Auf Regen folgt Sonnenschein

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Autor: Max Ring
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Titel: Auf Regen folgt Sonnenschein
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 51, 52, S. 801-804, 819-822
Herausgeber: Ferdinand Stolle
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1861
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[801]

Auf Regen folgt Sonnenschein.

Aus dem Tagebuche eines Arztes.

Während der großen Typhus-Epidemie, welche im Jahre 1847 in Oberschlesien wüthete, lebte ich als Arzt daselbst in einer mittleren Kreisstadt. Als solcher erhielt ich von Seiten der Regierung den Auftrag, die Behandlung mehrerer benachbarter von der Krankheit heimgesuchter Dörfer zu übernehmen. Bald reichte indeß meine eigene Kraft nicht mehr aus, und ich sah mich genöthigt, um Unterstützung zu bitten. Dieselbe wurde mir in der Person eines jungen Mediciners gewährt, der erst seit kurzer Zeit die Universität verlassen hatte und in die Praxis getreten war. Bei der ersten Nachricht von jener furchtbaren Epidemie war der Doctor Brand herbeigeeilt und hatte freiwillig, wie so viele tüchtige Männer, sich zu der keineswegs gefahr- und mühelosen Stellung gemeldet. Er wurde natürlich nicht zurückgewiesen und mir zugetheilt, um mich in meinem schweren Berufe zu unterstützen. Mit Freuden empfing ich den frischen, jugendlichen Gehülfen, um so mehr, da ich nach einer kurzen Unterhaltung schon an ihm eine tüchtige wissenschaftliche Bildung, mit vieler Bescheidenheit verbunden, entdeckte. Er war voll Eifer und von der größten Liebe für seine Kunst und für die leidende Menschheit erfüllt; deren bedurfte es aber mehr als je in jener für mich so schrecklichen, aber unvergeßliche Periode.

Ich hatte die Pflicht, meinen Collegen in seinen neuen Wirkungskreis einzuführen und ihn mit den eigenthümlichen Verhältnissen der Epidemie und der Kranken bekannt zu machen. Dies [802] that ich, während wir im Wagen saßen und nach dem nächsten Dorfe, wo der Typhus herrschte, auf grundlosen Wegen fuhren.

„Sie verzeihen,“ sagte ich ihm, „daß ich ein wenig den Mentor bei Ihnen spiele, indeß berechtigt mich dazu die langjährige Erfahrung und eine genaue Kenntniß des Landes und seiner Bewohner. Ich muß Sie auf Dinge vorbereiten, von denen sich unsere Kathederweisheit nichts träumen läßt. Sie werden Zustände kennen lernen, welche wahrhaft herzzerreißend sind, und es gehört viel Muth und Selbstverleugnung dazu, um all die Schwierigkeiten, die physischen und geistigen Anstrengungen und den Widerstand, welcher sich unserem Wirken entgegenstellt, zu ertragen. Wir haben es nicht nur mit einer entsetzlichen Krankheit zu thun, sondern auch mit einer vollkommen vernachlässigten, durch Hunger erschöpften und in jeder Beziehung verkommenen Bevölkerung. Außerdem stoßen wir noch häufig auf allerlei Vorurtheile, zumeist religiöser Natur. Die Bewohner des Landes gehören fast ohne Ausnahme dem katholischen Glauben an und befinden sich gänzlich in den Händen einer ultramontanen Geistlichkeit.“

„Ich habe bereits viel von dem Einflusse dieser Herren gehört,“ entgegnete mein Reisegefährte, der aus einer protestantischen Gegend und Familie stammte.

So bemühte ich mich, ihm ein getreues Bild von den Verhältnissen des Landes und besonders von der herrschenden Epidemie zu entwerfen und ihn auf die Scenen vorzubereiten, welche ich aus eigener Anschauung bereits kannte. Unterdeß bewegte sich der Wagen in dem aufgeweichten Lehmboden nur langsam vorwärts. Zuweilen schien es, als ob die Pferde nicht weiter kommen sollten; vergebens strengten sie ihre Kraft an, und mein alter Kutscher war genöthigt, von der Peitsche einen mir keineswegs angenehmen Gebrauch zu machen. Endlich erblickten wir die ersten Häuser oder vielmehr Hütten des Dorfes. Ich ließ den Wagen vor der Schenke halten, welche, wie gewöhnlich in Oberschlesien, einen Juden zum Wirthe hatte. Derselbe begrüßte uns mit der diesem Volke hier eigenen, fast knechtischen Höflichkeit. Er klagte über die schlechten, traurigen Zeiten und führte uns in die Stube, wo wir an dem Ofen unsere erstarrten Glieder einstweilen aufthauten. Sein Bericht über die Fortschritte der Krankheit lauteten eben nicht sehr tröstlich; mehr als die Hälfte der Einwohner lagen am Typhus schwer darnieder.

„Ach! Herr Doctor,“ seufzte der zuthunliche Israelite, „Sie wissen gar nicht, was sich hier thut. Es ist ein Jammer, der sich gar nicht beschreiben läßt. Die Leute sterben wie die Fliegen hin, und was das Schlimmste ist, sie haben nichts zu beißen und zu brechen. An all dem Unglück sind aber nur die Mäßigkeitsvereine schuld. So lange die Bauern Schnaps getrunken haben, wußten sie von keiner Krankheit; seitdem ihnen aber die Geistlichen den Eid abgenommen haben, keinen Schnaps mehr zu trinken, gehen sie am Typhus zu Grunde. Der Bauer muß seinen Branntwein haben, sonst kann er nicht bestehen.“

