Die wilde Marinka

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Textdaten
<<< >>>
Autor: Elsbeth Montzheimer
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Die wilde Marinka
Untertitel:
aus: Märchen
Herausgeber:
Auflage:
Entstehungsdatum: 1923
Erscheinungsdatum: 1927
Verlag: Leipziger Graphische Werke A.-G.
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Leipzig
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Commons
Kurzbeschreibung:
Wikipedia-logo-v2.svg Artikel in der Wikipedia
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
[[Bild:|250px]]
Bearbeitungsstand
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite
[48]
Die wilde Marinka

Vor vielen Jahren lebte ein Graf, Udo von Wolfenstein, der ein gar schönes Töchterlein hatte. Marinka hieß das Mägdlein, das das einzige Kind des Grafen war.

Weil Marinka keine Brüder besaß, ihre Mutter ihr aber viel freien Willen ließ, so lernte sie schon früh, mit ihrem Vater hinauszureiten in Wald und Feld, was ihr größtes Vergnügen war. Ebenso verstand sie bald mit der Armbrust zu schießen wie ein Bube, und kaum erwachsen, übte sie mit ihrem Vater das Waidwerk aus und ritt mit ihm zur Reiherbeize.

Die Gräfin sah dies alles zwar nicht gern, da sie fürchtete, solche mehr den Männern obliegende Tätigkeit würde sich für eine Jungfrau nicht geziemen und deren Sittsamkeit beeinträchtigen, doch Marinka wußte durch Schmeicheln und Bitten, oder gar durch eigenwilligen Trotz immer mehr ihren Willen durchzusetzen, je größer sie wurde.

Zu spät sah die Gräfin ein, daß sie früher zu nachsichtig gegen die Tochter gewesen war, und selbst der Graf wünschte öfter, Marinka möchte nun als erwachsene Jungfrau mehr Geschmack an weiblicher Tätigkeit finden.

Nähen, Spinnen und feine Stickereien, wie auch die sonstigen Pflichten und Beschäftigungen einer vornehmen Dame damaliger Zeit waren Marinka ein Greuel; sie blieb darum auch ungeschickt darin. Wollte man sie zu solchen Arbeiten zwingen, so warf sie bald das Spinnrad um oder zerriß die Fäden, sprang ungeduldig auf und rief eigensinnig:

[49]

„Mag nicht nähen und mag nicht spinnen,
Mag nicht hocken im Zimmer drinen,“

und husch war sie hinaus, ehe man sich dessen versah, um gleich darauf über Stock und Stein davon zu galoppieren.

Ja, ruhig zu reiten, wie früher, das genügte Marinka bald nicht mehr. Sie ward vielmehr immer tollkühner und wagehalsiger, trieb übermütig ihr Roß mit der Gerte an, daß es hochaufbäumend wie toll mit ihr dahinraste, und es schier verwunderlich war, wenn Roß und Reiterin jedesmal mit heilen Gliedern wieder heimkehrten.

Weniger verwunderlich schien es, daß man im Schloß und der ganzen Umgegend das schöne Grafenkind nur die „wilde Marinka“ nannte. Sie wußte das, machte sich aber nichts daraus, trieb es vielmehr immer toller, ja, lachte, daß ihre weißen Zähne blitzten, wenn die Leute, sobald sie in Sicht kam, sich erschreckt bekreuzten und irgendwo am Wege Deckung suchten.

Eines Tages nun, da die „wilde Marinka“ diese Bezeichnung wieder so recht verdiente, humpelte ein altes Weiblein über den Weg. Marinka sah es, kehrte sich aber nicht daran.

„Alte, weich’ mir aus!“ rief sie befehlend.

Die Alte schien nicht zu hören, trottete vielmehr gleichmütig vor Marinka her.

„Mein Roß ist ungeduldig, Alte, ich warn’ dich!“ Ganz nahe war Marinka der Alten auf den Fersen. Diese blickte sich jetzt erschreckt um, rieb sich den aufwirbelnden Staub aus den rotgeränderten Augen und wollte aus dem Wege humpeln. Doch schon lag sie da. Das Pferd hatte sie zur Seite gestoßen.

Davon gestoben waren Roß und Reiterin; letztere hatte den Unfall kaum beachtet, vielleicht nicht einmal bemerkt.

Die Alte suchte ihren Krückstock, der ihr entfallen war. Ihre Glieder waren heil. Auch ihre Zunge schien keinen Schaden erlitten zu haben, denn während die Gestürzte sich mühsam erhob, murmelte sie allerlei böse Worte.

[50] Und nun stand sie kaum wieder auf den Füßen, als sie in der geballten Faust drohend den Krückstock erhob und der längst nicht mehr sichtbaren Reiterin kreischend nachrief:

„Wilde Marinka! – Stachlicher Dorn! –
Jagt auch dein Roß, als fühlt’s Gerte und Spor’n,
Ist doch noch schneller mein’ Rache und Zorn. –
Wilde Marinka, sei jetzt auf der Hut:
Kränkst du mich nochmals, geht’s nimmer dir gut.
Rächt sich dann furchtbar die ,Alte’ – die Ut’!“

Hätte Marinka diese Worte vernommen und die bösen Blicke der Alten sehen können, wäre ihr das Lachen vielleicht vergangen. So aber war sie übermütig und guter Dinge. Sie lachte vor sich hin; es klang silberhell, und ihre Augen blitzten dabei wie die eines Kobolds, als sie ihr Roß an der Mähne zupfte und fragte: „Hast du’s geseh’n, Salto, was du angerichtet? Es war doch zu lustig, ha, ha, ha, wie die alte Ute beinahe einen Purzelbaum schlug. Aber gräm’ dich nicht, mein braves Tier; weißt ja, die Katzen fallen immer weich, und die alte Ute, von der die Leute munkeln, daß sie eine Hexe sei, soll sich des nachts in ein Kätzlein verwandeln können.“

Salto spitzte die Ohren und nickte mit dem Kopfe, als ob er die Worte verstanden hätte.

Und recht hatte Marinka: der alten Ute, die so einsam in ihrem Waldhüttlein hauste, ging jeder gern aus dem Wege. Ja, man bekreuzte sich bei ihrem Nahen noch eifriger als bei dem der „wilden Marinka“.

Niemand begriff, daß Marinkas Vater den Sohn der alten Ute als Koch angenommen hatte, noch dazu, da er ganz verwachsen war.

Aber freilich, in seiner Kunst war er Meister, und der Graf schätzte ein gutes Mahl gar sehr.

Hanko, so hieß der Koch, wußte, daß er bei seinem Herrn in Gunst stand. Die Küchenjungen und das Gesinde merkten [51] es auch, denn Hanko führte ein strenges Regiment, dem sich alle fügen mußten. Der Graf gab stets dem schlauen Hanko recht; wem das nicht paßte, der mußte sich eben einen anderen Dienst suchen.

