Die letzten Tage der deutschen Flotte

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Autor: Hannibal Fischer
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Titel: Die letzten Tage der deutschen Flotte
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 42, S. 560–562
Herausgeber: Ferdinand Stolle
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1855
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung: Verkauf der Marine des Deutschen Bundes 1852
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[560]
Die letzten Tage der deutschen Flotte.[1]
Von Hannibal Fischer.
Ein Stück deutsche Geschichte.

Getrennt von meiner Familie, durch den Druck der Verhältnisse zu einer meinen vorgerückten Jahren so wenig anständigen vagabundirenden Lebensweise genöthigt, im Gefühle des Trübsinns über so manche gescheiterte Plane einer bestimmten Berufsthätigkeit, verlebte ich zu Frankfurt a. M. ein freudenloses Dasein.

Es war an meinem 67. Geburtstage, als ein hochangesehener Staatsmann mir freundschaftlich mittheilte, daß sich bei dem Bundestage vielleicht eine Gelegenheit darbiete, mir ein wichtiges Dienstgeschäft zu übertragen. Es war das damalige Bedürfniß, zu der beschlossenen Auflösung der deutschen Flotte ein dem höheren Beamtenstande zugehörendes Organ zu finden, welches bewandert, in höheren Administrativgeschäften, zugleich in seinem persönlichen Charakter die erforderliche Bürgschaft darbiete, mit der nöthigen Energie die vorauszusehenden Schwierigkeiten, welche dies Geschäft in Aussicht stelle, zu überwinden. So freudig mich diese Gelegenheit, wenn auch nur temporär, zu einer öffentlichen Wirksamkeit wieder zu gelangen, ansprach, so niederschlagend war mir das Bedenken, daß mir von Seiten des Oldenburg. Gouvernements besonders dessen Bundestagsgesandten, meinem entschiedenen politischen Gegner, ganz gewiß die möglichsten Hindernisse zur Uebernahme eines solchen Antrags entgegnet werden würden. Ueberraschend war mir die Beruhigung meines Gönners: „Sie sind im Irrthum! Gerade dieser Mann hat sie in der Versammlung recht warm empfohlen, und diese Empfehlung hat einen für Sie um so günstigeren Eindruck gemacht, als es gar nicht unbekannt ist, daß dieser Herr Ihr politischer Gegner ist.“ – Mein Erstaunen wuchs, als mir am folgenden Tage die Kunde wurde, daß der Vorschlag meiner Person vollständig durchgegangen sei. Tief bewegte mich der Edelmuth eines Mannes, der ohnerachtet der ganz antipodischen Richtung seiner politischen Charakters, seinem Gegner doch das Zugeständniß vorzüglicher Qualification zu einem Geschäfte nicht versagt hatte, bei welchem jedenfalls Gewandtheit mit strenger Gewissenhaftigkeit und unbestechlicher Charakterstärke vereint sein mußten. Der Drang meines Herzens, den Mann, den ich eher die giftigste Neigung, mir zu schaden, als einen solchen Edelsinn zugetraut hatte, ließ mich nicht rasten, das gegen ihn in meinem Herzen getragene bittere Unrecht aufrichtigst abzubitten. Als nun der wirkliche Antrag von Seiten der Bundesversammlung die Erfüllung meines so lange ersehnten Wunsches, noch dazu auf eine so eigenthümliche Weise, in die so lange vermißte öffentliche Geschäftsthätigkeit versetzt zu werden, realisirt war, zog mich mein erfreutes Herz zu diesen Gönner, um mit meiner Dankbezeugung auch noch die vom innigsten Gemüthsdrang gebotene Ehrenerklärung zu verbinden. Wie aus den Wolken gefallen stand ich aber da, als der durch diese Erklärung sichtlich in eine sehr peinliche Stellung versetzte Diplomat, ganz verblüfft und in übel zusammenhängenden, die größte Verlegenheit bekundenden Redensarten mir versicherte: hier walte ein großes Mißverständniß! Seine Aeußerungen über mich seien von der Ausschußversammlung in einem ganz unrichtigen Sinne aufgefaßt worden, und da ich den Antrag angenommen habe, so dürfe er mir nicht bergen, daß mir dieses zum größten Mißfallen des Herzogs gereichen werde. In großer Gemüthsbewegung referirte ich einem hochstehenden Diplomaten diese arge Mystification meiner Arglosigkeit. Meine Relation versetzte denselben in ein lautes Gelächter: „Aber konnten Sie denn in Ihrer naiven Taubeneinfalt nicht auf der Stelle in diesen Lobsprüchen des Herrn von *** dessen Absicht verkennen, Sie bei dem Großherzog unheilbar zu ruiniren?“ Natürlich weit entfernt, H. von *** eines solchen diplomatischen Kunststücks zu zeihen – „denn Brutus ist ein ehrenwerther Mann!“ – aber doch nicht ohne einige Beschämung, einer solchen Täuschung mich hingegeben zu haben, erzählte ich den Vorfall dem Bundespräsidialgesandten Grafen Thun, der mir rieth, den Antrag anzunehmen, indem mich die Bundesversammlung gegen die Folgen irgend einer Intrigue zu schützen wissen werde. Unmittelbar, nachdem ich den Grafen verlassen hatte, meldete sich Herr von *** . Es mögen in dieser Conferenz bei der bekannten rücksichtslosen Geradheit, und biedern Offenheit des Grafen Thun nicht die freundlichsten Explicationen stattgefunden haben.

