Ein Beamtenleben

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Autor: Jodocus Donatus Hubertus Temme
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Titel: Ein Beamtenleben
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 49, S. 769-772
Herausgeber: Ferdinand Stolle
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1861
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
Erzählung in 4 Teilen // Heft 49–52
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[769]

Ein Beamtenleben.

Von Dr. J. D. H. Temme.


1.

Der Kreisgerichtsdirector Heilsberg feierte seinen Geburtstag. Seine Familie war in dem Besuchzimmer des Hauses versammelt, um ihm ihre Glückwünsche darzubringen, seine Gattin und seine fünf Kinder. Der schönste Schmuck der schönsten Frau bleiben immer ihre Kinder. In einem Kranze von schönen Blumen stirbt eine manchmal früh ab; die anderen bleiben darum nicht minder schön, und wer den Kranz besitzt, liebt ihn dennoch, und mit und in ihm auch die früh dahin welkende Blume. Wie möchte er sie entfernen, fortwerfen können, sie, um die sich zu der Liebe die Sorge, die Trauer in ihm gesellt?

Die Directorin war noch eine schöne Frau, in der zweiten Hälfte der dreißiger Jahre. Man sah ihr zugleich das weiche Herz an und manche Sorge und manchen Gram, unter denen dieses Herz oft genug gebangt und geweint haben mochte. Ein stiller Kummer umflorte noch die großen, schönen, sinnenden Augen, umzog die feinen Lippen. Selbst die Feier des Tages und ihre fröhliche Umgebung hatten ihn nicht aus dem Herzen und nicht aus dem Gesichte verbannen können. Und sie war in einer so sehr fröhlichen und lieben Umgebung. Ihre fünf Kinder umstanden sie; vier davon waren Engel der Schönheit, der Freude, des Glückes.

Das älteste war ein Mädchen von sechzehn bis siebenzehn Jahren; sie stand auf der ersten Stufe in dem Leben der Jungfrau; ein eigenthümlicher Reiz, der über ihre feine Schönheit ausgebreitet war, schien zugleich ein stilles, heimliches Glück des jungen Herzens der Jungfrau zu verrathen.

Ein Knabe von vierzehn Jahren folgte ihr; man sah den Geist und den Muth in dem frischen Gesichte.

Ein Knabe von sieben Jahren kam, ein Mädchen von fünf; die liebsten und blühendsten Gesichter, die man sehen konnte; der Knabe die Bravheit, das Mädchen die Schelmerei selbst.

Wie waren sie Alle so schön, so glücklich! Wie sah man ihnen Allen die Liebe unter einander an, und die Liebe zu der Mutter. Und das Mutterherz liebte sie Alle doch noch mehr. Aber mit noch größerer, mit noch heißerer Liebe umfing dieses Mutterherz das Fünfte ihrer Kinder, und die Liebe zu diesem Kinde war zugleich eine schmerzliche, das Herz durchbohrende.

Ein Mädchen von zwölf Jahren stand in dem Kranze der schönen, so frisch und lebevoll blühenden Blumen, ohne Lebenskraft dahin welkend, schon halb verwelkt. Ein bleicher, unförmlicher Kopf hing ihr schwer auf eine Seite, große, wasserhelle Augen traten starr und todt hervor und zeigten, daß gleich dem Leben des Körpers auch das des Geistes stets unentwickelt geblieben war und, gleichfalls mit dem Körper, aus seiner unentwickelten Stufe einer baldigen ewigen Nacht entgegensiechte.

Ein Alter von vierzehn Jahren kann das arme Wesen erreichen, [770] hatten die Aerzte schon bald nach ihrer Geburt erklärt. Zwölf Jahre war sie jetzt alt. Noch anderthalb bis zwei Jahre Lebensfrist gaben ihr auch jetzt die Aerzte. Die Liebe der Eltern zu dem unglücklichen Kinde war mit jedem Jahre, das sie der Trennung von ihr näher brachte, eine schmerzlichere, eine innigere, eine heißere geworden. Auch die Geschwister hatten die Arme immer mehr lieben gelernt; wie sie an Geist und Körper ein Kind von sieben Jahren geblieben war, so hatte sie auch das gutmüthige Herz dieses Alters bewahrt.

Mutter und Kinder warteten auf den Vater. Es war in wenigen Minuten halb acht Uhr Morgens. Um halb acht kam der Vater aus seinem Arbeitszimmer herunter, um mit den Seinigen den Kaffee zu trinken. Bis dahin hatte er schon seit zwei Stunden gearbeitet. So war es täglich, und auch heute am Geburtstage wurde keine Ausnahme gemacht.

Er war ein eben so fleißiger, wie ordentlicher Mann, der Director Heilsberg. Das war auch weiter bekannt, über die Grenzen seines Gerichtsbezirks hinaus. Er war dazu ein ausgezeichneter Jurist, ein gewandter Arbeiter und vor Allem ein Mann der unerschütterlichen Gerechtigkeit und der fleckenlosen Ehre. Auch das war weiter bekannt, in der Residenz, an den höchsten Stellen, und damals wußte man an diesen höchsten Stellen noch in dem Beamten den Charakter, das unerschütterliche Festhalten an Recht und Ehre, zu schätzen und hochzuachten. Der Minister hatte den Kreisgerichtsdirector Heilsberg, obwohl er ein Bürgerlicher war, schon längst zum Präsidenten eines Obergerichts bestimmt. Die nächste Vacanz sollte ihn seiner Bestimmung entgegenführen. Der Director Heilsberg wußte es; es machte ihn glücklich. Ein Beamter, der sich seiner Rechtschaffenheit, seiner Unabhängigkeit und seiner Ehre bewußt ist, darf schon auch Ehrgeiz haben. Bei ihm kam zugleich Anderes hinzu.

Mutter und Kinder umstanden einen runden Tisch, der sich in der Mitte des Zimmers befand. Auf ihm lagen ihre Geschenke, die sie mit ihren Glückwünschen dem Erwarteten darbringen wollten. Es waren keine reichen Geschenke.

Der Director Heilsberg hatte früh als junger Assessor geheirathet. Er war arm gewesen, seine Frau ebenfalls. Sie hatten sich nur ihre an Liebe und Treue so reichen Herzen zugebracht; freilich auch den frischen Muth der Liebe, für einander zu arbeiten und, wenn es sein müsse, selbst mit einander zu entbehren. Und Beides hatten sie redlich gemußt, bei dem geringen Gehalte und bei dem Mangel an allem Vermögen. Der Assessor Heilsberg war allerdings nach einigen Jahren Rath, und der Rath war dann Director geworden. Aber er hatte sich dabei und dazu mancher Versetzung in andere Orte, selbst in entfernte Provinzen des Landes fügen müssen, und – zweimal versetzt ist einmal abgebrannt, sagt ein alles Sprüchwort in der Beamtenwelt. Dazu waren die Kinder gekommen und herangewachsen, und dem Stande angemessen leben mußte die Familie auch, wenn sie auch sparsam und einfach genug lebte und wenn auch die Directorin überall in der Hauswirthschaft fleißig mit zugriff und ihre älteste Tochter schon seit manchem Jahre ihr treulich darin zur Seite stand. So hatte sie nicht nur nichts zurücklegen, kein Vermögen sich erwerben können; es waren auch noch sogar einige ältere Schulden da, und neue Geldverlegenheiten traten dann und wann ebenfalls hervor.

Die Directorin konnte wohl auch an dem Fest- und Freudentage der Familie die sorgen- und kummervolle Miene haben. Mußte ihr Blick dabei doch auch auf das arme, an Geist und Körper so arme Kind fallen. Und vielleicht drückte noch etwas Anderes ihr das Herz zusammen.

Allein wie wenig reich die Geburtstagsgeschenke waren, die Blicke der Kinder hingen mit heller Freude daran; selbst das Auge der armen Kranken hatte einen leisen, matten Glanz. Und den Blicken der Kinder begegnete und folgte das Auge der Mutter, und es mußte unter all’ seinem Flor von Gram und Sorgen und vielleicht noch mehr doch eine stille Thräne des Glücks und des Dankes aufnehmen, des Dankes zu Gott, der ihr und den Kindern noch so viel Freude und Glück schenkte.

Die Stutzuhr in dem Zimmer schlug halb; es war halb acht Uhr. Die Kinder standen bewegungslos, stumm. Sie horchten dem Nahen des Vaters, der jetzt kommen mußte. Man hörte draußen einen Schritt.

„Der Vater!“ sagte die Mutter leise, ermahnend.

Die Kinder traten näher an den Tisch heran. Sie langten zu den Sachen, die sich auf ihm befanden. Jedes nahm das Geschenk, das es dem Vater zu überreichen hatte.

Emilie, die älteste Tochter, hatte einfach ein paar Pantoffeln gestickt; sie hatte nicht Zeit zu einer größeren Arbeit gehabt, bei der Hülfe, die sie der Mutter in der Wirthschaft leisten mußte.

Der ältere Sohn, er war Gymnasiast, hatte eine Reiseschreibmappe gekauft. Er legte ein zusammengefaltetes Papier hinzu.

„Was ist es, Oskar?“ fragte ihn die Mutter.

„Mein Schulzeugniß. Ich bin der Erste in meiner Classe geworden.“

Der Mutter fielen die hellen Freudenrhränen aus den Augen.

Der zweite Knabe, Bruno, hielt eine sammetne Morgenmütze mit großer Troddel daran für den Vater in der Hand.

Die Jüngste, Hanna, hob einen großen Papierkorb empor, den eine kunstvoll gestickte Guirlande umgab. Es war zugleich der Mutter Geschenk, von der die Stickerei herrührte.

„Aber ich habe auch daran gearbeitet,“ sagte die Kleine mit lebhafter Phantasie.

„Du hast der Mutter die Seide gehalten und die Perlen zugereicht,“ berichtigte sie der ehrliche Bruno.

„Ich habe aber auch einige Stiche gemacht.“

„Die Mutter führte Dir die Nadel.“

„Und so hast Du Deinen redlichen Theil an der hübschen Arbeit, meine gute Hanna,“ sagte die Mutter.

„Und ich darf es dreist dem Vater sagen.“

„Das sollst Du.“

Das schönste und glänzendste Geschenk für den Vater hatten sie der Kranken aufgehoben. Es war ein in glänzenden, bunten Perlen gestickter Klingelzug. Die Mutter und die älteste Schwester Emilie hatte ihn gemeinschaftlich gearbeitet, in mancher späten Abendstunde, die sie nach vollbrachter Arbeit des Tages dem Schlafe entzogen hatten. Die Kranke hielt das schöne Geschenk stolz in beiden Händen. Die augenblickliche Aufregung hatte ihre Nerven gestärkt, sie konnte auch den schweren, kranken Kopf aufrecht halten.

„Ich habe das auch gemacht, Mama,“ sagte sie, aber nicht in lebhafter Phantasie, wie die wilde Hanna; der kranke Geist gab fast mechanisch die Worte wieder, die sie aus dem Munte der jüngeren Schwester aufgefangen hatte.

„Ja, meine liebe Clementine,“ erwiderte ihr die Mutter, und keins von den Kindern hatte nur eine Sylbe oder eine Miene des Widerspruchs.

Der Vater war eingetreten. Zwar erst nur in das gewöhnliche Familienzimmer nebenan, in dem das Frühstück eingenommen wurde. Aber die Thür stand offen, und er sah in das Besuchzimmer und hier alle die Seinen in der fröhlichen und feierlichen Erwartung. Er trat zu ihnen. Sie kamen ihm entgegen.

Er war ebenfalls noch ein schöner Mann, in der ersten Hälfte der vierziger Jahre, der Director Heilsberg. Zeichneten sich aber die Gesichtszüge seiner Gattin durch Sanftmuth und Weichheit und durch jenen still getragenen Gram aus, sein Gesicht zeigte ganz den geistvollen, denkenden und charakterfesten Mann, freilich auch den ehrgeizigen, und selbst stolzen Mann, der wußte, was er galt und was noch mehr aus ihm werden müsse. Daß er aber in Nachdenken und Arbeiten, in Stolz und Ehrgeiz ein tiefes und inniges Gefühl bewahrt hatte, daß die treueste und herzlichste Liebe zu den Seinen in seinem Herzen stets frisch und stark geblieben war, das verriethen die lebhafte Freude und Rührung, die ihn bei dem Anblicke der auf ihn harrenden Gattin und Kinder ergriffen.

Die kleine Hanna mußte die Reihe der Beglückwünschungen eröffnen. Sie überreichte ihren großen Papierkorb allein. Sie konnte ihn hoch heben und dabei ihr Geburtstagsgedicht hersagen, das die Mutter sie gelehrt hatte. Die helle, klare Kindesstimme zitterte anfangs, aber wie frisch und fröhlich wurde sie dann, als sie glücklich und ohne ein einziges Mal zu stocken fertig geworden war; wie jubelnd flog sie empor, ihrem vollen Glücke sich hingebend, den Korb und Feierlichkeit und Steifheit von sich werfend, in die Arme des Vaters fliegend, ihre vollen Aermchen um seinen Hals schlingend!

