Die weltgeschichtliche Rolle eines Steines

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Wechseln zu: Navigation, Suche
Textdaten
<<< >>>
Autor: Fr. K.
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Die weltgeschichtliche Rolle eines Steines
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 18, S. 242–244
Herausgeber: Ferdinand Stolle
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1856
Verlag: Verlag von Ernst Keil
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Leipzig
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
Wikipedia-logo.png Artikel in der Wikipedia
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
[[Bild:|250px]]
Bearbeitungsstand
korrigiert
Dieser Text wurde anhand der angegebenen Quelle einmal Korrektur gelesen. Die Schreibweise sollte dem Originaltext folgen. Es ist noch ein weiterer Korrekturdurchgang nötig.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite


[242]
Die weltgeschichtliche Rolle eines Steines.

Wir wollen nicht das ganze weite Gebiet der Steine durchwandern, um die weltgeschichtliche Rolle derselben Schritt bei Schritt nachzuweisen, sondern wollen nur den schneeweißen Kieselquarz betrachten, der überall auf Feldern und Gartenwegen liegt, der verächtlich mit dem Fuße fortgestoßen wird, da nur Wenige die unermeßliche Bedeutung kennen, welche er für das Bildungs- und Kulturleben der Völker hat, seit sie die trefflichen Eigenschaften desselben kennen lernten: mit blanken Kieseln griffen die Schleuderer, die Tirailleurs der Heere des Alterthums, den Feind an, mit einem Kiesel besiegte David den Riesen Goliath. Wer sieht es diesem unscheinbaren Steine an, daß aus ihm alljährlich in Europa ein Kapital von 50 Mill. Thalern gewonnen wird? Die Londons des Alterthunis, Sidon und Tyrus, verdankten ihren Reichthum zum Theil dem Quarzkiesel, und die wunderbare Seestadt Venedig mit ihren Marmorpalästen und Galeeren gründete ihren Großhandel und ihre Weltstellung zum Theil auf die Benutzung des Quarzsandes, [243] und Böhmen verdankt einen seiner blühendsten Industriezweige dem Quarzsande. Denn aus jenem blendendweißen Sande wird unter Zusetzung einiger Kali’s und färbender oder entfärbender Mineralien das Glas gewonnen, welches für das bürgerliche Leben nicht minder wichtig geworden ist als für Kunst und Wissenschaft. Das Glas hat unsern Wohnungen die Behaglichkeit der Beleuchtung verliehen, mit Glasmosaiks und Glasgemälden schmückte das schöpferische Mittelalter seine dämmerigen Dome, mit Hülfe des Glases studirt der Physiker den Lichtstrahl, mit Glasröhren, Retorten und Näpfchen experimentirt der Chemiker, mit Spiegeln schmückt der Tischler das Zimmer, das Glas im Fernrohr eröffnet dem Astronomen den Blick in die Unendlichkeit des Sternenhimmels, das Glas im Mikroskop erschließt dem Naturforscher die Unendlichkeit des unsichtbar Kleinen, mit dem Fernrohr in der Hand leitet der Feldherr die Schlacht, durch’s Fernrohr schaut der Lootse nach gefährdeten Schiffen, dem Glas der Brille verdankt der Augenschwache wohlthuende Hülfe, dem Glase entlockt der Mensch die zauberhaften Lichtspiele der Panoramen, der Zauberlaterne, des Kaleidoskops und anderer optischer Instrumente. Unsere ganze Gegenwart mit ihren tiefeingehenden Wissenschaften, mit ihren farbenblitzenden Kronleuchtern im Ballsaale, mit ihren Sternwarten und photographischen Ateliers, mit ihren fensterreichen Industriepalästen und Bijouteriehallen, mit ihren Optikern und Chemikern; ein Herschel und Ehrenberg, ein Liebig und Arago, ein Humboldt und Newton, ein Fraunhofer und Schwerd, ein Young und Bouillet, jene glänzenden Entdeckungen am Himmel und in den Stäubchen der Erde, würden wir uns ihrer erfreuen und rühmen können, wenn das Glas aus der Reihe der Dinge gestrichen würde, wenn der Quarzsand nicht in den Dienst des Menschen getreten wäre? Gegenüber den Verdächtigungen, mit welchen die Beschäftigung mit der Natur gegenwärtig verfolgt wird, beweist uns der Quarzkiesel, daß sich der menschliche Geist, Gesittigung, Bildung, Kunst und Wissenschaft an der Benutzung der Materie entwickelt. Das Unscheinbarste wird oft das Bedeutsamste und das Verachtetste das Kostbarste. Sagt doch schon Hiob: „Nicht kann man der Weisheit gleichstellen Gold und Glas,“ und Kaiser Nero rechnete seine Glasvase zu den Kostbarkeiten seines Palastes, da sie eine halbe Million Thaler werth war; ein englischer Herzog des 15. Jahrhunderts nahm, wenn er sein Schloß verließ, jedesmal die Fenster mit, weil er diesen kostbaren Schatz nur in seiner Nähe sicher glaubte.