Nachdem ich einige Tage mit den erforderlichen Instruktionen auf der Bundeskanzlei zugebracht hatte, eilte ich nach Bremerhaven, als den Ort meiner Bestimmung. Dort kaum angekommen, überraschten mich zwei Depeschen sehr verschiedenen Inhalts, die eine, in welcher mir von Sr. Majestät des Königs von Preußen, die Erhebung in die zweite Classe des rothen Adlerordens huldreichst zu erkennen gegeben, die zweite von dem oldenburgischen Ministerium, in welcher mir, bei Vermeidung sofortiger Dienstentlassung die Uebernahme des Bundestagsauftrages untersagt wurde. Es verstand sich von selbst, daß ich als ein in oldenburgischen Pflichten stehender Diener, meine Unterwerfung unter des Großherzogs Befehle pflichtschuldigst anzeigte, und an den Bundestagsausschuß über dieses Inhibitorium Bericht erstattete. Vom Bundespräsidium erhielt ich alsbald die Entschließung:

„Sie werden hiermit im Namen hoher Bundesversammlung aufgefordert, sofort nach Empfang der gegenwärtigen Weisung Ihre Amtsthätigkeit anzutreten, und ehe Ihnen weiter Befehle von der Bundesversammlung zugehen, weder Ihre Entlassung aus dem oldenburg. Staatsdienste zu begehren, noch die Ihnen von der großherzoglichen Regierung etwa angesonnene Entlassung anzunehmen.

„Die bei Erörterung dieser Angelegenheit allseitig kund gegebenen Gesinnungen der Bundesversammlung, sowie der hiermit beifolgende Beschluß derselben, können Ew. übrigens genügende Beruhigung gewähren, daß die Bundesversammlung bereit ist, Sie der großherzoglichen Regierung gegenüber zu vertreten, ohne Sie ihre persönliche Interessen verletzenden Folgen Preis zu geben.“

Nichts desto weniger erfolgte wenige Tage darauf von dem oldenburgischen Ministerium die Verfügung:

„Dem Herrn Geheimen Staatsrath Dr. Fischer, wird hiermittelst notificirt, daß Sr. K. H. der Großherzog sich bewogen gefunden haben, denselben mittelst Verfügung vom heutigen dato des Dienstes zu entlassen unter Beilegung einer Pension von 1200 Thaler Courant.

„Unter diesen Umständen haben Sr. königl. Hoheit der Großherzog den diesseitigen Bundestagsgesandten, Herrn Staatsrath von Eisendecher, instruiren lassen, der Bundesversammlung anzuzeigen, daß Höchstdieselben die Auflösung der Flotte von Seiten des Herrn Geheimen Staatsrath Dr. Fischer einstweilen wollen geschehen lassen.“

Ich protestirte begreiflich gegen meine Dienstentlassung, und trat, vertrauend auf den Schutz hoher Bundesversammlung, in meine Funktion ein.