Nur Marinka kehrte sich nicht daran. Sie behandelte den Koch, den sie nicht leiden konnte, nicht respektvoller als die Küchenjungen, die manchen Verweis von ihr erhielten; ja, es war nichts Ungewöhnliches, daß sie ihnen oder selbst dem allmögenden Hanko eine nach ihrer Meinung mißratene Speise einfach vor die Füße warf.

Sie hatte es bisher ungestraft tun dürfen, denn des Vaters Zorn ob ihres unartigen Benehmens war bald verraucht, und des verwachsenen Hanko Zähneknirschen beachtete sie nicht.

Nun begab es sich eines Tages, daß beim Grafen ein großes Gastmahl hergerichtet ward, zu dem mehrere Freier Marinkas als Gäste erschienen. Es waren Grafen und Ritter, die von Marinkas Schönheit, aber auch von ihrem Spitznamen gehört hatten und sich überzeugen wollten, wie viel Wahres an dem Gerede der Leute sein möchte.

Das Mahl verlief auch zur Zufriedenheit der Gäste, die von Marinkas Schönheit ganz entzückt waren, denn das Grafenkind schien sein ungestümes und wildes Wesen völlig abgestreift zu haben. Marinka war heiter und voll muntrer Einfälle, so daß die Freier geneigt waren, den Leuten, die die Tochter ihres Gastgebers „wilde Marinka“ nannten, ernstlich ob ihrer anscheinenden Ungerechtigkeit zu zürnen.

Eben ward der letzte Gang, Marinkas Lieblingsspeise, nämlich ein Ragout, oder wie man damals sagte: Gemengsel von Wildfleisch mit feiner Gewürztunke, serviert. Es schien den Gästen zu munden.

Doch Marinkas spitzes Zünglein schmeckte prüfend; sie runzelte die weiße Stirn, stocherte auf ihrem Teller herum, schmeckte [52] nochmals und erhob sich dann zum Erstaunen der Tafelrunde. Sie nahm ihren Teller mit sich, festen Schrittes dem Vorgemach zuschreitend, in dem Hanko eben einige Fruchtschalen ausschmückte. Er blickte die Nahende nicht eben freundlich an, da er gerade im Begriff war, die schönsten Ananaserdbeeren zu schmausen.

„Hanko!“ Es klang vorwurfsvoll.

„Was begehrt Ihr, Gräfin?“

„Wo ist das Fleisch der Birkhühner, die ich selbst erlegte und gerade darum für diese Speise bestimmte? Kein Bröcklein davon ist darin.“

Hanko machte ein mürrisches Gesicht. „Die Küchenjungen müßt Ihr dafür schelten, Gräfin, weil sie vergaßen, das Geflügel zu rupfen und auszunehmen. Und ich wußte vor Arbeit nicht, wo mir der Kopf stand, sonst hätt’ ich die Birkhühner im Kessel gleich vermißt.“

Marinka kräuselte spöttisch die Lippen. In gereiztem Ton erwiderte sie: „Mich dünkt, Hanko, weniger deine viele Arbeit als deine Kleinheit trägt die Schuld an dem Versehen. Man soll dir künftig eine Leiter an den Herd stellen, damit du sehen kannst, was du in deinen Töpfen kochst!“

Mit ebenso bösem Blick, wie kürzlich Frau Ute, sah Hanko zu Marinka hin, die das nicht bemerkte. „Meine Gestalt, Gräfin, dürfte Euch nicht kümmern; freut Euch, daß Ihr tadellos gewachsen seid. Und ich denk’, auch ohne die Birkhühner ist Eure Lieblingsspeise trefflich geraten!“

Sprachlos ob der in trotzigem Ton erteilten Antwort stand Marinka einen Augenblick regungslos, denn ihr erschien Hankos Kühnheit ganz unerhört. Obendrein merkte sie, wie jetzt neugierige Köpfe durch die Tür spähten. – Die Gäste hatten gewiß Hankos Worte auch vernommen; das ärgerte Marinka noch mehr und raubte ihr den letzten Rest Selbstbeherrschung und Ueberlegung.

[53] „Wie?“ herrschte sie den Koch an, „du wagst, mir so zu antworten? Da, nimm dein ,treffliches’ Gericht!“ Und krach – flog der Teller mit dem Essen direkt vor Hankos Füße. Marinka aber verließ, ohne den Gemaßregelten noch eines Blickes zu würdigen, stolz wie eine Königin das Gemach.

Hanko jedoch murmelte zähneknirschend: „Wilde Marinka, warte, das gedanke ich dir! Wohl zum letztenmal kränktest du mich ungestraft.“


Wenige Stunden später saßen die drei Freier ganz heimlich in eifriger Beratung beisammen.

Die Gemütlichkeit des Festes war durch Marinkas ungezogenes Benehmen, dessen Zeugen die Gäste zum Teil gewesen waren, recht gestört worden.

Marinka war dann ohne irgendwelche Entschuldigung einfach in ihrem Zimmer geblieben und nachher fortgeritten. Graf und Gräfin hatten vergebens versucht, ihren Zorn und ihre Empörung über der Tochter Benehmen zu verbergen, zumal Hanko sogleich um seine Entlassung bat.

Ein Goldstück des Grafen und dessen Zureden schienen den Gekränkten zwar zu beruhigen, doch hatten die Gäste sich bald in ihre Gemächer zurückgezogen, um den Fall noch zu besprechen. Ihre gute Meinung von der Grafentochter war mit einem Schlage dahin. Sie waren alle drei einmütig entschlossen, auf die Werbung um die „wilde Marinka“ zu verzichten. Nur wollten sie jeder erst einen schicklichen Vorwand suchen, um den Grafen Udo von Wolfenstein nicht durch plötzliche Abreise zu kränken.

„Nein,“ sprach der erste Freier, der schon etwas bejahrte, aber sehr begüterte Ritter Dirk von Dirksberg, „wie konnte ich so töricht sein, um solch ungeberdiges Fräulein werben zu wollen. Mord und Totschlag hätt’ es da bald auf meiner Burg gegeben, wenn ich bedenk’, daß das spitze Zünglein der ‚wilden Marinka‘ [54] auch meiner ehrenwerten Frau Mutter nicht geschont haben würde, zumalen Frau Gerlindes Rücken vom Alter gebeugt und ähnlich dem des Hanko geworden ist.“

„Ihr könntet recht haben,“ entgegnete der stattliche Graf Kunibert von Weichselburg. „Auch ich hätte wohl schweren Stand mit dem wilden Fräulein vom Schloß Wolfenstein bekommen, denn mein Besitz liegt nahe dem breiten Weichselfluß, in waldloser Gegend, wo es kaum Wild gibt. Höchstens hätte die ‚wilde Marinka‘ dort dann und wann einen Fischreiher erlegen können.“

„Ei, da konnte sie sich ja einen solchen einmal zur Fischjagd abrichten,“ spöttelte Graf Eitel von Eulenstein, der jüngste und wohlgelittenste der drei Freier. „Die Eulen und Käuzchen in der Nähe der Burg Eulenstein werden frohlocken, wenn sie erfahren, daß sie vor den Pfeilen der ‚wilden Marinka‘ sicher sind.“

Als alles im Schloß längst der Ruhe pflegte, schlich eine kleine Gestalt aus einem Hinterpförtlein dem Walde zu. Hanko war es, der lautlos wie ein Kätzlein dahin eilte, bis er endlich die Hütte der alten Ute erreicht hatte.

