Die steinerne Chronik an der Saale

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Textdaten
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Autor: E. Greiner
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Titel: Die steinerne Chronik an der Saale
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 37, S. 622–625
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1876
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Die steinerne Chronik an der Saale.


Kaum dürfte es eine zweite Stadt in Thüringen geben, die sich neben der Anmuth ihrer Lage in höherem Grade einer historischen Vergangenheit zu rühmen hätte, als die alte Kreis-, Münz- und Bergstadt Saalfeld im Herzogthume Sachsen-Meiningen. Umweht es uns doch inmitten ihrer Mauern wie beim Durchblättern eines alten Stammbuches, wenn verblaßte Schriftzüge die Erinnerung an längst heimgegangene Gestalten wecken, denn überall auf Straßen und Plätzen begegnen wir Zeugen vergangener Zeiten und Geschlechter, die eine gar seltsam ergreifende Sprache in das alltägliche Treiben der Gegenwart hinein reden.

Nicht immer trug Saalfeld den bescheidenen Charakter von heute; zu verschiedenen Malen hat es vielmehr Anlauf zur dauernden Kaiser- und Königsstadt, zur Pfalzgrafen- und Herzogsresidenz, zum Universitätssitz, selbst zu einer Bischofsmetropole genommen, aber zufolge unzureichender Bedingungen ist es stets wieder zu dem zurückgesunken, als was es heute erscheint: Saalfeld ist eine industrielle Provinzialstadt inmitten einer malerischen Umgebung.

Doch jene Zeiten, wo kaiserliche Hofhaltungen hier ihre strahlende Pracht entfalteten und die Stadt zur Metropole für Kunst und Wissenschaft machten, wo in Klöstern, Stiften und Abteien das Mönchthum blühte, oder wilder Kriegslärm in und vor den Mauern tobte, sie alle sind nicht vorübergegangen, ohne sichtbare Spuren zu hinterlassen, und wenn dereinst Dr. Luther beim Anblick der rings von Grün umgebenen Stadt mit ihren rothen Ziegeldächern in den bekannten, ebenso heitern wie treffenden Vergleich ausbrach: „da liegt Saalfeld wie ein gesottener Krebs in Petersilienbrühe,“ so können wir dagegen das Saalfeld von heute mit Fug und Recht einer lebenden Chronik vergleichen, in welcher die Weltgeschichte ihre Spuren mit manchen lesbaren Lettern verzeichnet hat.

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Die Gartenlaube (1876) b 623.jpg

Saalfeld und Umgebung.
Originalaufnahme von A. Schröder.

[624] Da mahnen uns die bis auf den heutigen Tag als „Pfahlhäuser“ bezeichneten Häuschen Alt-Saalfelds an jene alten Germanischen Volksstämme, denen Saalfeld seine Begründung verdankt und die, von dem damaligen Nahrungsreichthum der Gegend angezogen, sich ursprünglich hier, am rechten Saalufer angebaut hatten, bis öftere Ueberschwemmungen zur Uebersiedelung nach dem jenseitigen hochgelegenen Ufer nöthigten. Auch an die Ausübung des alten heidnischen Cultus werden wir erinnert, denn die blutigen Thier- und Menschenopfer wurden im Schatten eines Eichenhaines den Göttern dargebracht, bis der englische Missionär Lullus, ein Nachfolger des Bonifacius auf dem erzbischöflichen Stuhle zu Mainz, jene heiligen Bäume fällen ließ und den gesäuberten Platz „grüner (das ist: entsündigter) Hain“ nannte, welchen Namen – dem größten Theil der jetzigen Einwohnerschaft Saalfelds wohl kaum mehr verständlich – die am Fuße des Peterbergs so romantisch gelegenen Fischerhäuschen heute noch führen. Der Paterberg[WS 1] selbst aber gewährt einen der prächtigsten Aussichtspunkte der Stadt im Vereinsgarten, in welchem alljährlich während der guten Jahreszeit Tausende froher Menschen geselligen Vergnügens pflegen; wie wenige derselben mögen aber eine Ahnung davon haben, daß dies zugleich der Boden ist, von dem aus die ersten Strahlen des Christenthums die Glaubensnacht der heidnischen Saalthalbewohner erhellten, indem vormals hier eine Missionsanstalt stand, deren glaubensmuthige, opferfreudige Missionäre nicht ohne Mühsal und Gefahr das Kreuz Christi an der Stelle heiliger Eichen aufrichteten. Bald entstanden hier zahlreiche Klöster, Abteien und Stifte, und das Ordenswesen feierte eine ansehnliche Blüthezeit, bis der kühne Wittenberger Mönch ihr ein Ende bereitete.

