Ein Besuch in Weimar

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Titel: Ein Besuch in Weimar
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aus: Die Gartenlaube, Heft 13, S. 136-140
Herausgeber: Ferdinand Stolle
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Erscheinungsdatum: 1853
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Ein Besuch in Weimar.

Endlich einmal in Weimar! Dort, 800 Schritte südlich, liegt dieses moderne Athen vor mir so freundlich einladend, obgleich in dieser Schneetrauer am Tag vor Frühlings Anfang. Meine Frau war so ergriffen von dem langersehnten Anblick, daß sie sich unmöglich entschließen konnte zur Einschachtelung in einen Omnibus oder Fiacker, mich am Arm nahm und dem Menschenzuge zur Stadt auf dem Fußwege nachschlenderte. Die Thauluft hatte bereits etwas zaghaft an dem Schnee geleckt, der Wind seine Spiele geübt, der Weg war nichts weniger als anmuthig. Das Geheimniß, comfortable Fußwege zu machen und sie gut zu erhalten, scheint wirklich in Ilm-Athen noch unter [137] die unentdeckten zu gehören. Außerhalb geht es noch nothdürftig, aber der Hohlweg durch die sogenannte Brühlgasse, mit seinen achtzehn Zoll breiten Trottoirs voll Hügeln und Pfützen und Dachtraufen ohne Rinnen erinnert sehr liebenswürdig an manche klassischen Dörfer. Warum sollte man auch in einer Residenz voll wahren Ruhmes zu den vielen Mühen des Lebens noch die hinzufügen, die Fußwege gangbar zu erhalten, wie auch die Witterung sein möge? Die Einwohner haben sich an dergleichen mit stoischer Resignation gewöhnt und die Fremden mögen sich sogleich beim Eintritt überzeugen, daß hier höhere Ansprüche als an solche Alltäglichkeiten zur Geltung kommen.

Die Gartenlaube (1853) b 137.jpg

Schiller’s Arbeitsstube in Weimar.

Der Appetit trieb uns nach dem Gasthof. Einige Reisende, ein Paar junge Beamte und dramatische Künstler bildeten die ziemlich belebte Table d’hote. Kaum hatten wir Platz genommen, so traten zwei zierlich gekleidete junge Männer heiter herein, mit einem flüchtigen Blick erforschend, wohin sie sich setzen sollten. Aber majestätisch, wie der grollende Poseidon aus den Wogen des Meeres, tauchte der Wirth über das Tischtuch empor und rief den beiden Ankömmlingen gebieterisch zu: „Meine Herren, hier wird nicht für Sie gekocht!“ Sie entfernten sich und Stille herrschte ringsum. „Wessen schweren Vergehens haben sich diese beiden Herren schuldig gemacht, daß die ganze Gesellschaft eine solche Behandlung duldet?“ frug ich erstaunt meinen Nachbar. „Die Herrn haben sich gestern die Bemerkung erlaubt, daß der Braten nicht so gut wäre wie gewöhnlich. Das darf nicht sein. Wir Weimaraner sind sehr empfindlich gegen jeden Act der Polizei von Seiten des Staats und der Commun und würden Zeter schreien, wenn von Censur wieder die Rede werden sollte, aber unsre Wirthe dürfen strengste Polizei üben und haben das Recht, auch nicht den allerleisesten Zweifel gegen ihre Allvortrefflichkeit zu dulden. Höflichkeit darf der Wirth nicht auf die Rechnung bringen, also ist er solche auch nicht schuldig.“

Wir wählten zur Besichtigung der Stadt einen Lohndiener und machten uns bald auf den Weg.

Es war weder Freitag noch Sommer, also mußten wir mit der Betrachtung der Außenseite von Goethe’s Haus uns begnügen und trotz seines weltberühmten Salve! mißmuthig weiter gehen. Die Goethe’schen Erben haben ohne Zweifel ein Recht freiester Verfügung über ihr Eigenthum. Aber dieses ihr Eigenthum ist gewissermaßen zugleich Eigenthum der gesammten deutschen Welt, ein Wallfahrtsort, nach dem Pilger aus allen Welttheilen sich einfinden. So darf man vielleicht wohl fragen, was denn die üble Laune hervorgerufen, welche dieses Denkmal des großen Geistes der Welt verschließt und nur so wenigen Glücklichen an einigen Stunden der Sommerfreitage eröffnet. Diese herbe und befremdliche Maßregel ist nicht gleichgültig für Weimar, sie ist es nicht für Hunderte und Tausende von Reisenden, sie ist es nicht für den nationalen Geist und Sinn. Ist keine Aenderung zu hoffen? Wie könnte man sie erzielen?

