Ein Besuch im zoologischen Garten zu Berlin

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Textdaten
<<< >>>
Autor:
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Ein Besuch im zoologischen Garten zu Berlin. (Erster Artikel.)
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 47, S. 672–676
Herausgeber: Ferdinand Stolle
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1858
Verlag: Verlag von Ernst Keil
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Leipzig
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung: Rundgang durch den Zoologischen Garten Berlin
Ein Besuch im zoologischen Garten zu Berlin. II Zweiter Artikel
Wikipedia-logo-v2.svg Artikel in der Wikipedia
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
[[Bild:|250px]]
Bearbeitungsstand
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite


[672]
Ein Besuch im zoologischen Garten zu Berlin.
(Erster Artikel.)

Nach Berlin reist man bekanntlich nicht seiner Gegend wegen, es müßte denn in sehr melancholischer Stimmung sein, sondern es sind die Sammlungen und Werke der Kunst und Wissenschaft, welche die Besucher zur Metropole der Intelligenz hinziehen. Es ist in dieser Beziehung während der letzten Jahrzehnte Außerordentliches dort geleistet worden.

[673]
Die Gartenlaube (1858) b 673.jpg

Die Bärengrube im zoologischen Garten zu Berlin.

[674] Der zoologische Garten, am Ende des stauberfüllten, gleichwohl aber von jedem Vollblut-Berliner innig verehrten „Thiergartens“ gelegen, gehört unter die Sammlungen, welche selbst von denen, die nur wenige Tage an einen Berliner Aufenthalt wenden können, gewiß besucht werden. Er bildet einen umschlossenen, von hübschen Gartenanlagen verzierten Hain, welcher in allen Richtungen von Wegen durchkreuzt ist, an denen in kleinen Entfernungen die einzelnen Gehege und Behälter der verschiedenen Thiere sich befinden. Man macht somit von Einem zum Andern gehend einen angenehmen Spaziergang, und da nach jedem Gesehenen der Weg zum Folgenden eine kleine Erholung gewährt, so hat man den Vortheil, nicht zu schnell zu ermüden, was bei der beträchtlichen Anzahl der Thiere sonst leicht der Fall wäre.

Freilich Mancher, der die stehenden Menagerien von London, Paris, Amsterdam und wohl auch Schönbrunn gesehen hat, geht vielleicht achselzuckend wieder heraus.

Aber wenn auch die kaiserliche Menagerie zu Schönbrunn, die der Schreiber dieses auch gesehen, großartiger erscheint wegen ihrer reichen Anzahl von imponirenden Thieren, so ist doch jedenfalls der Berliner zoologische Garten viel unterrichtender, also bildender, und das soll der wahre Zweck eines für das Publicum bestimmten Institutes sein. Er ist unterrichtender, weil man, so weit es überhaupt die Verhältnisse zulassen, fast immer die hauptsächlichsten Gattungen aus den drei obersten Thierclassen vertreten findet und weil diese Vertretung wo möglich auch mit durch unsere inländischen Thiere geschieht. Wie viele Besucher, denen Löwe und Tiger abgedroschen vorkamen, haben z. B. dort zum ersten Male Dachs, Fuchs, Hirsch, Reh, Eber, Reiher, Kranich u. dgl. lebend in der Nähe gesehen, denn alle diese Thiere werden von den Besitzern reisender Menagerien verschmäht, weil sie den großen Haufen nicht locken, es müßte denn sein, daß, wie dies z. B. schon Jahre lang in einem reisenden „Thiermuseum“ geschah, unser heimischer Dachs, der biedere Grimbart, als afrikanischer Honigdachs vorgestellt ward. Dieser Schwindel ist indeß eben nur mit wenigen unserer einheimischen Thiere zu riskiren.

Versuchen wir nun in Folgendem, denen, die das Institut noch nicht kennen, eine kurze, vielleicht zum Besuch anregende Schilderung, denen, die es besucht haben, eine kleine Erinnerung zu geben.

Das Eintrittsgeld von 5 Sgr., (2½, wenn wir Handwerksbursch, Soldat oder dgl. sind) ist bezahlt, und das Geschrei und Gekreisch der gleich am Eingang sichtbaren Papageien, welches unparteiisch einen Jeden empfängt, schallt auch uns entgegen. Bei ihnen – vorüber denn wer hat nicht rothe und blaue Aras, gelb- und rothgehaubte Kakadus gesehen? – folgen wir der ersten, als Wegweiser sich zeigenden, auf einer Tafel gemalten Pfeilspitze, wie sie durchweg im ganzen Garten den zu verfolgenden Weg bezeichnen, so daß man sicher ist, sich höchstens zweimal zu verirren, wenn man ihnen folgt.