Verfolgen wir die Geschichte des Glasverbrauchs! Irrthümlich wird von der Sage behauptet, daß phönizische Seefahrer durch Zufall beim Kochen ihres Mittagsmahles am sandigen Strande das Glasschmelzen entdeckt hätten. Denn da das Schmelzen des Quarzsandes eine sehr große Hitze erfordert, so reicht ein gewöhnliches Kochfeuer natürlich nicht hin, um Sand in Glas zu verwandeln. Dagegen sind in den Todtengewölben der Egypter, die vor etwa 4000 Jahren mit Gemälden versehen wurden, bereits Glasbläser dargestellt, die an der Pfeife eine Glasflasche ausblasen, und wenn wir dem Worte „Glas“ selbst nachgehen, so werden wir nach dem uralten Kulturlande Indien geführt, von woher das Wort stammt und fast durch die ganze Welt verbreitet ist, weil mit der Waare auch deren Name von Volk zu Volk ging. Unser deutsches Wort Glas, welches offenbar mit Glanz, Glut, Glast, glatt, klar u. s. w. verwandt ist, hat seinen Stamm in dem Sanskritworte kelasa, welches glänzend, leuchtend bedeutet, womit die Hindus den Krystall und Diamant bezeichneten. Die Fabrikanten des Alterthums verstanden aber weder reines Spiegel- noch Fensterglas zu machen, sondern beschränkten sich auf Schmucksachen, Korallen, Perlen und Trinkgefäße aus farbigem Glase. Daher fehlte den Palästen der Pharaonen wie der römischen Kaiser, den Prunkgemächern des Darius wie Alexander’s das Fensterglas, welches man durch Vorhänge, Jalousien oder Hornscheibchen ersetzte. Die Tempel und Königsschlösser des Alterthums entbehren daher jener traulichen Wohnlichkeit, welche das Glasfenster dem Hause verleiht. Wie luxuriös würden dem Welteroberer Cyrus oder Cäsar unsere Bürgerhäuser oder unsere Kaufhallen mit den mächtigen Spiegelscheiben erscheinen, denn selbst unter der späteren Kaiserzeit der Römer waren gläserne Schüsseln und Glasbecher kostspieliger Luxus, wie etwa zu unsern Zeiten ein Gold- oder Silberservis. Nicht einmal Spiegel verfertigte man aus Glas, sondern aus Silber oder polirtem Stahl, und des Archimedes berühmte Brennspiegel, mit denen er die römischen Schiffe angezündet haben soll, waren nur blanke Metallplatten von sehr geringer Brennweite. Nur die Unwissenheit der Römer vermochte die unglaubliche Fabel zu erfinden, daß man mit solchen Metallspiegeln von einer Festungsmauer aus die unten im Hafen liegenden Schiffe anzünden könne.

Obschon die egyptischen Glashütten Gefäße, Teller, Lampen, Schalen, Becher und Flaschen fabricirten, obschon die alten Assyrer Glaswaaren verfertigten und in Sidon und Tyrus bedeutende Glasfabriken arbeiteten, so blieb doch bei den Griechen das Glas bis zu Alexander’s Zeit unbekannt, und im römischen Reiche fanden Glaswaaren erst unter den Kaisern Eingang, zu deren Zeit man zu Rom Glasfabriken errichtete, in denen grünliches Glas geblasen, gedreht, gepreßt und zu allerlei Luxusartikeln verarbeitet wurde. Noch besser gelangen buntfarbige Glasflüsse, die man zu Mosaikarbeiten, Perlen und Edelsteinen benutzte, und unter Konstantin wurden sogar die Glasarbeiter abgabenfrei. Durch die Römer lernten Gallier und Deutsche Glaswaaren kennen und hielten den bunten Tand der Perlen für kostbare Güter, wie es die Bewohner Amerika’s und der Südseeinseln zur Zeit ihrer Entdeckung ja auch thaten. Der römische Luxus verwendete das bunte Glas aber nicht blos dazu, Badezimmer ganz mit marmorartigen Glastafeln auszulegen und sogar die Wände mit ihnen zu bedecken, er lernte nicht nur doppelfarbige Schalen und Becher mit aufgeschmolzenen Figuren verzieren, sondern schloß auch das Fenster des Badezimmers mit mattweißem gepreßtem Fensterglas. Um dieselbe Zeit, etwa 2000 Jahre vor Christo, hatten auch die Chinesen bereits große Fertigkeit in der Verfertigung des Glases, aus welchem sie Spiegel, Spielzeug, Glocken, Trompeten, natürlich gefärbte Trauben mit seidenen Blättern u. dergl. machten, aber ihre Fenster mit ölgetränktem Papier schlossen.