Es begann damit das kläglichste Jahr meines dienstlichen Lebens. Die Flottenangelegenheiten waren damals dem Bundestagsausschuß in Militärangelegenheiten übergeben, dessen technisches Organ der österreichische Oberst von Bourguignon, der preußische Oberst von Wangenheim und der Marinerath Jordan waren. Der Präliminarpunkt, meine Instruktion bildete von vorn herein einen Gegenstand ziemlicher Verlegenheit. Die Herren waren einverstanden, daß sich diese nur in ganz generellem Umfange bezeichnen lasse, und deren speciellere Ausbildung sich erst im Fortgange [561] des Geschäfts herausstellen würde. Ich wurde aufgefordert, mir selbst eine solche Instruktion zu entwerfen, welche auch bis auf einige Punkte die Billigung des Bundestagspräsidiums erhielt. Uebrigens glaubte ich unterstellen zu müssen, daß, wenn man dieses Geschäft nicht einem Techniker, oder Mercantilisten, sondern einem Staatsmann übertrüge, doch die in dieser Angelegenheit eintretenden politischen Verhältnisse und deren Erledigung die Hauptsache sein, und zunächst zu meinem Ressort gehören würden. Nur diese Idee konnte mich zu dem Wagestück bestimmen, einem Administrativgegenstand mich zu unterziehen, der einen nautischer Kenntnisse total fremden Laien billig hätte abschrecken müssen. Natürlich war bei meiner Ankunft mein erstes Beginnen, einige bei der Angelegenheit durch kein Interesse befangene Fachmänner zu meiner Belehrung zu gewinnen. Ich wandte nach an einen meiner Adressaten, dessen ausgedehnte Personalkenntniß mir vorzugsweise empfohlen war, und bat ihn, mir ein oder zwei bei den Flottenverhältnissen nicht betheiligte, ehrliche Männer zu bezeichnen. Er versicherte mir ganz trocken: diese Anfrage setze ihn in nicht sehr geringe Verlegenheit, denn in ganz Bremerhaven gebe es nur zwei ehrliche Männer in dem Sinne, wie ich solche ihm bezeichne. Das war eine erbauliche Notiz für einen Mann, der fast ausschließlich auf fremden Rath und Beurtheilung gewiesen war, und dessen Arglosigkeit ihm schon manche schlimme Streiche gespielt hatte.

Die Ermittelung des Preises, um welchen die vor Anker liegenden neun Kriegsschiffe zum Zweck des Umbaues in Handelsschiffe anzubringen sein dürften, mußte begreiflich meine erste Aufgabe sein. Das Resultat fiel gegen das von der Marinecommission aufgestellte Taxat so enorm gering aus (kaum 25 Procent), und war dennoch so motivirt mit dem klarsten Calcul nachgewiesen, daß ich zu der Ueberzeugung gelangte, nur dann, wenn die Schiffe nach ihrer eigentlichen Bestimmung als Kriegsschiffe verkäuflich anzubringen seien, der an zwei Millionen Gulden anzuschlagende Verlust namhaft gemindert werden könnte. Da man mir inzwischen schon in Frankfurt die Andeutung gemacht hatte, daß bei dem Verkauf dieser Flotte an irgend eine europäische Seemacht auch noch manche politische Bedenken aufstoßen dürften, so konnte begreiflich nur ein transatlantischer Markt in Consideration gezogen werden. Unter diesen Umständen glaubte ich, daß ohnerachtet die von Seiten Hannover und Oldenburg mit so großem Eifer angeregten Anträge auf Erhaltung der Flotte durch einen Bundestagsbeschluß verworfen worden waren, doch zwei neue wichtige Momente vorlägen, um diese Frage bei dem Bundestage noch einmal zu reproponiren.

Es gründeten sich diese

1) auf den Umstand, daß bei der früheren Verhandlung die Voraussetzung, die vorhandenen Kriegsdampfschiffe würden zum Zweck des Umbaues in Handels- und Transportschiffe mit mäßigem Verlust verkäuflich anzubringen sein, durchaus als fehlgeschlagen sich darstellte, und ein solcher Verkauf ohne die enormsten Verluste nicht zu realisiren sei;

2) auf die Thatsache, daß sowohl Oesterreich als Preußen, seit jenem Beschluß, zur Erwerbung einer Marine Anstalten getroffen hatten.

Ich gründete hierauf den Vorschlag:

a)eine der kleinen Kriegscorvetten im Interesse von Hannover, Hamburg und der Elbuferstaaten in die Elbe
b) eine Zweite im Interesse von Oldenburg, Bremen und der Wesergebietsstaaten in die Weser zu legen,
c) die übrigen Schiffe aber zu gleichen Theilen an Oesterreich und Preußen, sei es selbst unentgeltlich, zu vertheilen.

