war etwas viel Kostbareres und Herrlicheres, es war ein alter Stiefel! Der Stiefel eines Soldaten, der beim Entern getödtet worden war; er war, Gott weiß, wie? in einen Winkel des untern Raums hinabgerollt, und seitdem hier liegen geblieben, um seinen Zwillingsbruder, der im Meere versenkt oder im Bauche eines Haifisches begraben lag, trauernd, und nunmehr gleich der Ratte Lafontaine’s wohl zu dem Glauben gekommen, daß er mit den Dingen hienieden nichts mehr zu schaffen habe. Aber Peter Hallo beschloß es anders. Er wußte seinen Dolch als Ahle und Kneif so trefflich zu gebrauchen, und damit zu schneiden und zu stechen, daß er in weniger als einer Stunde – ja, daß ich sagen könnte, ein Paar Schuhe zu Stande brachte, oder ein Paar Stiefelettchen, Sandalen, Halb- oder Schnürstiefeln, Socken oder Cothurnen, Babuschen, Mocasins – nein, es war von dem Allen nichts; es war im Fache der Fußbekleidungskunst ein durch und durch originelles Werk, etwas Phantastisches, Romantisches, ein Ding ohne Namen. Aber schlüßlich, das Ding ohne Namen konnte doch zur Noth als eine Art Schutzwehr dienen, welche sich zwischen die Oberhaut eines menschlichen Fußes und den Fußboden hinein schieben ließ. Nun lief der wackre Hallo spornstreichs in die Kajüte Maria Rosa’s, und nachdem er nicht ohne große Mühe und unter dem schallenden Gelächter des jungen Mädchens ihre nackten Füßchen in diese drolligen Hüllen gehörig eingeschachtelt und eingebunden hatte, richtete er sich auf, kreuzte die Arme triumphirend über die Brust, und sagte. Wie nun?

Eine Stunde später tanzte die Bajadere wieder; sie tanzte mit einem Gewichte an jedem Fuß und unter Beifallsbezeigungen ihres Parterres, auf welche sie diesmal einen doppelten Anspruch hatte; denn ihr Tanz zeigte von zwiefacher Virtuosität; in Kunst und Kraft; in diesen zwei Beinchen lebten schon eine künftige Mademoiselle Taglioni und Madame Saqui, Beide zugleich.

Endlich, nach einer langen Ueberfahrt, ertönte es, vom Mastkorbe herab: Land! und es fand nun, wie ich versichern kann, eine rührende Scene zwischen dem alten Matrosen und der jungen Creolin statt. „Ich werde mich immer Deiner erinnern und Deine Schuhe will ich wie ein Andenken, wie ein Heiligthum aufheben,“ sagte Maria Rosa, um den armen Peter Hallo zu trösten, der sich mit dem Rücken seiner schwieligen Hand die feuchten Augen abwischte. „Ach,“ erwiederte er, mit dem Kopfe schüttelnd, „Sie gehen nach Paris, und unter neuen Freunden werden Sie bald den armen Peter Hallo aus den Gedanken verlieren und ihn ganz vergessen.“ „Ich denke Deiner immer! „Immer!“ wiederholte sie noch einmal, während ihre Tante sie mit sich fortzog. Er folgte ihr lange mit den Augen, sie wandte sich oft nach ihm um, und er konnte schon nichts mehr von ihr verstehen, als sie noch immer, mit dem Schnupftuche winkend, ausrief: „Immer, Hallo, immer!“ –

Peter Hallo konnte nicht wissen, ob das junge Mädchen Wort hielt; denn er kam selten an’s Land und wurde im amerikanischen Kriege getödtet.

Und Maria Rosa –

Aber siehe! mitten durch meine Erzählung hindurch fluthet der große Strom der französischen Revolution; ein Strom seltener Art, – man weiß nicht, welchen Namen [254] man ihm beilegen soll. Ist’s der Pactolus, mit dem Goldstaube? oder der blutgekrönte Simois? oder der lorbeerumgrünte Eurotas? Gieb mir die Hand, drücke die Augen zu und wir wollen darüber hinwegspringen.

Wohl, so wären wir denn mitten in das Kaiserreich hineingefallen, und wir befinden uns in Malmaison, dem Ruhesitze der edlen und unglücklichen Josephine, der Wittwe des noch lebenden Napoleon, – nach legaler Scheidung – aber der noch immer von allen Franzosen angebeteten Kaiserin, denn die Franzosen hatten den Ehebund im Herzen auch mit abgeschlossen, und die Franzosen hatten die Scheidungsacte nicht mit unterschrieben.