Ein schwerwandelndes Thier mit gewaltigem Geweih schreitet in seinem Gehege einher. Wie gemästet tritt es uns entgegen in seiner feisten Fülle, und wenn der Wapiti- oder Riesenhirsch aus Canada, denn ein solcher ist es, in seiner heimathlichen Freiheit dieselbe Feistigkeit erreicht, so mag er wohl mehr Kraft, schwerlich aber dieselbe Flüchtigkeit entwickeln, wie unser einheimischer Edelhirsch. Die Last seines mächtigen, wohl vierzehnendigen Geweihes trägt er nur mit gesenktem Haupte, und gleichwohl macht sein ganzer Anblick den Eindruck einer imponirenden Kraft. Dieser Hirsch war früher mit einem andern von gleicher Größe zusammen in einem Gehege, derselbe wurde aber verkauft, und so hat der Zurückgebliebene Jahre lang ein einsames Leben geführt, bis ihm kürzlich als Gefährtinnen zwei Hirschkühe derselben Art beigesellt worden sind; mochte aber die Jahreszeit für ihn noch nicht gekommen sein, oder war er durch Noth ein unverbesserlicher Junggesell geworden, genug, er nimmt jetzt keine Notiz von ihnen.

Das unaufhörliche Gekreisch und Gequiek aus dem nebenanstehenden Haus bezeichnet uns dasselbe, noch ehe wir die Urheber sehen, als das Affenhaus, einen der wichtigsten Anziehungspunkte des ganzen Gartens. Und in der That, selbst wer das Treiben dieser Gauner hundertmal gesehen, wer sich vorgenommen, gar nicht hinzusehen, wird doch, ist er einmal dort, unwillkürlich ihnen einige Blicke zuwenden, und wohl schwerlich ein Lächeln unterdrücken können. Es ist daher die dort aufgehängte Tafel, auf welcher vor Taschendieben gewarnt wird, nirgends so am Platze, wie hier, wo das Publicum über der Aufmerksamkeit auf das stets wechselnde Schauspiel vor sich leicht die nöthige Vorsicht vergessen kann.

Nur einige Minuten braucht man sich am Affenhaus aufzuhalten, um fast immer Zeuge komischer Scenen zu sein. Das eine Mal herrscht vielleicht allgemeiner Hader und Flucht der schwächern Partei, oft erregt auch nur ein Einzelner durch arrogantes Benehmen das Mißfallen der Andern, und rächt sich dafür, wenn er sich fühlt, durch entschiedenes Mißhandeln derer, welche er erreicht. Spaßhaft ist es, wenn ein Langgeschwänzter an dem verlängerten Theile seines werthen Ichs erfaßt und erbarmungslos daran herumgezerrt wird; er hat oft Ursache genug, die Verzierung hinwegzuwünschen. Freilich gibt es auch Scenen, die besser hinter den Coulissen vor sich gingen. Eine indeß, welche auch das Licht des Tages nicht zu scheuen hat, wird dem, der sie gesehen, nicht leicht aus dem Gedächtniß entschwinden. Wenn die Mittagshitze am höchsten gestiegen, und allgemeiner Waffenstillstand die Folge davon ist, sitzt oft die ganze zahlreiche Gesellschaft in Gruppen zu Zweien und Dreien auf dem Boden vertheilt, und Alle sind emsig beschäftigt, gegenseitig die wahre Bedeutung der vier Buchstaben L, a, u, s aufzufinden. Der Ernst und die Sachkenntniß, welche dabei entwickelt werden, können der Wichtigkeit des Gegenstandes nicht angemessener sein, und hat schon eine einzige solche Gruppe viel Komisches, so ist der Anblick dieses ganzen Vereins in der That höchst lachenerregend.

Gewiß ist es, nicht das Ebenbild, sondern die furchtbarste Carricatur des Menschen bleibt der Affe!

Verlassen wir endlich das Affenhaus, was Manchem schwer genug wird, so werfen wir noch vorher einen Blick auf die Schildkröten, welche auf einem runden, durch Korbwerk umschlossenen Grasplatz sich bewegen, und an der Innenseite ihrer Gefängnißwand durch fortwährendes Herumgehen sich einen Pfad ausgetreten haben, den sie nun beschreiten können, ohne je umkehren zu müssen, ein Vortheil, der bei dem vorauszusetzenden Begriffsvermögen einer Schildkröte dem Zustande der Freiheit ziemlich nahe kommen muß.