Obwohl Graf Thun, dem ich diese Idee zunächst vertraulich mitgetheilt hatte, sie aus mich nicht überzeugenden Gründen verwarf, so glaubte ich es doch der von dem Großherzog in Oldenburg, meinem Dienstherrn, am Bundestage so kräftig befürworteten Erhaltung der deutschen Flotte es schuldig zu sein, auch diesen letzten Versuch zu wagen. Mit einiger Beschämung gestehe ich dabei eine verschuldete Inconseguenz, die mich in diesem Versuch auch noch bestärkte. Ich, der doch durch die Erscheinungen der ganzen Revolutionszeit zu der Erfahrung gelangt war, daß die öffentliche Meinung, wo sie sich so recht eigentlich massenhaft ausspricht, immer etwas Unverständiges oder Schlechtes bezweckt, ließ mich doch verleiten, sie diesmal ausnahmsweise für berücksichtigungswerth zu halten. Die mir dafür gebührende Züchtigung ist nicht ausgeblieben.

Zur möglichsten Unterstützung meines Projekts bereiste ich die betreffenden Regierungen. In Bremen, welches bekanntlich zur Reichsparlamentszeit das Hauptorgan zur Errichtung der Flotte gestellt hatte, ward ich sehr überrascht, als mir gewichtige Stimmen in’s Ohr raunten, daß dieser Vorschlag, der ja das bremer Localinteresse ganz aufhebe, für Bremen nicht das mindeste Anziehende habe. Denn eine deutsche Flotte sei an sich, für das bremer Handelsinteresse nicht nur ganz indifferent, sondern sogar gefährdend. Gerade die politische Unwichtigkeit der deutschen Seestädte, ihre hieraus natürlich hervorgehende Neutralität, schütze sie vor den Nachtheilen, welchen andere seefahrende Nationen bei jeder politischen Verwickelung unter den größern Mächten sich ausgesetzt sähen. Man rieth mir, von der ganzen Sache zu abstrahiren, indem vollends meine Idee, die Flotte an Oesterreich und Preußen zu überlassen, Bremens einziges Interesse das Localinteresse, vernichte. In Hamburg schüttete Bürgermeister Dammert mir auf das Zutrauensvollste sein Herz aus, wie er im Einverständniß mit seinen einsichtigsten Collegen hinsichtlich der Zwecklosigkeit einer deutschen Flotte je und allezeit mit der bremischen Ansicht ganz einverstanden gewesen sei. Gegen die tollen Haufen im Jahr 1848 habe man von Seiten des Senats natürlich um so weniger aufkommen können, als sehr bald dasige Privatinteressen diese Volksstimmung zu ihrem eigenen Nutzen auszubeuten verstanden hätten. In Lübeck führte man ganz dieselbe Sprache.

Ziemlich entmuthigt, wandte ich mich nach Hannover. Meine Idee schien das damalige Staatsministerium an sich ganz gut anzusprechen, nur zweifelte dasselbe an dem mindesten Erfolg beim Bundestage. Als aber beiläufig die Rede darauf kam, wo denn der nach meinem Projekt Preußen zugewiesene Antheil der Flotte stationirt werden sollte? und ich in aller Unbefangenheit aus dem Umstand, daß Preußens gewerbreichste Provinzen in Rheinland und Westphalen ihren natürlichen Ausgang an der Nordsee hätten, argumentirte, daß sonach Preußen eine Station an der Nordseeküste nach Billigkeit nicht versagt werden könnte - erfuhr ich die entschiedenste Zurückweisung!

Zuletzt versuchte ich mein Glück in Berlin. Von dem Kriegsministerium und dem höchsten Marinechef ward mein Plan mit unverkennbarem Interesse und sehr freundlich aufgenommen, ich auch aufgefordert, dem Finanzminister meine Idee näher zu entwickeln. Nie in meinem Leben bin ich aber mit einem staatsmännischen Projekt übler angekommen! Herr v. Bodelschwingk erklärte mir unverholen: er sei mir höchlich verbunden für das interessante Nessushemde, womit ich den preußischen Staat zu beschenken gedächte. Er werde sich aber berufen finden, ein solches die Finanzen wie mit einem unersättlichen Vampyr bedrohende Geschenk, sich mit allen Kräften vom Leibe zu halten. Preußens politische Macht finde er in der Aufrechthaltung eines tüchtigen Finanzstandes weit sicherer begründet, als in der Ausdehnung seiner militärischen Kräfte und deren Zersplitterung auf eine der Situation des Staats in keinem Bezug entsprechende Kriegsmarine etc.

