Die sechs Schwäne (1819)

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Autor: Brüder Grimm
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Titel: Die sechs Schwäne
Untertitel:
aus: Kinder- und Haus-Märchen Band 1, Große Ausgabe.
S. 243-249
Herausgeber:
Auflage: 2. Auflage
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1819
Verlag: G. Reimer
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Erscheinungsort: Berlin
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Originaltitel:
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Originalherkunft:
Quelle: Scans auf Commons
Kurzbeschreibung:
seit 1812: KHM 49
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Begriffsklärung Andere Ausgaben unter diesem Titel siehe unter: Die sechs Schwäne.


[243]
49.

Die sechs Schwäne.

Es jagte einmal ein König in einem großen Wald und jagte einem Wild so eifrig nach, daß niemand von seinen Leuten ihm nachfolgen konnte, zuletzt verirrte er sich und fand keinen Ausgang. Da sah er etwas auf sich zukommen, das ging wie eine alte Frau gebückt und mit wackelndem Kopf und war eine Hexe. Der König redete sie an und sprach: „zeigt mir doch den Weg durch den Wald.“ „O ja, Herr König, antwortete sie, wenn ihr meine Tochter heirathen und zur Frau Königin machen wollt, dann solls geschehen, sonst aber nicht und ihr müßt hier bleiben und Hungers sterben, denn ihr kommt nimmermehr ohne mich aus dem Wald.“ Der König, dem sein Leben lieb war, sagte in der Angst ja und darauf führte ihn die Alte zu dem Mädchen. Es [244] war sehr schön, aber der König hatte es doch nicht lieb und konnte es nicht ohne heimliches Grausen ansehen. Die Hexe brachte sie beide auf den Weg nach des Königes Schloß und als sie da angelangt waren, mußte er Wort halten und sie zu seiner Gemahlin nehmen.

Der König aber war schon einmal verheirathet gewesen und hatte von der ersten Frau sechs Buben und ein Mädchen und liebte die Kinder über alles auf der Welt. Weil er nun fürchtete, die Stiefmutter könnte ihnen ein Leid anthun, so brachte er sie in ein einsames Schloß, das mitten in einem Walde stand. Der Weg dahin war so schwer zu finden, daß er ihn selbst nicht gefunden hätte, wenn ihm nicht von einer weisen Frau ein Knäuel Garn wäre geschenkt worden, das sich, wenn er es vor sich hin auf die Erde warf, von selbst loswickelte und ihm den Weg zeigte. Der König ging oft hinaus zu seinen lieben Kindern, daß es endlich die Königin merkte, neugierig ward und wissen wollte, was er so oft allein in dem Wald zu schaffen habe. Nun gewann sie die Diener und diese verriethen ihr das Geheimniß. Das erste, was sie that, war, daß sie sich durch List das Knäuel verschaffte und als sie es hatte, machte sie sieben kleine Hemdchen und ging damit hinaus. Das Knäuel zeigte ihr den Weg und als die sechs Knaben jemand kommen sahen, meinten sie, es wäre ihr Vater und sprangen voll Freude heran. Da warf sie über jeden eins von den Hemdchen und alsbald, wie das ihren Leib berührt hatte, verwandelten sie sich in Schwäne, stiegen auf in die Luft und flogen davon. Sie glaubte nun der Stiefkinder los zu seyn, weil [245] das Mädchen nicht mitgelaufen war und sie nichts von ihm wußte, und ging wieder heim. Andern Tags kam der König, da fand er niemand, als das Mädchen, das erzählte ihm, daß es aus seinem Fensterlein gesehen, wie seine lieben Brüder als Schwäne fortgeflogen wären und zeigte ihm die Federn, die sie in den Hof hatten fallen lassen und die es aufgelesen. Der König trauerte, dachte aber nicht, daß die Königin die böse That vollbracht hätte und weil er fürchtete, das Mädchen würde ihm auch geraubt, wollte er es mit fort nehmen. Aber es hatte Angst vor der Stiefmutter und bat, daß es nur noch diese Nacht im Waldschloß bleiben dürfte.

Als aber die Nacht kam, da entfloh es und ging geradezu in den Wald hinein. Es ging die ganze Nacht und auch den andern Tag in einem fort, bis es vor Müdigkeit nicht weiter konnte. Da sah es eine Wildhütte, stieg hinauf und fand eine Stube mit sechs kleinen Betten, aber es getraute nicht, sich in eins hinein zu legen, sondern legte sich unter eins auf die Erde und wollte die Nacht da zubringen. Als aber die Sonne bald untergehen wollte, hörte es ein Rauschen und sah, daß sechs Schwäne zum Fenster herein geflogen kamen. Sie setzten sich auf den Boden und bliesen einander an und bliesen sich alle Federn ab, und da streifte sich ihre Schwanenhaut herunter wie ein Hemd. Da sah sie das Mädchen an und sah, daß es ihre Brüder waren, freute sich und kroch unter dem Bett hervor. Die Brüder, als sie ihr Schwesterchen erblickten, freuten sich auch, waren aber zugleich traurig und sprachen: „hier kann deines Bleibens nicht seyn, das [246] ist eine Herberg für Räuber, die vom Raub heimkommen; wenn sie dich fänden, würden sie dich ermorden.“ Da sprach sie: „könnt ihr mich denn nicht schützen?“ „Nein, antworteten sie, denn wir können nur eine Viertelstunde lang jeden Abend unsere Schwanenhaut uns abblasen und haben in der Zeit unsere menschliche Gestalt, hernach werden wir wieder verwandelt.“ „Kann ich euch aber nicht erlösen?“ sprach das Mädchen. „Ach nein, antworteten sie, das kannst du nicht, denn es ist zu schwer: sechs Jahre lang darfst du nicht sprechen und nicht lachen, und mußt in der Zeit sechs Hemdlein aus Sternenblumen für uns zusammennähen, sprichst du ein einziges Wort, so ist alle Arbeit verloren.“ Und als die Brüder das gesprochen, war die Viertelstunde herum und sie wurden wieder in Schwäne verwandelt.