Der Cicerone leitete unsere Schritte nach dem Kirchhofe, um unterwegs einen Neubau sehen zu lassen: die Freimaurerloge Amalie. Der Baumeister des Rathhauses hat auch dafür den sogenannten freien gothischen Styl gewählt und, irren wir nicht, sinniger und glücklicher als bei dem Rathhaus. Dieser Bau erscheint uns als ein erfreulicher Fortschritt des Künstlers und gehört jedenfalls zu den besten, was Weimar an Bauten besitzt. – Wir standen an dem neuen Kirchhof und der Cicerone bat mich, [138] mit einem bedeutsamen Wink nach einem Placate an der Eingangsthüre, um gefällige Beseitigung der Cigarre. Richtig, da steht es groß geschrieben: „das Rauchen auf dem Kirchhofe ist bei einem Thaler Strafe verboten.“ Der Mensch ist von Natur ein polizeiwidriges Geschöpf und allzeit geneigt, der Polizei unrecht zu geben, aber ich bin ein ziemlich guter Mensch und freute mich daher herzlich, der Polizei auch einmal ein Belobungsdekret ausstellen zu können für dieses odi profanum vulgus. Es liegt in der That etwas Unschickliches, ja Empörendes darin an dem Orte der Hingeschiedenen, wo Pietät, Schmerz und Trauer ihrer mit der Ewigkeit sie verknüpfenden Betrachtungen, Empfindungen und Träumen sich hingeben, kalt und barsch umherzuwandeln, seiner Neugierde, seinen historischen oder ästhetischen Studien mit Cigarrendampf zu huldigen und alles tiefst Menschliche darüber außer Acht zu lassen. –

Der Kirchhof ist gerade keiner der schönsten und sinnigst angelegten noch gepflegten, aber immerhin sehr freundlich. Es gibt ein gutes Zeugniß für Weimars Bewohner, daß man auch in dieser Jahreszeit der reizlosen Schneemonotonie andere Besuche, als die der Neugierde und der Touristen hier findet. Die Betrachtung des Leichenhauses mit allen, von Hufeland angeordneten und von Schwabe vervollkommneten Anstalten zu Verhütung des schaudervollen Lebendig-Begraben-werdens, hatte in diesem Augenblick nichts Lockendes für uns. Wir sehnten uns nach der Fürstengruft, und dort südlich auf der Anhöhe ragt sie hoch empor und harrt bereits der Hofdiener unserer Ankunft. Früher soll es sehr vieler Umständlichkeiten bedurft haben, um diese Fürstengruft besuchen zu können. Dem neuen Hofmarschall muß man zum Ruhm nachsagen, daß er diesen Uebeln ein Ende gemacht und die Betrachtung wesentlich erleichtert hat. Man geht oder sendet in die Hofmarschallamtskanzlei und bestellt, um welche Zeit man in die Fürstengruft wolle und pünktlich wird der Hofdiener auf seinem Posten erscheinen. Auch im Innern ist trefflich für die Besucher gesorgt. Man erwarte kein großes Prunkgebäude. Ueber einem Stufenabsatze steht die von Carl August 1824 durch Coudray erbaute Fürstengruft, ein quadratischer Bau mit dorischem Portal, Segmentfenstern und Kuppelaufsatz. Innen in der Mitte tragen vier Pfeiler, verbunden durch Halbbögen, worin Wappen, das Kuppeldach. An der Rückwand der Altar; vorn im Boden die runde umgitterte Oeffnung, um Licht und mittelst einer Vorrichtung die Särge hinabzulassen in die Gruft. In diese windet links dem Eingang eine steinerne Treppe sich hinunter. Das flache Gewölbe der Gruft senkt sich auf vier niedere breite Mauerpfeiler. – Dem Herabgekommenen rechts herum stehen hier sechsundzwanzig Särge, die ursprünglich in zwei Grüften der Kirche im Residenzschloß beigesetzt waren, nach dessen Brande 1774 in einem untern Gewölbe desselben bewahrt, 1825 hier in die neue Gruft versetzt wurden. Diese sechsundzwanzig Särge umschließen von Herzog Wilhelm, † 1662, an sechsundzwanzig Glieder des Fürstenhauses, die das Verzeichniß auf dem ersten Sarge rechts oder der Hofdiener nennt. Am 16. December 1827 ließ Carl August Schiller’s Reste von dem Jakobskirchhofe hierher versetzen, 6 Monate später eröffnete sich die Gruft für Carl August’s Leiche, am 26. März 1832 stellte man Goethe’s Sarg neben den seines Freundes. Die Särge von Goethe und Schiller stehen gerade der Thür gegenüber ....