Frau Ute schlug die knochigen Hände zusammen, als sie ihren Sohn mit finsterm Antlitz über die Schwelle treten sah. Da sie aber nun von Hankos Kränkung vernommen hatte, ballte sie die Faust und rief gellend:

„So schlimm hat die Wilde mein Söhnlein gekränkt –
Das wird ihr fürwahr diesmal nimmer geschenkt!“

Hanko nickte seiner Mutter Beifall, indem er sich schadenfroh die Hände rieb und murmelte: „Ja ‚wilde Marinka‘, ich habe mir manche Kränkung von dir gefallen lassen, aber heut’ hast du meine Gestalt geschmäht, hast mich vor allen lächerlich gemacht, und das vergeb’ ich dir nimmermehr!“ Dann wandte er sich zu Frau Ute und fragte: „Was soll ich tun, Mütterlein?“

[55] Die Alte tätschelte Hankos Wangen, indem sie kicherte:

„Jtzt, Hanko, mein Söhnchen, – hi – hi – gib wohl acht,
Merk’ auf, was ich sag’, dann wird Rache vollbracht:
Aus neunerlei Kräutern koch’ schmackhaft ein Süpplein,
Das reiche zum Imbiß dem garstigen Püpplein.
Es wird davon sanft – hi – hi – wirst es bald seh’n,
Hi – hi – alle Wildheit wird dann wohl vergeh’n.
Nur ein Tag im Monat vergönnet ihm sei,
Wo Püpplein des Zaubers werd’ ledig und frei;
Doch ist er vergangen, der einzige Tag –
Kehrt wieder der Zauber, nichts bannen ihn mag.
Die neunerlei Kräuter hab’ ich schon im Haus.
Du ,wilde Marinka’, dein Glück ist jetzt aus:
Die Hexe, die Ute, dir’s jetzo gedenkt,
Daß oft du ihr Söhnlein und sie hast gekränkt!“

Geschäftig kramte die Alte dann in ihrem großen Kräutersack, während Hanko einen in engem Käfig kauernden Raben neckte. Dann griff er hastig nach den dargereichten Kräutern. Mutter und Sohn flüsterten beide noch miteinander, dann huschte letzterer wieder in den dunkeln Wald hinaus dem Schlosse zu.

Nichts regte sich hier. Leise wie ein Mäuslein schlich der Koch in die Küche, wo es bald nach einem absonderlichen Kräutersüpplein roch.


„Heut’ mundet mein Süpplein sonderlich,“ dachte Marinka, als sie ihren Morgenimbiß verzehrte; „Hanko wollte mir sicherlich einen Beweis seiner Kochkunst geben.“

Gleich danach ging Marinka zu ihren Eltern, um ihnen, wie sie das gewöhnt war, ihren Morgengruß zu entbieten. Sie fand beide im Burggärtlein.

[56] Doch plötzlich ward ihr so eigen, ihr war, als ob alle ihre Glieder zusammenschrumpften.

Entsetzt sprangen die Eltern herzu, als sie die unheimliche Veränderung im Aussehen ihrer schönen Tochter gewahrten, die plötzlich nichts Menschenähnliches mehr in ihrer Gestalt hatte.

„Marinka, wo bist du?“ schrie die unglückliche Mutter auf, als sie statt der Tochter einen hohen Busch Rittersporn umklammert hielt.

Ja, auch der Graf ward kreidebleich vor Schrecken, als er das Unfaßliche sah. Dort, wo seine Tochter gestanden, mitten im Wege, stand festgewurzelt urplötzlich der über und über mit den zierlichen blauen Blumen bedeckte Busch.

Er rieb sich die Augen, fühlte die Blätter an, rief angstvoll den Namen seiner Tochter, es half nichts: er und seine Gemahlin mußten sich mit der unfaßbaren Tatsache vertraut machen, daß Marinka einem unheilvollen Zauber verfallen und in jenen Rittersporn verwandelt war.

Wer aber konnte das Schreckliche vermocht haben? Die gebeugten Eltern legten sich verzweifelt diese Frage vor. Einen Augenblick dachten sie wohl an die alte Ute; doch sie verwarfen diesen Gedanken gleich wieder, denn solche Zauberkräfte standen ihr unmöglich zu Gebote, sonst – meinten sie – würde sie doch längst den Höcker ihres Sohnes weggezaubert haben. Hankos offenbares Erstaunen über den „Rittersporn“, zu dem man ihn führte, bestärkte das gräfliche Paar in dieser Ansicht.

Freilich konnte Hanko erstaunt sein, denn seine Mutter hatte ihm nicht gesagt, welcher Art die Wirkung des Kräutersüppleins sein würde. Er hatte nur irgendeine Verunstaltung der „wilden Marinka“, etwa durch einen Höcker oder dergleichen, erwartet. Diese gänzliche Verzauberung kam ihm selbst überraschend. Nicht etwa, daß er Marinka bedauert hätte, doch das böse Gewissen schaffte ihm Unruhe.

[57] Die drei Freier verließen nach diesem, allen unerklärlichen Ereignis das Schloß, in das nun eine fast unheimliche Stille einzog. Die Gräfin saß fast den ganzen Tag bei dem Rittersporn, der mit größter Sorgfalt gepflegt ward, damit er nicht etwa eingehen möchte. Dieser aber, oder vielmehr die verzauberte Marinka, merkte mit Verzweiflung ihre Hilflosigkeit und der Eltern Schmerz, denn sie sagte sich, daß sie durch ihr wildes Wesen wohl alles verschuldet habe.

O, wie gern hätte sie jetzt gesponnen oder genäht, wie gern in der Kemenate der Mutter gesessen! Aber es war zu spät.


Auf Burg Eulenstein saß Graf Eitel von Eulenstein in eifrigem Gespräch mit einem jungen Verwandten, dem er immer wieder von den Ereignissen auf Schloß Wolfenstein und von der „wilden Marinka“ erzählen mußte, bis Graf Eitel lachte: „Schade, daß der wilden Gräfin nun kein Freier mehr nützen kann, sonst könnte der edle Junker Albrecht von Löwensprung gleich seinem Ohm als Bewerber um die Hand der Schönen gen Wolfenstein ziehen.“

„Das will ich auch, Ohm!“

Der Eulensteiner lachte, daß es dröhnte.