Aber auch die Anderen mußten an die Reihe kommen. Der kleine Bruno durfte ihm die Morgenmütze sogleich aufsetzen; er that es sehr ehrbar. Etwas Philister war der brave Bursche schon jetzt.

Dem Gymnasiasten Oskar drückte er für das Zeugniß warm die Vaterhand.

[771] Clementine, die Kranke, küßte er mit seinem mildesten Lächeln.

Die Kräfte der Armen hatten gerade so lange ausgehalten; die Mutter mußte sie auf ein Sopha legen, das in der Nähe stand. Der Vater hatte unterdeß dankend auch die liebliche, freundliche Emilie auf die blühenden Lippen geküßt. Seine Gattin kehrte von dem Sopha zurück. Eine helle Thräne stand noch in ihrem Auge. So warf sie sich an die Brust des Gatten. Auch ihm war auf einmal das Herz zusammengepreßt. Aber er war der Stärkere.

„Zeigen wir heute den Kindern nur Glück, Mathilde,“ sagte er ihr in das Ohr, während er liebend sie mit seinen Armen umfing.

Sie zuckte zusammen. „Adalbert!“ rief sie. Sie wollte ihm mehr sagen; es war, als wenn sie es müsse. Sie konnte es nicht. Es war etwas Anderes, als das unglückliche Kind, was sie drückte. Auch dem Director fiel es auf. Er sah sie verwundert, fragend an. Aber sie hatte sich gefaßt. „Du hast Recht,“ flüsterte sie ihm zu. „Stören wir die Freude der Kinder nicht.“

„Du hattest etwas, Mathilde?“ fragte er doch.

„Nein, nein!“

Er fragte nicht weiter. Und auch die Frau wußte zu verbergen, daß sie etwas auf dem Herzen habe. Sie setzten sich an den Frühstückstisch. Die Ordnung des Hauses und ihres Lebens forderte es auch heute. Um acht Uhr mußte der Vater auf sein Gericht, der Gymnasiast in seine Schule. Sie saßen Alle glücklich beisammen. Auch die Mutter vermochte es über sich, nur Freude und Glück zu zeigen. Ihrer Aller Glück und Freude sollte erhöht werden.

Jeden Morgen vor acht holte ein Gerichtsdiener die für das Gericht und dessen Beamte bestimmten Briefe von der Post ab. Die für das Gericht bestimmten brachte er zum Gerichtslocale, die persönlich an den Director gerichteten brachte er diesem in die Wohnung. Er kam auch heute, während sie noch Alle an dem Frühstückstische saßen. Er hatte nur zwei Briefe und übergab sie dem Director und entfernte sich wieder. Er hatte vorher einen heimlichen Seitenblick auf die älteste Tochter geworfen. Nur sie hatte ihn bemerkt und war ihm darauf aus dem Zimmer gefolgt, von den Anderen unbeachtet, denn sie hatten Alle die Blicke auf den Vater gerichtet, dessen Gesicht bei dem Anblicke der Briefe hochgeröthet war. Hätten sie das schöne, freundliche Kind beachtet, sie hätten doch wohl die Blicke von dem Vater ab und nur zu ihr hingelenkt. Einen Augenblick hatte sie sich verbergen können, dann war auch ihr Gesicht von einer hellen Gluth übergossen; dann auf einmal war es schneeweiß geworden. So verließ sie das Zimmer.

Der Director hatte schnell die Aufschrift der beiden Briefe angesehen.

„Aus dem Justizministerium,“ sagte er, indem er den ersten besah. Er erbrach ihn nicht sogleich. „Von meinem Freunde – in –“ besah er erst noch den zweiten. Er nannte den Namen seines Freundes, eines Rathes an dem ihm vorgesetzten Obergericht.

Er erbrach dann den Brief aus dem Justizministerium. Er las ihn. Sie hingen Alle mit forschenden Blicken an seinen leuchtenden Augen, während er las. Es mußte etwas Besonderes in dem Briefe stehen. Sie ahnten was es war; eine große Freude für den Vater, für sie Alle. Sie warteten schweigend, bis der Vater sie ihnen verkünden werde.

„Eine Geburtstagsfreude?“ mußte die Mutter ihn doch fragen.

„Lies, Mathilde.“ Er hielt ihr bewegt den Brief hin.

„Präsident!“ rief sie.

„Ja, der Minister benachrichtigt mich von der Ernennung. Das Patent sei vom Monarchen vollzogen und werde in einigen Tagen nachfolgen.“

Er war zum Präsidenten ernannt, vom Director eines Untergerichts zum Präsidenten eines großen Obergerichts. Das Ziel seines Ehrgeizes war erreicht. Als Assessor hatte er wohl kaum gewagt, davon zu träumen. Auch als Rath noch nicht. Die Präsidenten der Obergerichte waren nächst dem Justizminister die höchsten Justizbeamten des Staats, und es waren nicht viele dieser Stellen im Lande. Die wenigen hatte bisher der Adel weggenommen, und es hatte jedesmal der Connexionen und Intriguen genug bedurft. Als seine ausgezeichneten beamtlichen Eigenschaften ihn zum Director des Kreisgerichts befördert hatten, begann der ehrgeizige Mann den Traum zum Ziele seines Ehrgeizes zu erheben. Für seine sanfte, bescheidene Gattin war es dennoch immer ein Traum geblieben. Auf einmal war jetzt das Ziel erreicht, der Traum zur Wahrheit geworden.

Der Director – noch war ihm sein neues Patent nicht ausgehändigt, und erst dann durfte er Präsident genannt werden – er wußte, eben als ehrgeiziger Mann, seine Freude zu mäßigen. Die weiche Frau war plötzlich heftig zusammengezuckt. Leichenblässe hatte ihr Gesicht überzogen. Sie zitterte.

„Was ist Dir, Mathilde?“ rief der Gatte.

„Die plötzliche Freude, Adalbert.“

Aber sie mußte einen tiefen, schweren Athemzug heraufholen, um die paar Worte zu sprechen. Es war ein schneidender Widerspruch mit diesen. Der Director hatte ihn nicht gewahrt, in seiner Freude und in seiner Liebe zu der Gattin nicht. Er schloß sie in seine Arme.

„Du hast so Vieles entbehren müssen, meine Mathilde. Dein Leben war bisher ein Leben der Sorge und der Arbeit. Ich hatte es als junger Mensch mir anders gedacht; ich hatte gehofft, Dir Tage des Glücks und des Wohlseins bieten zu können. Jetzt werden sie kommen, mein gutes, braves Weib. Jetzt sollst Du Entschädigung, Ersatz erhalten für Alles!“

Er hatte doch die Frau ansehen müssen. Auch die Blicke der Kinder hatten seine Augen auf sie hingelenkt. Sie hatten sich anfangs mit ihm gefreut. Jetzt saßen sie stumm da, fast ängstlich nach der Mutter sehend. Da sah auch er, wie blaß sie noch immer war, wie sie vergebens nach Fassung rang. Er erschrak.

„Um des Himmels willen, Malhilde, was ist Dir?“

Sie konnte ihn nur weinend mit ihren Armen umschlingen.

„Malhilde, ich beschwöre Dich.“

Sie kämpfte noch mit sich. Sie hatte ihm etwas zu sagen, wieder wie vorhin. Sie konnte sich wiederum nicht dazu entschließen.

„Es wird vorübergehen, Adalbert. Ich fühlte mich plötzlich so ergriffen. Es ist mir schon seit einiger Zeit so.“

„Auch das soll jetzt anders werden,“ sagte der Gatte. „Du wirst Dich besser pflegen.“

Er öffnete den zweiten Brief von seinem Freunde, dem Rathe an dem ihm vorgesetzten Obergerichte. Auf einmal erblaßte er. Dann war es, als wenn er seinen Augen nicht traue. Er las den Brief noch einmal; er hatte richtig gelesen. Aber etwas Seltsames, etwas Erschreckentes mußte es sein. Er faltete den Brief zusammen und stand rasch auf. Er war in großer Unruhe und wollte das Zimmer verlassen. Er hatte kein Wort mehr gesprochen. Seine Gattin hatte jede seiner Bewegungen verfolgt, trotz ihrer eigenen Unruhe und Angst. Sie wurde bleicher und mußte aufspringen.

„Adalbert, was ist es? Was hat man Dir geschrieben?“

„Nichts. Es muß ein Irrthum sein,“ sagte er beruhigend.

Aber ihre Angst wurde größer. „Theile es mir mit, ich bitte Dich,“ beschwor sie ihn jetzt.

„Es kann nur ein Mißverständniß sein. Ich versichere Dich, Malhilde.“

„Nein, nein. Du mußt es mir sagen; Du mußt mich anhören – “

Jetzt wollte sie ihm sagen, was sie vorhin nicht hatte über die Lippen bringen können. Aber er war schon fort. Er hatte ihre letzten Worte nicht mehr gehört. Sie wollte in Verzweiflung ihm nacheilen. Da kehrte ihre Tochter Emilie in das Zimmer zurück, und das Kind war geisterbleich und warf mit verstörtem Blick sich in ihre Arme, an das Mutterherz.

„Mutter, ich sterbe!“

Die Stutzuhr in dem Zimmer nebenan schlug acht Uhr. Der Director war schon auf dem Wege zu seinem Gerichte. Der Gymnasiast mußte in seine Schule. Er ging gesenkten Hauptes. In dem Zimmer nebenan rief die Kranke weinerlich herüber: „Mutter, bringe mir Kaffee!“ Sie lag noch dort auf dem Sopha. Mutter und Tochter hatten den Ruf nicht vernommen; aber die beiden kleinen Kinder hatten ihn gehört.

„Bringen wir der armen Schwester Kaffee,“ sagte leise der Knabe zu seiner jüngsten Schwester.

Er selbst schenkte dann eine Tasse Kaffee ein; die kleine Hanna fügte mit ihren zierlichen Händchen Zucker und Milch hinzu. Beide brachten die Tasse der Schwester. Sie gingen auf den Zehen, um die Mutter und die ältere Schwester nicht zu stören. Die Mutter und Emilie hielten sich noch weinend in den Armen.

[772]
2.

Der Geburtstag des Directors hatte der Familie kaum eine halbe Stunde der Freude geboten. Er war seitdem ein Tag des Schmerzes, der Sorge, der Angst geblieben. Es war in der zweiten Stunde Nachmittags. Die Directorin war mit Emilie allein im Zimmer. Die beiden kleineren Kinder befanden sich in der Kinderstube, und dort war auch die Kranke. Die kleineren Geschwister liebten sie. Sie erzählten ihr und tanzten und sprangen um sie her. Die arme Kranke war zufrieden, wenn sie nur etwas zu sehen und zu hören hatte. Der Gymnasiast Oskar hatte nach dem Mittagessen wieder zur Schule gehen müssen. Er hatte kaum seine Suppe anrühren mögen, da hatte er sich schon wieder still entfernt. Seine Mutter und Emilie hatten mit verweinten Augen, stumm da gesessen; sie hatten gar nichts anrühren können. Emilie hatte nach einigen Augenblicken aufspringen müssen; ein furchtbarer Schmerz hatte ihr einen lauten Schrei ausgepreßt. Sie war in ein Nebenzimmer gestürzt. Die Mutter war ihr nachgegangen.

„Eßt Ihr nur,“ hatte sie zu den anderen Kindern gesagt.

„Oskar, sorge für sie.“

„Was ist es denn, Mutter?“ hatte der erschrockene Gymnasiast gefragt. „Dir und Emilien?“

„Ich kann es Dir jetzt nicht sagen, Oskar. Später vielleicht.“

Sie war bei der jammernden Tochter in dem anderen Zimmer. Sie verschloß die Thür hinter sich.

Der Director war gar nicht zu Tisch erschienen. Er war seit der Morgenstunde, da er so verstört und eilig zum Gerichte ging, nicht zurückgekehrt. Gegen Mittag hatte er durch einen Gerichtsdiener sagen lassen, man solle mit dem Essen nicht auf ihn warten, er habe dringende Geschäfte, die ihn vielleicht bis zum Abend am Gerichte zurückhalten würden.

Die Directorin hatte den Diener gefragt, von welcher Art die dringenden Geschäfte seien. Der Mann hatte es nicht gewußt; er hatte nur sagen können, der Director habe den ganzen Vormittag mit einer Menge von Beamten in den Bureaux gearbeitet. Es sei geheimnißvoll dabei hergegangen, und vor einer halben Stunde sei plötzlich und ganz unerwartet der Präsident des Obergerichts angekommen und habe sich mit dem Director eingeschlossen. Seitdem steckten die Herren Beamten noch geheimnisvoller und leiser die Köpfe zusammen.

Die Directorin war von neuem in große Unruhe gerathen. Sie hatte den Gerichtsdiener warten lassen; sie wollte ihm ein Billetchen an ihren Mann mitgeben. Sie hatte sich an den Schreibtisch gesetzt, schreiben wollen; die Feder war ihr in der bebenden Hand auf und nieder geflogen. Sie konnte keinen Buchstaben auf das Papier bringen. Sie hatte Miene gemacht, den Diener zum Gerichte begleiten zu wollen. Sie hatte ihr bleiches Gesicht, ihre verweinten Augen, ihre zusammengesunkene Gestalt im Spiegel gesehen. Wie konnte sie so sich vor den Leuten sehen lassen? Der Gerichtsdiener war zurückgekehrt. Seitdem hatte sie von ihrem Manne und vom Gerichte nichts wieder gehört.