Dies Alles erzählt man so ruhig, als wenn gar nichts Besonderes daran und Alles nur ein Frühlingstraum wäre, sobald der Hofdiener seine zwanzig Wachskerzen in der Gruft wieder ausgelöscht hat. Dennoch hat man etwas so Außerordentliches gesehen, wie es weder die Westminsterkirche des stolzen London, noch das Pantheon des übermüthigen Paris, noch Roms unvergänglicher Dom aufzuweisen haben. Es ist die feierliche und glänzende Anerkennung des Göttlichen, das von Gottes Gnaden in Männern, die nicht von Fürstinnen geboren worden. Es ist eine heilige Testamentsclausel für alle Thronfolger Weimars, auf welchen Bahnen sie Heil und Ruhm erstreben, für welchen Geist sie einstehen sollen mit Arm und Mund und Herz. Es ist ein Hallelujah hehren deutschen Fürstensinnes, das die Nation vor Verzweiflung bewahrt, wenn sie aller schmachvollen Dinge der neuern Zeit gedenkt. Ja, wenn Deutschland jemals den schönen Ostertag seiner Nationalität zu feiern berufen ist – aus dieser Fürstengruft mit den beiden Dichtersärgen wird er emporsteigen. Hätte Weimar gar nichts als diese Fürstengruft, so wäre es doch für jeden Deutschen der Mühe werth, hieher zu wallfahrten, ein Lorbeerblatt von diesen Särgen zu pflücken, vor Carl August’s Sarkophag ein Knie zu beugen, ein Gebet zu sprechen für Deutschlands Heil und Ehre.

Wie gern wir auch dem edeln Sinne Carl Friedrich’s und Maria Paulowna’s ehrfurchtsvoll gehuldigt, den schönsten Schmuck des Weimar’schen Schlosses – die Dichterzimmer betrachtet hätten, es fügte sich nicht, wir hatten kaum noch zwei Stunden Zeit für uns. So entschlossen wir uns denn zu einem Besuch von Schiller’s letzter Wohnung auf Erden, welche jetzt von dem Stadtrathe treulich gepflegt, täglich und stündlich für Jedermann offen steht.

Die alte Esplanade am alten Frauenthor, wo Linden und Schützengraben einen oft sehr unentschiedenen Kampf um die Oberherrschaft über die menschliche Nase geführt haben sollen und Reihen von Gärten dem Gartengeschmack Weimars nicht gerade ein Loblied sangen, ist nun verschwunden. Sie hat sich in eine sehr stattliche Straße verwandelt und den Namen Schillerstraße gewonnen, kaum zweihundert Schritte von dem Goetheplatz anfangend, endigend an dem unvergänglichen Witthumspalais von Anna Amalie. Ohngefähr in der Mitte der nach Süden schauenden Seite dieser Straße, an der Ecke einer kurzen Verbindungsgasse steht ein unansehnliches, nur sechs Fenster breites Haus, mit sehr niedrigem Erdgeschoß und zwei Etagen hoch. Die Schrift über der Thür sagt uns, daß es Schiller’s Haus ist. Hier wohnte er die letzten drei Jahre seines Lebens.