Eine Sehenswürdigkeit Saalfelds ist auch seine Stadt- und Pfarrkirche – die alte Sanct Johanniskirche, der schönste rein gothische Bau des ganzen Landes. Der Fuß des großen Reformators hat sie im Jahre 1530 für alle Zeiten geweiht. Nicht minder beredte Zeugen von dem Siege des Lichts über die Finsterniß sind die theils zu Staats- und Privatzwecken umgewandelten, theils nur noch in Ueberresten vorhandenen Klöster und Capellen. Auch das freundliche Residenzschloß, in welchem der regierende Herzog des Landes bisweilen einen kurzen Sommeraufenthalt zu nehmen pflegt, ist auf dem Fundamente einer ehemals gefürsteten, dann aber im Bauernkriege zerstörten Benedictiner-Abtei erbaut, und einige im Schloßgarten ausgestellte alte Grabsteine der Aebte des Klosters erinnern heute noch an die vormalige Heiligkeit des Terrains. Jenen gefürchteten Bauern des Thüringerwaldes sammt ihren fanatischen Anführern fiel auch die als Wallfahrtsort einst hochberühmte Sanct Gehülfencapelle zum Opfer, deren dachlose, aber sonst wohlerhaltene Vorderwand mit einem Sanct Salvator-Kreuzigungsrelief heute noch auf der schönen steinernen Saalbrücke steht.

Als im Bauernkriege die klösterstürmenden Horden auch hier wütheten, verschonten sie ein am oberen Ende der Brüdergasse gelegenes Franziskaner- oder Barfüßerkloster, welches seit Aufhebung des Ordens Schulzwecken dient. In ihren Hallen fand 1578 die neue ernestinische Universität, welche in Jena der Pest gewichen war, eine Stätte. Da aber die damals nur zweihundert Studenten sich mit den achthundert Bergleuten Saalfelds nicht vertragen konnten, so kehrte die ganze Anstalt schon im folgenden Jahre nach Jena zurück. Die zum Kloster gehörige, sagenumsponnene Kirche, mit ihren achtzig Fuß hohen Mauern und spitzem Giebeldache alle übrigen Gebäude der Stadt stolz überragend, hat äußerlich ihre Würde zu wahren gewußt, im Innern jedoch zeigt sie sich dergestalt profanirt, daß selbst ein guter Protestant sich eines mitleidigen Bedauerns nicht zu erwehren vermag. Zwar ist der Lärm verstummt, der sonst in den zum Betriebe einer Münze eingerichteten Kreuzgängen und Seitencapellen zu herrschen pflegte, dafür aber müssen heutzutage die am Plafond der Decke schwebenden Engelsgestalten geduldig zusehen, wie in den geweihten Räumen anstatt der allerseligsten Jungfrau und ihren Heiligen dem Cultus des Gambrinus gehuldigt wird, indem handfeste Mälzer und Brauknechte die goldenen Gerstenkörner zum Gebräu jenes edeln Trankes zurichten, in dessen Genusse der Saalfelder schwelgt, wie der Rheinländer im Safte seiner Reben. Doch die alten Mönche rächen die Schmach ihres Klosters, denn ihre abgeschiedenen Geister hüten mit Argusangen die massiv silberne Orgel, welche die fliehenden Klosterbrüder in den Tiefen der Kirche so sicher vergruben, daß sie bis heute noch nicht wieder gefunden worden ist.

Aber nicht allein fatanisirte Bauern waren es, die Saalfeld mit Feuer und Schwert überzogen, die alten Mauern und Thorthürme, mit denen Heinrich der Finkler schützend die Stadt umgab, wüßten, könnten sie reden, haarsträubende Dinge von jener furchtbaren Ländergeißel, den wilden Hunnen, zu erzählen, und über acht und ein halbes Jahrhundert später von jener unglücklichen Schlacht am 10. October 1806, in welcher der tapfere Preußenprinz Louis Ferdinand den Heldentod erlitt; so hat Saalfeld auch in der Kriegsgeschichte sein Blatt erhalten.

In tiefem Frieden ruht heute die oft und schwer heimgesuchte Stadt. Handel und Gewerbe blühen, und statt der verstummten Klosterglocken, die sonst zu jeder Tageszeit ihre Stimme erschallen ließen, vernehmen wir die schrillenden Arbeitersignale der zahlreichen Fabriken, die einem großen Theil der Bevölkerung Arbeit und Brod geben.