„Du willst auf dem Wolfenstein um einen Strauch Rittersporn werben? Das kannst du bequemer haben: Drunten im Burggärtlein muß auch irgendwo solch’ blaues Zeug stehen; – vielleicht ist’s gar eine verwunschene Prinzessin. Geh’ flugs und wirb um sie.“

„Laßt den Spott, Ohm. Mir träumte diese Nacht, ich hätte die ,wilde Marinka’ erlöst. Ich will versuchen, ob ich nicht ein Mittel erfahre, solchen Traum zur Wirklichkeit zu machen.“

Sprachlos vor Erstaunen musterte der Graf das edle Jünglingsantlitz, das ihn so offen anblickte.

„Meiner Treu’, von größerer Torheit hörte ich nimmer,“ brummte der Eulensteiner dann.

[58] Doch alles Abreden half nichts, Albrecht ließ sich von seinem Vorhaben nicht abbringen. Der Ohm gab ihm noch alle gewünschte Auskunft und ließ ihn endlich ziehen.

Albrecht von Löwensprung war ein armer, verwaister Verwandter des Grafen, der ihn wie einen jüngeren Bruder hielt und im Grunde Freude an dessen kühnem Jugendmut hatte. Er geleitete Albrecht mit einigen Knappen eine Tagereise weit, dann begehrte der Jüngling, allein und in einfachstem Wams zu Fuß weiter zu wandern. So geschah es.

Viele Stunden war er gegangen. Die Sonne neigte sich schon zum Untergang, und Albrecht hoffte, noch vor Abend den Ausgang des Waldes und das Ziel seiner Wanderung zu erreichen. Seine Hoffnung, irgendwo eine Quelle zu entdecken, erfüllte sich nicht.

Die Vögel hüpften in den Zweigen, nach einem Plätzchen für die Nachtruhe suchend, und äugten neugierig hinab auf den einsamen Wanderer. Dieser rastete endlich, müde und durstig. Er hatte nur hin und wieder einige reife Erdbeeren gefunden.

Da, ganz dicht an seinem Platz entdeckte er etwas, das er noch nicht gesehen. An einem eigenartig gewachsenen Strauch gewahrte er eine einzelne Beere, die ihm durch ihr absonderliches Aussehen auffiel. So groß wie eine Kirsche, hing sie auch an langem Stiel wie solche, schillerte aber in allen Farben und war durchsichtig wie Glas. O, sie mußte saftig und durststillend sein!

Ehe Albrecht noch überlegte, was er tat, hatte er die Beere schon im Munde. Sie schmeckte köstlich; er fühlte sich merkwürdig erfrischt.

Da plötzlich saß dicht vor ihm auf dem nämlichen Strauch ein Rotkehlchen, das anmutig zwitscherte.

Doch was war das? Albrecht verstand aus diesem Vogelsang ja plötzlich Worte:

[59]

„Tirli – die Beere ,All’sverstund’
Hast du, o Jüngling, funden!
Sie wächst nur alle hundert Jahr’
Und reift in wenig Stunden.
Tirli – tirli – Beer’ ,All’sverstund’
Ist wertvoll ungemessen:
Verstehst nun jede Vogelsprach’,
Weil du die Beer’ gegessen.
Tirli – tirli –, tu’ niemand kund,
Und schweig’ von Beere ,All’sverstund’.“

„Ei, mein Vöglein, ich danke dir,“ lächelte Albrecht ganz beglückt. Vöglein nickte ihm zu und flog weiter.

Albrecht fühlte jetzt vor Freude weder Durst noch Ermüdung; er hätte nur gern wegen der Richtung Bescheid gewußt.

Da schimmerte Gemäuer durch das Grün. Vielleicht waren Menschen dort, die er fragen konnte.

Kaum hatte er einige Schritte in jener Richtung getan, als er dicht vor sich im Gestrüpp wieder ein Vöglein erblickte, das sein Liedlein sang. Auch jetzt verstand er Worte:

„Tiu – tri – tiu – dort im Walde, schau, schau,
Haust einsam im Hüttlein ein’ arglist’ge Frau.
Vor ihr und dem Sohne sei recht auf der Hut,
Und merk’, was Frau Ute und Hanko wohl tut.“

Das Vöglein wer längst davongeflogen. Albrecht war überzeugt, daß es jene Hütte gemeint hatte, der er nun ziemlich nahe war. Seine Neugierde war erwacht.

Vorsichtig näherte er sich. Da gewahrte er draußen neben der niedrigen Tür in engem Käfig einen Raben. „Krah – krah –“ rief der, als wolle er den Junker rufen. „Warum soll ich nicht hingehen?“ dachte dieser. „Vielleicht erzählt mir der Schwarzrock auch wichtige Dinge.“

[60] Und richtig: kaum war Junker Albrecht nahe genug, als der Gefangene rief:

„Frau Ute, die Hexe, ist waldwärts gangen
Und ließ mich ohn’ Futter hier draußen hangen;
Sie sperrt’ mich zur Kurzweil ins Bauer eng,
Darin ich mit Kummer der Freiheit denk’.
Zur Strafe für früheres Stehlen und Lungern
Läßt oft sie mich jämmerlich darben und hungern.
     Krah – krah – krah – krah –
     Komm schnell ganz nah,
     Mach’ auf mein’ Tür –
     Ich lohn’ es dir.“

Albrecht tat, wie der Rabe bat. Der flog nun schnell von der Hütte fort, bis dahin, wo der Wald sich lichtete, aber dichtes Unterholz Deckung bot. Der Junker folgte eilends. Da begann der Rabe wieder:

„Hexenbrut
Ist Frau Ut’
Und ihr Sohn –
Kennst ihn schon?“

Albrecht verneinte. Darauf schnarrte der Rabe noch eifriger:

„Hat Höcker im Rücken
Und sitzt voller Tücken.
Ist just nicht gar groß,
Doch dient er im Schloß;
Führt’s Kochregiment.
Brät, kocht, bäckt ohn’ End’:
– Mit schneeweißen Schürzen –
Manch’ Braten mit Würzen,
Geflügel und Suppen,
Auch Karpfen mit Schuppen,

[61]

Gemüs’ und Rouladen,
Pasteten und Fladen.
Der Hanko versteht’s,
Denn trefflich gerät’s.“

Der schwarze Gesell flatterte erregt mit den Flügeln, hüpfte auf einen anderen Zweig und krächzte dann gallig:

„Frau Ute, die geizige Hex’, kann wohl lachen,
Schleckt oftmals ganz heimlich gar leckere Sachen.
Die gibt ihr der Koch;
Das merk’ ich ja doch.
Ich Schwarzrock rab – rab –
Krieg’ nie etwas ab,
Trotzdem sie versprochen
Mir lang’ einen Knochen.“