Der Schenkwirth sprach mit der vollsten Ueberzeugung diese Meinung aus, welche ihm der Egoismus eingab. Leider mußte ich ihm einigermaßen Recht geben, da der Branntwein dem oberschlesischen Bauer zu einem nothwendigen Reizmittel geworden war und die plötzliche, fast gänzliche Entsagung des gewohnten Genusses in Folge der oft nur durch religiöse Zwangsmittel eingeführten Mäßigkeitsvereine unter den einmal vorhandenen Verhältnissen fast mehr Schaden als Nutzen stiftete. Mein junger College war nicht wenig erstaunt, daß ich den eigennützigen Ansichten des Juden beipflichtete. Ich hatte indeß keine Zeit, ihm die Gründe für meine Behauptung auseinander zu setzen, da der indeß herbeigerufene Ortsvorstand mit seiner sogenannten Ordonnanz eintrat. Der Voit oder Schulze des Dorfes war ein alter, elwas stumpfer Mann, dessen Aeußeres keineswegs seine Würde und Stellung als oberste Magistratsperson erkennen ließ. Er trug einen alten, schmutzigen Schafspelz, in welchem seine nicht allzu imposame Gestalt sich fast verlor. Ein fuchsiger, abgeriebener Filz mit flachem Deckel bedeckte sein Haupt, das die charakieristischen Merkmale des slavischen Typus, besonders die breiten, hervorstehenden Backenknochen aufzuweisen hatte. In der Hand hielt er den großen Stock mit dem dicken Knopf, das Zeichen seines Amtes. Auf mein Befragen antwortete er in einem wunderlichen Mischmasch von deutschen und polnischen Worten mit steter Verwechselung des männlichen und weiblichen Artikels über die Zahl der Kranken und über die Fortschritte des Typhus in seinem Dorfe. Sein Bericht war nur äußerst mangelhaft und mußte ihm mit Mühe und Noth abgepreßt werden. So viel ging indeß daraus für mich hervor, daß die Epidemie schon seit längerer Zeit hier wüthete und so gut wie gar nichts geschehen war, um ihren verheerenden Fortschritten Einhalt zu thun. Ich forderte den Schulzen auf, uns zu begleiten und die einzelnen Häuser namhaft zu machen, worin sich die Kranken befanden. Er wies diese Zumuthung mit allen Zeichen der Furcht und des Entsetzens zurück und gab der herbeigerufenen Ordonnanz den Auftrag, uns an seiner Stelle als Führer zu dienen. In Begleitung des noch jungen und, wie es schien, sehr bereitwilligen und aufgeweckten Burschen traten wir unsere ärztliche Wanderung an. Dieselbe war mir mannigfachen Schwierigkeiten verbunden. Das Dorf zog sich länger als eine halbe Stunde hin, und die einzelnen Wohnungen und Gehöfte lagen durch Gärten, Felder und unbebaute Strecken von einander getrennt. Der Boden war durch den vorangegangenen Regen und das Schmelzen des Märzschnees im höchsten Grade aufgeweicht, so daß wir mehr als einmal in Gefahr geriethen, unser Schuhwerk in dem zähen, flüssigen Moraste stecken zu lassen. Der schmale Fußpfad, welcher von einem Hause zu dem andern führte, wurde häufig durch Sachen und Pfützen unterbrochen und vollkommen unzugänglich gemacht. Das Dorf selbst gewährte den traurigsten Anblick, den man sich denken kann; verfallene Hütten, eingestürzte Mauern, zerbrochene Zäune stießen uns bei jedem Schritte auf.

Nirgends zeigte sich eine Spur von Leben, Alles schien wie ausgestorben. Wir hörten weder das eintönige, aber doch so wohlthätige Klappern der Dreschflegel, diese echte Dorfmusik, welche laut und schon von fern die segensreiche Arbeit des Landmanns zu verkünden pflegt, noch sahen wir irgend ein Zeichen menschlicher Thätigkeit. Auf dem ganzen Wege begegneten wir nur einem alten Mütterchen, das uns scheu und verwundert nachstarrte. So erreichten wir eine der elenden Hütten, in welcher nach der Aussage des Burschen einige Typhus-Kranke liegen solllen. Das Haus war von Holz gebaut und mit Stroh gedeckt; mit der Hand konnten wir bequem das zerfallene, mit Moos bewachsene Dach erreichen. Die blind angelaufenen Fenster, nicht viel größer als eine gewöhnliche Laternenscheibe, ließen kaum einen Sonnenstrahl in die dumpfe Stube fallen. Die Thür, durch welche ein erwachsener Mann nur gebückt hindurchschreiten konnte, war verschlossen und von innen fest verriegelt. Lange pochten wir vergebens, bis uns aufgethan wurde. Eine Jammergestalt mit bleichen Wangen und eingefallenen Augen wankte uns entgegen. Augenscheinlich war der Mann erst vor Kurzem von einer schweren Krankheit genesen und noch so schwach, daß ihn seine zitternden Glieder kaum zu tragen vermochten. Unser Anblick setzte ihn in Erstaunen und rüttelte ihn aus seinem apathischen Zustande auf. Wir waren sicherlich die ersten Menschen wieder, welche er seit Wochen zu Gesicht bekam. Sein Erinnerungsvermögen schien gelitten zu haben, und er mußte sich besinnen. Er machte mit der abgezehrten Hand eine abwehrende Bewegung und winkte uns, uns zu entfernen.

„Geht!“ ries er in dem polnischen Idiom jener Gegend. „Geht schnell fort, denn hier ist die große Krankheit.“

Mit diesem Namen belegte der Bauer den Typhus, den er soeben erst überwunden hatte. Es lag für mich etwas unendlich Rührendes in dieser Sorge, welche der Aermste für unsere Gesundheit zeigte. Er wollte uns vor der Ansteckung behüten, der er selbst mit seiner Familie erlegen war. Der polnische Bauer besitzt neben manchen Fehlern, welche mehr in den Verhältnissen als in seinem Charakter liegen, eine angeborene Gutmüthigkeit und Menschenfreundlichkeit. Ich erklärte ihm, daß ich und mein College keine Furcht hätten, daß wir gekommen wären, um ihm und den Seinigen ärztlichen Beistand zu leisten. Stumpf und ungläubig schaute er uns an, denn die Hoffnung auf menschliche Hülfe war in den armen Leuten schon längst erstorben. Erst unsere wiederholte Versicherung und der Anblick der uns beigegebenen Ordonnanz, welche sich indeß wohlweislich aus Furcht vor der Ansteckung so fern als möglich hielt, erweckte sein Vertrauen, so daß er uns einzutreten bat.

Der Anblick, welcher sich uns hier darbot, wird mir ewig unvergeßlich bleiben. Auf dem schwarzen Lehmboden und auf faulem Stroh lagen sechs Personen in allen Stadien der Krankheit, fast nackt, nur mit schmutzigen Lumpen bedeckt. Hier starrte uns ein junges und trotz der Verwüstung des Typhus noch immer schönes Mädchen mit stumpfen Blicken an und murmelte unverständliche Worte mit den verdorrten, aufgesprungenen Lippen; dort [803] zupfte die ältere Schwester im Zustande vollkommener Bewußtlosigkeit an der durchlöcherten Decke und trieb jenes verdächtige, krampfhafte Spiel der Hände, welches nur zu häufig dem tödtlichen Ende voranzugehen pflegt. Zwei Kinder kauerten mit brennenden Wangen und eingefallenen Augen unter einem alten, zerrissenen Mantel. Doch das schrecklichste Schauspiel wartete noch unser. Mitten in diesem Knäul von Kranken und Sterbenden, von Jammer und Elend entdeckten wir eine – Leiche, den leblosen Körper der Mutter. Die Todte ruhte unter den Lebenden, weil Keiner der Angehörigen die Kraft besaß, sie aus dem Hause und auf den Kirchhof zu schaffen. Mit Thränen in den Augen antwortete der Bauer auf unsere Fragen.