Zwischen diesen modernen langgestreckten Gebäuden mit ihren hohen rothen Dampfschlöten heben sich im Süden der Stadt die vom Alter schwarzbraun gefärbten Ruinen der Sorbenburg doppelt interessant ab, gleich einer verwitterten ehrwürdigen Greisengestalt inmitten einer jugendlichen Generation. Die Zeit ihrer Erbauung wie der Name ihres Gründers hüllen sich in undurchdringliches Dunkel; dagegen berichtet die Sage, slavische Priester hätten eine mit einer Klingel versehene Taube ausgesandt, um durch ihre Niederlassung den Platz zur Erbauung einer Burg zu bezeichnen. Ein Eichbaum war es, den sie sich zur Rast ersah, und als man diesen fällte, flog aus dem hohlen Stamme ein Bienenschwarm, welcher der Burg ihren Namen „Hoher Schwarm“ verliehen haben soll.

Zum Range eines Reichspalatiums erhoben, war die Sorbenburg mit ihren nahen wildreichen Wäldern einst der Lieblingsaufenthalt Heinrich’s des Finklers, sowie auch Otto der Große und nach ihm Otto der Zweite und der Dritte, mit Vorliebe hier residirten. Eigentliche geschichtliche Bedeutung aber erhielt sie erst durch die nach dem Tode Ludwig’s des Deutschen von dessen Söhnen hier vollzogene Theilung des deutschen Reiches. Ausgebrannt und im Laufe der Zeit zu einem Aufenthalte für Wegelagerer herabgesunken, ist die Burg nebst vielen anderen Thüringer Raubnestern auf Befehl Rudolph’s von Habsburg im Jahre 1290 zerstört worden. Wenn auch vielleicht wieder aufgebaut, war doch die Glanzzeit der Burg vorbei. Nirgends ist heute eine Spur von der einst hier herrschenden Kaiserpracht zu erkennen. Moosbedeckte Trümmerhaufen liegen auf den grausigen Verließen, in denen einst der gefangene Feind schmachtete und die Todesseufzer jener Unglücklichen ungehört verhallten, deren eingemauerte Skelete man aufgefunden hat. Verschüttet sind auch die von der Burg auslaufenden unterirdischen Gänge und vermauert die großen Kellergewölbe sammt alle dem, was sie an Interessanten und Grauenvollem bargen.

Bei Weitem besser erhalten sind zwei andere, allerdings auch jüngere Bauten: der Kitzerstein und das Rathhaus am Hauptmarkte. Der Kitzerstein ist eine kleine mittelalterliche Burg, die sich mit ihrem seltsamen Giebelschmucke in den dicht vorüberziehenden Fluthen der Saale spiegelt. Wohl hat auch sie den Wechsel der Zeit und der Geschicke erfahren, denn ursprünglich zur Beherbergung vornehmer Gäste erbaut, für welche die Sorbenburg bei Gelegenheit reichsherrlicher Hoflager nicht Raum genug bot, diente sie später als Nonnenkloster, bis sie nach mancherlei Schicksalswechseln zuletzt in bürgerlichen Privatbesitz überging. Blicken wie von hier aus auf die Stadt mit ihren grauen Thürmen, von deren nördlichem Endpunkte das hochgelegene, mit gerechtem Stolze seiner Begründung durch Karl den Großen sich rühmende Stift Graba zu uns herüber schaut, so sehen wir zugleich das lieblichste in weitem Bogen von Thüringens Waldbergen umrahmte Landschaftsgemälde. Und die ganze blühende Flur, wie ist sie so still und feierlich, und doch so erinnerungsbelebt, daß man wähnt, die hünenhaften Gestalten jener alten Völkerschaften daherschreiten zu sehen, die dort, dem Dorfe Köditz gegenüber an Rainen[WS 2] und unter Feldsteinen schon länger als ein Jahrtausend den ewigen Schlummer schlafen.

Zum frischen Leben der Gegenwart kehren wir in die Stadt zurück und erfreuen uns am spätgothischen Baudenkmale des Rathhauses. Es wurde im Jahre 1537 vollendet und

[625] gewährt äußerlich mit seinen Erkern, Giebeln, Thürmchen und dem stattlichen Treppenthurm ein ebenso freundliches Bild, wie seine inneren Räume von der großartigen Anlage und Festigkeit der damaligen Baukunst Zeugniß ablegen. – Wollen wir schließlich das Saalfeld der Zukunft vorahnend im Geiste sehen, so gehen wir über die alte Saalbrücke zum neuen Bahnhof hinaus. Hier pulsiren die Adern des modernen Lebens. Schon münden hier zwei Eisenbahnen, die Saalfeld durch das Saalthal und über Gera mit dem großen Weltverkehr verbinden, und nur kurze Zeit wird vergehen, so dehnen diese Eisenstränge sich nach Hof und Coburg im Süden, nach Arnstadt und Erfurt im Norden aus. Schon jetzt, und später erst recht, werden unsere Leser uns verzeihen, daß wir sie mit Bild und Wort schon wieder hinein nach Thüringen geführt haben.
E. Greiner.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Berichtigungen, Vorlage: Peterberg
  2. Berichtigungen, Vorlage: Ruinen