Mutter und Tochter waren wieder allein. Sie hatten fast den ganzen Morgen zusammengesessen. Die Tochter hatte der Mutter erzählen müssen. Die so oft und so viel geprüfte Frau konnte allein fragen, was sie drückte. Den Schmerz des Kindes mußte sie wissen und theilen, und das Kind mußte sich so das Herz erleichtern.

Was Emilie der Mutter erzählt hatte? Es war eine von jenen einfachen, alltäglichen Geschichten, die jungen, unerfahrenen Mädchen das Herz zu brechen pflegen.

Der Director Heilsberg war als der tüchtigste Gerichtsdirigent in dem ganzen Departement des Obergerichts bekannt. Die jungen Referendarien, die sich zu ihrer künftigen richterlichen Carrière eine Zeitlang bei einem Untergerichte ausbilden mußten, sahen es daher als eine besondere Begünstigung an, wenn sie zu diesem Zwecke dem Gerichte und der Aufsicht des Director Heilsberg überwiesen wurden. Auch der Präsident des Obergerichts hatte ihm seinen Sohn anvertraut, und der junge Mann hatte ein ganzes Jahr unter dem Director gearbeitet. Er hatte die Zeit auch noch zu etwas Anderem zu benutzen gewußt.

Der Referendarius, Freiherr Carl von Senkendorf, war in mancher Beziehung ein ausgezeichneter Mensch. Er hatte einen klaren Verstand, ein gutes, gar weiches Herz, angenehme, seine Manieren, ein sehr einnehmendes Aeußere. Er hatte einen Fehler, sein weiches Herz vergaß die leicht aufgenommenen Eindrücke eben so leicht wieder, und sein Gewissen kümmerte sich eben nicht viel darum. Er hatte als der älteste Sohn des freiherrlichen Präsidenten schon früh in der vornehmen Welt gelebt und zu leben gelernt.

In der kleinen Welt des Städtchens, in dem er unter dem Director Heilsberg arbeitete, war er unter den jüngeren Leuten die bei weitem hervorragendste Erscheinung. Er war also auch die Sehnsucht der jüngeren Damen und für diese der Mütter. Indeß er war auch der Freiherr, der, wie gesagt, schon früh in der vornehmen Welt zu leben gelernt hatte. Als er nach Jahresfrist das Städtchen wieder verließ, um in der Residenz sein großes Examen zu machen, hatte er wohl vielen jungen Damen die Cour gemacht und in manchem Mutterherzen Hoffnungen erweckt. Aber bei dem äußerlichen Courmachen war es geblieben, und seinen Scheidegrüßen folgte keine einzige Hoffnung mehr. So meinte man, so wußte man es nur. Ein einziges Herz wußte mehr.

Emilie Heilsberg war ein Kind, als der junge Baron Senkendorf kam. Er behandelte sie wie ein Kind; sie kam ihm entgegen wie ein Kind, unbefangen, ungezwungen, vertrauensvoll. Sie sahen sich häufig, später fast täglich. Und während sie sich so sahen und sich entgegenkamen und einander behandelten, war Emilie zur Jungfrau geworden. Sie war es geworden, ohne daß sie selbst es wußte. Daß sie auch ein schönes, ein bildschönes Mädchen geworden war, und daß sie das sanfteste und liebenswürdigste Herz von der Welt hatte, wußte sie wohl noch weniger. Der junge Herr von Senkendorf sah das Alles desto mehr, und wie er es sah, fühlte es auch bald sein empfängliches Herz; und das zugleich leichtsinnige Herz war nun zu schwach, manchen Gründen der Vernunft zu widerstehen, Gründen, die ihm klar genug zum Bewußtsein kamen.

Er entdeckte Emilien seine Liebe. In dem Augenblicke wußte das sanfte Kind freilich, daß sie nicht mehr Kind war. Sie fühlte es an jenem unnennbar süßen Weh, das man Liebe nennt. Sie hatte sie auch wohl schon lange im Herzen getragen, ohne daß sie es gewußt hatte. Jetzt wußte sie Alles, und das weichste und liebenswürdigste Kind war zugleich das glücklichste. Doch nein, Alles wußte sie nicht; wie hätte sie sonst so glücklich sein können? Sie kannte nicht den Leichtsinn der Männer.

„Wir müssen unsere Liebe vor Jedermann geheim halten,“ hatte er zu ihr gesagt. „Auch vor Deinen Eltern, selbst dem treuen Mutterherzen mußt Du sie verschweigen. Es ist ein Opfer, das wir nothwendig unserem Glücke bringen müssen. Mein Vater ist ein stolzer und strenger Mann und hat mit mir Pläne für seinen Stolz. Unsere Liebe würde ihnen entgegentreten, jetzt jedenfalls. Er würde mir unzweifelhaft seine Einwilligung versagen; ich solle zuerst an mein Examen denken und an ein Amt, an eine Stellung, in die ich eine Frau hineinführen könne; dann sei es Zeit, an die Frau zu denken. Ich würde ihm nichts darauf erwidern können. Seine Weigerung würde Dich und mich unglücklich machen. So schweigen wir jetzt. Nach einem halben Jahr habe ich, mein Examen gemacht; ein Vierteljahr später werde ich ein Amt haben, und zu derselben Zeit wird Dein Vater Präsident sein, in gleich hoher amtlicher Stellung stehen wie mein Vater. Dieser selbst hat es mir gesagt. Und was will er dann unserer Liebe, unserer Verbindung, unserem Glücke entgegenstellen können?“

Sie glaubte ihm. Er glaubte damals sich selbst. Niemand erfuhr von ihrer Liebe, und sie waren um so glücklicher. Er ging zur Residenz. Er machte ein glänzendes Examen und erhielt wenige Monate später eine Anstellung. Der Justizminister zog ihn als Hülfsarbeiter unmittelbar in sein Ministerium.

Der Director Heilsberg mußte nur noch Präsident werden. Er war es heute geworden. Und die arme Emilie war von dem Gipfel des Glücks in den tiefsten Abgrund des Unglücks gestürzt!

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Autor: Jodocus Donatus Hubertus Temme
Titel: Ein Beamtenleben
aus: Die Gartenlaube 1861, Heft 50, S. 785–789
Teil 2


[785] Emilie hatte mit dem Geliebten in regelmäßigem Briefwechsel gestanden. Der Gerichtsdiener, der die Post für das Gericht zu besorgen hatte, beförderte auch ihre Briefe, und er war ein treuer, verschwiegener alter Mann. Die Briefe athmeten Liebe und Zärtlichkeit, unverändert, den ersten Tag, wie den letzten, und von Seite des jungen Mannes die täglich fester ausgesprochene Hoffnung, daß sein Vater in ihre Verbindung einwilligen werde. Aber vor dem Examen schrieb er, daß er gleich nach dem Examen um diese Einwilligung an seinen Vater schreiben werde, und nach dem Examen fand er es für besser, noch zu warten, bis er eine Anstellung erhalten habe und ganz selbstständig geworden sei. Als er dann aber die Anstellung erhalten hatte, meinte er wieder, eine bloße Hülfsarbeiterschaft gewähre ihm keine feste, selbstständige Stellung, und um ganz sicher zu gehen, wolle er warten, bis Emiliens Vater Präsident geworden sei.

Das arglose Märchen hatte in keinem Worte Arg gefunden. Da kam die Nachricht, daß der Vater Präsident geworden sei. Da winkte unmittelbar darauf der alte Gerichtsdiener sie hinaus. Sie folgte ihm. Er übergab ihr einen soeben mit den übrigen Postsachen eingegangenen Brief des Geliebten. Sie riß das Siegel auf. Der Geliebte, im Justizministerium arbeitend, hatte die Nachricht von der bevorstehenden Beförderung ihres Vaters schon vor acht oder vierzehn Tagen wissen, er hatte seitdem an seinen Vater schreiben, von diesem Aniwort erhalten können. Der Brief konnte, mußte die Antwort bringen. Ihr Gesicht glühete vor Erwartung, vor Freude, ihre Augen durchflogen den Brief. Aber der Brief mußte wohl keine freudige Mittheilung bringen, denn ihr Gesicht wurde leichenblaß und vor ihren Augen wurde es dunkel.

Der Herr von Senkendorf hatte die Nachricht von der Beförderung des Directors Heilsberg zum Präsidenten schon vor vierzehn Tagen gehabt; er hatte an seinen Vater geschrieben; der Brief an Emilien enthielt die Antwort seines Vaters. Sie war kurz, aber entschieden. Sein Haus sei von altem, reinem Adel; man wisse von keiner Mesalliance darin; er hoffe, daß sein Sohn nicht der Erste sein werde, an eine solche zu denken; er selbst werde nie seine Einwilligung dazu ertheilen. Werde auch die beamtliche Stellung des Directors Heilsberg eine höhere, dessen Stand bleibe der bisherige; die Kluft zwischen Adel und Bürgerstand werde dadurch nicht ausgeglichen; der Adel bekomme im Gegentheil durch solche Erscheinungen um so mehr die Verpflichtung, auf seine Ehre und Reinheit zu halten, als es traurig genug sei, in neuerer Zeit Bürgerliche in hohen Aemtern sehen zu müssen, auf die bisher, wenn auch nicht nach dem Buchstaben des Gesetzes, doch nach gutem Gebrauche und Herkommen der Adel allein und ausschließlich Anspruch gehabt habe.

Das hatte der Vater an den Sohn geschrieben. Das theilte der Geliebte der Geliebten mit. Aber war sie noch seine Geliebte? Konnte sie es noch sein, indem er ihr das schreiben konnte?

„Der Wille meines Vaters ist unbeugsam, unabänderlich,“ setzte der Sohn in seinem Briefe an das arme Mädchen hinzu. „Ich kenne ihn; ich kenne aber auch Dich, meine theure Emilie, und ich weiß, daß Dein schönes, edles Herz nie es wird über sich vermögen können, die natürlichen, heiligen Bande zwischen Eltern und Kindern zu zerreißen. So wie ich, wenn Deine Eltern eine Verbindung zwischen uns nicht hätten genehmigen wollen, der eisernen Nothwendigkeit, wenn auch mit brechendem Herzen, mich hätte fügen müssen, so wirst auch Du, meine ewig Geliebte, dem unerbittlichen Schicksale Dich unterwerfen und in Deinem reinen, schönen Herzen für das, was Du verlieren möchtest, einen reichen Ersatz durch das erhebende Bewußtsein finden, eine edle, erhabene Pflicht erfüllt zu haben. So müssen wir uns denn für das Leben trennen. Mein Herz wird immer Dir zugehören.“ –

So schrieb er. War Sinn, war Wahrheit darin? Doch eine große und alte Wahrheit. Auch das arme Mädchen erkannte sie. Freilich zu spät, wie der Verrath eines schwachen Herzens von dem edlen Herzen immer zu spät erkannt wird.

„Er ist Deiner nicht werth,“ wollte die Mutter sie wohl trösten. Aber kann der banale, wenn auch noch so wahre Trost ein zerrissenes Märchenherz heilen? Und dieses Herz war ein so junges und war so reich, so unendlich reich und glücklich in seiner Liebe gewesen und hatte nun auf einmal Alles verloren. Nein, nicht Alles, das war es ja eben. Die Liebe zu dem Unwürdigen saß ja noch darin, so tief, so fest, so unvertilgbar, wie das Unglück selbst. Und war nicht das, was das höchste Glück des armen Mädchens gewesen war, auf einmal ihr größtes, ihr schwerstes Unglück, ihr tiefstes Weh geworden?

Da war aller Trost vergebens. Auch das treueste Mutterherz hatte keinen mehr. Und dieses treue Mutterherz war selbst des Trostes und der Aufrichtung so sehr bedürftig.

Ein Umstand hatte einen Augenblick lang einen Hoffnungsstrahl, wenn auch einen noch so schwachen, in das Herz des Mädchens gießen wollen, die Nachricht des Gerichtsdieners, daß der Präsident des Obergerichts plötzlich in dem Gerichtslocale angekommen sei. Was wollte der Vater ihres Geliebten so plötzlich hier? Und gerade heute? Wenige Tage nachdem er an seinen Sohn geschrieben, aber auch unmittelbar nachdem er die Nachricht [786] erhalten hatte, daß auch ihr Vater Präsident geworden sei? Was wollte er bei ihrem Vater, mit dem er sich im Gerichte eingeschlossen hatte? Das Herz hofft immer. Sollte auch sie hoffen, doch noch hoffen dürfen? Die Mutter mußte ihr auch die letzte Hoffnung nehmen.

„Nein, mein Kind,“ sagte sie, „die Ankunft des Präsidenten hat keinen Bezug auf Deine Angelegenheit. Sie betrifft etwas ganz Anderes.“ Sie hatte in einem so eigenthümlichen Tone gesprochen.

„Du weißt, was es ist, Mutter?“ fragte die Tochter.