Erst das Christenthum bringt einen Fortschritt in die Glasbenutzung und damit in das Kulturleben der Völker. Der Zweck der Kirche, welche die Gemeinde von der Welt abschließen sollte, machte es nothwendig, daß man die kleinen Fenster schloß und zugleich das Innere der Bedeutung des Gebäudes angemessen schmückte. In der Regel hing man vor die Fenster schön gestickte Teppiche, wie es noch einige Jahrhunderte lang fast allgemeine Sitte blieb, in großen Kirchen dagegen setzte man bunte Glasstückchen so zusammen, daß sie ein Teppichmuster darstellten, und schloß mit dieser Glastafel die Fensteröffnung. Auf diese Weise floß ein bunter Lichtschein in das Innere der Pfeiler- und Bogenhallen und füllte den dämmerigen Raum mit wunderbaren Lichtspielen. Schon der Frankenkönig Gildebert (um 580) schmückte eine Kirche mit bunten Glasfenstern, und zu derselben Zeit besaß die Sophienkirche zu Byzanz, der Dom zu Ravenna, Rom u. s. w. solche Zierde; Wilfried holte für seine Peterskirche in York 670 aus Frankreich bunte Glasfenster, Leo III. versah mit ihnen den Lateran (um 800), doch größere Räume bedeckte man noch nach altrömischer Weise mit Horn oder Marienglas. Doch finden wir schon im 7. Jahrhundert in deutschen Klöstern Glasmacher, welche bunte Perlen und Glasstückchen verfertigten. Diese bunten Glasstückchen brachten aber die kunstsinnigen Mönche auf den Gedanken, aus ihnen Gemälde zusammenzusetzen, wie die Römer mit bunten Steinen den Fußboden belegten und sie zu bildlichen Darstellungen zusammenpaßten. Damit war der Anfang der Glasmalerei erfunden; denn nun strahlten in schillernden Farben die Personen des Alten und Neuen Testaments von den Wänden, Kuppeln und Nischen der alten Kirchen zu Rom, Venedig, Ravenna, Pavia, Aachen u. s. w., und Theodorich wie Karl der Große ließen in ihren Palästen große Scenen aus der Weltgeschichte, die Thaten ihrer Vorfahren und ihren eigenen Hof in solchen Bildern aus bunten Glasstückchen zusammensetzen. Wie glitzerte und schimmerte es da in der alten Markuskirche zu Venedig, im Königssaal zu Pavia, in dem Reichssaal zu Aachen und Ingelheim! Noch steht ja das Marienbild in der Giebelnische des marienburger Ordenshauses, dessen bunte Außenseite aus lauter Glasstiften besteht. Nun fing man an, auf ähnliche Weise auch die Kirchenfenster mit solchen bunten Glasbildern zu schmücken, worin das Benedictinerkloster Tegernsee in Baiern etwa um’s Jahr 1000 den Anfang machte, indem es den Fensterraum mit Arabesken oder teppigartigen Mustern oder anderem Zierrath füllte, wie er dem Baustile angemessen war. In Klostergängen wurde auf solche Weise die heilige Schrift in einer langen Reihe von Figuren dargestellt, bis man etwa seit der Mitte des 14. Jahrhunderts auf Glas malen und diese Farben einbrennen lernte, womit die eigentliche Glasmalerei erfunden war. Diese [244] gewann so lebhafte Theilnahme, daß die bedeutendsten Maler der folgenden Jahrhunderte die Zeichnungen zu den Glasgemälden entwarfen, welche der eigentliche Glaser mechanisch nachzeichnete, malte und einbrannte. Zugleich war diese Kunst aus den Händen der Geistlichen in die der Bürger gekommen, welche sie handwerksmäßig betrieben, so daß sie herabkam und gar verloren ging. Erst in neuester Zeit hat sie der Nürnbürger Frank 1827 wieder entdeckt, und der Breslauer Höcker auf alte Weise die Fenstergemälde des marienburger Schlosses wieder hergestellt.