Länger halten wir uns in dem Häuschen des Kaimans oder südamerikanischen Krokodils auf, welcher indeß fast stets in seinem Wasserbehältniß liegt, und nur ausnahmsweise auf dem Sandboden nebenan zu sehen ist. Sieht man ihn aber dann die wenigen Schritte thun, welche der enge Raum zuläßt, so schleift er keineswegs den Bauch am Boden, wie man aus der Stellung beim ruhigen Liegen zu schließen geneigt sein könnte, sondern er bewegt die kurzen Beine in ziemlich senkrechter Richtung und viel gelenkiger, als die langsame Schildkröte.

Es ist dies überhaupt einer der vielen Vortheile, welchen die zoologischen Gärten vor den wandernden Menagerien voraus haben, daß man fast in allen Fällen die Thiere in ihrer eigenthümlichen Bewegungsart beobachten kann, denn bei letztern ist wegen der stets gebotenen Raumersparniß die Möglichkeit derselben fast nie gegeben. Der besprochene Kaiman ist übrigens sechs Fuß lang, also schon von respectabler Größe.

Der Vortheil einer frei gewährten Bewegung tritt auch bei dem zunächst sich präsentirenden Kasuar, welcher neben zwei neuholländischen Straußen logirt, in helles Licht. Von letzteren ist leider der eine lahm, und auch dem andern fehlt die Lebendigkeit, wie man sie bei Rennvögeln gern voraussetzt. Dagegen erstaunt man über die gewaltigen und dröhnenden Schritte, mit welchen der Kasuar nach einem hingeworfenen Brocken sich stürzt, er ist voller Leben und voller – Freßgier. Gewiß erfordern auch seine gewaltigen Beine, die mit ihrer langen Innenkralle eine mächtige Waffe abgeben müssen, einen lebhaften Stoffwechsel. Ueberhaupt ist er ein stattlicher Gesell, mit seinem pechschwarzen, fast haarartigen Kleide, seinem prachtvoll blauen Halsbehänge mit den beiden rothen Päffchen unten dran und dem festen Helm auf seinem Kopf. Das herrliche Braun seiner glänzenden Augen leuchtet stets im feurigen Glanze und die nickende Bewegung seines Halses läßt in der Sonne dessen [675] schönes Blau in stets wechselnder Beleuchtung erscheinen. Es soll übrigens seit Kurzem auf der Insel Neu-Guinea eine neue Kasuar-Art entdeckt worden sein, welcher der englische Naturforscher Owen nach der eingesandten Beschreibung und Abbildung auch schon den Namen gegeben hat. Bestätigt sich die Entdeckung und ist sie nicht eine von denen, die sich zuletzt in ein längst bekanntes Thier auflösen, so wäre dies wieder ein Beweis, daß selbst von den großen in’s Auge fallenden Naturformen noch Manches dem Forscherauge der gelehrten Reisenden zu entgehen im Stande ist. Dasselbe beweist auch die erst in diesem Jahrhundert erfolgte Entdeckung des indischen Tapirs, der doch in dem den Holländern längst zugänglichen Sumatra lebt.

Blos im Vorübergehen betrachten wir ein kleines mit Baumrinde bekleidetes Eulenhäuschen, blos das Häuschen, denn den darin wohnenden Eulen zu Gefallen ist die Dunkelheit darin so groß, daß man z. B. blos eine Ahnung von der Schönheit bekommt, welche die Schleiereule unter ihres Gleichen auszeichnen soll.

Nicht weit davon ist ein Wasser, welches bald als schmaler Graben, bald mehr als Teich in viel veränderter Richtung den ganzen Garten langsam durchfließt und in zwei Hälften theilt. Es berührt die Aufenthaltsorte der vorzugsweise das Wasser liebenden Thiere und ist, wo nöthig, überbrückt.

Gleich hier an der ersten Brücke rechts befand sich früher ein amerikanischer Tapir, den man oft wohl Stunden lang bis an die Nase im Wasser konnte stehen sehen. An seiner Stelle sind jetzt die bekannten chinesischen Gänse; links von der Brücke hingegen, wo sich das Wasser etwas erweitert und kleine baumbewachsene Buchten und Inseln bildet, tummelt sich eine zahlreiche Gesellschaft von Schwimm- und Wadvögeln herum. Hier fallen die komischsten Verwechslungen vor. Wie überall, so ist nämlich auch hier der Name der gerade vorhandenen Thiere auf einzelnen Täfelchen verzeichnet. Da nun Pelikan, Reiher, Kranich, schwarzer Schwan, weiße und schwarze Störche, Bernickel- und andere Gänse bunt durcheinander laufen, so steht z. B. manchmal der schwarze Schwan gerade neben der Tafel, welche den Kranich nennt, der Pelikan in der Nähe der ihn als Storch bezeichnenden Tafel. Sicher kann man alsdann sein, daß, wenn eine Gesellschaft Besucher sich naht, deren Mitglieder Laien in der Zoologie sind, und zwar mehr Laien als erlaubt ist, daß dann der Schwan sofort als Kranich freudig begrüßt, und der merkwürdig lange Schnabel des vermeintlichen Storchs bewundert wird. Kommt nun freilich einer der wirklichen Störche zum Vorschein, so erkennt man wohl seinen Irrthum, aber selten dürfte hier eine Gesellschaft ganz aufgeklärt weiter ziehen.