„Ich fürchte es, und – “

Die Tochter hatte die Mutter angesehen. Jener Ton hatte sie aufmerksam gemacht. Sie sah, was sie den ganzen Tag nicht gesehen oder was sie für Theilnahme und Angst des Mutterherzens gehalten hatte; sie sah die schwerste, die entsetzlichste eigene Angst der unglücklichen Frau. Diese Angst mußte mit der plötzlichen Ankunft des Präsidenten in Verbindung stehen. Sie konnte nicht daran zweifeln. Sie erschrak heftig. Was war da wieder? War es nicht genug an ihrem Unglücke? Und sollte, mußte gerade heute Alles zusammentreffen, an dem Geburtstage des Vaters, den sie Alle so liebten, an dem Tage, den sie sich als ihren schönsten Freudentag gedacht hatten, der auch einen so freundlichen, fröhlichen, glücklichen Anfang genommen hatte?

„Mutter, es ist noch ein Unglück da,“ rief die Tochter, „theile es mir mit.“

„Ja, mein Kind, es ist noch ein Unglück da, und es ist das größte, das schwerste. Dein armes Herz – o, ich fühle, wie es leidet, wie es Dir bis in das Innerste verwundet, wie es gebrochen ist. Aber nicht Deine Ehre, nicht unsere, nicht Deines edlen Vaters Ehre ist angegriffen –“ Sie konnte nicht weiter sprechen.

„Und was den Präsidenten herführt,“ fragte die bebende Tochter, „greift unsere, greift des Vaters Ehre an?“

„Nein, nein,“ wehrte die Frau ab, „nicht Eure, nicht Eure, nur meine – aber ist denn die Schande der Mutter nicht die Schande des ganzes Hauses?“ Sie sprach in Verzweiflung.

„Erzähle, Mutter,“ flehete die Tochter.

Die Mutter hatte ihr Gesicht mit beiden Händen bedeckt. Sie enthüllte es, um zu erzählen. Sie mußte es wieder bedecken, mit einem lauten, furchtbaren Schrei.

Die Thür des Zimmers hatte sich geöffnet. Der Director Heilsberg war eingetreten, der Gatte, der Vater; langsam, gebeugt, das Gesicht bleich, entstellt. Der kräftige, stolze Mann des Morgens war nicht mehr zu erkennen. Konnte dieser Mann noch einen Ehrgeiz haben? Waren ihm heute, vor wenigen Stunden, die stolzesten Träume des Ehrgeizes zur Wahrheit geworden? Man sah nur einen innerlich gebrochenen, für immer vernichteten Mann. Und dem vernichteten Manne konnte die Gattin nicht ihr Gesicht zeigen. Sie mußte es verdecken, in ihre beiden Hände pressen; ein lauter Angstschrei mußte dem zum Tode gedrückten Herzen Luft schaffen. Der Director wandte sich an seine Tochter. Seine Stimme sollte eine milde gegen das arme Kind sein; sie konnte nur tonlos bleiben.

„Verlasse uns, Emilie,“ sagte er. „Ich komme später zu Dir. Ich kenne Dein Unglück. Ich bringe Dir keinen Trost, aber ich werde es Dir tragen helfen. Gehe jetzt in Dein Zimmer. Ich suche Dich nachher darin auf.“

„Vater, was hast Du selbst?“ fragte das arme Kind wohl noch, wie sie vorhin hatte die Mutter fragen müssen. „Du mußt ja an einem größeren Unglücke tragen, als ich.“

Aber er sah sie so sonderbar an. „Ich bitte Dich, Emilie, gehe jetzt.“ Er sprach es mit einer Stimme, der man das innere Schluchzen des Mannes anhörte.

Das Kind entfernte sich still. Indem er ihr nachsah, mußte er eine Thräne aus den Augen drücken. Was mußte dem starken Manne begegnet sein?


3.

Der Director Heilsberg war am Morgen, wie gewöhnlich, zum Gerichte gekommen. Er hatte sich nur um wenige Minuten verspätet. Es war ja heute sein Geburtstag, und die Beamten des Gerichts wußten das. Sie durften ihm freilich nicht dazu gratuliren; die Stellung der Untergebenen zu dem Vorgesetzten hielt sie zu weit von ihm entfernt, als daß sie Ereignisse in seiner Familie gegen ihn hätten berühren dürfen, wenn er nicht selbst durch eine Mittheilung ihnen entgegenkam.

Aber über etwas Anderes durften sie sich gegen ihn aussprechen. Es war ja, in erster Linie wenigstens, eine amtliche Angelegenheit. Einer von ihnen hatte gleichfalls soeben ein Schreiben aus der Residenz erhalten, von einem Freunde aus dem Ministerium, der ihm mittheilte, daß der Director Präsident geworden sei. Er hatte das wichtige Ereigniß sofort den anderen Beamten des Gerichts weiter mitgetheilt. Alle liebten sie den Director, der ihnen ein humaner, wohlwollender Vorgesetzter war. Es war ihnen ein Bedürfniß, ihm, unter Vorbehalt der späteren officiellen, feierlichen Beglückwünsckung, sofort die Glückwünsche ihres Herzens auszusprechen. Sie hatten sich dazu vereinigt und wollten ihn damit empfangen.

Da trat er ihnen mit dem finstersten, strengsten Gesichte entgegen, das sie jemals an ihm gesehen hatten. Sie konnten kaum wenige Worte vorbringen; er nahm fast keine Notiz davon und befahl sofort dem Rendanten des Gerichtsdepositoriums, ihm in sein Zimmer zu folgen. Er bestürmte ihn hastig mit Fragen.

„Hat der Amtmann Moser in Neudorf kürzlich Geld eingezahlt?“

„Nein, Herr Director.“

„Sollte er Zahlungen leisten?“

„So viel ich weiß, hat er Kaufgelder einer Wiese für seine Stieftochter einzuzahlen.“

„Mit wie viel?“

„Mit hundert Thalern.“

„Gerade hundert Thaler?“

„Es ist die runde Summe; ich erinnere mich genau.“

„Und das Geld ist nicht eingezahlt? Sie wissen es bestimmt?“

„Ich weiß es bestimmt. Es könnte auch nicht wohl eingegangen sein, da es, wie ich ebenfalls genau weiß, erst in sechs Wochen fällig ist.“

„Das Geld soll schon vor vier Wochen eingegangen sein.“

„Es ist nicht möglich.“

„Lesen Sie. Moser hat sich beim Obergerichte beschwert, daß er noch keine Quittung erhalten habe. Mein Freund, der Obergerichtsrath Heine, benachrichtigt mich davon.“

Er übergab dem Rendanten den zweiten Brief, den ihm beim Kaffee der Gerichtsdiener gebracht hatte. Der Rendant las den Brief. Er war ein alter, ehrlicher, etwas ängstlicher Beamter. Er schüttelte den Kopf und wurde unruhig.

„Es steht in dem Briefe,“ sagte er. „Moser will das Geld mit der Post eingesandt haben. Aber es kann hier nicht angekommen sein. Es ist nicht möglich.“

Er bat dennoch um die Erlaubniß, seine Bücher und Register nachsehen zu dürfen.

„Sehen wir zusammen nach,“ sagte der Director, der unruhiger und sorgenvoller geworden war, als der alte Rendant.

Sie begaben sich in das Bureau des Rendanten und sahen dessen sämmtliche Bücher, Register, Controlen nach. Keine Spur von hundert Thalern, die der Amtmann Moser eingezahlt hätte. Keine Spur eines Schreibens, mit dem sie eingesendet wären. Die Unruhe der beiden Beamten vermehrte sich.

„Ich gehe zur Post,“ sagte der Rendant, „um mich dort zu erkundigen. Ist das Geld mit der Post angekommen, so muß es dort in die Bücher eingetragen sein, und man muß die Quittung des Gerichtsbeamten haben, der es in Empfang genommen hat.“

„Gehen Sie,“ bat ihn der Director.

Er selbst begab sich unterdeß zu dem Rendanten der Salariencasse, um nachzusehen, ob das Geld nicht etwa aus Versehen an diese Casse abgegeben sei. Auch hier war kein Pfennig von dem Amtmann Moser eingezahlt, keine Zeile, die darüber sprach.

Der Depositalrendant kam von der Post zurück. Er sah bestürzt aus.

„Herr Director, das Geld ist angekommen.“

„Auf der Post?“

„Auf der Post, am zwölften des vorigen Monats, – gerade hundert Thaler, in Kassenanweisungen, die in einem Briefe gelegen haben.“

„Und wer hat darüber quittirt?“

„Der Herr Director selbst.“

Der Director zog das weiß gewordene Gesicht finsterer zusammen. „Ich selbst?“ preßte er hervor, mehr für sich, als zu dem Rendanten.

„Ich habe die Quittung gesehen,“ sagte der alte Beamte.

[787] „Und es war meine Unterschrift?“

„Unverkennbar.“

Der Director nahm seinen Hut und entfernte sich schnell. Er ging zur Post, denn er mußte sich selbst überzeugen, ob er über den Empfang der vermißten hundert Thaler quittirt habe. Wer ihn sah, erschrak vor ihm. Er sah nicht bestürzt aus, wie vorhin der Rendant; sein Gesicht war kreideweiß, in allen seinen Zügen entstellt. Die Beamten des Gerichts sahen ihm mit stummem Schreck nach. Nur die beiden Rendanten wußten, um was es sich handelte. Sie hatten geschwiegen und schwiegen ferner.

Der Director kehrte von der Post zurück. Sein Gesicht war noch leichenblaß, wie vorher; aber es war nicht mehr entstellt, es hatte seine natürlichen, festen Züge wieder gewonnen. Der Director hatte sich gefaßt; er wußte, oder er ahnte wenigstens, woran er war.

„Ich habe die Quittung unterschrieben,“ sagte er zu dem Depositalrendanten. „Es ist meine gewöhnliche, sichere, klare Handschrift.“

„Aber ich schwöre dem Herrn Director,“ versicherte der ehrliche und ängstliche alte Beamte, „daß das Geld nicht an mich abgeliefert ist.“

„Bedarf es eines Schwures von Ihnen?“ gab ihm der Director die Hand. Die Hand war eiskalt.

„Wer hat,“ fragte er dann, „am zwölften des vorigen Monats die Briefe von der Post geholt?“

Der Rendant ging, nachzusehen. „Der Gerichtsdiener Schneider,“ kehrte er zurück.

„Schicken Sie Schneider zu mir.“ Es war derselbe alte, treue Diener, der täglich die Gerichtsbriefe von der Post abholte, der auch am heutigen Morgen sowohl dem Director, als der armen Emilie die verhängnißvollen Briefe übergeben hatte.

„Erinnern Sie sich, daß Sie am zwölften des vorigen Monats die Postsachen abgeholt haben?“ fragte ihn der Director.

„Gewiß, Herr Director. Ich besorge sie ja täglich, wenn ich nicht krank oder sonst verhindert bin, und seit einem halben Jahre habe ich keinen Tag gefehlt.“

Der Director wußte es ebenfalls.

„Erinnern Sie sich gerade des Tages?“ fragte er weiter.

„Wäre damals etwas Besonderes vorgefallen, Herr Director?“

„Erinnern Sie sich, daß Sie mir einen Geldbrief mit hundert Thalern in Cassenanweisungen gebracht haben?“

„Einen solchen Brief habe ich vor mehreren Wochen gebracht.“

„An welchem Tage?“

„Mein Postbuch muß es nachweisen. Vollkommen. Der Herr Director waren gerade an jenem Tage nicht wohl. Ich trug daher sämmtliche Postsachen in Ihre Wohnung und legte sie dort in Ihr Arbeitszimmer.“

Der Director fragte nicht mehr. Er wußte genug. „Gut. Sie können gehen,“ sagte er.

Der Gerichtsdiener ging. Der Director stand vernichtet.

„Mathilde!“

Es war das einzige Wort, das er hervorbringen konnte. Er ließ den Rendanten der Salariencasse wieder zu sich kommen.

„Morgen wird mein Gehalt fällig. Zahlen Sie daraus sofort die Summe von hundert Thalern zu der Moser’schen Depositalmasse ein.“

In dem Augenblicke nachher wurde ihm der Präsident des Obergerichts gemeldet.

„Schon?“ rief er.

Aber er konnte sich fassen. Er mußte es, mußte es doppelt. Er sollte seinem Vorgesetzten, der noch sein Vorgesetzter und jetzt zugleich sein Inquirent war, gegenüberstehen, und er hatte noch keinen Plan gefaßt. Zweifel über das, was geschehen war, hatte er nicht mehr. Aber was sollte weiter werden? Was sollte er thun? Sollte er sagen, was geschehen war? Sollte er sich entschuldigen und die eigene Gattin anklagen?

Er empfing mit dem blassen Gesichte ruhig den Vorgesetzten.

Ein vornehmer, stolzer Mann war zu ihm eingetreten, ein steifer aristokratischer Bureaukrat, der noch immer der Vorgesetzte des künftigen Collegen war. Konnte bei ihm überhaupt noch von einer künftigen Gleichstellung die Rede sein?