In ihrem Cabinet, auf ein geöffnetes Pianoforte gestützt, hörte sie lächelnd eine Deputation junger Mädchen an, die zu ihrem Hausstaate gehörten, und welche schüchtern um die Erlaubniß baten, im Schlosse Sprichwörter aufführen zu dürfen. „Sehr gern, lieben Kinder, antwortete die gute Josephine, und ich selbst werde für die Kostüme Sorge tragen. Dank der Großmuth des Kaisers, meine Garderobe wird euch deren im Ueberflusse darbieten. Nehmt hier, was Marchand mir in diesem Augenblicke überbracht hat.“

Und sie stieß nachlässig ein kostbares Pelzwerk, welches über den Teppich hin ausgebreitet war, mit dem Fuße zurück. Dieses Putzstück war so schön, daß Fräulein S. R., die jüngste der Abgesandten, sich nicht enthalten konnte, indem sie voller Verwunderung ihre weißen Händchen zusammenschlug, auszurufen: „Gott! wie glücklich sind Ew. Majestät!“ „Glücklich,“ sagte Josephine leise für sich, „glücklich!“ Sie schien einen Augenblick nachzudenken, ließ ihre Finger zerstreut über das Piano irren und schlug einige Accorde aus der Romanze an, die wir schon kennen:

Der Blume Stern stirbt, wo ihr Stern
 Sollt’ tagen.
Ich ruht’ am Herz Dir, Schwester fern,
 So gern!

Dann der Erinnerungen, die sie niederdrückten, sich erwehrend, erhob sie sich. „Wer mich lieb hat, folgt mir; kommt, Fräulein; ihr möget Euch die Anzüge betrachten, und nach Gefallen auswählen.“

Und, dem jungen wilden Schwarme voranschreitend, begab sie sich in die Garderobe. Nun blickten wohl alle die jungen Mädchen mit verwunderten Augen um sich, wie der Sohn des Holzhäuers, als er zum ersten Male in die Höhle Ali Baba’s hinabgestiegen war.

Da sah man Gaze-Kleider, so leicht, daß sie davon geflogen sein würden, hätte das Gewicht der Edelsteine, mit denen sie besetzt waren, sie nicht niedergehalten; da gab es spanische Mantillen, italienische Mezzaros, Odalisken-Mäntel, noch ganz durchhaucht von den Parfümerien des Harems und dem Puder von Abukir, endlich Madonna-Roben, so schön, daß die heilige Jungfrau von Loretto selbst sich ehedem nur am Tage der Himmelfahrt damit geschmückt haben würde.

„Nun sucht euch heraus, Kinder,“ sagte die gute Kaiserin, „und macht euch vergnügt. Ich überlasse euch alle diese Herrlichkeiten, bei deren Anschauen ihr so große Augen macht, nur mit Ausnahme einer einzigen. Diese ist zu kostbar und mir zu heilig, als daß sie berührt werden dürfte.“ Und als sie bei diesen Worten die lebhafteste Neugier von allen Augen leuchten sah, fügte sie hinzu. „Indeß kann ich euch diesen Schatz sehen lassen.“

Wie da die Einbildungskraft, diese „tolle Hausgenossin“ und – Herrscherin, bei einem Alter von funfzehn Jahren – in den jugendlichen Köpfen ihr Spiel trieb.

Was mußte dies für ein Wunder sein, daß sie es nicht einmal berühren sollten, während sie in all’ den Wundern hier nach Belieben herumwühlen durften?

Eine Robe, modefarben, aus der Sonne oder dem Monde, wie im Märchen von der Eselshaut? Jenes Vogelei, das nach den arabischen Märchen ein Diamant ist und unsichtbar macht? Ein Fächer aus den Flügeln eines Schutzgeistes von Alhambra? ein Feenschleier? oder etwa ein noch kostbareres Stück, das der Kaiser von einem seiner vertrauten Dämonen, dem kleinen rothen Mann, oder dem kleinen grünen Mann herbeibringen lassen? Was in aller Welt mochte es sein?

Endlich hatte Josephine Mitleid mit der ungestümem Neugier, die sie selbst in unschuldiger Bosheit entflammt hatte. Sie suchte in einem Winkel der kaiserlichen Garderobe, und – was brachte sie zum Vorschein? Nicht ein Angebinde Napoleon’s, nicht ein Meisterstück des Genies – es war das Werk und Angebinde des Bretagner Matrosen Peter Hallo, es waren die Schuhe Maria Rosa’s.

Wer hätte es nicht schon errathen, die Kaiserin Josephine und die Tänzerin mit den nackten Füßchen sind eine Person und ein Herz. Als Napoleon mit seinem Degen Europa wie einen Kuchen zerschnitt, war Josephine Maria Rosa Tascher de la Pagerie die Glückliche, sie bekam die Bohne und die Krone. Sie war lange Zeit Herrscherin. Aber, siehe! eines Tages erhob sich ein gewaltiger Sturm in Europa, die Schneewolken Rußlands stiebten empor, um als weißes Leichentuch auf französische Krieger niederzufallen, die vier Winde wehten feindliche Lawinen zu, und es kamen über Frankreich unter dem Blitzen der Schwerter und Kanonen und unter dem schweren Dröhnen der Schlachten Erdbeben, – ebenso furchtbar, als die der Antillen.

Und als endlich der Himmel wieder blau wurde, da war die Prophezeiung der Negerin ganz in Erfüllung gegangen.

Der große, vom Blitze zerschmetterte Condor, – er hatte die Rose fallen lassen, – und die Creolin von den drei Inseln war zweimal Königin geworden; dann war der Sturm gekommen und sie war gestorben.

D. L. H. 

  1. Entflohene Negerin.