„Niemand hat unsere Schwelle seit dem Ausbruch der Krankheit in meinem Hause überschritten. Alle fürchten sich vor der Ansteckung, und Keiner zeigte sich, um uns zu helfen. Meine arme Frau ist gestorben, und ich bin nicht im Stande, sie fortzuschaffen, weil ich mich selber noch zu schwach fühle. Wenn sich der liebe Gott nicht unser erbarmt, so müssen wir noch Alle zu Grunde gehen.“

Mein junger College versprach ihm, schon morgen wieder zu kommen und nach dem Befinden der Patienten zu sehen. Außerdem übernahmen wir die Sorge für das schleunige Begräbniß der Leiche, auch bewilligten wir ihm aus dem uns zu Gebote stehenden Unterstützungsfond eine kleine Geldsumme und die zweckmäßigen Nahrungsmittel, Reis, Gries und Kartoffeln. Wir konnten den dankbaren Bauer nicht verhindern, daß er uns nach slavischer Sitte die Hände küßte. Von seinen Segenswünschen begleitet entfernten wir uns, um noch die übrigen vorhandenen Kranken zu besuchen und ihnen Hülfe zu bringen. Dieselben Scenen wiederholten sich in den meisten Hütten. Wir fanden fast überall dieses grauenhafte Gemisch von Hunger und Krankheit, von Noth und Fieber, von Schmutz und Elend. Kinder und Greise, Männer und Frauen, sterbende und nur leicht Erkrankte lagen in ein und demselben mephitischen und durch Unreinlichkeit verpesteten Raume, der noch häufig nebenbei zum Viehstall diente und bald von einer brüllenden Kuh, bald von einem grunzenden Schwein getheilt wurde. Kein Fenster konnte geöffnet werden, um frische Luft hineinzulassen, und zwar aus dem einfachen Grunde, weil die Fenster nur aus einer einzigen, fest eingefügten Scheibe bestehen. Auf dem Heerde und in dem Ofen brannte trotz der empfindlichen Kälte kein Feuer, und die meisten Kranken zitterten vor Frost unter ihrer dünnen Decke von Lumpen. Die Wenigen, welche von der Epidemie verschont geblieben waren, erschienen uns halb verhungert, vollkommen apathisch und außer Stande, den Kranken zu helfen. Ueberall herrschte ein Jammer, der sich nicht beschreiben läßt, und ein Elend, das alle Begriffe überstieg. Mehr als einmal traten meinem jüngeren Collegen, die Thränen in die Augen, und obgleich ich an ein derartiges Schauspiel schon mehr gewohnt war, so wurde ich doch nicht weniger tief davon ergriffen.

„Ist es möglich,“ rief mein Begleiter erschüttert aus, „daß so viel Elend über diese armen Menschen kommen kann? Was haben sie gethan, um solche Leiden zu verschulden? Man möchte an der Güte Gottes und an der Weisheit der Vorsehung verzweifeln.“

Angesichts der eben durchlebten schauderhaften Scenen fand ich eine derartige Aeußerung natürlich, obgleich ich anderer Meinung war.

„Solche Prüfungen,“ sagte ich beschwichtigend, „sind oft für den Einzelnen, wie für die Gesammtheit eben so nothwendig, als heilsam. Das Glück und der Wohlstand wiegen uns nur zu häufig in eine geistige Unthätigkeit und geben uns nur selten Gelegenheit, unsere besseren Triebe und Eigenschaften zu entfalten. Zur Zeit der Noth und besonders am Krankenbette zeigt sich die menschliche Natur in ihrem schönsten Lichte. Das Mitleid erwacht, die Opferfähigkeit steigen sich, und eine wohlthätige Erschütterung ergreift uns. Das Herz trägt über den egoistischen Verstand den Sieg davon, und die Humanität feiert ihre schönsten Triumphe. Einen neuen Beleg für meine Behauptung legt diese Typhus-Epidemie selber ab. Sobald der Schrei um Hülfe in den Zeitungen ungeachtet der strengen Censur ertönen durfte, regte sich nicht nur in Preußen, sondern in ganz Deutschland die lebendigste Theilnahme. Ueberall bildeten sich Vereine, wurden Kleider, Decken und Geld gesammelt, ansehnliche Summen zusammengebracht. Männer aus den höchsten Ständen rissen sich von ihren Familien und aus dem Schooße der Behaglichkeit los, um an Ort und Stelle Erkundigungen einzuziehen, eigene Anschauungen zu gewinnen, wie am schnellsten und am besten zu helfen sei. Diese Männer scheuten weder Mühe noch Anstrengung, fürchteten weder Ansteckung noch den Tod, dem sie zum Theil entgegen gingen. Sind Sie nicht selbst, lieber College, von einem ähnlich edlen Motiv geleitet, hierher geeilt, um mich in meinem schweren Beruf zu unterstützen und den armen Kranken beizustehen? Wir wollen nicht die Vorsehung anklagen, sondern unsere eigene Natur, welche oft zur Erfüllung ihrer Pflicht durch schreckliche Ereignisse aufgerüttelt werden muß.“

Mein junger Freund schien keineswegs überzeugt und schüttelte ungläubig den Kopf. Aus mancher früheren Aeußerung war ich wohl zu dem Glauben berechtigt, daß er, wie so viele jüngere Aerzte, einer materialistischen Weltanschauung huldigte, die jetzt immer mehr um sich zu greifen droht. Ohne mich auf einen philosophischen Streit mit ihm einzulassen, begnügte ich mich lediglich mit einigen Andeutungen, aus dem leider reichen Schatz meiner Erfahrungen geschöpft.