„Herr Director,“ hob der Präsident, Freiherr von Senkendorf, in amtlicher Förmlichkeit an; „ich bedaure die unangenehme Veranlassung, die mich hierher führt, um so mehr, als ich noch dieser Tage mich zu einer Erklärung gezwungen sah, die leider nur verletzend auf Sie und Ihre Familie hat einwirken können. Aber eben darum –“

Der Director mußte ihn doch unterbrechen.

„Die Veranlassung Ihrer heutigen Anwesenheit hier glaube ich zu kennen, Herr Präsident. Für Ihre übrigen Worte fehlt mir aber jedes Verständniß.“

Der Präsident mußte seinerseits verwundert den Director ansehen.

„Sie hätten nichts von einem Verhältnisse zwischen meinem Sohne und Ihrer Fräulein Tochter gewußt?“

„Mein Kind!“ rief ahnend der Director, und sein Gesicht wurde blutleerer.

„Ach,“ sagte der Präsident, „Sie sind, wie ich sehe, in der That nicht unterrichtet. Ich bedaure, Sie auch noch mit der unangenehmen Angelegenheit bekannt machen zu müssen. Mein Sohn – Sie hatten die Güte gehabt, ihn in Ihrem Hause aufzunehmen – liebte Ihre Fräulein Tochter. Er bat mich vor einigen Tagen um meine Einwilligung zu einer Verbindung mit ihr. Ich mußte sie ihm verweigern. Eine Familienverbindung mit Ihnen würde mir ehrenvoll sein, wenn Sie - lassen Sie es mich offen heraussagen – wenn Sie von Adel wären. Nennen Sie es ein Vorurtheil, wählen Sie einen noch schärfern Ausdruck, aber ich bin nun einmal ein Aristokrat, der auf seinen Adel hält. Zudem glaubte ich zu bemerken, daß die Liebe meines Sohnes bereits erkaltet war – er ist leichtsinnig – so war es mir auch in dieser Beziehung eine Gewissenssache, einer unglücklichen Verbindung vorzubeugen. Indem ich so handeln mußte, war es mir aber auch Bedürfniß und Pflicht, für das amtliche Geschäft, das mich hierher führt, Ihnen von vornherein zu erklären, daß jene andere Angelegenheit darauf nicht den geringsten Einfluß ausüben wird. Sie werden mich vielleicht nur wohlwollender für Sie finden, als ich unter anderen Umständen gewesen wäre, und gerade weil ich in meiner Stellung dies mehr sein kann, als ein Rath des Obergerichts, den ich nur mit einem strengen Commissorium hätte hierher senden können, habe ich mich bewogen gefunden, selbst das unangenehme amtliche Geschäft mir Ihnen abzumachen.“

Es lag jedenfalls eine Ehrenhaftigkeit in dem vornehmen, steifen Manne. Als ehrenhafter Charakter war er auch bekannt. Aber mit welcher neuen Angst und Sorge hatte er das Herz des Directors erfüllt!

„Mein Kind! Auch sie!“ rief es laut und schmerzlich in dem unglücklichen Manne. Aber er durfte seine Fassung nicht verlieren.

„Gehen wir zu unserem Geschäft,“ sagte der Präsitent. „Der Amtmann Moser hat sich über das hiesige Gericht beschwert.“

„Ich weiß es, Herr Präsident, und ich habe die Sache bereits untersucht.“

„Und welche Bewandtniß hat es mit ihr?“

„Das Geld fehlt, mit dem Schreiben, mit dem es eingegangen war.“

„Es waren gerade hundert Thaler?“

„Nach der Quittung, die die Post in Händen hat, ja.“

„Wer hat die Quittung ausgestellt?“

„Ich.“

„Sie hatten also auch das Geld in Händen?“

„Es muß wohl so gewesen sein.“

„Und wem haben Sie es übergeben?“

„Ich weiß es nicht. Ich entsinne mich der ganzen Sache nicht mehr. Ich, war damals unwohl. Ich habe erst heute die Quittung gesehen und meine Handschrift erkannt.“

„Sie waren unwohl, also zu Hause?“

„Und haben auch dort die Quittung geschrieben?“

„Ich kann sie nur dort geschrieben haben.“

„Das Geld mit dem Briefe war Ihnen also auch in das Haus gebracht worden?“

„Es muß auch das so gewesen sein. Aber ich kann mich, wie gesagt, auf nichts besinnen.“

„Sie haben auch keine Ahnung, wo Brief und Geld sein mögen?“

Der Director hatte keine Antwort auf die Frage. Er ging mit großen Schritten im Zimmer umher. Der Angstschweiß rann ihm von der Stirn.

Auch der Präsident durchmaß schweigend das Zimmer. Auch [788] in ihm kämpfte etwas, freilich wohl ganz etwas Anderes, als in dem zerrissenen Herzen seines Untergebenen, und doch wohl wieder etwas Aehnliches, wenigstens ein lebendiges Gefühl mit einem starren Princip. Das Gefühl schien zu siegen. Es war immer ein eigenthümliches Gefühl.

„Herr Director,“ sagte er, „Sie waren bisher manchmal in Geldverlegenheit. Es ist bekannt. Ich weiß aber auch, daß Sie nicht, mindestens nicht allein die Schuld tragen. Ihre häufigen Versetzungen haben Sie nothwendig in Schulden stürzen müssen. Ihre zahlreiche Familie, Krankheit, Anderes kam hinzu. Die Geldverlegenheit kann sich zur Noth steigern. In der Noth greift der Mensch manchmal zu Mitteln – das Mosersche Geld war erst in sechs Wochen fällig –“

Der Präsident sprach ruhig. Er war stehen geblieben, und auch der Director hatte seine Schritte gehemmt. Beide standen vor einander. Der Präsident sah den Director fest an. Der Director hatte die Augen zu Boden geschlagen. Auf einmal erhob er sie.

„Nein –“ rief er. Er wollte das Wort wiederholen. Er wollte seine Gestalt erheben, in dem Bewußtsein, in dem Stolze seiner Unschuld, seiner Ehre gegen den entsetzlichen, so ernst ihm gemachten Vorwurf des Diebstahls. Das Wort erstarb ihm auf den Lippen, seine Gestalt sank gebrochen zusammen.

„Unglücklicher, wen wolltest du anklagen?“ rief es in ihm.

Der Präsident warf einen ahnenden Blick auf ihn. Der erfahrene Beamte, der vornehme Weltmann, der noch mehr als der Beamte Gelegenheit gehabt hatte, Menschen und Zustände kennen zu lernen, hatte wohl einen seinen, sicheren Blick gewinnen können.

„Sie haben keine Antwort?“ fragte er.

Der Director hatte keine Antwort. Der Präsident sah ihn strenger an.

„Herr Director, erwägen Sie Ihre Lage. Sie ist eine einfache. Sie bleiben, wie die Sachen einmal stehen, der Unterschlagung der Gelder dringend verdächtig. Die Gründe des Verdachts habe ich Ihnen angedeutet. Sie sind auch ein zu guter Jurist, als daß sie Ihnen entgehen könnten. Niemand, kein Richter, würde der Behauptung eines Versehens, Verlierens oder einem ähnlichen Vorwande glauben können. Allerdings würde kein ausreichender Beweis vorliegen, um Sie zu einer Criminalstrafe zu verurtheilen. Aber daß Sie nie daran denken könnten, Präsident zu werden, daß man Sie nicht einmal auf Ihrem gegenwärtigen Dirigentenposten würde belassen können, das Alles müssen Sie eben sowohl sich selbst sagen, als meine Pflicht von mir fordert, es Ihnen vorzuhalten. Nur wenn Sie einen anderen Schuldigen bringen könnten, wären Sie gerettet, könnte Ihnen für Ihre Carriere eine glänzende Zukunft bleiben. Entscheiden Sie sich jetzt über die Antwort, die Sie mir zu geben haben. – Doch nein, entscheiden Sie sich nicht sofort. Ihre Antwort ist eine Entscheidung über Ihr Leben. Sie bedürfen einer ruhigen Ueberlegung, eines klaren Entschlusses dazu. Kopf und Herz sind Ihnen in diesem Augenblick nicht frei. Sammeln Sie sich, gehen Sie zu Rathe mit sich, oder mit wem Sie sonst müssen. Ich begebe mich in den Gasthof. Ich erwarte Sie dort, in einer Stunde, in zwei Stunden, auch bis morgen früh, wenn Sie wollen. Ich werde die Nacht hier bleiben.“

Damit entfernte sich der Präsident. Er war in der That ein Ehrenmann, dieser Freiherr von Senkendorf, wenn auch mit theilweise sonderbaren Ansichten von Ehre.

Der Director blieb vernichtet. Seine Lage war ihm klar von dem Präsidenten hingestellt. Er mußte einen andern Schuldigen bringen können, oder er war verloren; am Ziele seiner Träume, seiner Wünsche, seines Ehrgeizes, aller seiner Mühen, Arbeiten und Entbehrungen verloren. Er hatte das Ziel schon erreicht, gerade heute; es sollte ihm gerade heute wieder entrissen werden. Nicht das allein; er sollte nicht einmal bleiben, was er war. Er konnte auch das nicht, er wußte es wohl. Ein untergeordneter Posten in irgend einem kleinen, entlegenen Orte, wo er völlig unbekannt war, das war nur noch sein Loos. So war es mit anderen Beamten in ähnlichen Fällen gehalten worden, und sie hatten es noch als eine besondere Begünstigung ansehen müssen. Und er war der stolze, ehrgeizige Mann, der Director Heilsberg! Und er konnte mit einem Worte, mit einem einzigen Namen das Alles von sich abwenden, seine Ehre hoch und aufrecht erhalten, morgen Präsident sein, das Ziel seines Lebens fest ergreifen und für alle Zeit fest halten!

Er verließ das Gericht. Er kehrte nach seiner Wohnung zurück, zu seiner Gattin, zu seinen Kindern, auch zu der unglücklichen Emilie. Es war zwei Uhr Nachmittags, als er ankam. Er hatte sie um acht Uhr Morgens verlassen und war seitdem nicht wieder da gewesen. Es war heute sein Geburtstag.


4.

Er traf Mutter und Tochter allein, in ihren Sorgen, in ihrem Gram. Er entfernte die Tochter und war mit seiner Gattin allein, mit dem Weibe, die er über Alles liebte, die ihn über Alles liebte, die sein Glück, sein Leben war, und die heute sein Glück und sein Leben vernichtet hatte. Das Herz zog sich ihm krampfhaft zusammen bei dem Gedanken, und doch hatte er keinen anderen Gedanken. Und mit ihm mußte er als Richter, als strenger Richter vor sie treten. Konnte er anders? Er war äußerlich gefaßt, ruhig, kalt.

„Setzen wir uns, Mathilde,“ sagte er. „Ich habe mit Dir zu sprechen.“

Sie war bei seinem Eintreten aufgestanden. Sie ließ sich wieder auf dem Stuhle nieder, den sie verlassen hatte, und er nahm den Stuhl, auf dem Emilie gesessen hatte. Sie hatte bebend, selbst leichenblaß, in sein leichenblasses Gesicht geblickt, seine Bewegungen verfolgt. Sie hatten Beide kein Wort gesprochen.

„Mathilde,“ hob er an, und die Brust keuchte ihm, wie viele Gewalt er auch über sich hatte – „Mathilde, es fehlt Geld im Gerichte. Weißt Du davon? Sprich Ja oder Nein; weiter nichts.“

Er sah sie fest an. Sie hatte die Augen niedergeschlagen. Aber sie erhob sie wieder; sie mußte sie zu ihm erheben, wie für das, was sie zu antworten hatte, unwillkürlich Schutz suchend, bei dem Manne, der so lange ihr Schutz und Schirm gewesen war.

„Ja,“ sagte sie dann leise, mit bebender Stimme, mit wogender Brust.

„Und?“ fragte er rasch.

„Ich habe das Geld genommen.“

„Du hast uns unglücklich gemacht.“

Die Worte stieß er noch schnell hervor. Sie zeigten das ganze entsetzliche Gefühl seines Unglücks. Dann sprang er auf. Er wollte das Zimmer verlassen, denn er mußte allein sein, um zu beschließen, was nun weiter zu thun sei. Aber seine Gattin, die Schuldige, aber auch das Weib, die ihn über Alles liebte, hatte in ihrer Schuld mit in ihrem liebenden Herzen schon erkannt, was zu thun sei. Sie hatte sich mit ihm erhoben und eilte ihm nach, sie ergriff seine Hand und hielt ihn zurück.

„Adalbert,“ schrie sie, und sie sah ihn voll und klar an, „mich allein, die Schuldige, treffe das Unglück. Mein Entschluß steht fest. Erzähle mir, was sich heute zugetragen hat, damit ich ihn ausführen kann.“

Er war stehen geblieben. Er sah finster vor sich hin. Das Gefühl seines Unglücks lastete zermalmend, vernichtend auf ihm. Es war ihm zugleich ein Bedürfniß, Alles zu wissen, was sich zugetragen hatte.

„Erzähle Du mir zuerst,“ sagte er.

„Es soll geschehen, komm.“

Sie führte ihn an ihrer Hand zu seinem Sitze zurück und setzte sich ihm gegenüber. In ihrem Unglücke, und sie war gewiß in diesem Augenblicke unglücklicher als er, hatte sie auf einmal eine wunderbare Klarheit des Geistes, und in dieser einen großen festen Entschluß gewonnen. Sie war ein schuldiges, aber liebendes Weib.