So viel verbraucht auch Glaswaaren, buntes Glas und vielleicht auch seit 1250 gläserne Spiegel waren, so blieben die Wohnungen doch ohne Verglasung. Denn im 14. und 15. Jahrhundert wurde es als Merkwürdigkeit erwähnt, daß in Basel einige Häuser Glasfenster statt geölten Papiers oder Horns hätten; im 15. Jahrhundert hatten die Könige von Frankreich nur bunte Glasfenster, denn erst gegen Ende des 14. Jahrhunderts lernte man weißes Glas verfertigen und bildeten sich die ersten Glaserinnungen. Das Rathhaus in Zürich hatte noch im Jahre 1402 Tuchfenster, die Schlösser des Adels in England Fenster aus Weidengitter oder feiner Eichenrinde; im 16. Jahrhundert hatte in ganz England nur das königliche Schloß Glasfenster, die übrigen Häuser Flechtwerk statt Glas; im Anfang des 17. Jahrhunderts kannte man in Frankreich fast nur papierne Vorfenster, und 1750 besaßen Paläste zu Mailand und Florenz nur Papierfenster, und Glasflaschen waren im 15. Jahrhundert noch eine Seltenheit, während jetzt z. B. die Fabrik von Breffet in England wöchentlich 60,000 liefert, und die Fabrik des Franzosen de Vicolaine jährlich 3 Millionen. Die erste Glashütte erhielt England erst 1557, Schweden 1640, Portugal 1750. Im Mittelalter hatte sich Venedig der Glasfabrikation bemächtigt, indem es Spiegel und Glasperlen verfertigte, von denen die letztern noch heute in Ostafrika als Münze gelten. Venetianische Glasfabrikanten erhielten Adelsrang, und der Staat verbot schon 1275 die Ausfuhr des Glassandes. Auf der Insel Murano lagen diese Glashütten, denen Venedig seinen Reichthum und seine Macht neben der Weberei und dem Handel verdankte. Gegenwärtig hat man nicht nur Fensterglas machen lernen, sondern man spinnt auch ein Glasstück in einer Minute zu einem Faden von 90,000 Fuß aus, den man wie Seide verweben und Kleider daraus verfertigen kann. Zuerst machte man kleine grünlich-runde Fensterscheiben, später tafelförmige. Eine einzige englische Fabrik macht jährlich 21 Millionen Q.-Fuß Tafelgläser, Belgien 32 Millionen Q.-Fuß, die 14 Millionen Franks Werth haben. Die erste Spiegelfabrik ward in Deutschland 1697 zu Neustadt an der Dosse, in Frankreich 1665 bei Cherbourg errichtet, und kurz darauf lernte man die Spiegel gießen, so daß eine französische Fabrik Spiegel von 150 Zoll Höhe und 100 Zoll Breite, England einen solchen von 18 Fuß 2 Zoll Höhe und 10 Fuß Breite verfertigte, der 20 Centner wog.

Seit man das Glas rein und in großer Menge darzustellen wußte, ist es Gemeingut geworden, so daß auch der Aermste des Glasfensters nicht entbehrt, welches dem Licht freien Zutritt und eine Aussicht gewährt, dagegen Kälte und Wind abhält. Wie trübselig mag es sich in den Schlössern der deutschen Kaiser gewohnt haben, deren offene Fensteröffnungen man mit Tuch oder Läden schloß! Wie qualvoll mag dem Kranken eine lange Krankheit geworden sein, da er sich abgeschlossen von Licht und Sonne halten mußte! Da konnte er sich nicht erquicken am Anblick des blauen Himmels und der grünen Bäume, da konnte er nicht nach banger Nacht den jungen Tag und das rosige Morgenroth begrüßen! Gewiß, wir haben dem Glase viel Annehmlichkeit, Bequemlichkeit und Wohnlichkeit zu danken.

Aber die Chemie ist ihm noch größeren Tribut schuldig. Denn das Glas, welches große Hitze aushält, den Säuren widersteht und durchsichtig ist, bleibt das vorzugsweise geeignete Mittel für chemische Experimente, die Medicinflasche das beste Gefäß für die Arznei. Ohne gläserne Röhren und Retorten wäre die Chemie auf niedriger Stufe stehen geblieben, so daß auch hier das unscheinbare billige Glas von der größten Wichtigkeit wird. Nicht minder groß ist die Bedeutung des Glases für die riesigen Fortschritte der übrigen Naturwissenschaften, welche mit der Verbesserung der Glasbereitung Hand in Hand gingen, weil das Prisma und das Fintglas die Mittel und Werkzeuge zu tiefern Forschungen hergaben.