„Glauben Sie mir,“ fuhr ich ruhig fort, „das Krankenbett ist in seiner Art eine hohe Schule nicht nur für den Arzt, sondern auch für den Menschen. Wir lernen daselbst die bessere Natur desselben kennen. Wie viel Aufopferung, Liebe und Hingebung hab’ ich an dieser traurigen Stätte gefunden, welche sich häufig in einen Altar verwandelt und in überirdischer Glorie strahlt! All die Schlacken des Daseins schmilzt oft die Krankheil fort, und es bleibt nur das reine, echte Gold der Menschlichkeit zurück. Der Egoismus verschwindet, der Haß oder die Gleichgültigkeit weichen der besseren Neigung, und das eingewurzelte Vorurheil kann sich nicht länger behaupten. Was bei einem oberflächlichen Anblick als eine Ungerechtigkeit des Schicksals, ein blindes Ungefähr erscheint, erweist sich bei genauerer Prüfung als eine Wohlthat, als das höhere Walten einer göttlichen Vorsehung.“

Während wir in dieser Weise unsere Gedanken austauschten, an die nächsten Erscheinungen anknüpfend, gelangten wir allmählich zu der Schenke zurück, wo der Wagen unser wartete. Hier fanden wir einen Boten des Gutsherrn, der, von unserer Anwesenheit unterrichtet, uns ersuchen ließ, auf das ihm zugehörige Schloß zu kommen, um einige erkrankte Diener in Augenschein zu nehmen und die nöthigen Anordnungen zu treffen. Ich leistete dieser Einladung um so lieber Folge, da ich zugleich meinen Collegen dem Gutsherrn vorstellen wollte, mit dem er jetzt vielfach in Berührung treten mußte. Das Schloß lag fast am Ende des Dorfes auf einer kleinen Anhöhe. Trotz der ganghaften Benennung war es nichts mehr und weniger als ein ganz gewöhnliches, zweistöckiges Wohnhaus mit Schindeln gedeckt. Rings herum erstreckten sich die verschiedenen Wirthschaftsgebäude, Ställe und Dienerwohnungen, welche einen großen Hofraum umschlossen. Hier trafen wir den Herrn, welcher von Prodschintzky hieß und als Muster eines echten oberschlesischen Gutsbesitzers gelten konnte. Sein rothes, aufgedunsenes Gesicht, durch einen grauen Schnurrbart geziert, verrieth ein wunderliches Gemisch von Derbheit und Schlauheit, von Rohheit und Gutmüthigkeit. In seinem Benehmen verband er oft die Manieren eines Bauern mir dem aristokratischen Stolz eines Edelmanns aus alter Zeit. Was ihm an Bildung mangelte, ersetzte er durch eine gute Dosis von gesundem Menschenverstand. In der Unterhaltung bemühte er sich zuweilen, den Schimmer einer besseren Lebensart zu zeigen und Reminiscenzen aus der Zeit aufzutischen, wo er sich zuweilen in feinerer Gesellschaft bewegt und den Cavalier gespielt haben mochte. Man sah ihm jedoch den auferlegten Zwang an und hatte ungefähr dieselbe Empfindung wie beim Anblick eines tanzenden Bären. Weit mehr konnte Einem sein natürliches Benehmen gefallen, dem es nicht an einem gewissen humoristischen Anstrich fehlte. Wir trafen diesen Herrn von Prodschnwky mitten unter einem Schwarm von Bettlern und Krüppeln aller Art. Nie glaubte ich eine ähnliche gebrechliche und verkommene Versammlung gesehen zu haben. Die armen Leute hielten in ihren Händen Töpfe, Krüge und oft auch nur Scherben, welche nach der Reihe aus einem großen, dampfenden Kessel mit einer trüben Brühe gefüllt wurden. Diesen Inhalt schlürften sie sogleich gierig nieder, ohne sich erst Zeit zur Abkühlung zu lassen. Außerdem erhielt jeder der Anwesenden noch eine ziemlich große Fleischportion, welche eben so hastig in unserer Gegenwart verzehrt wurde. Ich drückte dem Gutsbesitzer meine Anerkennung für diese Speisung seiner hungernden Angehörigen aus.

„Ist nur Pferdefleisch,“ raunte er mir lachend in’s Ohr. [804] „Habe altes Pferd gehabt, zu nichts mehr nutz, und das schlachten lassen; schmeckt aber gut und thut dasselbe Dienst.“

Mit diesen Worten ergriff Herr von Prodschintzky meinen Arm und führte uns, nachdem ich ihm meinen Collegen vorgestellt hatte, in seine Wohnung. Der Hausflur war mit Ziegeln gepflastert, welche, hier und da ausgebrochen oder durch die Länge der Zeit abgenutzt, gefährliche Schlünde und Abgründe, wahrhafte Fallen für unsere Füße bildeten. Aus der halbgeöffneten Küche drang uns der feuchte Duust von allen möglichen Gerichten für Mensch und Vieh entgegen. Hier antichambrirte auch die zahlreiche Dienerschaft, deren Livree oft nur in einem schmutzigen Hemde und grauen Leinwandhosen bestand, die nothdürftig durch eine Hanfschnur oder einen Ledergürtel zusammengehalten wurden. In dem Wohnzimmer selbst fanden wir eine wunderliche Mischung von altväterischem Hausrath und modernen Möbelstücken, von wurmstichigen Schränken und verschoffenen Gardinen, welche höchst seltsam mit den neuen Rohrstühlen und dem Cylinderbureau von Mahagony contrastirten. Zwischen alten, nachgedunkelten Familienportraits hingen schlechte Steindrücke in Goldrahmen, wie man sie auf Jahrmärkten für wenige Groschen zu kaufen pflegt. Von der Wand schaute ein Crucifix und das Bild der Jungfrau Maria hernieder, umgeben von einem weißen, mit bunten Bändern durchflochtenen Kranz. Mehrere Gewehre, Peitschen und Pfertezäume vollendeten die charakteristische Ausstattung des Zimmers. Mit der bekannten oberschlesischen Gastfreundschaft nöthigte uns unser Wirth zum Niedersitzen. Bald erschien das Factotum des Hauses, das in einer Person die Stellung eines Haushofmeisters, Kellermeisters, Aufsehers und Bedienten vereinigte, mit dem unausbleiblichen Ungarwein. Das feurige Getränk behagte uns nach der ausgestandenen Kälte und den Strapazen um so besser. Wir bedurften in der That der Stärkung, da wir uns erschöpft fühlten, und ließen uns deshalb nicht besonders nöthigen. Beim Glase Wein besprachen wir noch einmal die eben durchlebten schauderhaften Scenen. Herr von Prodschintzky war keineswegs ein empfindsamer Mann und die Sentimentalität gewiß nicht seine schwache Seite, aber unser Bericht schien doch einigen Eindruck auf ihn zu machen. Freiwillig erbot er sich, meinem jungen Collegen eine Wohnung auf seinem Schlosse einzuräumen, damit dieser in der Nähe seiner Patienten bleiben und sie so besser beobachten und verpflegen könnte. Dieses Anerbieten wurde natürlich dankbar angenommen, und ich war um so mehr damit einverstanden, da das Dorf so ziemlich den Mittelpunkt der meinem jungen Gehülfen zur Krankenpflege übergebenen Ortschaften bildete.