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Autor: Jodocus Donatus Hubertus Temme
Titel: Ein Beamtenleben
aus: Die Gartenlaube 1861, Heft 51, S. 815-816
Teil 3


[815] „Höre mir zu, Adalbert,“ sagte die Directorin. „Du hast Recht, Du mußt wissen, was ich gethan habe, nur ich muß es Dir mittheilen. Aber nicht, um mich besser zu machen, als ich bin. Ich will nicht Dein Mitleid erregen. Was weiter geschehen muß, weiß ich. Ich will aber auch in Deinen Augen nicht schlechter sein, als ich bin. So höre. Wir haben noch Schulden, Du weißt es, wie ich. Gott ist mein Zeuge, nur Du weißt es ebenfalls, daß ich redlich gearbeitet, daß ich gespart habe, wo ich konnte, daß ich selbst entbehrt habe, wie Alle, auch Du, um aus der alten Schuldenlast herauszukommen, um nicht in neue hineinzugerathen. Wir konnten es dennoch nicht erreichen. Es war einmal ein Unglück, was Verhältnisse und Widrigkeiten über uns gebracht hatten. Wir hatten freilich in Deiner Beförderung zum Präsidenten die Aussicht, es von uns abzuschütteln. Unter den Schulden sind auch Haushaltungsschulden. Namentlich war die Forderung des Fleischers auf nahe an hundert Thaler angewachsen. Er hatte mich schon mehrmals gemahnt. Ich hatte ihn zu vertrösten gewußt. Er hatte von Neuem geborgt. Vor drei Wocken brachte er mir wieder die Rechnung, er verlangte auf der Stelle sein Geld und erklärte, mir von nun an gar nichts mehr borgen zu wollen, bis er vollständig befriedigt sei. Er wollte nicht länger warten, sich nicht länger zum Narren halten lassen und drohete, den sämmtlichen Fleischern der Stadt und Umgegend mitzutheilen, daß er von uns sein Geld nicht bekommen könne, er wollte sie auffordern, daß sie uns gleichfalls nichts mehr borgten. Noch den nämlichen Tag wollte er seine gerichtliche Klage gegen Dich einlegen: er ist ein roher, heftiger, zäher Mensch. Ich hatte kein Geld, um ihn zu befriedigen, und meine Bitten, noch einmal zu warten, nur noch drei Wochen, bis zu dem Tage der nächsten Gehaltszahlung, waren vergeblich. Er setzte mir eine Stunde Frist, und ich wußte Niemanden, von dem ich das Geld erhalten könne. Du warst gerade unwohl, Du hattest schon eine Zeit lang gekränkelt; ich hatte ein Nervenfieber befürchtet, und der Arzt, dem ich meine Befürchtung mittheilte, hatte mit bedenklichem Gesichte mir anempfohlen, Dich besonders vor jeder Aufregung zu bewahren. So konnte ich auch Dir nichts sagen, und unsere Ehre stand auf dem Spiele, unsere Existenz, Deine Ehre, Deine Zukunft.

„Gerate damals war der Präsidentenposten vacant geworden, der Dir jetzt übertragen ist; führte der Mann seine Drohnng aus, so warst Du öffentlich in einer Weise compromittirt, daß von Deiner Beförderung nicht mehr die Rede sein konnte. Ich verlor den Kopf. Da hatte der Gerichtsbote die Postsachen hierher gebracht. Du lagst unwohl zu Bette, und ich mußte sie Dir dahin bringen. Du öffnetest und durchliefst sie, und hierauf mußte ich sie denn in Dein Arbeitszimmer zurücktragen, von wo sie später der Gerichtsdiener wieder abholen sollte. Es waren mehrere Geldbriefe darunter. Ich hatte Blicke hineingeworfen. Einer enthielt hundert Thaler in Cassenanweisungen, zugleich die Bemerkung, daß das Geld zwar erst in sechs Wochen eingezahlt werden müsse, daß es dem Absender aber bequem sei, es schon jetzt einzuschicken. Ich sah eine Rettung in meiner Noth. In drei Wochen war Gehaltzahlung, gerade morgen wird sie sein. Du warst bis dahin wieder ganz hergestellt; ich konnte Dir dann Alles mittheilen, das Geld wieder in den Brief legen. Der Fleischer hatte mich vor drei Viertelstunden verlassen und in einer Viertelstunde, in wenigen Minuten war er wieder da. Was dann? Ich war wie betäubt und nahm den Brief und das Geld zu mir. Ich fühlte nicht einmal Angst, als ich es that; ich hatte nur die eine Angst vor dem Fleischer. Als ich den rohen Menschen bezahlen konnte, fühlte ich mich leicht und von einer schrecklichen Last befreit, erst nachher kam die andere Angst, über das, was ich gethan hatte; sie kam jetzt furchtbar. Ich sah klar, Alles, wovon ich vorher keine Ahnung gehabt hatte, denn ich hatte ein Verbrechen begangen, und ein Verbrechen, das auf Dich zurückfallen mußte. Ich hatte unsere, Deine Ehre und Existenz retten wollen und hatte sie vollständig preisgegeben, der geringste Zufall konnte, mußte sie unrettbar vernichten. Ich betete zu Gott, daß er diesen Fall, die Gefahr, das Unglück abwenden möge; ich betete stündlich, unablässig. Zuletzt konnte ich es nicht mehr. Nur Du konntest die Gefahr abwenden, aber nur, wenn ich Dir mein Vergehen entdeckte. Konnte ich das? Ich mußte es! Einmal mußte ich es gewiß, und dennoch konnte ich es nicht, um Deinet- um meinetwillen nicht. Das war meine neue entsetzliche Angst; sie nahm mir von Neuem die Besinnung, den Willen. Jeden Tag wollte ich dennoch, keinen Tag konnte ich; zuletzt hatte ich es bis auf heute verschoben, auf Deinen Geburtstag. Da hoffte ich für Dich, in der Freude werde der Schlag Dich weniger hart treffen, für mich, Du werdest mir leichter Deine Verzeihung schenken. Da erbrachst Du den zweiten Brief, ich sah es Dir an, was er enthielt. Ich wollte an Deine Brust fallen und Dir Alles sagen. Da waren die Kinder dabei, da stürztest Du fort, ehe mein Entschluß klar werden konnte; ich dachte in meiner Angst, der Brief könne doch etwas Anderes enthalten; da warf sich endlich mit ihrem Jammer, mit ihrem zerrissenen Herzen die arme Emilie an meine Brust. Ich wollte nachher noch einmal zu Dir, als ich hörte, daß der Präsident gekommen sei. Aber nun war es zu spät, und meine Kraft war ganz gebrochen. – Du weißt jetzt Alles.“

Die unglückliche Frau war während ihrer Mitteilung immer klarer und ruhiger geworden. Jener Entschluß, mit dem sie begonnen hatte, war zugleich klarer und fester in ihr gereift und er hatte ihr die Kraft verliehen.

„Erzähle Du mir jetzt, Adalbert,“ fügte sie ihrer Mittheilung hinzu, „und laß uns dann mit Ruhe und Besonnenheit das Weitere überlegen.“

Den Director hatte die Klarheit und Festigkeit der Frau nicht in gleicher Weise erheben können. Ihre Erzählung hatte ihm von Neuem seine Vernichtung gezeigt. Eine unbedeutende Schuld, eine leichtsinnige That, ein einziger unglücklicher Augenblick hatte ihm auf einmal und für immer das endlich erreichte Ziel seines Strebens und Lebens wieder aus der Hand gewunden, warf ihn zurück in eine dunkle, gar schmachvolle Existenz, ihn, den Mann der Ehre, des Stolzes, des Ehrgeizes. Ihn, den völlig Unschuldigen! Konnte er der Schuldigen, der allein Schuldigen, verzeihen? Sie war seine Gattin, sein treues Weib, die Mutter seiner Kinder und hatte so lange und so viel mit ihm und für ihn und für die Kinder gearbeitet, gemüht, entbehrt, gelitten! Sie liebte ihn, er liebte sie, sie liebten sich über Alles. Aber nur wenn er einen andern Schuldigen bringen konnte, war er gerettet, blieb ihm seine Carriere, eine glänzende Zukunft. So hatte der Präsident ihm gesagt, so war es.

„Ich soll Dir erzählen?“ sagte er. „Ich kann es mit wenigen Worten. Der Absender des Geldes hatte vierzehn Tage vergeblich auf eine Quittung gewartet. Er beschwerte sich beim Obergerichte. Ich wurde heute davon benachrichtigt und untersuchte, wohin das Geld könnte gekommen sein. Ich war für mich darüber in’s Klare gekommen, als der Präsikent zu dem nämlichen Zwecke eintraf und zu einem ähnlichen Resultate gelangte, wie ich, daß das Geld hier in meinem Hause geblieben sein müsse; nur hielt er mich für den Nehmer. So steht einfach die Sache.“

Er hatte nicht ohne Bitterkeit sprechen können. Die Direktorin hatte ihm mit Ruhe zugehört.

„Und was hat der Präsitent Dir weiter gesagt?“ fragte sie.

„Ich muß meinen Abschied nehmen, wenn ich nicht –“ !

„Wenn Du nicht?“

Er konnte doch den Satz nicht vollenden, auf ihre Frage nicht antworten. Aber sie wußte, was er ihr nur sagen konnte. Sie hatte es von vornherein nicht anders erwartet. Darauf war ja ihr Entschluß gebaut, der fester und fester in ihr geworden war, den sie ihm nur nicht mittheilen durfte.

„Hast Du dem Präsidenten schon Deine letzte Erklärung abgegeben?“ fragte sie den Gatten.

„Nein.“

„Du mußtest mich erst sprechen?“

„So war es.“

„Und jetzt – Adalbert, erfüllst Du mir eine Bitte?“

„Welche?“

„Nicht eher einen Entschluß zu fassen und nicht eher ihn dem Präsidenten mitzutheilen, als bis Du mit mir darüber gesprochen hast.“ [816] „Was hast Du vor?“ fragte der Director.

„Gewähre nur die Bitte.“

Er sah sie fragend, mißtrauisch, dann ahnend an.

„Es sei,“ sagte der ehrgeizige Mann.

Er fragte nicht noch einmal, was sie vorhabe.

„Und nun noch eine Bitte, Adalbert,“ konnte sie in ihrer klaren Ruhe fortfahren.

„Sprich sie aus.“

„Tröste Emilie, das arme Kind. Hat der Präsident Dir von ihr gesprochen?“

„Ja.“

„Ich ahne, was er Dir kann gesagt haben. Es sind Worte des Stolzes, des Hochmuths gewesen. Um so mehr Worte des Trostes wirst Du für sie haben.“

Die beiden Gatten trennten sich.


5.

Es war Abend. Die Directorin Heilsberg saß in ihrem Schlafzimmer. Dasselbe theilten mit ihr zugleich ihre beiden jüngeren Töchter, die fünfjährige muntere Hanna und die an Körper und Geist schwache Clementine. Der siebenjährige Bruno schlief in einem Alkoven nebenan. Die sorgsame Mutter hatte es sich nie nehmen lassen, auch in der Nacht zum Schutze der kleineren, der Hülfe bedürftigen Kinder in der Nähe zu sein. Die kranke Clementine war schon in ihrem Bette und schlief. Auch der Knabe war in seinem Bettchen. Aber er schlief noch nicht, und der Vorhang, durch den der Alkoven von der Stube getrennt wurde, war noch nicht niedergelassen. Die kleine Hanna war noch auf, aber sie schlief. Sie saß an einem Tische, der in der Mitte der Stube stand. Auf dem Tische lagen ihre runden Aermchen. Auf den Aermchen ruhte der müde blonde Lockenkopf. Sie war die Lebhaftere und wollte immer die letzte sein, die zu Bette gebracht werde. So auch heute. Aber heute war sie darüber eingeschlafen. Neben ihr saß wachend die Mutter. Die Directorin hatte den ganzen Abend geschrieben.

Am späten Nachmittage, nachdem er lange mit seiner Tochter Emilie gesprochen, hatte der Director Heilsberg das Haus verlassen. Er war seitdem noch nicht zurückgekehrt. Gleich nachdem er ausgegangen, hatte die Directorin sich in ihr Schlafzimmer begeben. Sie war bis dahin unten im Wohnzimmer gewesen. Als die Kinder hineingekommen waren, hatten sie die Mutter mit blassem, eingefallenem Gesichte, mit Thränen in den Augen, mit gerungenen Händen, auf und ab schreiten sehen; oder sie hatte auch wohl so am Fenster gestanden und zum Himmel hinaufgestarrt. Die Kinder hatten sich fragend, weinend zu ihr stürzen wollen; aber sie hatte sie mit so weicher, schluchzender Stimme gebeten, sie allein zu lassen. Sie hatten sich still und gehorsam entfernt. Welchen furchtbaren Kampf mochte die unglückliche Frau gekämpft, mit wie heißen Gebeten mochte sie vom Himmel Kraft erfleht haben, in dem Kampfe nicht zu unterliegen, ihrem Entschlüsse treu zu bleiben! In ihrem Schlafgemache hatte sie sich dann eingeschlossen.

