Ein Besuch bei Omer Pascha

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Textdaten
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Autor: unbekannt
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Titel: Ein Besuch bei Omer Pascha
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 10, S. 114
Herausgeber: Ferdinand Stolle
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1854
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[114] Ein Besuch bei Omer Pascha. Ein vom „London Journal“ in’s türkische Lager gesandter Correspondent schreibt in seinem ersten Briefe: „Schumla den 16. Decbr. 1853. – Ich schickte meine Empfehlungsbriefe sofort zu Omer Pascha und bekam schnell die Antwort, daß er bereit sei, meinen Besuch anzunehmen. Demgemäß begab ich mich ohne Verzug in sein Bereich, eines der besten Häuser des Ortes, obgleich es in Europa ärmlich genug aussehen würde. Durch einen Thorweg kam ich in einen Hof, von welchem eine Treppe außen in das erste Stockwerk führt. Ich stieg hinauf und fand mich zunächst unter einer bunten Mischung von Offizieren und allerhand fremdartigen Gestalten. Ich ließ mich melden und wurde sofort in sein Zinmer geführt, eine große Räumlichkeit, deren drei Seiten mit Divans bedeckt waren. In der Mitte stand ein Mongol, ein großes Kohlenbecken, am obern Ende ein großer Kamin, dessen Architectur an eine Moschee erinnert. Stühle und Tische gab es nicht. Omer Pascha saß auf dem Divan, nahe am Feuer, mit einem großen Chibuck (türkischen Pfeife) zur Seite, inmitten von Papieren und Karten. Etwas fern von ihm saßen drei Paschas ebenfalls mit Pfeifen, aber nicht rauchend. Nach türkischer Etikette müssen sie dazu erst aufgefordert werden. Er fing mit mir ohne Förmlichkeit ein langes Gespräch in französischer Sprache an, die er flüssig spricht. Doch ist Italienisch seine eigentliche Muttersprache, obgleich er auch gut Deutsch, Türkisch, Ungarisch und Armenisch verstehen soll. Was mir zuerst an ihm auffiel, war, daß er nicht die geringste Aehnlichkeit mit den vielen Portraits hatte, die in England und Frankreich von ihm erschienen. Er sah überhaupt nicht so barsch aus, als er mir in der Phantasie erschienen war. Man denke sich den großen Schnurrbart, der seinen Mund bedeckt, und den grauen Bart darunter hinweg, und er muß wie ein ganz feiner Engländer aussehen, der natürlich dann einen röthlichen Backenbart und hinten gescheiteltes Haar haben muß. In seinen Augen leuchtet etwas Sanftes, Gutmüthiges, Aufrichtiges, das sofort alle Befangenheit verscheucht. Er vereinigt Bonhommie mit Manneswürde. Nach und nach entdeckt man in dem Gesichte die Züge herkulischer Willenskraft und Kühnheit. Die Falten im Gesicht sind massiv, wie in Stein gehauen. Man sieht, daß er viel in sich gekämpft und gearbeitet haben muß. Sein Geist thront auf der Stirn. Mitten im Gespräche zuckte zuweilen das Auge unter den gewaltigen Brauen, und ich dachte jedesmal an den in Zorn gebrachten Löwen. In seinem äußern Benehmen ist er vollkommener Weltmann, höflich und unerschöpflich geduldig. Seine Bemerkungen, selbst über Dinge, die kein näheres Interesse für ihn haben konnten, verrathen Scharfsinn und vielseitige Bildung. Seine genaue Kenntniß der englischen politischen Verhältnisse überraschte mich, doch war er zu höflich dem Engländer gegenüber indirect zu urtheilen. Er urtheilte gewöhnlich in fragender Form! In Bezug auf andere Staaten war er offener und sprach ganz unverholen seine Ueberzeugung aus, daß auch England, falls es auch vorläufig wieder einen Frieden erkünstle, über Kurz oder Lang den entscheidenden Kampf mit Rußland durchmachen müsse, denn beider Staatsprincipien (oder vielmehr Volksrichtungen) seien sich so entgegengesetzt, daß beide Staaten nicht große Staaten in Europa bleiben könnten. Es kann keine Indiscretion in Mittheilung dieser Aeußerungen liegen, da er sich ganz in derselben Weise stets ganz unverholen gegen alle Engländer und sonstige Fremde, die ihn besuchten, aussprach.“