Während wir noch so tranken und die näheren Anordnungen besprachen, öffnete sich leise, fast unbemerkt die Thüre. Erst als ich zufällig aufblickte, bemerkte ich eine junge Dame mit zwar nicht auffallenden, aber reizenden Zügen. Sie hatte eines jener sanften Gesichter, aus denen der ganze Himmel einer zarten Weiblichkeit dem aufmerksamen Beobachter entgegenstrahlte. Wie ein Schleier verbarg eine angeborene Schüchternheit und Demuth einen Schatz von herrlichen Eigenschaften, die um so mehr entzückten, je weniger man sie vermuthet hatte. Solche Naturen blenden nicht mit einem Male, sondern gewinnen mit jedem Tag eine neue Macht über unser Herz, sie erregen keine plötzliche und stürmische Leidenschaft, aber wohl eine wachsende und ewig dauernde. Die junge Dame erröthete bei unserem Anblick und wollte sich sogleich, wie es schien, wieder entfernen.

„Hiergeblieben, Anna!“ herrschte ihr der Vater zu.

Sie leistete ihm sogleich gehorsam Folge und wurde nun in aller Form mir und meinem jungen Collegen vorgestellt. Zugleich machte Herr von Prodschintzky sie mit der soeben getroffenen Aenderung bekannt, da sie seit dem Tode ihrer Mutter das ganze Hauswesen verwaltete. Sie versprach für Doctor Brand ein passendes Zimmer auszuwählen und sogleich in Stand setzen zu lassen. In ihren sanften, fast theilnahmlosen Mienen verrieth sich weder Vergnügen noch Unlust wegen des neuen Hausbewohners, den sie so unvermuthet erhalten hatte. Still und geräuschlos, wie sie gekommen, verließ sie wieder das Zimmer, um die nöthigen Anordnungen für den jungen Freund zu treffen. Wir entfernten uns ebenfalls, um noch einige naheliegende Dörfer zu besuchen. Doctor Brand mußte noch unserem Wirthe das Versprechen geben, schon morgen mit seinem Gepäck und seinen Büchern nach dem Schlosse zu ziehen. Der junge Mann hatte das ganze Herz des alten Gutsbesitzers gewonnen; nebenbei mochte dem Letzteren die Anwesenheit des Arztes zur Zeit der gefährlichen Epidemie doppelt willkommen sein. Bei der Trennung rief ich meinem Collegen scherzend zu: „Verlieben Sie sich nur nicht in Fräulein Anna von Prodschnitzky. Der Alte ist ein ebenso strenger Katholik als Aristokrat und in jeder Beziehung ein Feind der gemischten Ehen.“

Es mochte ungefähr eine Woche verstrichen sein, als ich es für meine Pflicht hielt, nach meinem Freunde und den ihm übergebenen Patienten zu sehen. Ich fand ihn sehr zufrieden mit seiner neuen Stellung; er hatte sich in kurzer Zeit bereits das volle Vertrauen seiner Umgebung erworben und allgemeine Anerkennung gefunden. Die Zahl der Kranken hatte sich, Dank seiner Bemühnung oder vielleicht der milderen Natur, welche die Epidemie angenommen, augenfällig vermindert. Herr von Prodschintzky konnte mir die Thätigkeit, Umsicht und Aufopferung des jungen Arztes nicht genug rühmen. Er wurde wie ein bewährter Hausfreund von dem Gutsbesitzer betrachtet, in dessen Augen er um so mehr gewonnen hatte, da Brand in den Mußestunden ein bedeutendes Talent als Whist- und L’hombre-Spieler entwickelte. Bei diesen Partien pflegte der Pfarrer des Dorfes stets der dritte Mann zu sein. Ich kannte den Geistlichen von früher: er gehörte einer jüngeren Generation von katholischen Priestern an, welche sich von ihren älteren Standesgenossen durch einen fanatischen Glaubenseifer unterscheiden. Unter scheinbar sanften und freundlichen Formen verbarg dieser Dorfpfarrer einen starren, unbeugsamen und herrschsüchtigen Charakter. Als Seelsorger des frommen, sehr bigotten Gutsbesitzers übte er keinen geringen Einfluß in dem Hause desselben aus. Wie es schien, beobachtete er mit keineswegs günstigen Augen die Fortschritte, welche mein Freund in der Gunst seines neuen Gönners bereits gemacht hatte. Da mir nur wenig Zeit übrig blieb, so begnügte ich mich mit einem kurzen Bericht über den Zustand der Patienten, welche ich Brand übergeben hatte. Nur die schwersten Fälle wollte ich aus eigner Anschauung kennen lernen und nahm deshalb seine Begleitung an. Unterwegs sprach ich ihm aufrichtig meine Anerkennung über seine bisherige Leistung aus.

„Sie haben wirklich,“ sagte ich ihm, „Erstaunliches in so kurzer Zeit geleistet. Eine so schnelle Abnahme der Epidemie habe ich kaum gehofft, und besonders muß ich Ihr Organisations-Talent loben, womit Sie so Großes geleistet haben. Die Kranken werden, wie ich sehe, mit Sorgfalt gepflegt und sind fast überall mit den nöthigen Lebensmitteln, Decken und Kleidungsstücken versehen.“

„Dieses Verdienst,“ lehnte Brand bescheiden ab, „kann ich mir durchaus nicht zuschreiben. Was in dieser Beziehung geschieht, ist das Werk von Fräulein Protschintzky. Das Mädchen ist ein Engel. Heimlich eilt sie von Hütte zu Hütte und setzt sich großherzig der Gefahr und der Ansteckung aus. Sie versorgt die Kranken mit Allem, was Noth thut. Täglich muß ich ihr Bericht erstatten, und wo Hülfe oder Unterstützung fehlt, da ist sie sogleich zur Hand. Ihr allein haben wir die außerordentlichen Resultate zu verdanken, welche Sie mit Recht bewundern.“

Je länger mein Freund in solch enthusiastischen Ausdrücken von dem trefflichen Mädchen sprach, desto klarer wurde mir die Lage seines Herzens. Es war kein Zweifel, daß er die Tochter seines Wirthes heiß und innig liebte, und daß diese Liebe, obgleich er sich mir gegenüber auch nicht die geringste Indiscretion zu Schulden kommen ließ, von ihr eben so erwidert wurde. Ich bedauerte die jungen Leute im Voraus, da bei der bekannten Gesinnung des Vaters sich ein glückliches Ende der beginnenden Leidenschaft nicht denken ließ. Was ich vorausgesehen, war auch schnell genug eingetroffen. Bei einem zweiten Besuche, den ich meinem Collegen aus dem Schlosse abstattete, fand ich denselben in der größten Verzweiflung und im Begriff seine Wohnung nach der Schenke des Dorfes zu verlegen. Mit kurzen Worten schilderte er mir die stattgefundenen Ereignisse.

