Die pneumatische Briefbeförderung in Berlin

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Textdaten
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Autor: M. R.
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Titel: Die pneumatische Briefbeförderung in Berlin
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 51, S. 861–863
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1876
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Die pneumatische Brief-Beförderung in Berlin.

Man thut gewiß Unrecht, wenn man unsere Zeit für so nüchtern und prosaisch hält, wie dies allgemein geschieht. Allerdings glauben wir nicht mehr an die Märchen und Fabeln der Vergangenheit, zweifeln wir an den Wundern und Erscheinungen der alten Götterlehre. Dafür thut die Gegenwart selbst die größten Wunder und verwirklicht in ihren Schöpfungen die Mythen und Sagen der Völkerpoesie. Der mächtige Zauberer Dampf kann sich an Kraft und Stärke mit den Riesen und Titanen messen. Wie Hercules verrichtet er die schwersten Arbeiten, indem er ungeheure Lasten hebt und die unglaublichsten Thaten vollbringt. Das Märchen von den Siebenmeilen-Stiefeln ist längst kein Märchen mehr, wie jede Lokomotive zeigt. Der Vogel Greif und Dr. Faust’s Mantel, mit dem er durch die Lüfte flog, sind durch den Luftballon zur Wahrheit geworden. Mit dem Teleskop sehen wir viele Meilen weit, mit der Armstrong-Kanone schießen wir nach dem fernsten Ziele. Nicht der Glaube, sondern die Wissenschaft versetzt Berge und trocknet Meere aus. Die Chemie verwandelt schmutzige Kohlen in helles Licht und glänzende Farben; die Physik benutzt den elektrischen Funken zum Boten des Gedankens und trägt mit der Schnelligkeit des Blitzes eine Nachricht von einem Ende der Welt zum andern.

Ein solches neues Wunder ist auch die pneumatische Briefbeförderung, welche in jüngster Zeit zunächst für Berlin in’s Leben getreten ist, nachdem diese Einrichtung sich bereits in London, Paris und Wien bewährt hat.[1] Es handelt sich dabei um die Beförderung von Briefen durch den Druck der Luft mit [862] einer Schnelligkeit, welche fast der des Telegraphen gleichkommt. Der Zweck dieser neuen Anstalt ist hauptsächlich Ersparniß an Zeit und Menschenkraft, respective Entlastung der überbürdeten Telegraphen- und Postämter von ihrer Arbeit, welche sie bei der zunehmenden Größe der Stadt und der Einwohnerzahl kaum mehr zu bewältigen im Stande sind. Das dabei zur Anwendung kommende Princip ist das der gewöhnlichen Luftpumpe, in der durch abwechselnde Verdichtung und Verdünnung der atmosphärischen Luft in hinlänglich starker Strom erzeugt wird, um leichtere Körper fortzuführen.

Bereits im Jahre 1866 wurde hier der erste gelungene Versuch gemacht, Briefe auf einer allerdings nur kurzen Strecke von der Börse bis zum Haupt-Telegraphenamt zu befördern. Das Verdienst unseres genialen Ober-Post-Directors Stephan ist es, diese für den Verkehr so wichtige Einrichtung auf die ganze Stadt ausgedehnt zu haben. Zu diesem Behufe sind die verschiedenen Gegenden Berlins durch ein sechsundzwanzigtausend Meter langes Röhrennetz verbunden, wozu fünf Meter lange, schmiedeeiserne, mit Ueberdeckung geschweißte Röhren von fünfundsechzig Millimeter innerem und fünfundsiebzig Millimeter äußerem Durchmesser verwendet wurden. Die Zusammensetzung der einzelnen Abschnitte ist derartig bewirkt, daß jeder Röhrenstrang nicht nur für sich einen vollkommen luftdichten Behälter bildet, sondern auch von den Verbindungsstellen keinerlei Veränderung des Querschnitts durch ungenaues Aneinanderstoßen der einzelnen Enden eintreten konnte, da letzterer Fehler den ungehinderten Fortgang der zur Aufnahme der Briefe bestimmten Büchsen sogleich beeinträchtigen würde. In den meisten öffentlichen Straßen liegt diese Leitung im Allgemeinen einen Meter unter der Oberkante des Terrains; indessen haben zur Vermeidung der zahlreich vorhandenen Canäle, Gas- und Wasserleitungen an vielen Stellen die Röhren bis zu zwei Meter Tiefe gelegt werden müssen, was öfters mit großen Schwierigkeiten verbunden war.