Als, wie gewöhnlich, um sieben Uhr Abends die drei jüngeren Kinder kamen, um sich zur Ruhe zu begeben, lagen zwei große Briefe fertig geschrieben und versiegelt auf dem Tische. Auf dem einen fehlte nur noch die Adresse. Die Kinder waren still angekommen. Das blasse, verweinte Gesicht der Mutter sahen sie ja noch vor sich, und die schluchzende Bitte, sie nicht zu stören, tönte noch in ihren Ohren. Sie hatte zuerst die Kranke zu Bette gebracht, dann den Knaben. Die kleine Hanna, die still sein mußte und nicht plaudern durfte, war unterdeß am Tische eingeschlafen. Sie hatte sich, ermüdet und erschöpft, zu dem Kinde gesetzt und schrieb die Adresse auf den einen Brief. Dann starrte sie beide Briefe an, als wenn sie ihr Verhängniß, ihr dunkelstes Verhängniß enthielten. Dann fiel ihr Blick auf das schöne, freundliche Kind, das so süß neben ihr schief. Dann mußte sie nach der anderen Seite blicken, wo das Bett der kranken Clementine stand. Auch die Kranke schlief, aber es war ein so trauriger, erschreckender Schlaf. Und je trauriger er war, desto fester haftete Auge und Herz der Mutter darauf. Auch zu dem Knaben schweifte ihr Blick. Er schlief noch nicht und verfolgte mit seinen großen, dunklen, treuen Augen jede Bewegung der Mutter. Ihre Augen begegneten diesen Augen. Da konnte das Kind nicht mehr an sich halten.

„Mutter!“ rief es leise.

Das Wort, die Stimme durchfuhr sie elektrisch. Sie mußte aufspringen zu dem Kinde.

„Was willst Du, Bruno?“

„Mutter, gieb mir Deine Hand. Es ist mir, als wenn Du uns hier allein lassen wolltest.“

„Großer Gott!“

„Als wenn wir Dich nicht wieder sehen sollten.“

„Nein, nein!“ mußte sie laut aufschreien.

„Du bleibst bei uns, Mutter?“

„Kind, wie kamst Du auf solche Gedanken?“

„Ich weiß es nicht; aber wie ich Dich so traurig sah und wie ich nicht einschlafen konnte – und den Vater hatte ich den ganzen Tag nicht wieder gesehen, und es ist doch heute sein Geburtstag, und da hatten wir Alle so fröhlich sein wollen – da kamen so schreckliche Gedanken über mich, ich kann es Dir gar nicht sagen, Mutter.“

„Schlafe Du ruhig ein, mein guter Bruno.“

„Du gehst also nicht von uns?“

„Eure Mutter ist immer um Euch, und mit ihr der liebe Gott mit seinen Engeln. Schlafe, mein liebes Kind. Ich muß jetzt auch die kleine Hanna in ihr Bettchen bringen.“

Sie küßte den Knaben. Er legte sich zurück, um zu schlafen. Aber sie konnte noch nicht gleich die kleine Hanna zu Bett bringen. „Muß es denn sein?“ ging sie händeringend in dem Gemache umher. „Diese schönen, lieben, armen Kinder! Mein Herz, mein Herz! Aber er! Sein Stolz, seine Ehre! Ich muß! Nur ich stehe vernichtend in seinem Wege. Es muß sein.“ Sie trocknete die Thränen, die ihr mit Gewalt aus den Augen geschossen waren, und ging zu dem schlafenden Kinde, es zu Bett zu bringen. Das Kind lag in dem festesten Kindesschlafe. Sie weckte es nicht. „Möchtest Du nicht wach werden!“ sagte sie. Sie wollte es entkleiden und in sein Bettchen legen, ohne daß es erwachen solle. „Wenn ich Deine hellen Augen noch einmal sähe, mein süßer Engel –“ Sie konnte nicht weiter sprechen. Die Thränen stürzten ihr wieder aus den Augen, sie mußte laut, heftig aufschluchzen.

„Liebe Mutter, weine nicht so,“ bat leise der Knabe aus seinem Bettchen heraus.

Sie kleidete still das Kind aus und legte es in sein Bettchen. Sie küßte es. Es war nicht erwacht. Ein Dienstmädchen war eingetreten.

„Das Abendbrot ist unten fertig,“ meldete sie.

„Ist mein Mann da?“ fragte die Directorin.

„Der Herr Director ist noch nicht zurückgekehrt. Fräulein Emilie und der Herr Oskar sind unten.“

„Bitte sie, ohne mich zu essen. Ich bin nicht wohl und wünsche, hier oben allein zu bleiben.“

Das Mädchen ging. Aber da durchzuckte sie ein heftiger Schmerz. „Ich muß sie sehen! Noch einmal! Noch einmal!“ Sie rief das Mädchen zurück.

„Ich lasse meine Kinder bitten, mir vorher hier gute Nacht zu sagen.“

Wie stark war das weiche Herz der unglücklichen Frau! Ihre beiden älteren Kinder erschienen, Beide bleich, den schweren Kummer im Gesichte, Emilie verweint. Die Mutter konnte ihnen mit trockenem Auge, mit gefaßter, ruhiger Miene entgegentreten.

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Autor: Jodocus Donatus Hubertus Temme
Titel: Ein Beamtenleben
aus: Die Gartenlaube 1861, Heft 52, S. 817-819
Teil 4 // Schluß


[817] „Ich wollte Euch gute Nacht wünschen Kinder,“ sagte die Directorin. „Ich bin nicht wohl und wünschte hier zu bleiben.“

„Mutter, Du hast etwas Anderes,“ sagte der Gymnasiast.

„Du nanntest es das schwerste Unglück, Du wolltest es uns mitheilen,“ fügte die Tochter hinzu.

„Nicht heute, meine lieben Kinder. Ich bin in der That unwohl, der Kopf schmerzt mich. Morgen sollt Ihr Alles erfahren.“

Der Kopf mochte sie wohl brennend genug schmerzen. Die Kinder ehrten ihren Wunsch. „Gute Nacht, Mutter,“ bot Emilie, wie jeden Abend, ihr die Lippen dar, die heute nicht so frisch, wie sonst waren.

„Gute Nacht, meine liebe Emilie. Ich sehe, Du hast ein starkes Herz.“

„Der Vater hat mich aufgerichtet.“

„Und Dein klarer Geist wird Dich noch mehr aufrichten. Nur das Herz, das betrogen hat, muß zu Grunde gehen. Das betrogene erhebt sich zuletzt doch wieder.“

Sie küßte herzlich die blasse Tochter. Sie konnte fest, mit der ganzen Kraft, die sie sich errungen hatte, Abschied von ihr nehmen. Der Sohn nahete sich; der blühende, reich begabte, so viel versprechende Jüngling war der Stolz der Mutter. Er reichte ihr die Hand.

„Gute Nacht, liebe Mutter!“ Das war auch sonst sein Nachtgruß. Sollte er es heute bleiben? Konnte sie von dem Liebling ihres Herzens scheiden, ohne ihn an ihr Herz zu drücken, ohne ihre Lippen auf die seinigen zu pressen? Sie hob die Arme auf – sie zog sie zurück. Sie hatte auch dazu die Kraft.

„Gute Nacht, Oskar!“ Sie drückte seine Hand, die er ihr dargereicht hatte.

Die Kinder verließen sie, und erschöpft fiel sie auf ihren Stuhl. Sie sah nach dem Bette des kleinen Bruno, ob er schlafe. Der Knabe war eingeschlafen. Sie ließ jetzt erst ihren schmerzlichsten Thränen den ungestörten Lauf. Warum hatte die unglückliche Frau diese Kraft, von der sie jetzt so hoch und fest getragen wurde, nicht früher gehabt? Fragt, warum erst das Unglück die Kraft des Menschen reifen muß; das Unglück, wenn es zu spät ist. – Aber kann der Mensch zu seiner Kraft zu spät gelangen? –

Die gebrochene und doch so starke Frau hatte lange über ihr Unglück weinen müssen. Sie erhob sich und trat zu einem Kleiderschrank, der in dem Zimmer stand, und ordnete Kleider darin. Einen Shawl, einen Hut nahm sie heraus. Sie that Alles mit Ruhe und Festigkeit und verschloß den Schrank wieder. Sie legte den Shawl um ihre Schultern, setzte sich den Hut auf und kehrte an den Tisch zurück, an dem sie geschrieben hatte. Die beiden Briefe lagen noch da. Sie legte sie zusammen auf die Mitte des Tisches, daß sie Jedem, der an den Tisch trat, sofort auffallen mußten.

Dann stand sie auf einmal entschlußlos. Der entscheidende Augenblick war da. Sie wollte gehen; sie wollte sich trennen, von Allem, auch von den Kindern. Sie wollte sie verlassen, ohne sie noch einmal zu sehen. Sie lagen um sie her in ihren Bettchen und schlummerten keine drei Schritte von ihr. Sie brauchte ihre Augen nur aufzuheben und nach den Betten zu lenken, so sah sie die geliebten Wesen, die sie nicht mehr sehen, die sie nie wiedersehen wollte. Konnte sie sich von ihnen trennen, ohne sie noch einmal zu sehen? Sie senkte die Augen, sie erhob den Fuß und schritt zu der Thür. Sie konnte doch nicht.

Das Mutterherz weinte plötzlich laut auf. Sie flog von der Thür zurück und lag an dem Bette des jüngsten Kindes. Sie warf sich auf die Kniee vor das Bettchen, die Arme um das schöne Kind geschlungen, die Lippen auf das blühende Gesichtchen gepreßt.

„Mein liebes Mütterchen,“ sagte das Kind, das im Schlafe die heißen Küsse der Mutter fühlte.

Sie flog zu dem Knaben im Alkoven und warf sich auch über ihn. Er erwachte ganz.

„Nicht wahr, meine liebe Mutter, Du verläßt uns nicht?“

„Nie, nie, Ihr Engel meines Lebens!“

Die Kranke war wach geworden. „Mutter, ich bin durstig,“ bat sie mit ihrer schweren, trockenen Zunge.

Die Mutter mußte ihr jede Nacht den erfrischenden Trunk reichen. Sie war schon an dem Tische, auf dem die Wasserflasche mit dem Glase für das Kind stand. Sie füllte das Glas und ließ das Kind trinken.

„Danke Dir, trauteste Mutter.“

Sie stellte das Glas zurück. Konnte sie fort – fort von dem Liebsten auf der Welt? Und doch mußte sie. Sie fiel betend auf die Kniee.

„Herr, hoher Herr des Himmels, zeige Du mir den Weg! Den Weg der Buße, der schwersten Buße für mich, des Glückes für die Anderen.“

Die Thür des Zimmers öffnete sich. Ihr Gatte trat in das Zimmer. Sein Gesicht war noch bleich, wie am Tage, aber es war finsterer. Er sah sie auf ihren Knieen liegen, die Hände zum Gebet gefaltet. Er sah sie angekleidet zum Ausgehen. Die Miene [818] seines Gesichts veränderte sich nicht. Er sah die beiden Briefe auf dem Tische. Er trat nicht näher hin, um die Aufschriften zu lesen.

Die unglückliche Frau hatte sich erhoben. Sie ging zu dem Bette des Knaben; er allein von den Kindern konnte noch wach sein. Sie überzeugte sich, daß er wieder eingeschlafen war. Sie nahete sich dem Gatten.

„Du hast meine Bitte erfüllt, Adalbert?“

„Ja.“

„Du hast also den Präsidenten noch nicht wieder gesprochen?“

„Ich war noch nicht wieder bei ihm.“

„Und Du hast Deinen Entschluß gefaßt?“

„Ja, Mathilde.“

„Welcher ist es?“

„Kannst Du fragen?“

„Sprich Dich aus, Adalbert. Der Präsident hatte Dir gesagt, Du müßtest Deinen Abschied nehmen, wenn Du ihm nicht den rechten Schuldigen bringen könntest. War es nicht so?“

„So war es.“

„Und Du?“

„Mein Abschiedsgesuch liegt fertig. Ich habe es nicht abgesandt, weil ich Dir jenes Versprechen gegeben hatte.“

„Du wirst es nicht absenden, Adalbert.“

Er zuckte zusammen. Sein bleiches Gesicht röthete sich. Er mußte sie fragend ansehen und sah in ein fest entschlossenes Antlitz.

„Du wirst das Gesuch nicht absenden, Adalbert. Hier liegt ein anderes Schreiben an den Präsidenten; auch eins an Dich.“

„Mathilde, Du wolltest mich verlassen?“

„Ich wollte es, ehe Du zurückkämst. Ich wollte Dir und mir eine schwere Stunde ersparen. Denn fort muß ich.“

Sein Gesicht röthete sich wieder.Durch seine Augen fuhr ein heller Blitz. Er nahm ihre Hand.

„Du wirst bleiben, Mathilde, Du darfst mich nicht verlassen, nicht unsere Kinder.“ Er sprach es bittend, aber ruhig. Er hielt ihre Hand dabei, aber er drückte sie ihr nicht.