„Armer Pracher im Federkleid,“ lächelte der Junker. „Wart’ nur, wenn ich erst ins Schloß komme, will ich für dich sorgen. Sollst an meinem Fenster stets einen Knochen finden, wenn Frau Ute dich nicht wieder einfängt.“

„Schwarz ist Nacht und mein Gefieder –
Sieht bei Tag mich nimmer wieder.
Soll mich niemals wieder fangen
Und ins enge Bauer hangen.
Willst ins Schloß, beeil’ den Schritt;
Rab’, – krah – krah – verrät dich nit.“

lautete die Antwort des Schwarzen, der jetzt höher hinauf hüpfte, gleich aber wieder von seinem hohen Posten zu Albrecht hinflog und ängstlich mit den Flügeln schlagend mahnte:

„Schnell buck’ dich
Und duck’ dich
In Eile, – krah – krah –!
Die Fraue,
Die schlaue
Hex’ Ute ist nah.“

[62] Albrecht tat, wie der Vogel riet, und konnte eben noch im Zwielicht die Alte erkennen, die in einiger Entfernung zwischen den Bäumen daherkommend ihrer Hütte zuschritt.

Kaum war sie den Blicken der beiden Beobachter entschwunden, als der Rabe trieb:

„Nun schnelle von dannen –
Vorbei an den Tannen,
Krah – krah bis zum Steg –
Dort siehst du den Weg.“

Noch ein Stück flog der Rabe mit, bis er krächzte:

„Schreite weiter diesen Pfad,
Kommst zum Schlosse sonst zu spat,
Flieht sonst letzter Tagesschimmer; –
Brauchst mich Schwarzgesellen nimmer.“

Wirklich war es inzwischen ziemlich dunkel geworden, so daß Albrecht schnell von seinem gefiederten Führer schied. Er überlegte, als er so dahinschritt, auf welche Art er sich wohl am besten im Schloß einführen könnte, da er sich nicht gleich als Verwandten des Grafen zu erkennen geben mochte. Auch glaubte er klüger zu handeln, wenn er zunächst den Zweck seiner Reise verschwieg, denn nach allem, was er durch den Ohm sowohl im allgemeinen als auch durch die Vögel vorhin im besonderen erfahren hatte, traute er weder dem Koch noch der alten Ute viel Gutes zu.

Nun hatte er das Schloß erreicht. Es war ein stattlicher Bau, aus dessen Tor eben zwei Jünglinge traten, die in erregtem Gespräch begriffen den Nahenden nicht gewahrten.

„Mich hat der böse Hanko gestäupt, weil ich vergaß, das Fleisch am Spieß zu drehen!“, rief der eine der Jünglinge erregt, während der andere ihm entgegnete: „Und mich ließ er gar fasten, weil ich das Feuer zu arg geschürt, daß die Supp’ überkochte. Da war es doch besser, wenn die wilde Marinka [63] schalt oder uns gar das Essen vor die Füße warf. Die war dabei wenigstens nicht so schlimm anzuschauen wie der Koch, vor dem man sich schier fürchten könnt’, wenn er so wütend die Augen rollt.“

Jetzt sahen sie Albrecht, der ihre Worte gehört hatte und auf seine Frage nun erfuhr, daß beide bisher Küchenjungen im Schloß waren und eben aus dem Dienst liefen.

„Der Hanko mag sehen, wo er Ersatz herbekommt, oder fortan allein kochen,“ lachten sie schadenfroh.

Albrecht ließ sie ziehen. Ihm war die Begegnung wie eine Schicksalsfügung, denn er wußte jetzt genau, wie er handeln wollte.

Auf dem Hofe begegnete ihm ein Knappe, den er kurzweg fragte, ob man in der Burg einen Gehilfen für die Küche brauche. „Ei freilich,“ lachte der, „das trifft sich gar gut.“


Nun war Albrecht schon bald zwei Wochen im Schlosse als Gehilfe für die Küche angestellt. Hanko fand zwar, daß er noch sehr unbeholfen sei, trotzdem er älter war, als sonst seine Gehilfen zu sein pflegten. Auch hatte er so eine eigene Art, die dem Koch fast ein Gefühl der Scheu einflößte und ihn bisher hinderte, den Gehilfen schlecht zu behandeln.

Dieser machte sich gern an dem verzauberten Rittersporn zu schaffen, den er verstohlen immer mit wachsamen Augen betrachtete, mit dem er heimlich flüsterte.

Der Knappe Gunzo, derselbe, den er zuerst im Schloß getroffen, erzählte ihm oft von Marinka und dem Tage ihrer Verzauberung.

Gerade ein Monat war seit jenem Schreckenstag vergangen. Albrecht war, wie er dies schon öfter getan, früh mit Tagesanbruch ins Burggärtlein geschlichen, um nach dem Rittersporn zu sehen, der noch über und über blühte und der jetzt zum Schutze von einem Gitter umgeben war. Er hatte den Strauch [64] kaum erreicht, als er an diesem eine auffallende Veränderung gewahrte, und urplötzlich stand statt des Rittersporns eine schöne Jungfrau im Gitter.

„Bin ich es denn? Wich der Zauber so plötzlich? O Wonne! O, wie will ich nun eine andere werden! Aber wer hilft mir aus dem Gitter, daß ich zu den Eltern eilen kann!“

Bei diesen Worten der vom Zauber befreiten Marinka sprang Albrecht herzu und half mit starkem Arm der Jungfrau aus dem Gitter heraus.

Das war nun ein Jubel im Schloß über die vermeintliche Erlösung der jungen Gräfin. Es wußte ja niemand außer der Hexe Ute und ihrem Sohn, daß es nur der eine Tag im Monat war, an dem nach Ausspruch der ersteren der Zauber weichen sollte.

Immer wieder mußte Albrecht erzählen, wie die Entzauberung von ihm entdeckt wurde. Alle waren heute besonders freundlich zu ihm; Graf und Gräfin und ihre schöne Tochter hatten ihm herzlich gedankt, weil er das Wunder der plötzlichen Entzauberung zuerst entdeckt und der Jungfrau so schnell aus dem engen Gitter geholfen hatte.

Nur Hanko blickte den Jüngling heute mißtrauisch und finster an. Was führte der Kochgehilfe im Schilde? Warum war er schon so früh zu dem verzauberten Rittersporn gegangen?

Hanko fühlte sich durch dies alles beunruhigt. Er beschloß, auf der Hut zu sein. Seine Laune ward auch nicht besser, als er nun mit dem Gesinde bei einem extra guten Mahl saß.

