Echte Liebe

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Textdaten
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Autor: unbekannt
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Titel: Echte Liebe
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 27, S. 364
Herausgeber: Ferdinand Stolle
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1856
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[364] Echte Liebe. Horace Vernet erzählt in seinen Briefen aus Rußland folgende Geschichte, die sich während seines Aufenthaltes dort zutrug:

„Ein junger Mann aus der Umgegend Moskau’s, mit Namen M…, hatte sich sterblich in eine junge Zigeunerin verliebt. Er wollte sie heirathen, trotz der Gegenvorstellungen seines Vaters, der indeß Mittel fand, seinen Sohn auf einige Tage zu entfernen, während dieser Abwesenheit das junge Mädchen entführen ließ und sie an seinen Kutscher verheiratete, dem er Geld und die Freiheit schenkte. Nach der Hochzeitsnacht entfloh sie, erreichte das freie Feld und verschwand für Alle, ausgenommen für ihren Liebhaber, welcher sich stellte, als hätte er sie vergessen, und Dienste in der Garde nahm. Fünf Jahr lang blieb sie in einer Hütte verborgen, ohne daß man wußte, daß der junge Mann sie allnächtlich besuchte; er verheirathete sich sogar, um seine gänzliche Umwandlung zu zeigen. Doch seine legitime Frau, beunruhigt über das geheimnißvolle Leben ihres Ehemannes, entdeckte endlich die Intrigue und warf sich zu den Füßen des Kaisers, um die Bestrafung des Treulosen zu erlangen. Man entführte die arme Flüchtige von Neuem, um sie in Gewahrsam zu bringen, und trennte sie von ihren drei Kindern, welche sie niemals wieder sah. Vier Jahre lang ertrug sie alle Schmerzen und Demüthigungen, ohne sich zu beklagen, und lieferte dem Hause, das sie gefangen hielt, ein Beispiel der demüthigsten Ergebung. Den Liebhaber schickte man schleunigst nach dem Kaukasus, wo er sich augenblicklich noch befindet. Während der ganzen Trennungszeit konnte kein Briefwechsel zwischen den Liebenden stattfinden. – Doch ein eben von der Armee zurückgekehrter Offizier fand vor wenigen Tagen Gelegenheit, die junge Gefangene zu sprechen, und während der Unterhaltung machte er ihr begreiflich, daß sie das einzige Hinderniß der Rückkehr des Verbannten sei. Von diesem Augenblicke an war ihr Entschluß gefaßt. Sie fand Mittel zur Flucht, begab sich zur rechtmäßigen Frau des Verbannten und bat diese um Verzeihung, daß sie ihr einen Mann geraubt, welchen sie lieben müßte, da ja auch sie, die Unglückliche, ihn nicht vergessen könnte. Gleich darauf stürzte sie sich in einen der Kanäle. Nach dem, was sie zu der Frau ihres Geliebten gesagt haben soll, scheint sie ein Wesen von bewundernswürdiger Einfachheit und Erhabenheit gewesen zu sein. Sie war so schön, daß man sie den Besuchern des Hauses, in welchem sie eingeschlossen war, verbarg. Es sind noch einige Einzelheiten damit verbunden, die ich hier nicht mittheilen kann und welche die Geschichte sehr rührend machen.“