Die neuen Markthallen in Paris

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Titel: Die neuen Markthallen in Paris
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 20, S. 301–303
Herausgeber: Ferdinand Stolle
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Erscheinungsdatum: 1858
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Die neuen Markthallen in Paris.

Eine Lebensfrage für jede Stadt ist das Vorhandensein eines bequem gelegenen und hinreichend geräumigen Platzes, auf welchem die Bewohner alle ihre Lebensbedürfnisse kaufen können. Schon die alten Griechen sorgten deshalb, wenn sie eine neue Colonie gründeten und eine neue Stadt anlegten, ehe Wohnhäuser erbaut wurden, vor allen Dingen für einen Tempel und einen Marktplatz, [302] welcher letztere überdies bei besonderen Gelegenheiten als Versammlungsplatz der Bürger diente. In vielen modernen Städten indes gehören diese Märkte zu den mangelhaftesten Einrichtungen, weil sie entweder zu klein oder von zu geringer Anzahl sind, oder an unpassenden Orten sich befinden, oder weil es an den wünschenswerthen Bequemlichkeiten fehlt, oder weil man von den daselbst Verkaufenden zu hohe Abgaben verlangt. In Bezug auf den letzteren Punkt ist die Einrichtung z. B. in New-York zu empfehlen, welche Stadt nicht nur keinen Gewinn von ihren fünfzehn Märkten zieht, sondern sogar ansehnliche Summen jährlich zuschießt, um dieselben mit allen Bequemlichkeiten für die Käufer und Verkäufer zu versehen.

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Die neuen Markthallen in Paris.

Auch in Paris hat seit langer Zeit die Regierung den Marktplätzen besondere Fürsorge gewidmet. Es ist z. B. der Ausspruch Napoleon I. bekannt, daß auch die Armen ihren Louvre haben müßten, und man weiß, daß er den zweckmäßigen Markt St. Sulpice einrichten ließ. Dem jetzigen Kaiser indeß war es vorbehalten, einen Mustermarkt für Paris herzustellen, welcher den Namen der Centralhallen führt. Derselbe befindet sich so ziemlich in der Mitte der Altstadt, in der Nähe der Seine und dicht bei der alten Kirche St. Eustach. Mehr als einmal ist nicht blos das Schicksal der Stadt, sondern des Landes auf diesem historisch merkwürdigen Platze entschieden worden, der z. B. in der großen Revolution das Hauptquartier der herrschenden Partei war, und in dessen unmittelbarer Nähe mehrere Clubs ihre Sitzungen hielten. Auch weiß jeder Leser, welche Rolle die Marktweiber, die da zu verkaufen pflegen, und welche galant „die Damen der Halle“ genannt werden, gar oft gespielt haben. Wie häufig haben die Zeitungen berichtet, daß Deputationen dieser „Damen“ zu dem Regierenden sich begaben, der jeder Zeit bemüht war, sich die Gunst dieser wichtigen Weiber zu erhalten. Auch der jetzige Kaiser macht davon keine Ausnahme.

Der Raum, den die neuen Markthallen einnehmen, beträgt 20,000 Quadratellen, und es stehen auf demselben zehn Hallen oder Markthäuser, die aus Eisen, Holz und Glas gebaut sind. Sie ruhen auf hohlen eisernen Säulen; das Dach ist in regelmäßigen Zwischenräumen durchbrochen und ungeheure Fenster werfen Lichtströme von da hinunter. Um jedes dieser Markthäuser läuft eine steinerne Mauer, welche dasselbe und die darin Verkaufenden von den andern trennt. Das Regenwasser, welches auf das Dach fällt, läuft durch Rinnen in die hohlen eisernen Säulen, und von da in Cisternen, aus denen es heraufgepumpt werden kann, wenn es gebraucht wird. In jedem dieser Markthäuser ist, wie in den Bazaars der Städte des Orients, nur ein Artikel zum Verkaufe ausgestellt. So gibt es denn eins für Fleisch, eins für Wildpret, eins für frische Fische, ein anderes für Gemüse, eins für Butter, Eier und Käse, eins für Geflügel, eins für Blumen u. s. f.