Albrecht mußte alles herzutragen, wobei Hanko sich von ihm bedienen ließ. Er glaubte, Albrecht damit zu ärgern, doch dieser schien das gar nicht zu merken, sondern war guter Dinge.

Als Gunzo nun seinen Becher auf das Wohl der schönen Marinka leerte, tat Albrecht das gleiche und sprach: „Fürwahr, schön ist die junge Gräfin. Ihr Wuchs ist so schlank wie der [65] einer Tanne, ihre Augen glänzen schöner als Diamanten, ihr Mund rötet sich lieblicher als Rubinen –“

„Und der deine ist schwatzhafter als der einer Elster,“ fiel ihm Hanko höhnisch ins Wort. „Wie darfst du, ein armseliger Küchengehilfe, dich unterfangen, von einer Grafentochter also zu reden, als ob du ihresgleichen wärst?“

„Und wenn ich’s wäre,“ brauste Albrecht jetzt auf, „was ginge es dich an?“

„Willst du dich noch gar wie ein Pfau blähen?“ lautete Hankos giftige Gegenrede.

„Laß deine bösen Reden, Hanko,“ unterbrach da Gunzo den Koch; „die sind nicht so kurzweilig als die deines Küchengehilfen. Soll er dir vielleicht auch davonlaufen wie deine Küchenjungen?“

„Mag er,“ zischte Hanko, doch mehr konnte er nicht sagen, denn kreidebleich kam ein Diener angestürzt, der atemlos meldete, daß Marinka plötzlich wieder in einen Rittersporn verwandelt sei.

Albrecht hörte es mit Entsetzen, während Hanko scheu um sich blickte, was dem nunmehrigen Küchengehilfen nicht entging.

Droben im Saal aber, wo Marinka eben noch glücklich bei ihren Eltern gesessen und ihnen Besserung gelobt hatte, lag wirklich ein Busch Rittersporn.

Um ihn nicht welken zu lassen, blieb nichts übrig, als ihn sofort wieder im Burggärtlein in das Erdreich zu setzen, doch diesmal ohne Gitter. Dafür sollte er nun Tag und Nacht bewacht werden.


Albrecht war jetzt fester als je davon überzeugt, daß die Hexe Ute und Hanko an dem Zauber schuld seien, daß er auch den Koch noch stärker beobachten müsse als bisher. Aber wie [66] sollte er erfahren, was er tun mußte, um die Verzauberte zu erlösen? Wohl war die alte Ute schon öfter heimlich gekommen, vermutlich, um sich allerlei gute Leckerbissen von Hanko zustecken zu lassen; doch so aufmerksam Albrecht auch gelauscht, nie hatte er aus beider Gesprächen etwas Auffälliges vernommen. Den Raben vermochte er nirgends zu entdecken, so oft er ihm auch die versprochenen Knochen in sein Kammerfenster legte.

„Aber was sollte der schwarze Vogel denn auch noch erzählen?“ dachte Albrecht. „Er hat sicherlich ausgeplaudert, was er wußte. Auch wird er längst weit, weit fort sein.“

Albrecht war nach solchen Erwägungen am Abend des ereignisreichen Tages recht niedergeschlagen und ratlos, zumal er merkte, daß Hanko ihm nunmehr feindlich gesinnt war. Sicherlich würde dieser nun noch vorsichtiger sein. Er hatte sich mit finsteren Blicken sogleich zur Ruhe begeben, dem Küchengehilfen befehlend, für Ordnung in der Küche zu sorgen.

Die flinken Mägde halfen Albrecht gern, und so konnte denn auch dieser bald sein in entlegenem Turm befindliches Kämmerlein aufsuchen.

An Schlaf mochte er noch nicht denken, da so viele Gedanken auf ihn einstürmten, er auch in Unruhe war, die alte Ute könne gerade an diesem Abend wieder mit Hanko zusammentreffen. Vielleicht hatte der Koch sich nur zum Schein so müde gestellt.

Eben legte Albrecht wieder einen Knochen in sein Fensterlein, dabei in den Abend hinausblickend, als er Flügelschlag vernahm und gleich darauf einen Freudenruf ausstieß, denn vor ihm auf dem Fenstersims saß der Rabe. Er pickte ein paarmal eifrig an dem Knochen, als ob er nur darum gekommen sei, dann schnarrte er:

„Frau Ute hat den Fuß verstaucht,
Heut’ niemand sie zu fürchten braucht.

[67]

Denn Hex’ muß fein im Hüttlein bleiben;
Brauchst drum den Schlaf nicht zu vertreiben.
Auch Hanko läuft heut’ kaum zu ihr –
Ich sah, er schläft wie ’n Murmeltier.“

Freudig erstaunt hörte Albrecht diese Mitteilung an, dann antwortete er lächelnd: „Mir scheint, du bist der Weiseste unter deinesgleichen, denn du weißt mehr, als ein gewöhnlicher Rabe sonst wissen dürfte. Vielleicht ist dir auch bekannt, daß ich schon oft vergeblich nach dir ausschaute?“

„Konnte mehr dir noch nicht sagen,
Hätt’ sonst Botschaft dir getragen!“

ließ sich der Rabe hierauf wieder vernehmen, nachdem er sich nochmals an dem Knochen gütlich getan hatte. Dann wandte er sich abermals zu Albrecht, ihn schlau anäugend:

„Heut’ war ich im Gärtlein drunt’
Schon zu früher Morgenstund’.
Hatte dort so meine Schliche:
Wollte seh’n, wenn Zauber wiche.
Sah auch dich, mein Junkerlein,
Dann die Jungfrau schön und fein,
Die Hex’ Utes Zauber traf,
Als des wilden Wesens Straf’.“

„Das wußtest du und sagtest es nicht früher?“ Der Rabe nickte bedächtig, tat ein paar derbe Schnabelhiebe auf den Knochen und antwortete dann dem Fragenden:

„Hast mich eifrig nicht befragt,
Hätt’ vielleicht sonst mehr gesagt,
Oder – mich gehüllt in Schweigen.
Schwatzhaft soll man nie sich zeigen!
Meine Freiheit dank’ ich dir,
Drum erfährst du mehr von mir!“

[68] „Wie gut von dir, lieber Rabe,“ lobte Albrecht den Schwarzgesellen. „Bitte, erzähle mir, was du weißt und wie es kommt, daß die schöne Marinka wieder dem Zauber verfallen konnte, nachdem er so plötzlich von ihr gewichen war?“

Der schwarze Erzähler steckte einen Augenblick den Kopf in die Federn, als ob er nachdenke, dann erfolgte die Antwort:

„‚Einen Tag im Monat sei
Sie des Zaubers ledig, frei!‘
Hab’s gehört, wie Ut’ es rief,
– Tat nur so, als ob ich schlief’, –
Bis mich Hanko unsanft weckte,
Schadenfroh mich Armen neckte.
Gönnt’ auch ihm ein Kräutersüpplein,
Wie er’s gab dem Grafenpüpplein,
Das solch Süpplein hat gegessen;
Doch dies gänzlich mußt’ vergessen,
Daß der Täter straflos wäre –“

