Ein Autodidakt (Herbert König)

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Textdaten
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Autor: Herbert König
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Titel: Ein Autodidakt
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 18, S. 303–305
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1875
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Ein Autodidakt.


Es ist seit einer Reihe von Jahren ein liebenswürdiger Brauch meines Freundes Ernst Keil, die Mitarbeiter der „Gartenlaube“ dem Publicum in Bild und Wort vorzuführen. So früher Gerstäcker und Benedix, die ebenfalls ihre Selbstbiographien schrieben, so zuletzt den feinen Naturbeobachter Guido Hammer, diesmal Herbert König.

Dieser ist nun laut Redactionsbeschluß auch zu einer Selbstbeschreibung seines Lebens verurtheilt, und wir wollen sehen, wie er sich aus der Schlinge ziehen wird.

Künstler, wie alle Menschen, deren Leben sich unter fortwährendem Ringen und Kämpfen abnutzt und abspinnt, können selten mit einem wohlhäbigen Philistergesichte aufwarten. Darum möge der Beschauer meines Gesichts entschuldigen, wenn ich ernster und verbitterter dreinschaue, als es der gute Ton einem so verehrungswürdigen Leserkreise gegenüber gestattet. In einem Alter, da Andere schon im Sattel sitzen, hatte ich den Fuß erst im Steigbügel. Zehnmal schwang ich mich auf, zehnmal fiel ich wieder herunter, und ich weiß bis zur Stunde noch nicht, ob ich oben sitze oder unten liege. Schon mein Eintritt in die große Welt war wenig glückverheißend, indem mich mein erster Ausflug nach Hamburg führte, um Augenzeuge des schrecklichen Brandes zu werden. Nach einer Reihe fehlgeschlagener Pläne und Hoffnungen kam ich im Jahre 1848 aus dem äußersten Norden Deutschlands in München an. Einen bewährten Freund, den letzten Rettungsanker, an den ich mich anzuklammern dachte, suchte ich vergebens auf und sehr niedergeschlagen kehrte ich in den bescheidensten aller Gasthöfe zurück. Ich überzählte meine Baarschaft, wozu ich nicht viele Stunden brauchte, denn ich stieß auf ein furchtbares Deficit. Da mein erster Grundsatz war und ist: „Kopf oben behalten“, entwarf ich in dieser Lage mehrere humoristische Skizzen und stellte mich mit diesen den Herren Braun und Schneider, den Verlegern der „Fliegenden Blätter“, vor. Meine Arbeiten wurden angenommen, was wohl weniger ihrer Brauchbarkeit, als der zartfühlenden Rücksichtnahme jener braven Männer zuzuschreiben war, und die Folge dieses ersten Schrittes war, daß ich im Laufe der Jahre mit allen hervorragenden illustrirten Zeitungen Deutschlands in Verbindung trat und ihnen ein dauernder Mitarbeiter wurde.

Während meines zweijährigen Aufenthalts in München führte mich ein günstiges Geschick mit den vorzüglichsten Persönlichkeiten unter den Vertretern der Kunst und Wissenschaft zusammen, was ich allerdings nur meinem glücklichen Temperament zu verdanken hatte: Kaulbach und Schwind zeichneten mich mehrmals aus; Rottmann, Schnorr von Carolsfeld, Genelli, Kreling halte ich das Glück näher kennen zu lernen, ebenso den jetzt berühmten Karl von Piloty. Diese feine, durch und durch noble Künstlernatur ließ schon damals ihre einstige Größe ahnen. Was Piloty zeichnete, war so correct wie einfach und vom edelsten Geiste durchweht, und es gab keinen seiner Studiengenossen, der sich nicht gern vor ihm neigte. Als ein Cavalier von Geburt und Gesinnung erschien mir und Jedem, der ihn kannte, der talentreiche Graf Pocci; eine ernste, in sich abgeschlossen Natur begegnete mir in Franz von Kobell, eine liebenswerthe, wahrhaft bescheidene in Dr. Hermann Schmid, den ich den Lesern der „Gartenlaube“ nicht erst näher zu bezeichnen brauche. Die unglückselige Lola-Affaire sollte ich von A bis Z, theilweise aus nächster Nähe, kennen lernen.

In Kreuz- und Querzügen, nachdem ich München Lebewohl gesagt, durchreiste ich nun Deutschland nach allen Richtungen, einen Theil Oesterreichs, Ungarns, der Donaufürstenthümer, Belgiens, Hollands und Frankreichs, Bleistift und Skizzenbuch als unzertrennliche Begleiter mit mir führend. Und diese sind mir fortan die liebsten Gefährten auf allen meinen Reisen geblieben; sie stören nicht durch unnütze Bedürfnisse, belästigen nicht durch überflüssige Gespräche, bereiten aber dafür den reinsten Genuß dem, der sie zu brauchen versteht. Der Mensch sollte mit Bleistift und Skizzenbuch auf die Welt kommen – er würde sich nie langweilen.

Im Jahre 1852 kam ich auch nach Leipzig zu längerem Aufenthalt. Hier trat ich in nähere Verbindung zur „Gartenlaube“ und „Illustrirten Zeitung“, bis mich der Verleger des „Kladderadatsch“, wenn auch nicht für diesen selbst, sondern für eine Montagszeitung, unter festen Contractverhältnissen nach Berlin berief. Dieser Stadt, mit Recht der Wohnsitz der Intelligenz genannt, muß jeder sich dort länger aufhaltende Gast, sich verpflichtet fühlen – das fühlte auch ich. Der Mensch, um sich nur halbwegs hier zu behaupten, muß all seine Kräfte anspannen, immer schlagfertig fein, sich niemals schlaff und überwältigt zeigen, wenn

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Die Gartenlaube (1875) b 304.jpg

Herbert König.
Nach der photographischen Aufnahme für die Gartenlaube von W. Berndt in Dresden.
Auf Holz gezeichnet von Adolf Neumann.

er auch zusammenbrechen möchte. Berlin ist ohne Zweifel die hohe Schule für jeden Deutschen; hat er hier bestanden, so ist er gestählt für das übrige Deutschland und gefeit gegen alle Rippen. und Bruststöße, die ihm das Schicksal noch sonst versetzen mag. Aber das Leben in Berlin reibt auf, und so schnürte ich nach fünfjährigem Aufenthalt eines Tages mein Bündel und ging nach Dresden, meiner Geburts- und Heimathsstadt.