Das ganze große Röhrennetz zerfällt in zwei Betriebskreise, zu denen fünfzehn Rohrpostämter gehören. Der nördliche Betriebskreis umfaßt die Posten in der Börse, in der Oranienburger-, Lothringer-, Invaliden-, Wallner-Theater-, Neuen Königsstraße und im Hof-Postamtsgebäude, der südliche dagegen diejenigen in der Seydel-, Ritter-, Neuenburger-, Mauerstraße, am Potsdamer Thore, in der verlängerten Genthinerstraße und am Brandenburger Thore. Anfang und Endpunkt beider Kreise ist das Rohrpostamt im Haupt-Telegraphengebäude. In jedem der beiden Kreise findet die Beförderung immer in ein und derselben Richtung von einen Orte zum andern in regelmäßig wiederkehrenden Zeitabschnitten von je fünfzehn Minuten statt.

Die Beförderung selbst geschieht durch einen eigenen, von dem Wiener Ingenieur Herrn von Felbinger eingeführten und in Preußen patentirten Apparat. Die nachstehend versuchte Beschreibung dieses Apparates wird freilich nur den Fachleuten unschwer verständlich sein, der großen Mehrzahl der Leser jedoch als bedenkliche Lectüre erscheinen. Doch kann dies nur für den vorliegenden Satz gelten; alles Folgende nimmt wieder durch seine Faßbarkeit unser Interesse in Anspruch. Also: dieser Apparat besteht der Hauptsache nach aus einem gemeinschaftlichen Ständer zur seitlichen Anbringung der verschiedenen Lufthähne. Auf der horizontalen Fläche dieses Ständers sind die von Bronze hergestellten Empfangskammern für die Briefbüchsen angeschraubt, deren Böden mit Kautschuk belegt sind. Der erwähnte Ständer ruht auf einem gußeisernen dreitheiligen Rahmen, welcher eine im Fußboden gebildete Vertiefung einfaßt und dessen Felder durch Deckelbleche eingeschlossen sind. Die Röhrenleitungen münden mit ihren Enden in der unter dem Rahmen befindlichen Vertiefung des Fußbodens, anschließend an eine für die Ausströmung und Einströmung der Luft bestimmten Abzweigkammer, welche durch ein Rohrstück mit dem Beförderungshahn verbunden ist. In der Vertiefung am Fußboden unter der Deckplatte des Rahmens sind ferner in den von den Briefbüchsen durchlaufenden Röhren Scheibenverschlüsse angebracht, welche durch Zugstangen vom Standpunkte des den Apparat bedienenden Beamten leicht geöffnet oder geschlossen werden. Diese Scheibenverschlüsse dienen hauptsächlich dazu, die Röhrenstränge gegen den Apparat dann geschlossen zu erhalten, wenn diese mit den Behältern für Luftleere der andern Station in Verbindung stehen und der dahin unter Luftleere abzusendende Depeschenzug in den betreffenden Rohrstrang eingelegt werden soll. Die große Verschlußthür der Empfangskammer wird durch zwei besondere Schrauben an die Oeffnung derselben angepreßt und dadurch abgedichtet, die kleinere Verschlußthür dagegen mittelst einer Preßschraube verschlossen. Sämmtliche Bronzetheile des Apparats, von deren luftdichter Beschaffenheit die ganze Wirkung allein abhängt, sind in Paris in der eigenen Fabrik des Herrn von Felbinger mit bewunderungswürdiger Genauigkeit gearbeitet und zusammengefügt worden.

Für jeden der beiden Röhrenkreise sind zwei Dampfmaschinen aufgestellt und zwar je eine kleine von etwa zwölf und eine größere von zwanzig Pferdekraft. Ebenso sind für jede Maschinenanlage zwei Dampfkessel von solcher Größe vorhanden, daß jede einzelne für dem Betrieb vollkommen ausreicht. Die Luftpumpen, welche die Pressung und Leere erzeugen, sind ihrer Größe nach den Leistungen angepaßt, welche sie zu verrichten haben. Bei jeder der kleineren Dampfmaschinen sind zwei Pumpen von je vierhundert Millimeter Durchmesser und sechshundertsechszig Millimeter Hub aufgestellt. Diese Pumpen sind bei jeder Maschinenanlage zweimal vorhanden, um im Fall der Reinigung oder einer nothwendigen Reparatur keine Betriebsunterbrechung herbeizuführen.