„Ist das wahr?“ forschte Albrecht erregt, und der Rabe antwortete wichtig:

„Hab’s erlauscht, ,auf Rabenehre’,
Wie’s geflüstert hat Frau Ut’,
Doch ich Schwarzrock hör’ gar gut!“

Der Vogel machte eine Pause, dann probierte er seine Schwingen, drehte den Kopf nochmals zu Albrecht und krächzte:

„Morgen ha’n wir Vollmondschein,
Geh’ da früh ins Kämmerlein.
Auf dein Lager gleich dich strecke;
Hab’ ich Botschaft, ich dich wecke.“

Fort war der Rabe, ehe Albrecht sich dessen versah. Hätte er auch noch viel fragen mögen, so vertraute er jetzt seinem kleinen Helfer und war überzeugt, daß er durch ihn mit der Zeit alles Wichtige erfahren werde.

[69] Am nächsten Abend tat er, wie der Rabe ihm geraten, und lag bald in sanfter Ruhe. So mochten einige Stunden vergangen sein, als ein Vogelschnabel an sein Fenster pochte und eine Albrecht wohlbekannte Vogelstimme rief:

„Krah – krah – krah!
Rab’ ist da –
Poch – poch – poch,
Schläfst du noch?“

Der Gerufene wischte den Schlaf aus den Augen und sprang schnell zum Fenster. Erfreut streichelte er das schwarze Gefieder seines Getreuen, indem er flüsterte: „Hab’ Dank, du unermüdlicher Gesell; ich tue gern, was du mir rätst.“

Der Rabe drängte:

„Waldauf, waldab
Flog Rab’, rab – rab –
Daß er dir sag’,
Was frommen mag:
Frau Ut’ schleicht leis –
– Es niemand weiß –
Jetzt durch den Wald
Zum Söhnlein bald.
Am Runenstein
Sie wartet sein!
Noch ist es Zeit,
Ich geb’s Geleit.
Beeil’ den Lauf –
– Eh’ Mond geht auf –
Daß wir geschwind
Die ersten sind.“

Das Ziel ihres Weges war nicht weit vom Schloß, doch ganz abseits gelegen, so daß nicht leicht jemand dorthin kam. Woher der Rabe wußte, daß Ute und Hanko dort sich treffen [70] würden, wollte Albrecht erfahren, doch sein Begleiter antwortete nur:

„Wir Vögel Frag’ und Antwort tauschen
Von wicht’gem Ding, das wir erlauschen.“

Ein dichtes Haselgebüsch verbarg beide jedem Blick, so daß selbst Hexenaugen die Lauscher kaum entdecken konnten.

Nicht lange brauchten diese zu warten, so humpelte die Hexe heran, und bald danach erschien auch der Koch. Beide ließen sich am Runenstein, einem uralten Felsblock, nieder, wo die Lauscher jedes Wort vernehmen konnten. Sie sprachen natürlich sogleich von Marinka und ihrer kurzen Entzauberung, welches Gespräch die Alte öfters durch ihr höhnisches „Hi–hi–hi“ unterbrach, während Hankos Lachen „Hä–hä–hä“ dazwischen hörbar ward.

Eben erzählte letzterer von seinem Wortwechsel mit Albrecht, und wie der gerade bei der Entzauberung des Rittersporn zugegen gewesen sei. „Kannst du ihn nicht aus dem Wege schaffen, Mutter?“ schloß er seinen Bericht. Doch die Alte antwortete listig:

„Hab’s längst gemerkt, daß du ihn hassest
Und wissen möcht’st, wie du ihn fassest.
Ich weiß es wohl in ein’gen Wochen –
Solang’ Geduld. – Ich hab’s versprochen,
Daß ich bis dann ein Mittel finde,
Wie ich auch ihn mit Zauber binde.“

„Hä–hä–hä!“ lachte Hanko böse, „nach ihm wird niemand fragen, oder die schöne Marinka müßte es tun, wenn ihr Befreier bei ihrer nächsten Entzauberung fehlt. Weißt du, ich hoff’, die Marinka wird nie erlöst; sie mag nur ein Rittersporn bleiben und meinetwegen auch im Winter blühen. Vielleicht gibt’s auch nicht einmal ein Mittel, das sie befreien könnte.“

[71] Die Alte wiegte den Kopf, dann fuchtelte sie mit ihren knochigen Fingern in der Luft herum und antwortete schadenfroh:

„Ein Mittel gäb’s, doch ist es gut,
Daß es nur kennt die alte Ut’.“

„Sag’s mir’s doch auch,“ drängte Hanko, „hätte meinen Spaß daran.“ Da hub die Hexe also an:

„Was man braucht, es niemand weiß,
Höre zu, – ich sag’ dir’s leis:
Nur drei Blumen Rittersporn,
Und drei Stielchen Rosendorn,
Holderbeer’n und Eibenwurz,
Drei Kamill’n und drei Nasturz.
Dann drei Veilchenblätter grün,
Drei Ranunkeln, die nicht blüh’n.
Auch drei gelbe Arnika –
Dies gepflückt, wenn’s niemand sah,
Just bei hellem Vollmondschein –
So würd’ Zauber wirksam sein.
Dann müßt’ man zum Kochen schnell
Wasser hol’n vom Waldesquell –
Alles darin sorgsam brühen –
Mit dem Sud zum Strauche ziehen,
Diesen damit gießen an –
So wär’s Rettungswerk getan,
Hi–hi–hi, wohl niemand kommt
Darauf, was zur Rettung frommt.“

Albrecht mußte alle Willenskraft zusammennehmen, um sich nicht durch einen Freudenschrei zu verraten. Endlos schien es ihm, bis die beiden unheimlichen Gestalten sich entfernt hatten; denn was sie noch weiter zu besprechen hatte, interessierte den Junker nun nicht mehr, da er das Wichtigste wußte.

[72] Er sah endlich die Hexe heimwärts trotten und ebenso Hanko zum Schlosse zurückschleichen.

Als keinerlei Entdeckungsgefahr mehr drohte, rief Albrecht: „O, lieber Rabe, wie froh bin ich und wie danke ich dir, daß du mich hierher geführt hast! Hilf mir nun auch die Kräuter finden und den Waldquell, damit ich die heutige Vollmondnacht zu meinem Rettungswerk ausnutzen kann.“

„Daß du mich Schwarzrock hast befreit,
Hast du gewiß noch nicht bereut.“

schnarrte der Vogel selbstzufrieden und setzte dann pfiffig hinzu:

„Die alte Hex’ gar giftig war,
Als mein Entrinnen ihr ward klar –
Krah, krah, wie würd’s uns übel gehn,
Hätt’ sie uns beide jetzt gesehn!
Nun hurtig, komm’ in tiefen Wald;
Was du bedarfst, zeig’ ich dir bald –
Vergessen haben wir kein Stippchen –
Hex’ Ut’ – wir schlagen dir ein Schnippchen.“

Lautlos wie Schatten glitten der Junker und der Rabe dann durch den Wald dahin, bis alles Nötige gefunden war.