Das Mädchen aber sprach in seinem Herzen: „ich will meine Brüder erlösen und sollt es mein Tod seyn.“ Und am andern Morgen sammelte es sich Sternblumen, setzte sich damit auf einen hohen Baum und fing an zu nähen. Reden konnte es mit niemand und lachen wollte es nicht, es saß da und sah nur auf seine Arbeit. Als es schon lange Zeit da zugebracht, geschah es, daß einmal der König dieses Landes in dem Wald jagte und seine Jäger zu dem Baum kamen, auf welchem das Mädchen saß und nähte. Sie riefen: „wer bist du? komm herab zu uns;“ aber es gab keine Antwort und schüttelte nur mit dem Kopf. Als sie von neuem riefen, wollte es sie mit Geschenken befriedigen und warf ihnen seine goldne Halskette herab. Und weil sie nicht abließen, auch noch seinen Gürtel, als auch dies nichts half, seine [247] Strumpfbänder, endlich alles, was es entbehren konnte, so daß es nichts mehr, als sein Hemdlein behielt. Die Jäger waren aber damit nicht zufrieden, stiegen auf den Baum, hoben das Mädchen herab und brachten es vor den König. Der König fragte es auch: „wer bist du? und wie bist du dahin gekommen?“ und fragte es in allen Sprachen die er wußte. Aber es antwortete nicht und blieb stumm wie ein Fisch; doch weil es so schön war, daß er meinte niemals jemand schöneres gesehen zu haben, ward sein Herz gerührt von großer Liebe. Er wickelte es in seinen Mantel, nahm es vor sich aufs Pferd und brachte es in sein Schloß. Da ließ er ihm reiche Kleider anthun, daß es strahlte, wie der helle Tag, aber es war kein Wort aus ihm zu bringen. Doch setzte er es bei Tisch an seine Seite und ward von seinen Mienen und seiner Sittsamkeit so bewegt, daß er sprach: „diese begehre ich zu heirathen und keine andere auf der Welt,“ und vermählte sich nach einigen Tagen mit ihr.

Nun hatte der König eine böse Mutter, die war unzufrieden mit dieser Heirath, sprach schlecht von der Königin und sagte: „wer weiß, wo die stumme Dirne her ist, die ist eines Königs nicht würdig.“ Ueber ein Jahr, als die Königin das erste Kind zur Welt brachte, nahm es die Alte weg und bestrich ihr den Mund mit Blut. Dann ging sie zum König und klagte sie als eine Menschenfresserin an. Der König aber aus großer Liebe wollte es nicht glauben und litt nicht, daß ihr ein Leid angethan wurde. Sie aber saß beständig und nähte an den Hemden und achtete auf nichts anderes. Das nächstemal, als die Königin wieder [248] einen schönen Knaben gebar, da übte die falsche Schwiegermutter denselben Betrug aus, aber der König konnte sich nicht entschließen, ihren Reden Glauben beizumessen und sprach: „sie ist stumm und kann sich nicht vertheidigen, sonst würde ihre Unschuld an den Tag kommen.“ Als aber zum drittenmal die Alte das neugeborne Kind raubte und die Königin anklagte, die kein Wort zu ihrer Vertheidigung sprach, da konnte der König die Gesetze nicht länger abwenden und sie ward verurtheilt, durch Feuer vom Leben zum Tod gebracht zu werden.

Als der Tag herankam, wo das Urtheil sollte vollzogen werden, da war auch gerade der letzte Tag von den sechs Jahren, in denen sie nicht sprechen und nicht lachen durfte, um ihre lieben Brüder aus des Zaubers Macht zu befreien. Die sechs Hemden waren fertig geworden, nur daß an dem letzten der linke Aermel fehlte. Wie sie nun zum Scheiterhaufen geführt wurde, nahm sie die sechs Hemden mit sich und als sie oben stand und das Feuer eben sollte angezündet werden, schaute sie aufwärts und sah sechs Schwäne durch die Luft her ziehen. Da regte sich ihr Herz in Freuden und sie sprach zu sich: „ach Gott, nun soll die schwere Zeit herum seyn!“ Die Schwäne rauschten bald über ihr und senkten sich herab, daß sie die Hemden überwerfen konnte, und wie sie davon berührt waren, fielen die Schwanenhäute ab und ihre Brüder standen leibhaftig, frisch und schön vor ihr; nur dem sechsten fehlte der linke Arm und er hatte dafür einen Schwanenflügel an dem Rücken. Sie herzten sich und küßten sich und die Königin ging darauf zum König, der ganz bestürzt war, und [249] sprach: „liebster Gemahl, nun ist mir die Sprache wiedergegeben, ich bin unschuldig angeklagt worden“ und erzählte ihm, wie die alte Schwiegermutter so schändlich sie verläumdet und daß sie die drei jungen Söhne verborgen halte. Da wurden sie zu großer Freude des Königs herbeigeholt, die Alte aber wurde zur Strafe auf den Scheiterhaufen gebunden und zu Asche verbrannt. Der König und die Königin mit ihren sechs Brüdern lebten lange Jahre in Glück und Frieden.