Höchst anziehend ist das Treiben dieser Vögel für den aufmerksamen Beobachter. Da stehen die drei oder vier grauen Reiher, den Kopf und Hals eingezogen, am oder im Wasser. Unbeweglich, gleich Bildsäulen, verräth blos ihr feuriges, raubgieriges Auge das Leben in ihnen. Aber plötzlich schießt der Kopf wie ein Pfeil in’s Wasser, und mit einem von der Fütterung übrig gebliebenen Fisch oder Stück Fleisch im Schnabel taucht er in demselben Augenblick wieder auf. Ebenso die Pelikane: eifrig schwimmen sie auf dem Wasser hin und her, nach Beute unter dem Wasser spähend. Ist sie erblickt, so verschwindet unter dem hochaufklatschenden Wasser der Kopf im Augenblick und das Erfaßte ist sofort mit hochgehaltenem Schnabel verschluckt.

Einen prächtigen Anblick gewährt der schwarze Schwan, wenn er, die flüchtigen Gänse vor sich hertreibend, mit gewaltigen Ruderschlägen das Wasser durchschneidet, oder wenn er, sein Gefieder, und besonders seine schönen gekräuselten Rückenfedern ordnend, den langen ungewöhnlich schlanken Hals in den herrlichsten Linien bewegt, und die Sonne durch ihre Beleuchtung das Schauspiel vollendet. Die beiden weißen nur gemeinschaftlich sich bewegenden Störche machen hingegen einen mehr komischen Eindruck; mit eigenthümlicher Gravität steigen sie einher, oder lassen vielleicht gar beide zugleich mit auf den Rücken gelegten Köpfen und senkrecht in die Höhe stehenden Schnäbeln ihr närrisches Klappern eifrig und, wie es scheint, zu großer Erbauung ihrer selbst ertönen.

Eine fatale, aber unvermeidliche Operation mag für die Vögel das Verschneiden der Flügel sein, denn da ihr Aufenthaltsort blos eine Umgitterung, wegen der Bäume und der Größe des Raumes aber keine Bedachung hat, so kann blos dadurch ihr Entweichen verhütet werden, und die Beobachtung, daß bei wieder wachsenden Schwungfedern ein Vogel mit Erfolg Flugübungen anstellt, ist zugleich die Mahnung, hier einzugreifen.

Ist es recht ruhig, vielleicht Vormittags, wo die Besucher nicht zahlreich sind, so hört man, wenn man den Wasservögeln zuschaut, ein eigenthümliches, in regelmäßig kurzen Zwischenräumen wiederkehrendes Knistern oder mehr leises Klappern. Es sind dies die Rennthiere, die sich in der Nähe befinden, und zwar ein Bock, eine Kuh und ein Junges, welches letztere, irren wir nicht, im Frühjahr dieses Jahres im Garten selbst geboren wurde. Obgleich der Bock mit einem ganz bedeutenden Geweih, welches überhaupt beim Rennthier sich durch seine Größe auszeichnet, gekrönt ist, so ist doch das ganze Thier eigentlich nicht schön. Der in gleicher Linie mit dem Rücken gesenkt getragene Hals, der mehr knochige Bau geben ihm etwas Kuhartiges, wozu auch die breiten Hufe, die sich beim Auftreten noch mehr auseinander breiten und das Thier dadurch zum Laufen auf dem Schnee befähigen, nicht wenig beitragen. Die Hufe sind es auch, welche an den Hinterbeinen beim jedesmaligen Aufheben des Fußes zusammenschlagen und jenes Knistern verursachen. Rastlos wandern die Thiere, eins hinter dem andern, den ganzen Tag an den Schranken ihres Geheges entlang, nur bisweilen auf kurze Zeit bei einem Haufen weißlichen Mooses verweilend, jedes Mal aber durch zahllose Mücken und Fliegen, von denen sie arg geplagt werden, bald wieder verscheucht.