So klägliches Fiasko mein Vorschlag bei den interessirten Regierungen gemacht hatte, so war doch noch empfindlicher die Zurechtweisung, die mir der Bundestagsausschuß darüber zukommen ließ, daß ich in dieser Angelegenheit ganz aus meiner Geschäftssphäre herausgetreten sei, und über die Erhaltung der Flotte Discussionen herbeigeführt hätte, wo meine Thätigkeit nur auf die rasche Auflösung sich hätte richten sollen.

Später, nach dem Verkauf, erkannte ich mit noch größerer Beschämung, wie meine Inconsequenz in dieser Angelegenheit der öffentlichen Meinung ausnahmsweise eine Concession zu machen, wenn sie einen günstigen Erfolg gehabt hätte, die die Flotte übernehmenden Staaten enorm verletzt haben würde. Nie hat diese öffentliche Meinung etwas Unverständigeres gewollt und zu erstreben sich bemüht, als diese Flottenconservation, und nie hat die Bundesversammlung etwas Zweckmäßigeres in politischer wie in finanzieller Hinsicht ausgeführt, als daß sie das „Hammergeschrei“ nicht beachtend, diese als geborne Wraks von den Flottenschöpfern in der Revolutionszeit erworbenen, mit Schwamm und Dryrott durch und durch inficirte Fahrzeuge à tout prix hat veräußern lassen. Bezüglich jenes glühenden Patriotismus, welcher die rasche Flottenaufstellung nicht eilig genug zu improvisiren wußte - war auch manches - ziemlich faul, was dereinst die Geschichte näher enthüllen dürfte.

Wenn mich aber der Bundestag dafür, daß ich die Flotte habe erhalten wollen, mit Nesseln gepeitscht, die öffentliche Meinung aber dafür, daß ich sie auf höhern Befehl aufgelöst habe, mit Skorpionen gezüchtigt hat, so wird mir für diese Doppelgeißelung die Martyrerpalme in jedem Fall zuerkannt werden müssen.

Meine nicht unbekannt gebliebene Bemühung für die Erhaltung der Flotte ward von dem ganzen Flottenpersonal, sowie auch der Einwohnerschaft zu Bremerhaven mit großer Gunst aufgenommen; man überhäufte mich mit Freundlichkeit. Als sich aber der Erfolg heraus stellte, daß dieser Plan von dem Bundestagsausschuß nicht nur mit der entschiedensten Mißbilligung verworfen, sondern mir selbst zur Verantwortlichkeit gestellt worden war, daß ich durch dieses Intermezzo meine Thätigkeit von der eigentlichen Aufgabe meines Berufs, dem Veräußerungsgeschäfte, abgelenkt hätte, und ich nun mit verdoppelter Kraft dem raschesten Betriebe der Veräußerung eifrigst mich hinzugeben verpflichtet achtete, da überzog sich mein Popularitätshimmel von allen Seiten mit schweren Gewitterwolken. Bis zum ersten Mai 1852 hatte die Unterhaltung der Flotte täglich 1000 Rthlr. gekostet; an diesem Tage war sie durch Entlassung des größten Theils der Mannschaft auf die Hälfte reducirt worden. Das übrig gebliebene Marinepersonal, wie die gesammte Einwohnerschaft von Bremerhaven hatte begreiflich das größte Interesse, den Status quo so lange zu erhalten als nur möglich, und in diesem Hinhaltungsstreben vereinigten sich die Kräfte Aller gegen Einen.