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Teil 2

[819] Die Liebe, welche Brand für Anna empfand, wuchs durch das stete Beisammensein, durch die vielfachen Beziehungen zu einander mit jedem Tage mehr und mehr. Die gemeinsamen Opfer und die trefflichen Eigenschaften und Gefühle, welche die jungen Leute bei ihren menschenfreundlichen Leistungen vor einander entfalteten, waren nur zu sehr geeignet, die innige Neigung zu vermehren. Konnte es wohl eine zartere und geistigere Berührung für Liebende geben, als das Mitleid für Andere, ein edleres Band als gemeinschaftliches Wohlthun? Gegenseitig mußten sich Beide bei Ausübung ihrer Pflicht in einem verklärten Licht erscheinen und ihre Liebe unter der Form der Bewunderung und des Enthusiasmus fast unbemerkt sich ihres Herzens bemächtigen. Die armen Kinder wurden die Gluth ihres Herzens weit später gewahr, als ihre aufmerksame Umgebung. Der fanatische Pfarrer schien zuerst Verdacht geschöpft mit seinen Patron mit der Gefahr bekannt gemacht zu haben. Herr von Prodschintzky verstand in solchen Dingen keinen Scherz, um so weniger, da Brand Protestant war. Mit gewohnter Rücksichtslosigkeit stellte er diesen zur Rede mit führte somit eine Erklärung herbei, welche mit einem heftigen Auftritte und mit einem vollständigen Bruche endete. Herr von Prodschintzky legte bei dieser Gelegenheit einen Schwur ab, nun und nimmermehr in die Heirath seiner Tochter mit einem Ketzer einzuwilligen.

Mein College verließ das Schloß, ohne die liebenswürdige Anna noch einmal gesehen zu haben. Ich suchte ihn, so gut dies anging, zu trösten, obgleich ich von der Nutzlosigkeit meiner Worte vollkommen überzeugt war, denn wo hätte je ein Liebender auf Gründe und Zureden gehört? – Wie ich später erfuhr, hatte Brand noch einen Versuch gemacht, sich Anna zu nähern, und ihr heimlich einen Brief geschrieben. Das edle Mädchen gab eine Antwort, die ihrer würdig war; sie lehnte jede Correspondenz und Zusammenkunft hinter dem Rücken ihres Vaters entschieden ab, ohne jedoch ihrem Geliebten die Hoffnung gänzlich zu benehmen. Dagegen verwies sie ihn aus die Zukunft und gelobte nach wie vor unverbrüchliche Treue. Ich gab meinem Collegen den gewiß verständigen Rath, das Dorf zu verlassen und seinen Wohnsitz in irgend einem benachbarten Orte oder in der Stadt selbst zu nehmen, doch davon wollte er nichts wissen. Wenn er auch die Geliebte nicht sehen konnte, so wollte er doch wenigstens in ihrer Nähe bleiben.

Unterdeß schritt die Epidemie noch immer fort, ohne ihren Höhepunkt erreicht zu haben. Aus den Hütten der Armuth stieg der Typhus in die Häuser der Reichen, in die Schlösser der Vornehmen und verbreitete daselbst ein gleiches, wo nicht größeres Einsetzen. Weder der Wohlstand und Ueberfluß, noch die sorgfältigste Pflege des Körpers schützten vor der furchtbaren Krankheit, welche sich immer weiter ausbreitete und alle Schichten der Gesellschaft bedrohte. So wurde eines Tages auch Herr von Prodschintzky plötzlich ergriffen und zwar mit solcher Heftigkeit, daß er sogleich sein Bewußtsein verlor. In ihrer Angst schickte die erschrockene Tochter nach dem Doctor Brand, den sie seit jener Zeit sorgfältig vermieden hatte. Er kam, und die Liebenden sahen sich zum ersten Male an dem Krankenbette des Vaters wieder.

[820] „Retten Sie, helfen Sie!“ rief Anna schon von Weitem dem Geliebten entgegen.

Er untersuchte den Kranken und fand den Zustand so bedenklich, daß er die Nacht an dem Lager des Patienten zu bleiben beschloß. Umsonst forderte er Anna auf, sich zur Ruhe zu begeben und sich zu schonen; sie weigerte sich, seinen wohlgemeinten Rathschlägen Folge zu leisten. Beide wachten bis zum frühen Morgen nur in Gesellschaft einer Magd, welche der deutschen Sprache nicht kundig war. Angesichts der drohenden Gefahr verstummten ihre Lippen. Anna hatte keinen andern Gedanken, als die Rettung des Vaters, nur Brand dachte zu edel von sich und der Geliebten, um ihr früheres Verhältniß nur mir einem Worte zu erwähnen oder darauf anzuspielen. Bald verbreitere sich die Nachricht von der Erkrankung des Gutsbesitzers, und auch der Pfarrer eilte herbei. In seiner Begleitung erschien ein barmherziger Bruder, welcher mit der diesen Orten auszeichnenden Bereitwilligkeit sich der Krankenpflege unterzog. Der Pfarrer hatte wahrscheinlich dabei die Absicht, die Liebenden durch den Mönch überwachen zu lassen, da er vorzugsweise seinen Patron gegen die Eingehung einer gemischten Ehe zwischen dem Doctor und seiner Tochter aufgestachelt hatte. Da die Krankheit mit jedem Tage eine gefährlichere Wendung nahm, so ließ mich Brand ersuchen, mit ihm gemeinschaftlich die Behandlung des Patienten zu übernehmen. Ich kam sogleich nach Empfang seiner Aufforderung auf das Schloß, wo ich den Besitzer desselben so gut wie aufgegeben fand. Jede Hülfe schien hier umsonst, und alle Symptome deuteten auf ein nahes, tödtliches Ende. Ich verschwieg meinem Collegen diese Ansicht nicht und suchte die weinende Tochter durch meine Trostgründe zu beruhigen. Trotz seiner Rohheit liebte Anna ihren Vater mit der größten nur aufopferndsten Zärtlichkeit. Wider meine Erwartung und Voraussage überlebte der Kranke jedoch diese Nacht, und obgleich sein Zustand noch immer keine Hoffnung gab, so war doch wenigstens so viel gewonnen, daß wir noch einige energische Mittel anwenden konnten, welche Brand vorgeschlagen hatte. Es gelang ihm auch, wie ich mich überzeugte, den erlöschenden Lebensfunken wieder anzufachen und von Tag zu Tag den drohenden Ausgang abzuhalten. Nur der sorgsamsten Pflege und der hingebendsten Aufopferung, diesem Wettstreit zwischen der liebevollen Tochter und dem gewissenhaften Arzte, konnte ein solches Wunder gelingen. Beide lösten sich gegenseitig in der Beobachtung und Bewachung des Patienten ab, wobei der barmherzige Bruder sie wesentlich unterstützte. Dieser schien keineswegs so intolerant wie der Pfarrer, da der Mönch in seinem wohlthätigen Berufe schon mehr Duldung und Nachsicht gegen Andersgläubige gelernt haben mochte. Dabei besaß er ein feines und freundliches Wesen, dem eine stille Melancholie einen eigenen Reiz verlieh. Von Woche zu Woche zog sich so die Krankheit hin, ohne sich zu entscheiden oder an eigentlicher Gefahr abzunehmen. Während dieser langen Zeit ermüdeten weder Anna noch mein College in ihrer Aufmerksamkeit und Hingebung für Herrn von Protschintzky. Beide wetteiferten mit einander in zärtlicher Pflege und gegenseitiger Aufopferung. Endlich war die längst gehoffte und zugleich gefürchtete Krisis eingetreten. In dem stürmischen Kampfe der Natur mit der Krankheit siegte die Kraft der Ersteren. Allmählich kehrte die Besinnung des Patienten wieder zurück, und sein erster Blick fiel auf die gute Tochter.