Das Kriegsjahr 1866 gab mir Gelegenheit, Studien in den Lazarethen zu machen, namentlich unter den so verschiedenartigen Nationalitäten Oesterreichs fand ich die interessantesten Köpfe und hatte bald eine leidliche Sammlung in der Mappe, die ich auf Anrathen eines Freundes mit einer Anzahl früherer Skizzen zu einem Wohlthätigkeitszwecke öffentlich ausstellte. Dies gab Veranlassung zu meinen späteren wiederholten Ausstellungen von „Aquarellskizzen“ sowohl in Dresden wie in Wien und Stuttgart. Nach Wien lud mich der Vorstand der dortigen Kunstgenossenschaft ein, und seitens der österreichischen Regierung wurde mir die Auszeichnung, auf Staatskosten der demnächstigen Eröffnung des Suezcanals beiwohnen zu sollen. Abhaltungen privater Natur hinderten mich jedoch später, von dieser Ehre Gebrauch zu machen. Da es mir nicht indiscret, sondern nur als ein Act der Dankbarkeit erscheint, so nenne ich hier die Frau Fürstin Pauline Metternich, die sich auf’s Lebhafteste, Eingehendste und Verständnißvollste für meine Skizzen interessirte und in dieser Protection so weit ging, dieselben später nach Paris an den kaiserlichen Hof mit sich zu nehmen. Auch zeichnete ich die Fürstin, und ich befand mich in denselben Räumen des Metternich’schen Palais am Rennwege in denen ich vor zwanzig Jahren dem alten Staatskanzler vorgestellt wurde.

Der deutsch-französische Krieg gab mir Gelegenheit, meine Lazarethstudien von 1866 fortzusetzen, so daß einige sechszig Blätter dieses Genres entstanden. Mein verehrter Freund Karl Hallberger veranlaßte mich nach meiner dritten Ausstellung in Dresden, meine Sammlung in Stuttgart auszustellen, wo ich, wie nicht minder in Dresden und Wien, beim Publicum und bei der Presse das wohlwollendste Interesse fand. Königin Olga von Württemberg, in deren Besitze bereits meine Lazarethskizzen von 1866 nebst vielen anderen Blättern waren, hatte eine ähnliche Serie aus dem deutsch-französischen Kriege gewünscht. Ich kam dem Wunsche selbstverständlich nach, und so entstand jene Sammlung kriegerischer Charakterköpfe und Scenen, die, wie ich höre, sich jetzt im Besitze des Kaisers von Rußland befinden. [305] Diese und andere Skizzen, welche nach Tausenden zählen, die mannigfachsten Seiten des Lebens berühren und in fast aller Herren Länder verstreut sind, sind mit wenigen Ausnahmen Naturstudien und das Ergebniß eines consequenten Fleißes, wie ich mit einiger Genugthuung verzeichnen darf.

Die Hauptaufgabe, die ich mir gestellt, ist jedoch, unsere Zeit in ihren frappantesten Situationen und Figuren zu schildern, eine Aufgabe, die mir wichtig genug erscheint, um die ganze Arbeitskraft, die mir noch beschieden ist, daran zu setzen. Mit meiner vierten Ausstellung, die ich im Mai dieses Jahres in Dresden zu eröffnen gedenke, wage ich mich noch einmal auf’s Eis, wohl wissend, daß, wer wiederholt seine, und seien es auch immer wieder neue, Geistesproducte dem Publicum vorführt, das öffentliche Urtheil herausfordert und sich nicht wenig exponirt.

Ich entbehre als Autodidakt jeder akademischen Schule, und zwar einfach deshalb, weil dies zur Zeit meine Verhältnisse veranlaßten. Ich habe mühsam nachgeholt, was nachzuholen möglich war, und thue dies noch jetzt in meinem fünfundfünfzigsten Jahre.

Ich bin im strenge Sinne des Wortes weder ein besonderer Zeichner noch ein besonderer Maler, sondern vielleicht eher, wie mir Karl von Holtei in ein Buch schrieb, das er mir schenkte: „Ein Poet mit Griffel und mit Feder“. Ich arbeite das Geringste mit einem guten Theil Herzblutes, gestützt auf eine reiche Vergangenheit, auf Erfahrungen, welche ich in der großen Schule des Lebens gesammelt habe. Und da es auch solche Käuze geben muß, so nehme man sie hin, wie sie sind, ohne die Lupe vor’m Auge, ohne das Secirmesser in der Hand. Für Leute von Gemüth sei noch erwähnt, daß ich seit Jahren auf dem Lande in der reizenden Niederlößnitz bei Dresden wohne, und zwar, was mich in den Augen rangirter Leute hochstellen wird, als Haus- und Grundbesitzer. Hier habe ich mir auch ein Atelier gebaut. Und so oft ich durch das große Fenster auf die idyllische Landschaft hinausblicke, denke ich mit Wehmuth meiner geplagten Freunde in den Städten, die im Winter Steinkohlenrauch schlucken und im Sommer Staub fressen, „wie meine Muhme die Schlange“.

H. K.