Die vier kunstreichen Brüder (1819)

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Textdaten
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Autor: Brüder Grimm
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Titel: Die vier kunstreichen Brüder
Untertitel:
aus: Kinder- und Haus-Märchen Band 2, Große Ausgabe.
S. 207-212
Herausgeber:
Auflage: 2. Auflage
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1819
Verlag: G. Reimer
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Erscheinungsort: Berlin
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Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scans auf Commons
Kurzbeschreibung:
seit 1819: KHM 129
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Begriffsklärung Andere Ausgaben unter diesem Titel siehe unter: Die vier kunstreichen Brüder.


[207]
129.

Die vier kunstreichen Brüder.

Es war ein armer Mann, der hatte vier Söhne, wie die nun herangewachsen waren, sprach er zu ihnen: „lieben Kinder, ihr müßt in die Welt, ich habe nichts, das ich euch geben könnte, macht euch auf in die Fremde, lernt ein Handwerk und seht, wie ihr euch durchschlagt.“ Da ergriffen die vier Brüder den Wanderstab, nahmen Abschied von ihrem Vater und zogen zusammen zum Thor hinaus. Als sie ein Stück Wegs gemacht hatten, kamen sie an einen Kreuzweg, der nach vier verschiedenen Gegenden führte. Da sprach der älteste: „hier müssen wir uns trennen, aber heut über vier Jahre wollen wir uns an dieser Stelle wieder treffen und in der Zeit unser Glück versuchen.“

Nun ging jeder seinen Weg und dem ältesten begegnete ein Mann, der fragte ihn, wo er hinaus wollte und was er vorhätte. „Ich will ein Handwerk lernen“ antwortete er. Da sprach der Mann; „geh mit mir und werde ein Dieb.“ „Nein, antwortete er, das ist jetzt kein ehrliches Handwerk mehr und das End vom Lied, daß einer als Schwengel in der Feldglocke gebraucht wird.“ „O! sprach der Mann, vor dem Galgen brauchst du dich nicht zu fürchten, ich will dich blos lehren das zu holen, was sonst kein Mensch kriegen kann und wo dir niemand auf die Spur [208] kommt.“ Da ließ er sich überreden und ward bei dem Manne ein gelernter Dieb und so geschickt, daß vor ihm nichts sicher war, was er einmal haben wollte. Der zweite Bruder begegnete einem Mann, der dieselbe Frage an ihn that, was er in der Welt lernen wolle. „Ich weiß es noch nicht, antwortete er.“ „So geh mit mir und werde ein Sterngucker, nichts besser, als das, es bleibt einem nichts verborgen.“ Er ließ sich das gefallen und ward ein so geschickter Sterngucker, daß sein Meister, als er ausgelernt hatte und weiter ziehen wollte, ihm ein Glas gab und zu ihm sprach: „damit kannst du sehen, was auf Erden und am Himmel vorgeht und kann dir nichts verborgen bleiben.“ Der dritte Bruder begegnete einem Jäger, der nahm ihn mit in die Lehre und gab ihm in allem was zur Jägerei gehörte, so guten Unterricht, daß er ein ausgelernter Jäger ward. Der Meister schenkte ihm beim Abschied eine Büchse und sprach: „die fehlt nicht, was du damit aufs Korn nimmst, das triffst du auch.“ Der jüngste Bruder begegnete gleichfalls einem Manne, der ihn anredete und nach seinem Vorhaben fragte. „Hast du nicht Lust ein Schneider zu werden?“ „Ach nein, sprach der Junge, das Krummsitzen von Morgens bis Abends, das Hin- und Herfegen mit der Nadel und das Bügeleisen will mir nicht in den Sinn.“ „Ei was, antwortete der Mann, bei mir lernst du eine ganz andere Schneiderkunst.“ Da ließ er sich überreden, ging mit und lernte die Kunst des Mannes aus dem Fundament. Beim Abschied gab ihm dieser eine Nadel und sprach: „damit kannst du zusammennähen was dir vorkommt, es sey so weich wie ein Ei [209] oder so hart als Stahl und es wird so zu einem Stück, daß keine Naht mehr zu sehen ist.“