Sie erwiderte ihm klar: „Adalbert, ich habe meinen Schritt reiflich überlegt, und mich dann erst zu ihm entschlossen. Ohne mich steht Dir eine glänzende Laufbahn bevor. Du trittst gleich unmittelbar in eine der wenigen höchsten Richterstellen des Staates; Du erreichst das Ziel, nach dem Du so lange und so mühsam gestrebt hast, und begründest das Glück unserer Kinder. Mit mir hast Du das Alles auf einmal verloren. Ehrlos trittst Du in ein dunkles Dasein. Du mußt Deinen Namen verbergen, damit die Leutee nicht mit Fingern auf Dich zeigen: da geht der Mann, der an seinem eigenen Gerichte gestohlen hat. Du wirst nicht wissen, wie Du Dich und Deine Kinder ernähren sollst; durch Abschreiben wirst Du Dir ein kümmerliches Brod verdienen müssen, oder als verfolgter, geächteter Winkelconsulent. Und das Alles müßte ich mit ansehen, ohne es ändern zu können, ich, die alleinige Ursache, ich allein die Verbrecherin. Könnte ich das? Könnte ich Dich beschimpft, in niedrigen Diensten Dich gequält, mit den armen Kindern Dich darben sehen? Nein, Adalbert, laß mich gehen, so weit meine Füße mich tragen können, um Deinetwillen, um unserer Kinder willen, um meinetwillen. Ich allein bin die Schuldige, ich allein muß auf mich nehmen und tragen, was ich verdient habe, nicht Ihr Unschuldigen. Ihr dürft nichts mehr mit mir gemein haben. Du darfst nicht ferner mit der Diebin leben, und die Diebin darf Euch nicht wiedersehen. Ich habe auch das überlegt. Könnte eine Diebin in Deinen Gesellschaften die Hausfrau machen, den Ehrenplatz einnehmen? Ja, würde, wenn Du mich bei Dir behieltest, die Welt nicht von Dir glauben und sagen müssen: Er war doch der Dieb, und die Frau hat es auf sich nehmen müssen, damit er Präsident werden konnte? – Soll ich Dir noch mehr sagen, Adalbert, um Dich zu überzeugen, daß wir uns trennen müssen, daß ich Dich nie wieder sehen darf? Ich habe Dir das Alles auch in diesem Briefe geschrieben. Denn ich wollte und ich muß noch heute Nacht von hier fort. Gewähre es mir, als eine Wohlthat. Sollte ich noch einmal morgen Dich und die Kinder wiedersehen, ich hielte es nicht aus, das Herz würde mir brechen. Und so laß mich ziehen, mit Deiner Verzeihung, mit meinem Dank für alle Deine Liebe, mit meiner Liebe, die mein Herz ewig und unwandelbar für Euch Alle bewahren wird. Lebe wohl, Adalbert. Noch Eins. Wie haben noch fünfzehn Thaler baares Geld im Hause; ich habe davon zehn Thaler für meine Reise genommen und reiche damit aus. Morgen erhebst Du Deinen Gehalt.“

Sie hatte ihre Hand nicht aus der seinigen gewunden und sah ihn noch einmal an. Dann schritt sie zu der Thür. Zu den Kindern konnte sie den Blick nicht zurückwerfen. Er stand unbeweglich, vernichtet. Er war ohne einen festen Entschluß hergekommen. Er hatte sein Abschiedsgesuch fertig geschrieben; aber er hatte es nicht abgegeben und trug es noch bei sich in der Tasche. Er hatte seiner Gattin erklärt, daß sie ihn nicht verlassen dürfe, er hatte sie gebeten zu bleiben; aber er hatte ihre Hand so kalt gehalten, und als er den festen Entschluß in ihren Augen gelesen, hatte ein heller, leuchtender Blitz seine Augen durchzogen.

Wollen wir einen Stein auf ihn werfen? Auf den Mann der Ehre und des Ehrgeizes, der die Wahl hatte, die Ehre zu bewahren und das Ziel des Ehrgeizes zu fassen, oder für immer sich in den Abgrund eines elenden, schmachvollen Dunkels zu werfen? Was seine Frau ihm eben gesagt, er hatte es sich selbst den ganzen Nachmittag, den ganzen Abend sagen und hundert- und hundertmal wiederholen müssen. Sie hatte ihm das Bild der Zukunft nur in lebendigeren Farben vorgehalten. Er stand vernichtet. Aber nicht das Bild, das ihm so lebendig vorgehalten war, vernichtete ihn. Die Größe der Frau war es, die wahre, edle Seelengröße der Frau, die ihm jenes Bild so hatte vorzeichnen können, um ihn zur Annahme des größten und schwersten Opfers zu bewegen, das eine Frau bringen kann. Er hatte schwanken können, er war der Mann der Ehre, des Stolzes; aber eben indem er dies war, konnte er nicht klein, nicht unedel sein, und die wahre, edle Größe der Frau mußte auch die wahre Ehre, den echten Stolz des Mannes in ihm wecken. Er stürzte ihr nach und ergriff ihre beiden Hände. Er hielt sie zurück, fest.

„Mathilde, Du darfst nicht gehen.“

Sie zuckte doch heftig auf. Sie hatte das wohl nicht erwartet und hatte es nicht erwarten können. Die Röthe in seinem Gesichte, das Aufleuchten seiner Augen, sie waren ihr vorhin nicht entgangen, zu ihrer Beruhigung nicht; sie machten ihr den Kampf, die Erfüllung ihrer Pflicht leichter. Aber ihre Pflicht mußte sie auch jetzt erfüllen. Sie erkannte es klar, und sie sprach es ihm klar aus. Er hatte seine Arme um sie geschlungen.

„Mathilde, mein Weib, mein Engel, ich kann Dich nimmer verlassen. Ohne Dich bin ich ganz verloren, mit Dir ist mir das dunkelste Leben eine Seligkeit. Ich lasse Dich nicht, ich kann Dich nicht lassen.“

Sie sah ihn ruhig an. „Adalbert, willst Du mir aufrichtig eine einzige Frage beantworten?“

„Nenne sie.“

„Du kamst mit schwankendem Entschlusse hierher. Ist es so?“

„Ja, Mathilde, es ist so. Ich bekenne es und bereue es, ich werde es ewig bereuen. Nein, ich bereue es nicht. Es hebt Deine Schuld gegen mich auf, es macht mich zu dem Schuldigeren. Wie edel stehst Du gegen mich da! Nur Du hast mir zu verzeihen. Dein Bleiben ist meine Verzeihung.“

Sie schüttelte den Kopf. „Dich hat ein Moment der Aufregung ergriffen. Sie verblendet Dich. Dein klares, ruhiges Nachdenken hatte Dir einen andern Weg gezeigt.“

„Ich war verblendet, Mathilde, ich sehe jetzt klar. Ich war verblendet von eitlem Ehrgeize, von schnödem Hochmuthe. Deine Liebe, Dein edles Herz lassen es mich klar erkennen. Könnte ich unedel, könnte ich gemein sein, wo Du so edel, so erhaben bist? Vernichte mich nicht ganz, ich beschwöre Dich.“

Sie schüttelte schmerzlicher das schwere Haupt.

„Laß mich gehen, Adalbert, damit nicht lange, schwere, zu späte Reue über uns beide kommt. Verschaffe Dir Deinen klaren Blick wieder. Wirst Du, niedrig und verachtet, gemeine Arbeiten verrichten und dabei darben und die Deinigen darben sehen können, ohne zu klagen und zu murren? Und meinst Du, wenn ich nur eine einzige Klage von Dir und nur einen Ton des Unmuths, nur einen trüben Blick Deiner Augen gewahren müßte, meinst Du, ich, die Quelle Deines Unmuths, ich allein Dein Unglück, Deine Schuld, ich könnte es ertragen, ich müsse nicht vergehen?“

„Und meinst Du, Mathilde,“ sprach dagegen der Gatte, „wenn ich an Dich, die Verstoßene, die Verlassene denke, ich könne eine einzige frohe Stunde meines Lebens haben, ich müsse in dem Stolze und dem Glanze meiner Siellung nicht vergehen vor Scham [819] über die Gemeinheit, womit ich das erkauft hätte? Meinst Du, ich könne meine Kinder ansehen? Und wenn Du Dir sagen mußt, daß das Alles nicht möglich sei, dann wirst Du mir auch, dem Gatten, der so lange an Deiner Seite gearbeitet, der so lange an seiner Seite Dein treues Arbeiten und Mühen gesehen hat, dann wirst Du mir auch die Kraft und die Liebe zu Dir zutrauen, daß ein ferneres treues Zusammenwirken mit Dir für uns und unsere Kinder nur mein Glück und meine Freude ausmachen wird. Nie, nie wirst Du eine Klage, ein Murren von mir hören.“

Es lag eine hohe, eine erschütternde Wahrheit in seinen Worten. Er sprach sie mit der tiefsten, festesten Ueberzeugung aus. Die arme Frau konnte sich nicht dem Einen, nicht dem Andern verschließen. Das Herz war ihr wieder so unendlich schwer geworden. Sie hatte gemeint, jeden Kampf hinter sich zu haben. Sie mußte wieder so entsetzlich kämpfen.

„Kannst Du mich noch verlassen wollen, Mathilde?“ fragte der Gatte.

Sie konnte nicht antworten. Sie fühlte nur, daß sie fort müsse, daß sie ihrer Schuld, ihrer Pflicht sich beugen, das schwerste Opfer bringen müsse. Sie fühlte aber auch schwerer und schwerer dieses furchtbare Opfer, sie wollte, sie mußte sich losreißen. Sie sah ihn bittend, flehend an, er möge sie lassen.

„Ich beschwöre Dich, Mathilde,“ flehte er.

„Ich kann nicht, Adalbert.“

„So gehe!“ sagte er. „Aber reiche mir noch einmal Deine Hand und laß uns noch einmal gemeinsam an die Betten der Kinder treten, zum letzten Male. Du führest mich ja jeden Abend hin, ehe ich in mein Zimmer ging. Komm, nimm Abschied von ihnen, für immer.“

Er hatte ihre Hand wieder ergriffen. Er führte sie zu den Betten der Kinder. Schon an dem ersten sank sie nieder. Sie sah die hellen, blonden Locken, das im Schlafe lächelnde Engelsgesicht der kleinen Hanna.

„Ich kann nicht!“ rief sie. Sie rief es wieder. Aber sie rief es anders. Es war der Aufschrei des Mutterherzens, das brechen muß. „Ich kann nicht, ich kann nicht!“

Der Gatte verstand den Aufschrei. Er hob sie vom Boden, an sein Herz.

„Du bleibst bei uns Allen, Mathilde.“

„Ich bleibe bei Euch Allen.“




Am anderen Morgen ging der Director Heilsberg zu dem Präsidenten. Aus seinem Gesichte leuchtete ein edler, freudiger Stolz.

„Sie haben sich entschieden. Ich darf Ihnen zum Präsidenten Glück wünschen!“ rief ihm der Präsident entgegen. Der aristokratische Bureaukrat hatte aus dem stolzen Gesichte nichts Anderes herauslesen können.

„Herr Präsident, ich komme, um meinen Abschied zu bitten.“

„Aber Sie sind ein Mann von Ehre. Sie können kein Dieb sein.“

„Eben darum muß ich um meine Entlassung bitten.“

Der Präsident konnte, wir haben es schon gesehen, mehr als bloßer Aristokrat und Bureaukrat sein. Er reichte dem Director die Hand.

„Sie sind in Wahrheit ein Ehrenmann, und ich bedaure in diesem Augenblicke, um meines Sohnes willen, daß Sie nicht auch ein Edelmann sind. Aber Sie haben Recht, Richter können Sie nicht mehr bleiben. Es wird sich etwas Anderes für Sie finden.“

Vierzehn Tage später erhielt der Director Heilsberg aus dem Justizministerium seinen erbetenen Abschied und zugleich „auf seinen Antrag“ die Ernennung zum Rechtsanwalt in einer entfernten Provinz des Staates, aber dort in einer größeren Stadt, in der ein reicher Verkehr herrschte und ein tüchtiger Advocat sich in wenigen Jahren ein bedeutendes Vermögen erwerben konnte. Er hatte nicht daran gedacht, auf eine solche Ernennung anzutragen; wie hätte er es wagen können? Aber er wußte, wer für ihn den Antrag gestellt hatte. Er nahm dankbar die Stelle an.




Die Geschichte, die ich hier erzählt habe, trug sich schon in den zwanziger Jahren zu. In den vierziger Jahren lernte ich den Rechtsanwalt Heilsberg und seine Gattin und Kinder kennen. Clementine, die arme Kranke, war in ihrem funfzehnten Jahre gestorben, wie die Aerzte vorhergesagt hatten. Die Anderen lebten sämmtlich noch. Der Director hatte sich ein Vermögen erworben; sie waren Alle glücklich und zufrieden. Auch Emilie. Sie war verheirathet. Ihr Gatte war ein braver, liebenswürdiger Mann und einer der tüchtigsten Aerzte der Stadt. Das junge Herz kann in seiner ersten Liebe sich zuweilen verirren; es geht nicht gleich darüber zu Grunde; aber es findet in der zweiten dann desto sicherer das wahre Glück der Liebe.