Die Rathschläge der competentesten Männer vom Fache, welche an der Nothwendigkeit der Veräußerung der Flotte und der möglichst baldigen Sistirung des noch immer so lästig auf die Bundestage zurückwirkenden Kostenaufwandes für ihre eigenen Staatsgebiete ein Interesse hatten, – sachkundige Männer, wie die Senatoren Dammert, Büsch und Merk zu Hamburg waren einverstanden, daß nur in der Möglichkeit, eine überseeische Concurrenz zu gewinnen, die Hoffnung zu begründen sei, einen höhern Preis als 10 bis 15 Procent der Anschaffungskosten aus dem gesammten Flottenmaterial zu ermöglichen. Dazu war aber ein dringendes Bedürfniß, eine die verkäuflichen Gegenstände möglichst detaillirende Beschreibung und zwar in französischer, englischer und selbst spanischer Sprache an die überseeischen Seeplätze zur Kunde gelangen zu lassen. Eine von dem Admiral Brommy abgefaßte Schiffsbeschreibung fanden die Sachverständigen unzureichend und einer nothwendigen Ergänzung bedürfend.

Wohl sah ich ein, daß ohne eine erweiterte Vollmacht, welche das höhere Marinepersonal zur unbedingten Fügsamkeit unter meine Anordnungen anwies, an eine rasche Förderung des Geschäfts nicht zu denken sei; den unmittelbaren Verkehr mit den deutschen Consulaten in den überseeischen Ländern hatte man mir schon in meiner Instruktion abgestrichen. Die Idee, einem oldenburgischen Geheimen Staatsrath, der auch auf seiner, dem Generalmajor respective Contreadmiral gleichstehenden Rangstufe immer nur ein Civilist blieb, eine Autorität über einen Contreadmiral einzuränmen, konnte eine Militärcommission nur abenteuerlich finden, ich wurde - abgewiesen! Nun ersuchte ich den Marinechef, die verlangten Ergänzungen in seiner Beschreibung nachzuholen. Er erklärte mir trocken, das sei gar nicht nöthig. Die hierüber beir dem Bundestagsausschuß von mit geführte Beschwerde hatte für mich wieder einen nachdrücklichen Verweis, meiner dem Admiral Brommy gemachten Zumuthung und [562] die Entscheidung zur Folge, daß die verlangte Ergänzung allerdings unnöthig sei! Daß dieser Verweis und die Entscheidung, „ob die Angabe der Dimensionen, der Innhölzer, Deckbolten, Balkweichern, der innern und äußern Haut, der Knieen, Schweine, Kimmplanken, kupfernen und eisernen Verboltungen, der Ankergewichte u. s. w.“ zur wesentlichen Beschreibung eines zum Kauf angebotenen Schiffs gehöre, nicht ein Gegenstand war, den der Bundestagsausschuß zu entscheiden sich auch nur berufen finden konnte, ist klar. Verweis und Entscheidung konnten nur von den berathenden Technikern ausgegangen sein. Hatten aber diese Techniker, denen mit dem Absegeln des letzten Flottenschiffes das veteres coloni migrate! mit Flammenzügen in der Perspektive stand, einen sonderlichen Beruf, meinen raschen Eifer zu fördern? Wäre es ein Unglück gewesen, wenn durch diese vermeintlich unnöthigen Einschiebsel die gedruckte Beschreibung um dreißig Zeilen länger geworden wäre? Gewiß war dieses kein Grund, um ein so wichtiges Geschäft Monate lang zu verzögern. Es blieb eben nicht bei dieser Zänkerei. Es handelte sich weiter von einer Uebersetzung dieser Beschreibung. Nach der Natur der Sache konnte diese nur ein der technischen Schiffssprache kundiger Marinier machen. Der Admiral Brommy war der französischen wie der englischen Sprache kundig, dennoch verweigerte er mir die Uebersetzung als einen nicht zu seiner Funktion gehörigen Gegenstand. Ich ersuchte ihn, durch einen seiner Seeoffiziere diese Arbeit anfertigen zu lassen (sie erforderte einen Umfang von einem gedruckten Viertelbogen). Er erklärte mir: keiner derselben sei dieser Arbeit gewachsen! Dies mußte mich zu einer neuen Beschwerde bei dem Bundestagsausschuß veranlassen. Unter den Seeoffizieren befanden sich notorisch mehrere, welche Französisch und Englisch als Muttersprache redeten; ich nannte die Aeußerung des Admirals ein ungegründetes Armuthszeugniß, welches er seinem Offiziercorps ausstellte. Abermalige Abweisung! Der Admiral habe ganz recht, daß er sich dieser Zumuthung entzogen habe! Dieser Competenzstreit verzögerte das Geschäft abermals um vierzehn Tage, und kosteten die Häkeleien der Techniker dem Bundesärar mindestens 50,000 Gulden. Endlich gelang es mir, in Bremen für schweres Geld einen Uebersetzer zu finden, aber dieses Herumziehen und die Verzögerung des Drucks hatten eine neue Verschleppung zur Folge.