Die allerdings nur langsam fortschreitende Genesung wurde von einer Reihe seltsamer Erscheinungen begleitet. Herr von Prodschinsky hatte, wie ich dies nicht selten in jener Typhus Epidemie beobachtete, das Gedächtniß für die jüngste Vergangenheit gänzlich verloren. Er erinnerte sich nicht mehr des letzten Auftrittes mit Brand und erkannte kaum den Verstoßenen. Außerdem bemerkten wir an ihm eine seinem früheren Charakter fremde Weichheit und Zärtlichkeit. Wie die meisten Genesenen überließ er sich mit einer gewissen Gefühlsschwelgerei den Eindrücken seines Herzens, und die Liebe, welche ihn von allen Seiten umgab, schmolz die starren Ecken seiner Natur und verlieh ihm eine ungekannte Milde. Seine Dankbarkeit für die Tochter und für seinen Arzt, dessen Verdienste ihm von allen Seiten angepriesen wurden, kannte keine Grenzen. Er streichelte die Wangen Anna’s und küßte sie, so oft sie seinem Lager nahte, um ihm die noch nöthige Medicin oder eine stärkende Brühe zu reichen. Dieselbe Freundlichkeit zeigte er Brand gegenüber, dessen Hand er so lange in der seinigen festhielt, bis der Doctor sich entfernte, um seinen Berufsgeschäften nachzugehen. Von dem früheren Zwist war natürlich keine Rede, und zwischen den drei Betheiligten herrschte die vollkommenste Harmonie, als wenn eben nichts vorgefallen wäre.

Dieser glückliche Zustand konnte jedoch nicht so fort dauern, dafür hatte der Pfarrer schon gesorgt. Obgleich wegen der noch zurückgebliebenen Schwäche des Reconvalescenten jeder fremde Besuch ärztlich verboten war, so wußte er sich doch in der doppelten Eigenschaft als Hausfreund und Seelsorger Eingang zu verschaffen. Nach und nach frischte er durch seine Gespräche die vergangenen Scenen in dem Gedächtnisse des Gutsbesitzers wieder auf, indem er an das Verhältniß seiner Tochter zu dem protestantischen Arzt erinnerte und wieder so viel Unkraut als möglich unter den Weizen säete. Er ließ Herrn von Prodschintzky in nachdenklicher Stimmung zurück, ohne ihn jedoch zu einem entscheidenden Schritt bestimmt zu haben, was doch die ursprüngliche Absicht des Pfarrers war. In der Seele des Gutsbesitzers fand jetzt ein langer Kampf zwischen seiner religiösen Bedenklichkeit und der Dankbarkeit statt, welche er seinem Arzt und Lebensretter zu schulden glaubte. So oft derselbe kam, wollte er mit ihm ernsthaft reden, ihn in angemessener Weise belohnen und dann für immer verabschieden; aber es fehlte ihm der Muth, diesen Entschluß auszuführen, wie fest er sich auch das vorgenommen hatte. Zur rechten Zeit fielen ihm wieder Brand’s Hingebung und all die Opfer ein, welche dieser ihm gebracht hatte; er dachte an die durchwachten Nächte, an die Mühe, die der Arzt sich mit ihm gegeben. Ein Gefühl von Scham hielt ihn zurück, auf die ihm von dem Pfarrer vorgeschlagene Weise zu verfahren. Auch mit seiner Tochter vermochte er nicht zu reden, da all dieselben Bedenken bei ihrem Anblick in ihm aufstiegen und er lieber Alles gethan hätte, als auf diese Weise ihre zärtliche Liebe zu vergelten.

So verging die Zeit, ohne eine Endscheidung zu bringen. Der Frühling war gekommen, und mit den schönen Tagen begann die Epidemie zu verschwinden; die Zahl der Kranken wurde immer geringer, und die fremden Aerzte, welche nur für die Dauer der Typhus-Periode eine Anstellung von Seiten der Regierung erhalten hatten, kehrten nach und nach wieder in ihre Heimath zurück. Auch Brand rüstete sich zur Abreise, wenn auch mit schwerem Herzen. So viel Mühe sich auch Anna gab, ihren Schmerz über den Abschied zu verbergen, so wenig gelang es ihr, ihren Vater zu täuschen. Herr von Prodschintzky bemerkte nur zu bald die Blässe ihrer Wangen, die Abnahme ihrer Heiterkeit, all die Zeichen, durch welche sich die innige Liebe wider ihren Willen selbst verräth. Noch war der Typhus nicht gänzlich geschwunden, und der Gedanke, daß eine derartige Gemüthsbewegung seiner Tochter die Krankheit leicht hervorrufen könnte, lastete schwer auf dem Herzen des Gutsbesitzers. Bei dem nächsten Besuche, den ich auf dem Schlosse abstattete, nahm er mich bei Seite, um meine Ansicht und meinen Rath zu hören. Bald machte er mich zum Vertrauten seiner Sorgen und Bedenklichkeiten.