Denen, welche wissen, daß bei dem Rennthier auch das Weibchen Geweihe trägt, muß es auffallen, daß die hier befindliche Renthierkuh zu der Zeit, wo doch der Bock sein Geweih hat, keine Spur eines solchen zeigte. Da unser Besuch in den August fällt, so ist übrigens das Geweih des Bockes noch von seiner dünnbehaarten Haut (dem Bast) umgeben und hat daher, wie überhaupt die Geweihe auch der andern Hirscharten, ein fremdartig haariges Ansehen. Anziehend ist es jedenfalls, das Thier, welches gewissermaßen als die Lebensbedingung der Lappländer und anderer nördlicher Völker bekannt ist, hier zu beobachten, zumal dasselbe, gleich dem Kameele des Südens, den Beweis liefert, daß manchmal da die Schönheit am meisten fehlt, wo der Nutzen am größten ist.

Einige Schritte von den Rennthieren wohnen die eigentlichen Edelhirsche, die Bewohner unserer Wälder. Es ist hier immer ein kleines Rudel zu finden, bestehend aus einem älteren Bock, einigen jüngeren und mehreren Weibchen und Jungen, so daß man stets Gelegenheit hat, die Geschlechter in ihren verschiedenen Altersstufen kennen zu lernen. Sind außerdem noch vollständig erwachsene Böcke vorhanden, so werden diese gewöhnlich abgesperrt, um Kämpfe zu vermeiden. Wir können uns hier füglich kurz fassen, da in diesem Blatte der Hirsch in der Pracht seines freien Waldlebens bereits so schön geschildert wurde, daß die beste Schilderung nach gefangenen Thieren von vornherein verfehlt wäre. Auch sie werden außerordentlich von Fliegen geplagt und legen sich, besonders die Böcke, deswegen und wohl auch wegen der Hitze oft gleich in’s Wasser, wenn ein Regen die dazu hergerichtete Vertiefung mit Wasser gefüllt hat.

Schon von weitem erblicken wir jetzt durch das Gebüsch das schneeweiße Fell eines hin und her gehenden Thieres, eines erst zwei Jahre alten, aber für dieses Alter schon ganz respectabeln Eisbären. Wir befinden uns, näher kommend, an einem Häuschen, welches, innen in mehrere Behälter getheilt, nach außen rechts und links mit ziemlich großen, oben gleichfalls geschlossenen Eisenkäfigen versehen ist, deren mit Steinen gepflasterter Fußboden in der Mitte ein Wasserbassin enthält. Die ganze Einrichtung ist den Bären gewidmet, zur Zeit dem oben erwähnten Eisbär und zwei Exemplaren des in der letzten Zeit vielgenannten grauen Bären. Der Eis- oder Polarbär auf der einen Seite des Hauses ist ein prächtiges Thier, wie man es in reisenden Menagerien wegen des immer nicht ganz zu vermeidenden Schmutzes wohl nie finden wird.

Auf der entgegengesetzten Seite des Hauses kauert in einem anderen Käfige der gefürchtete graue Bär. Seit die Felsengebirge Nordamerika’s mehr durchforscht werden sind, ist dieses Thier sehr häufig genannt worden, und es scheint in diesen Gegenden eine bedeutende Rolle zu spielen. Als eine Lücke würde es wenigstens erscheinen, wenn in einem Reisewerke über die dortigen Regionen seiner nicht erwähnt würde, und auch auf der Expedition, deren Erlebnisse in dem neuen Werke von Möllhausen so anschaulich geschildert werden, wurden zahlreiche Fußspuren einer wegen Wassermangel ausgewanderten Bärengesellschaft entdeckt, obgleich ein Zusammentreffen mit den Thieren selbst nicht stattgefunden zu haben scheint. Die beiden hier befindlichen Exemplare haben zwar offenbar [676] nicht die Größe, wie sie das Thier in der Freiheit erreicht, immerhin aber kann man sich eine ziemliche Vorstellung von ihrer Gefährlichkeit machen. Die Krallen z. B. erreichen eine ungeheuere Länge schon bei dem einen größeren Thiere. Dasselbe ist schon seit Jahren blind, verräth aber eine solche Sinnenschärfe in Bezug auf Geruch und Gehör, daß viele Besucher es füttern und von dannen gehen, ohne das Fehlen jenes Sinnes bemerkt zu haben; so schnell findet der Bär jeden hingeworfenen Brocken, selbst aus dem Wasser, heraus. Sehr anziehend ist es, wenn er ein Bad in seinem Bassin nimmt, wobei er mit seinen breiten Vordertatzen das Wasser mit großem Eifer um sich herumschleudert.