Ich hatte gleich Anfangs darauf aufmerksam gemacht, wie es doch zu gar nichts dienen könnte, das Marinerechnungswesen in dem minutiösen Detail, wie es das Intendanturregulativ vorschrieb, fortzuführen, solches vielmehr ganz fallen zu lassen, und nur auf die Untersuchung sich zu beschränken, ob die Zahlmeister an die Marinekasse noch etwas zu fordern hätten, oder in dieselbe schuldeten, oder sonst erhebliche Unterschleife sich herausstellten. Der Marineintendant gestand zu, daß auf diese Weise freilich binnen drei Tagen die ganz Sache abgethan werden könne. Mein Antrag wurde gleichwohl verworfen und mir zu verstehen gegeben, daß ich mich um den Verkauf der Schiffe und sonst um nichts zu bekümmern habe. Von der Einmischung in das Rechnungswesen hielt man den Bundescommissair ohnehin fern. Von den größeren Kaufleuten kann ich nichts Anderes sagen, als daß sie mich mit allem kaufmännischen Anstande behandelten. Es bot mir keiner eine Bestechung an, wohl aber fixe Provisionen als Stillcompagnon von 2000 Thlr. bis zu 1500 Pfd. Sterling.

Die kurzgebundene Zurückweisung konnte natürlich die Achtung für mich nicht erhöhen, sie bestätigte in den Augen dieser Herren ja nur den Verdacht, daß aus Dr. Engelkens oberneuländer Irrenanstalt wohl noch etwas in mir zurückgeblieben sein möchte. Je mehr ich mich aber nun dem Ziele näherte, und durch das Verschwinden der Flottenschiffe die Leute gewahr wurden, daß es mit der Sache ein Ernst war, und ich ihnen die melkende Kuh wirklich entführt hatte, um so zügelloser wuchsen die Aeußerungen des Hasses von allen Seiten. Mochte ich mich auch trösten, daß derselbe nicht meiner Person, sondern meinem Repräsentativ-Charakter galt, und mir Niemand widersprochen haben würde, wenn ich die eigenthümlichen Sentiments eines verehrungswürdigen Publikums meinen hohen Committenten in getreuer Berichterstattung hätte transferiren wollen, so glaubte ich wenigstens darin eine Anerkennung von der hohen Behörde mir zu verdienen, daß ich diese Rücksichtslosigkeiten mit stolzem Gleichmuth, ohne ihr mit unliebsamen, persönlichen Reklamationen lästig geworden zu sein, auf mich nahm. Selbst die Behörden suchten etwas darin, das System der Gleichheit vor dem Gesetz im ächten Republikanersinn nicht minder schroff, als die koburger Kriminalbehörde zu großem Beifall ihrer gleichgestimmten Bürger an den Bundestagsrepräsentanten zur Geltung zu bringen.

Bei einer gerichtlichen Verhandlung in einer Bundescommissariats-Angelegenheit wies man mich in das Gerichtsvorzimmer als Wartezimmer. Alle Bänke waren mit einer sehr gemischten Gesellschaft von Matrosen, Handwerksburschen und einer Dame derselben Classe besetzt. Das höfliche Erbieten eines freundlichen Matrosen, mir altem Manne seinen Sitzplatz zu überlassen, konnte von mir in geziemender Bescheidenheit nicht angenommen werden, und so hatte ich die Wahl, mich in die Vorhalle neben den nicht minder freundlichen Kettenhund oder auf der Straße zu placiren. Herr Amtmann Gröning würde seiner richterlichen Autorität nichts vergeben haben, wenn er dem Repräsentanten der höchsten Behörde Deutschlands eines seiner Privatzimmer als Wartesaal hätte anweisen wollen. Ich könnte ein ganzes Buch solcher charakteristischer Züge meines bremerhavener Geschäftslebens schreiben. Bei der Uebergabe der sechs Corvetten mußte ich mich zur Sicherung gegen persönliche Mißhandlungen auf die Warnung des englischen Consuls zu Brake unter den Schutz der englischen Flagge flüchten.