Man kann mit Recht behaupten, daß die Welt für unsere Vorstellung von derselben eine ganz andere geworden ist, seit man in dem Glas das Werkzeug gefunden hatte, durch welches man den ungreifbaren und unwägbaren Lichtstrahl erfassen, theilen, behandeln, brechen, zurückwerfen, seine Wärme, Farbe und Natur, die Schnelligkeit seiner Bewegung berechnen, ungeheure Fernen dicht vor’s Auge und unendlich Kleines bis zu klarster Sichtbarkeit vergrößern konnte. Das Licht war den Griechen und Römern ein Geheimniß, von dessen Wundern sie keine Ahnung hatten, denn erst die Araber bemerkten etwa tausend Jahre nach Christo die Lichtbrechung und suchten den Bau des Auges zu begreifen. Drei Jahrhunderte später verfertigte man in Italien die ersten Brillen, und sechs Jahrhunderte später in Holland das erste Fernrohr. Von da ab begannen die gewaltigen Fortschritte in der Erkenntniß der Welt, die jedesmal von der Verbesserung der Glasfabriken und optischen Instrumente ausgingen. Da verdankten Galilei und Kepler die günstigen Erfolge ihrer Forschungen dem von ihnen verbesserten Fernrohr, da erfand Kircher 1646 die Zauberlaterne, Porta 1650 die Camera obscura, verfertigte Gregory 1663 Spiegelteleskopen, lehrte Newton die Natur der Farben, berechnete Römer 1675 die Geschwindigkeit des Lichtes, erfand Lieberkühn 1730 das Sonnenmikroskop, Dolland 1755 das achromatische Fernrohr, entdeckte Malus 1808 die Polarisation des Lichtes, Daguerre 1838 die Lichtbilder, erwarben sich Herschel, Fraunhofer u. A. durch ihre Teleskopen unsterbliche Namen. Jene Leuchtthürme auf Klippen und an Häfen bedienen sich der Spiegel, um die Lichtstrahlen meilenweit hinaus auf’s Meer zu werfen, die Wunder des Himmels, die Beschaffenheit von Sonne und Mond, die Erklärung vieler wunderbaren Erscheinungen über und auf unserer Erde, die Luftspiegelungen, Regenbogen, der wunderbare Bau des menschlichen Auges sind uns erst durch Hülfe der gläsernen Prismen, Spiegel und Linsen begreiflich geworden; die Urformen der Dinge, die Steinarten, der Bau der Baumrinde und Baumblätter, das Zellgewebe der Pflanzen, des thierischen und menschlichen Körpers, und damit der Grund vieler Krankheiten wird durch das Mikroskop erkennbar, ganze Gebirge und die Bodenbedeckung ungeheurer Länderstriche hat sich unter dem Mikroskop in Thierleichen und Panzer und dem Auge unsichtbare Thierchen verwandelt, in den Bau der kleinen Geschöpfe, in ihr Entstehen und Verwandeln hat uns das Mikroskop die Einsicht eröffnet, wogegen das Teleskop Lichtnebel in Sternenwelten auflöste, und der Farbenmesser die Entfernung und die Natur der Sterne aus dem aufgefangenen Lichtstrahl kennen lehrte. Wer hat endlich nicht von den Wundern des Glaspalastes zu Sydenham und der Industriepaläste gehört? Was sind gegen diese Bauwerke aus Glas und Eisen mit ihren malerisch geordneten Waaren und Fabrikaten, mit ihren Kunst- und Alterthumssälen die sieben Wunder des Alterthums? Steigt der Taucher nicht in der Glasglocke hinab in die Meerestiefe? Entzückt uns nicht die Glasharmonika durch ihre weichen, seelen- und klangvollen Töne? Sind nicht unsere Barometer und Thermometer von Glas? Und welche unermeßlichen Vortheile bringen diese dem Naturforscher wie dem Oekonomen, dem Physiker wie dem Chemiker, dem Fabrikanten wie dem Kranken?

Wohin wir blicken, überall finden wir die sprechendsten Beweise von der weltgeschichtlichen Bedeutung des Glases, auf dessen Benutzung unser bürgerliches, technisches und wissenschaftliches Leben zum großen Theil gegründet ist. Am Glase erkennen wir recht augenscheinlich die Eigenthümlichkeiten der verschiedenen Zeitperioden. Dem Alterthum diente das Glas nur zum Luxus, dem Mittelalter zum Schmuck der Kirchen, die Neuzeit macht es zum Gemeingut, schenkte uns die Wohlthat verglaster Fenster, machte es zum Werkzeug der tiefsten wissenschaftlichen Forschungen und ein Glaspalast zum Triumph der Baukunst wie der Industrie.
Fr. K.