Zu der bestimmten Zeit, nach Jahresfrist, kamen die vier Brüder an dem Kreuzwege zusammen, herzten und küßten sich und kehrten heim zu ihrem Vater. Sie erzählten ihm, wie es ihnen ergangen wäre und daß jeder das seinige gelernt hätte. Nun saßen sie gerade vor dem Haus unter einem großen Baum, da sprach der Vater: „ich will euch einmal versuchen und sehen, was ihr könnt.“ Darnach schaute er auf und sagte zu dem zweiten Sohne: „oben im Gipfel dieses Baums sitzt ein Buchfinken-Nest, sag mir doch, wie viel Eier liegen darin?“ Der Sterngucker nahm sein Glas, schaute hinauf und sprach: „fünfe liegen darin.“ „Jetzt, sagte der Vater zum ältesten, holst du die Eier, ohne daß der Vogel, der darauf sitzt und brütet, gestört wird.“ Der künstliche Dieb stieg hinauf und nahm dem Vöglein, das gar nichts davon merkte und ruhig sitzen blieb, die fünf Eier unter dem Leib weg und brachte sie dem Vater herab. Der Vater nahm sie, legte an jede Ecke des Tisches eins und das fünfte in die Mitte und sprach zum Jäger: „du schießest mir mit einem Schuß die fünf Eier in der Mitte entzwei.“ Der Jäger legte seine Büchse an und schoß die Eier, wies der Vater verlangt hatte, alle fünfe und zwar in einem Schuß. „Nun kommt die Reihe an dich, sprach dieser zu dem vierten Sohn; du nähst die Eier wieder zusammen und auch die jungen Vöglein, die darin sind, so daß ihnen der Schuß nichts schadet.“ Der Schneider holte seine Nadel und nähte nach Vorschrift. Als er fertig war, mußte der [210] Dieb sie wieder auf den Baum ins Nest tragen und dem Vogel, ohne daß er etwas gewahr ward, wieder unter legen. Das Thierchen brütete sie vollends aus und nach ein paar Tagen krochen die Jungen hervor und hatten da, wo der Schneider sie zusammengenäht, ein roth Streifchen um den Hals.

„Ja, sprach der Alte zu seinen Söhnen, ihr habt eure Zeit wohl benutzt und was rechtschaffenes gelernt, ich kann nicht sagen, wem von euch der Vorzug gebührt. Wenn ihr nur eure Kunst bald anwenden könnt!“ Nicht lang darnach kam ein großer Lärm ins Land, die Königstochter wär von einem Drachen entführt. Der König war Tag und Nacht darüber in Sorgen und ließ bekannt machen: „wer sie zurückbrächte, sollte sie zur Gemahlin haben.“ Die vier Brüder sprachen unter einander, das wäre eine Gelegenheit, wo wir uns könnten sehen lassen und beschlossen, die Königstochter zu befreien. „Wo sie ist, will ich bald wissen,“ sprach der Sterngucker, schaute durch sein Glas und sprach: „ich sehe sie, sie sitzt weit von hier, auf einem Felsen im Meer, bei dem Drachen, der sie hütet.“ Da ging er zu dem König, und bat ihn um ein Schiff für sich und seine Brüder und fuhr mit ihnen fort und über das Meer, bis sie zur Stätte hinkamen. Die Königstochter saß da und der Drache lag in ihrem Schooß und schlief; der Jäger sprach: „ich darf ihn nicht schießen, ich würde die schöne Jungfrau zugleich tödten.“ „So will ich mein Heil versuchen,“ sagte der Dieb und stahl sie unter dem Drachen weg, so leis und behend, daß das Unthier nichts merkte, sondern fortschnarchte. Sie eilten voll Freude mit ihr [211] aufs Schiff und segelten in das Meer hinein, da kam der Drache, der wach geworden war und die Königstochter nicht mehr gefunden hatte, wüthend hinter ihnen her durch die Luft geschnaubt; als er eben über dem Schiff war und sich herablassen wollte, da legte der Jäger seine Büchse an und schoß ihm gerade in Herz, daß er todt herabfiel. Es war aber ein so gewaltiges Unthier, daß es im Herabfallen das ganze Schiff zertrümmerte und sie nur noch auf ein paar Brettern in der offenen See schwammen. Da war der Schneider nicht faul, nahm seine wunderbare Nadel, nähte mit ein paar großen Stichen einige Bretter zusammen, setzte sich darauf, schiffte hin und sammelte alle Stücke des Schiffs. Dann nähte er sie so behend zusammen, daß gar bald das Schiff wieder segelfertig war und sie glücklich heimfahren konnten.

Als sie dem König seine Tochter wiederbrachten, da war große Freude und er sprach zu den vier Brüdern: „einer von euch soll sie zur Gemahlin haben, aber welcher das ist, macht unter euch aus.“ Da entstand Streit unter ihnen und der Sterngucker sprach: „hätte ich nicht die Königstochter gesehen, so wären alle eure Künste für nichts gewesen, darum ist sie mein.“ Der Dieb sprach: „was hätte das sehen geholfen, wenn ich sie nicht unter dem Drachen weggenommen hätte, darum ist sie mein.“ Der Jäger sprach: „ihr wärt doch sammt der Königstochter von dem Unthier zerrissen worden, wenn ich es nicht getödtet hätte, darum ist sie mein.“ Der Schneider sprach: „und hätte ich euch mit meiner Kunst nicht das Schiff wieder zusammengebracht, ihr wärt alle jämmerlich ertrunken, darum ist sie mein.“ Da that der [212] König den Ausspruch: „jeder von euch hat Recht und weil ein jeder die Jungfrau nicht haben kann, so soll sie keiner von euch haben; aber ich will jedem zur Belohnung ein halbes Königreich geben.“ Da sprachen die Brüder: „es ist auch besser, als daß wir uneins werden.“ Der König gab jedem ein halbes Königreich und sie lebten mit ihrem Vater in aller Glückseligkeit.