Die Luftbehälter sind im Allgemeinen cylindrische Kessel aus Eisenblech. Die Wandstärke ist genau so bemessen, daß die Kessel dem inneren Luftdrucke, wo es Behälter für verdichtete Luft sind, und dem äußeren Druck der Atmosphäre, wo es Behälter für verdünnte Luft sind, vollkommen Widerstand leisten. Die Herstellung dieser Behälter ist mit so großer Sorgfalt ausgeführt, daß der Druck und die Luftverdünnung bei geschlossenen Hähnen und Ventilen mehrere Tage lang auf gleicher Höhe bleibt. Die Größe der aufgestellten Behälter ist derartig bemessen, daß einerseits der Luftdruck in denselben bei stattfindender Beförderung eines Rohrpostzuges nicht wesentlich abnimmt, andererseits auch der Luftdruck während des Aufenthaltes das Normalmaß nicht bedeutend übersteigt. Zur Erreichung dieses Zweckes haben die Behälter nahezu den vierfachen Gehalt der Röhren, für deren Betrieb sie bestimmt sind.

Zur Verhütung der Bildung von Condenswasser, welches sich in den in der Erde liegenden Röhren in dem Falle bilden würde, wenn der Erdboden bedeutend kälter, als die durch die Röhren streichende Luft wäre, wird die durch die Luftpumpe verdichtete Luft zunächst durch besondere Kühlapparate geleitet, welche aus dünnwandigen, mit einem cylinderförmigen Blechmantel umgebenen Röhren besteht, zwischen den Röhren und dem Mantel befindet sich kaltes Wasser, welches nach Bedürfniß erneuert wird. Die in Folge der Abkühlung sich niederschlagende Feuchtigkeit kann durch besondere Hähne beseitigt werden. Zur größeren Sicherheit sind außerdem die unter der Erde geführten Röhrenleitungen mit Wassersäcken zur Aufnahme der Condensationsflüssigkeiten versehen, welche ebenfalls von Zeit zu Zeit entleert werden können.

Die zur Beförderung der Briefe verwendetet Büchsen bestehen aus dünnem Blech mit einem Lederüberzug, um jede Reibung zu verhindern. Mit jedem Zuge können zehn bis fünfzehn Büchsen, welche zwanzig Briefe oder Telegramme enthalten, befördert werden, so daß an einem Tage über dreißigtausend Sendungen möglich gemacht werden. Die Gebühr für die Beförderung und Bestellung durch den Eilboten beträgt für einen Brief dreißig, für eine Postkarte fünfundzwanzig Pfennige, die Zeit von einer Station zur andern ungefähr eine bis drei Minuten. Bei allen hiesiger Postämtern sind besondere, gestempelte Couverte von rothem Papier und Karten zu dem genannten Preis zu bekommen. Die Kosten der ganzen Anlage, welche am 18. April dieses Jahres begonnen und bis zum November beendet war, belaufen sich mit Einschluß der zur Aufnahme der Maschinen besonders errichteten Gebäude auf ungefähr eine und ein Viertel Million Mark.

Der besonderen Güte des Geheimen Ober-Regierungsraths Herrn Elsasser, der sich um die Leitung des Ganzen große Verdienste erworben hat, und der freundlichen Bereitwilligkeit des Herrn von Felbinger verdankt der Schreiber dieses Artikels die Erlaubnis, den Apparat im Augenschein zu nehmen und sich von der Eleganz, Sicherheit und bewunderungswürdigen Leichtigkeit desselben zu überzeugen, bevor derselbe dem öffentlichen Betrieb

[863] übergeben wurde. Die Büchsen flogen bis zur nächsten Station in neunundvierzig Secunden und ebenso schnell erfolgten die Rücksendungen, so daß man in der That an Zauberei glauben konnte. Wie Herr von Felbinger mittheilte, wird zunächst München, später Breslau und auch Leipzig die pneumatische Briefbeförderung einführen, wenn dieselbe sich in Berlin bewährt, woran nach den abgelegten Proben nicht mehr gezweifelt werden kann. –
M. R.
  1. Schon im Jahrgange 1863, Nr. 8 der „Gartenlaube“ haben wir darauf hingewiesen, daß Joseph Ressel, der Erfinder des Schraubendampfers, in ebenso früher Zeit, vor mehr als fünfzig Jahren, auch „die atmosphärische Briefpost“ erfunden hat. In der „Festschrift zur Enthüllungsfeier des Ressel-Denkmals in Wien“ beschreibt Dr. Edmund Reitlinger dieselbe so: „Zwischen zwei Stationen sind eiserne Röhren gezogen, an deren beiden Enden zwei Luftpumpen angebracht sind, die abwechselnd arbeiten. Wird durch eine derselben die Luft im Rohre verdünnt, so treibt der äußere Luftdruck die Packete vom anderen Ende herbei. Diese wandern so von Station zu Station.“ – Man kann sich denken, mit welchem Kopfschütteln diese Erfindung von all den hochmögenden Personen aufgenommen wurde, welche schon vor dem Modell der Schiffsschraube hohnlachend gefragt hatten. „Will er denn das Meer anbohren?“ –
    D. Red.