Doch nun schien guter Rat teuer, denn worin sollten sie das Quellwasser schöpfen? Weder Albrechts Mütze noch seine Schuhe erwiesen sich als dazu geeignet.

Da fiel sein Blick auf ein ausgehöhltes Stück eines Baumastes, der vom Sturm abgebrochen vor ihm lag. Mit geschickter Hand und großer Kraft brach er das Stück so ab, daß der Stumpf ein Gefäß mit festem Boden bildete, das gleich einem Kruge das Wasser in sich aufnahm.

Im Schloß war alles dunkel und still, als Albrecht mit seinem kostbaren Gepäck dort anlangte. Alles hatte er im Walde gefunden, nur die drei Blumen vom Rittersporn nicht. Er mußte sie vom verzauberten Busch holen.

[73] Aber wie an den Wächtern vorbei gelangen? Doch der Rabe, der nicht von Albrecht gewichen war, wußte Rat:

„In’s Gärtlein flieg’ ich leis, rab – rab,
Pflück’ ungesehn drei Blumen ab,“

und fort war er, ehe Albrecht noch etwas entgegnen konnte. Rasch war er wieder zurück, drei Blumen Rittersporn im Schnabel tragend, die er Albrecht gab, wobei er wohlgefällig schnarrte:

„Die Wächter waren eingenickt;
Hätt’ ungestraft noch mehr gepflückt.“

Ohne Säumen flog er dann nochmals fort und kam sogleich mit der Botschaft zurück:

„Der Hanko schläft, bleibst ungestört,
Drum schnell an’s Werk, dich niemand hört.“

Weiteren Dank nicht abwartend, hatte der treue Gehilfe sich schon davongemacht, so daß Albrecht flugs in die Küche schlich, wo er, wie es Hanko vor Wochen getan, heimlich seine Kräuter und Blumen kochte, bis es ebenfalls ganz appetitlich duftete.

Nun war das Werk getan. Er goß die Flüssigkeit wieder in seinen Astkrug und schritt leise ins Burggärtlein. Dort waren die beiden schlaftrunkenen Wächter eben erwacht. Der eine, der Knappe Gunzo, fragte den Nahenden befremdet: „Was schaffest du zur Nachtzeit im Burggärtlein?“ Doch der andere Wächter wollte Albrecht einfach festhalten. Da schrie er auf und schlug wütend um sich, denn ein Rabe hatte ihn ins Ohr gebissen. Woher der so plötzlich gekommen, ahnte der Gebissene nicht. Er lief dem Uebeltäter, der längst entschlüpft war, suchend nach, während Gunzo erstaunt sah, wie Albrecht, den günstigen Augenblick benutzend, den Inhalt seines sonderbaren Gefäßes auf den Rittersporn goß.

[74] Im nächsten Augenblick stand die erlöste Marinka vor den sprachlosen Männern. Sie reichte Albrecht die Hand, während sie sprach: „Du hast mich erlöst; ich kenne dich wieder. O, wie danke ich dir!“ Sie war so mädchenhaft holdselig und sittsam, wie auch Gunzo das Grafenkind nie gekannt hatte.

Albrecht und die beiden Wächter geleiteten die erlöste Jungfrau sogleich zu den überglücklichen Eltern, wo die Grafentochter und Gunzo bezeugten, daß Albrecht die wilde Marinka erlöst habe.

Der Junker wollte in seinem edlen Herzen der Rache nicht Raum geben und über die Urheber des Zaubers schweigen.

Doch Hanko verriet sich selbst durch die Wut, mit der er von den Ereignissen erfuhr und mit der er sich auf Albrecht stürzen wollte.

Der Graf schöpfte nun Verdacht und drängte Albrecht, ihm alles zu enthüllen, was dieser denn auch tat. Der Graf, der fürchtete, daß Ute und Hanko nun erst recht Rache üben könnten, ließ beide ins Gefängnis werfen, wo sie über ihre Schandtaten nachdenken konnten.

Es kam nun eine glückliche Zeit für die Schloßbewohner. Albrecht mußte mit an der Tafel sitzen, und ein neuer Koch ward angestellt. Der Graf und die Gräfin waren glücklich, ihr Kind befreit und so zum Vorteil verändert wieder zu haben. Kein böses Wort, kein Tellerwerfen, kein wildes Reiten mehr! Alles war günstig verändert, und Albrecht fest entschlossen, um das Grafenkind zu werben.

Er tat es, als bald darauf ein großes Freudenfest gefeiert wurde, zu dem auch Graf Eitel von Eulenstein sowie der Dirksberger und der Weichselburger geladen waren.

Bisher hatte Albrecht noch als einfacher Kochgehilfe ergolten.

Wer beschreibt nun das frohe Erstaunen, als der Graf von Eulenstein ihn als Verwandten begrüßte und alle erfuhren, daß [75] Marinkas Befreier ein Junker Albrecht von Löwensprung sei. „Und wär’ er auch nur ein Kochgehilfe gewesen, so hätte ich ihm zum Dank meine Tochter gegeben,“ sprach der Graf von Wolfenstein. „Doch nun ist er mir als Eidam doppelt willkommen.“

Der Eulensteiner freute sich herzlich über das Glück seines jungen Verwandten, der nun, wie er zugeben mußte, keine Torheit durch seine Werbung beging.

Marinka nähte, stickte und spann nun gern. Daß ihr am linken Fuß die kleine Zehe fehlte, tat dieser Tätigkeit keinen Abbruch. Es kam durch das Abpflücken der drei Blumen Rittersporn zum Erlösungswerk; es blieb ihr das stets eine Mahnung, daß sie nie jener Prüfungszeit vergessen konnte.

Daß der Rabe fortan immer die leckersten Knochen und sonstigen Lieblingsfutter bekam, so oft er sich in der Nähe des Schlosses blicken ließ, ist selbstverständlich. Er stolzierte dort gern auf und ab und schnarrte dann vergnüglich:

„Krah – krah – rab – rab – ich Schwarzgesell’
Krächz’ heut’ – krah – krah – gar froh und hell.
Auf Rabenehr’! es freut mich baß,
Daß ich erlebte solchen Spaß –
Fürch’t jetzo nimmermehr Hex’ Ut’. –
Dem jungen Paar geh’s immer gut.
Und kommt Marinka mal in Zorn –
Denk’ schnell sie an den Rittersporn!“