Jede dieser Hallen enthält 280 Verkaufsplätze oder Stände von zwei Quadratellen, und jeder dieser Stände ist von dem andern durch ein eisernes Gitter oder eine hölzerne Scheidewand getrennt. Die Geräthe und Vorrichtungen darin sind verschieden nach den Artikeln, die darin verkauft werden. In den Fischhallen enthält jeder Stand einen kleinen Teich, in welchem die Fische umherschwimmen, gefüttert und sogar fett gemacht werden können. In andern ersetzen zweckmäßig angebrachte Regale die lästigen Körbe und Fässer.

Die Markthäuser oder Hallen haben eine kreisrunde Form, und durch jedes laufen zwei Straßen, die einander in der Mitte des Baues kreuzen. Genau im Mittelpunkte des Ganzen steht ein Brunnen, der aber nur fließt, wenn man an einer daran befindlichen Feder drückt damit unnöthige Wasserverschwendung verhütet wird, und auch die Luft in den Gebäuden nicht zu viel Feuchtigkeit aufnimmt. Wer Wasser haben will, kann es in Ueberfluß erhalten; wird keines gebraucht, so ruht der Brunnen. Ferner ist in der Einrichtung dieser Mustergebäude bemerkenswerth, daß die Temperatur darin im Sommer mehrere Grade niedriger und im Winter höher ist, als die Atmosphäre draußen, eine Wohlthat, welche allgemein, am meisten aber von den Fleischverkäufern, geschätzt wird.

Das Allermerkwürdigste der Centralhallen aber ist das Geschoß unter der Erde. Hier befindet sich nämlich noch ein Markt, so geräumig, als die zehn Hallen oben. Auch da gibt es eine große Anzahl Verkaufstände und es werden bedeutende Geschäfte hier gemacht. Dieser unterirdische Markt erhält immer frische Luft durch sinnreich angebrachte Ventilationsmaschinen, während ungeheuer [303] große Fenster mehr Licht als nöthig zulassen. Trotzdem ist der Markt, der auch da abgehalten wird, nicht die Hauptsache: es befindet sich nämlich ein Bahnhof hier, wo fast ununterbrochen Eisenbahnzüge ankommen und abgehen und von wo Massen von Menschen und Vieh in die oberen Regionen sich hinaufdrängen. Alles lebende Schlachtvieh, wie alles Geschlachtete, das für den Markt bestimmt ist, kommt vom Lande auf dieser Eisenbahn hier an, welche vor der Barriere der Stadt in einen Tunnel hinein und unter Straßen und Häusern hinweg zu dem Markte geht. In Folge dieser zweckmäßigen Einrichtung werden die Straßen von Paris niemals durch Rinder- oder Schafheerden versperrt, die für die Schlachtbank bestimmt sind. Auch sieht man nie auf den Straßen Wagen und Karren, die mit Fleisch beladen sind, wie es in andern Städten der Fall ist.

Mit diesem unterirdischen Bahnhofe steht eine große Grube in Verbindung, welche alle Abgänge von dem Markte oben, Blut u. s. w. aufnimmt. Die Metzger, Federviehhändler, u. s. w. werfen Alles, was bei ihnen abfällt, in diese Grube, so daß es augenblicklich verschwindet und weder das Gesicht, noch den Geruch beleidigen kann. Verloren geht indeß nichts davon. Es stehen immer Männer bereit, welche das Herabfallende in Gefäße schaufeln, in denen es nach kurzer Zeit zu Niederlagen außerhalb der Stadt befördert wird, die es als Dünger an die Landleute verkaufen. Auch sind diese Abgänge, seit die Ackerbauwissenschaft in Frankreich Fortschritte gemacht hat, so außerordentlich gesucht, daß sie, selbst wenn man sie in doppelt so großer Menge besäße, zu lohnenden Preisen verkauft werden könnten.

Das Vorstehende dürfte wohl genügen, um die Zweckmäßigkeit der Einrichtung dieser Markthallen darzuthun; aber nicht diese Zweckmäßigkeit allein empfiehlt sie, denn sie gehören auch zu den elegantesten und schönsten Bauwerken der Stadt, die an dergleichen bekanntlich reich ist.