„So steht es,“ schloß er die Unterhaltung. „Meine Anna liebt den jungen Mann, und ich hätte nichts dagegen, wenn er nicht ein Protestant wäre. Verzeihen Sie meine Rede, aber ich bin immer gutes Katholik gewesen und möchte auch als solches sterben. Sagen Sie mir aufrichtig, ob mein Tochter Typhus bekommen und caput gehen kann, wenn es sich grämt.“

„Ich kann Ihnen,“ entgegnen ich, „darüber keine bestimmte Auskunft geben, obgleich eine große Gemüthsbewegung allerdings während der Dauer einer Epidemie sehr leicht schaden und die Krankheit zu einer schnellen Entwicklung bringen kann.“

Während ich so sprach, standen dem Gutsbesitzer die Thränen in den Augen; denn er liebte seine Tochter mit der ganzen Heftigkeit einer rohen, aber auch kräftigen Natur.

„Zum Teufel!“ rief er in komischer Rührung nach einem harten Kampfe aus. „Da wird mir nichts übrig bleiben, als nachzugeben. Aber Sie Doctor sind an all dem Unglück schuld, denn Sie haben mir den jungen Mann in’s Haus geführt.“

„Sie vergessen,“ mahnte ich, „daß Sie seinen Bemühungen das Leben zu verdanken haben. Ohne seine unermüdliche Thätigkeit wären Sie schon längst begraben.“

„Ist sich wahr,“ sagte Herr von Prodschintzky, „aber was wird der Pfarrer sagen?“

Ich suchte, so gut dies anging, seine religiösen Scrupel, welche von Neuem, in ihm erwacht waren, zu beseitigen, indem ich ihn auf die Pflicht der Dankbarkeit und auf den Glauben verwies, der alle guten Menschen zu einer großen, unsichtbaren Kirche der [822] Gegenwart vereint. Er hörte meine Worte mit weit mehr Geduld an, als ich von ihm erwartete, sie schienen einen günstigen Eindruck auf ihn zu machen, denn am Schlusse ergriff er meine Hand und drückte sie. Dennoch möchte ich diese günstige Wirkung weniger meiner Beredsamkeit, als der Veränderung zuschreiben, welche die vor Kurzem erst überstandene Krankheit in ihm zurückgelassen hatte. Auch kam noch ein anderer Umstand hinzu, nämlich die politische Umwälzung des Jahres 1848, deren gewaltige Erschütterungen bis zu diesem fernen Winkel der Monarchie gedrungen waren. Es lag eine revolutionäre Strömung in der Luft, deren Einfluß sich Niemand und selbst Herr von Prodschintzky nicht zu entziehen vermochte. Sein aristokratischer Stolz hatte einen empfindlichen Stoß erhalten, und wenigstens für den Augenblick war er zu einer Nachgiebigkeit gestimmt, die er unter anderen Verhältnissen wohl kaum gezeigt hätte. Vierzehn Tage später zeigte mir mein College seine Verlobung mit der Geliebten seines Herzens an. Ich beeilte mich, ihm persönlich meinen Glückwunsch abzustatten und zugleich ihn seines Amtes als Arzt der Typhuskranken von Seiten der Regierung zu entbinden. Zum letzten Male wanderten wir mitsammen durch das heimgesuchte Dorf.

Es war an einem herrlichen Maimorgen, der mit seinem sonnigen Lichte selbst diese elenden Hütten vergoldete. Ein neues Leben schien nicht nur in der Natur, sondern auch unter den armcn, schwer geprüften Bewohnern erwacht zu sein. Jener Bauer, dessen Wohnung, damals eine Höhle des Jammers, wir zuerst betreten hatten, begegnete uns vor seiner Thür. Er war eben im Begriff, auf das Feld hinaus zu fahren, um die ihm von der Regierung geschenkten Saatkartoffeln zu stecken. Mit freudestrahlendem Gesichte eilte er auf uns zu, um uns nochmals für unsere Bemühungen zu danken.

„O! jetzt ist Alles wieder gut,“ sagte er auf unser Befragen. „Die Noth hat ein Ende, und die Krankheit ist geschwunden. Meine älteste Tochter hat einen Dienst auf dem Schlosse gefunden, und das gnädige Fräulein hat ihr versprochen, wenn sie sich gut aufführt, sie mit in die Stadt zu nehmen. Es fehlt uns nichts, wir haben Getreide und Kartoffeln. Die Saaten stehen schön, und wenn Gott will, so wird es eine gute Ernte geben. Wir sind viel besser als vor der Krankheit daran, denn der Herr Landrath sieht jetzt darauf, daß wir nicht verhungern oder sonst Noth leiden.“

Es fehlte nicht viel, so hätte der arme Bauer fast dem Typhus ein begeistertes Loblied gesungen, weil die erwachte Aufmerksamkeit der Regierung und die Wohlthätigkeit der veerschiedenen Vereine seinen Zustand wesentlich verbessert hatten. Als er endlich mit tausend Segenswünschen sich entfernte, konnte ich meine Gedanken nicht länger unterdrücken.

„An dieser Stelle,“ sagte ich zu meinem Freunde, „haben Sie an der Güte der Vorsehung gezweifelt und gegen ihre Weisheit gemurrt. Müssen Sie nicht jetzt eingestehen, daß Sie geirrt und daß ich Recht behalten habe? Sehen Sie den armen Bauer, der uns soeben verlassen hat, denken Sie an Ihr eigenes Glück, und Sie werden mir gewiß beistimmen, daß selbst in den schwersten Leiden sich die göttliche Weisheit und Güte offenbart. Die schreckliche Krankheit, welche das arme Land heimgesucht, hat für das Ganze, wie für den Einzelnen, neben vieler Trauer auch Heil und Segen gebracht. Wie in der Natur folgt auch im Leben auf den harten Winter der schöne Frühling, dem wir jetzt in jeder Beziehung entgegen gehen.“

Während ich so sprach, stieg eine Lerche aus der dunkeln Furche, vor der wir standen, jubelnd zum Himmel empor. Die dürren Aeste der Bäume hatten sich mit frischen Blättern und weißen Blüthen bekleidet, und das junge Grün der Saaten lachte im goldenen Sonnenschein. In der Ferne erblickten wir ein liebliches Mädchen, das uns entgegenkam. Es war die holde Anna am Arme ihres Vaters, die mit bräutlicher Ungeduld uns aufsuchte. Bei meinem unerwarteten Anblick erröthete sie vor süßer Scham. Mein Freund nahm ihre Hand, die er zärtlich an seine Lippen drückte, wobei sein Auge von Glück und Freude leuchtete; ich aber dachte im Stillen an das alte Sprüchwort: auf Regen folgt Sonnenschein.

Max Ring.