Die persönlichen Insolenzen, denen ich von allen Klassen, selbst einer ministeriellen Persönlichkeit, wegen dieses unpopulären Geschäfts ausgesetzt war, kannte keine Grenze. Drei Tage war mir der Genuß warmer Speisen versagt, weil kein Restaurateur mich aufnehmen wollte. Am Abend, wo die letzten untern Schiffsoffiziere, Zahlmeister u. dgl. entlassen worden waren, und diesen Abschied in einer nächtlichen Orgie, man kann denken, mit welchen patriotischen Trinksprüchen feierten, überfielen mich vier dieser bis zur Bestialität betrunkenen Seehelden an meinem in demselben Hotel befindlichen Schlafzimmer, versuchten meine Thüre zu sprengen, und versetzten mich in eine Lage der Nothwehr, daß ich, entblößt von jeder andern Waffe, kein anderes Rettungsmittel in Aussicht zu nehmen wußte, als mich mit einer eisernen Ofenhacke neben die Thür zu stellen, mit dem Vorsatze, den ersten durch die gesprengte Thür Eintretenden vor den Schädel zu schlagen. Zum Glück befreite mich der Wirth durch seine Dazwischenkunft von diesen im unverkennbaren Zustand der Unzurechnungsfähigkeit sich befindenden Unholden. Welche Situation für einen so bejahrten Mann, gewöhnt, sich nur in den Kreisen höherer Sitte zu bewegen, solchen Pöbelhaftigkeiten auf jedem Schritte zu begegnen. Dazu kam noch das drückende Gefühl, in allen Unternehmungen der entschiedensten höheren Mißbilligung sich auszusetzen, weil in allen diesen auf administrative und technische Details hinauslaufenden Geschäftsdifferenzen der Militärausschuß auf die Gutachen befangener und zum Theil recht untergeordneter Behörden einzig seine Entscheidung gründen konnte. Für alle diese Unbilden konnte mich nur der Genuß entschädigen, der an sich in dem Ankampfe gegen die Gelüste der Untreue, Schlechtigkeit und des Unrechts liegt, und das Bewußtsein, dem Bundesärar etwa 50,000 Rthr. erkämpft zu haben, die vielleicht ein anderer, minder kampflustiger Sachführer nicht errungen hätte.

Wenige Bundescommissariate möchten ein solches Martyrthum zu bestehen in der Lage gewesen sein, – mit unerschütterlicher Standhaftigkeit einen so allgemeinen, alle Stände des deutschen Volkes durchdringenden Haß mit Seelenruhe zu ertragen und mit Gleichmuth sich als Stichblatt alles nur denkbaren Hohns und Spottes der Tagespresse behandelt zu sehen. Es war ein schwacher Trost für mich, daß bei diesem unermüdlichen Trachten der Presse, alles denkbare Gehässige mir aufzubürden, von dieser doch auch nicht ein Schein eines Zweifels an meiner Rechtlichkeit vorgebracht worden ist. Vielleicht kommt noch eine Zeit, wo diese Flottenangelegenheit in das freie Gebiet der Geschichte zurückgetreten ist, und Diejenigen, denen mein Andenken lieb ist, Gelegenheit finden, meine nicht uninteressante Flottenpassionsgeschichte in ihren Einzelnheiten vor ein ungefangeneres Forum zu bringen, als mir in der politischen Richtung meiner Zeitgenossen offen stand.

Im Juni 1853 erstattete ich dem Bundestagsausschuß meinen Schlußbericht und wurde mit einer etwas kühlen Zufriedenheitserklärung meines Commissorii entbunden.


  1. Wir entnehmen diese Skizze dem soeben unter dem Titel: Politisches Martyrthum, eine Kriminalgeschichte mit Aktenstücken, erschienenen Buche des durch seine koburger Gefangenschaft neuerdings wieder oft besprochenen einstigen Flottenauctionators und weiland lippe’schen Staatsmininster Hannibal Fischer. Wie weit die hier mitgetheilten Thatsachen auf Wahrheit beruhen, wollen und können wir nicht untersuchen, eben so wenig, wie wir den Standpunkt und die oft kläglichen politischen Auslassungen des Verfassers einer Kritik unterwerfen mögen, die z. B. das sogenannte politische Maryrthum dieses Mannes in einer für ihn sehr unangenehmen Weise beleuchten würde, jedenfalls sind aber die Mittheilungen nicht ohne Interesse und geben ein ganz hübsches Bild jüngstvergangener vaterländischer Zustände.
    D. Redakt.