Einem flinken Redner in der Judenfrage entschlüpften einmal die Worte: „Welchen Anlaß haben wir, uns so gewaltig über die Juden zu erheben? Wir sind ja nicht mehr als verkehrte Juden: sie bedecken ihr Haupt an Orten tiefster Ehrfurcht, und wir entblößen das Haupt.“ So erging es mir unwillkürlich beim Betreten des Flurs dieser heiligen Halle und der überaus gefällige Castellan hatte nicht wenig Mühe, mich zur Bedeckung des Hauptes zu bewegen, da in den oberen Räumen nicht geheizt wird. Eine Dame unserer Gesellschaft war von Neugierde getrieben an die Hinterthür gerathen und rief voll Entzücken: [139] „Schiller’s Gärtchen!“ – Dieses Gärtchen umfaßt ohngefähr 6 Quadrat-Ruthen und enthält nichts mehr von Schiller, als den nun prachtvollen wilden Weinstock, der einst die Laube seiner Zurückgezogenheit und Erholung im Grünen bildete, als noch Garten an Garten sich reihte. Jetzt ist es ein, zwischen den Mauern von 3 Häusern eingeschlossener, und für die auf der Straße Vorübergehenden sichtbar gemachter, fast sonnenloser Raum, der sich durch die Sorgfalt des wackern Castellans jährlich in ein sehr niedliches Blumengärtchen verwandeln soll und mit der herrlichen, über zwei Stockwerke hohen wilden Rebe Schiller’s prunkt. Uns drängte es nach andern Räumen, und da wir weder Architekten noch Archäologen sind, so verschmähten wir den Besuch des Schiller’schen Buschhauses, obgleich es uns sehr merkwürdig wegen seines Gewölbes geschildert wurde und einst Weimars Münzstätte gewesen ist.

Unser eigentliches Ziel, Schiller’s Wohnung, umfaßt das zweite Stockwerk. Ein wohlthuender Schauer durchrieselte uns, als der Schlüssel des Castellans in dem Schloß sich drehte. Die Thür geht auf: Wir stehen in einem Vorsälchen mit allerlei Bildern und Gipswerken geschmückt, wovon nichts dem großen Dichter gehörte, weil keine Erinnerung sich der unter ihm hier bestandenen Einrichtung entsinnen konnte. Der Thür gegenüber am Boden stehen Duzende reinlicher Hausschuhe – für die Besucher. Man muß sich bequemen, sie als Ueberschuhe anzuziehen, damit man nicht der Arbeit der Frauen und Mädchen Weimars im nächsten Zimmer wehe thue. Man ist noch nicht in dem eigentlichen Heiligthum. Auch von dieses Zimmers Einrichtung unter Schiller ist nichts mehr bekannt, und so hat man, meines Erachtens, wohl gethan, eine solche Einrichtung einst fingiren zu wollen. Das wirklich schöne Geschlecht Weimars stickte mit vereinten Kräften einen köstlichen Blumenteppich für den Fußboden und reizende Ueberzüge für die Polster. Der Stadtrath ließ das Zimmer malen und durch Arabesken am Deckengesims manche Gedichte Schiller’s illustriren. Ob Wille und That, Kunst und Geschmack hierbei immer Hand in Hand gegangen, habe ich in der That keiner Untersuchung gewürdigt: die Kritik muß zu rechter Zeit frei sprechen, aber auch zu rechter Zeit zu schweigen wissen, an geweihten Stätten dem Gefühl sein heiliges Recht unverkümmert lassen.

Die dritte Thür eröffnet das eigentliche ersehnte Heiligthum, Schiller’s Arbeits- und Schlafzimmer. Die miserable Menschennatur begann sich auch in mir zu regen und sprach sich bei den Damen durch seltsame O! und Ach! und Ei! lebendiger aus. Der Contrast dieser Einfachheit mit dem Prunk des vorliegenden Zimmers macht Anfangs einen nicht angenehmen, fast schmerzlichen Eindruck. Unwillkürlich denkt man sich den großen Lieblingsdichter der Nation hier auf dem peinvollen Krankenlager in beengten äußeren Verhältnissen. Dieses unangenehme Gefühl würde sich nicht aufdrängen, wäre es vergönnt gewesen unmittelbar zuvor die fast noch größere Einfachheit vom Studir- und Schlafzimmer des nach außen viel mehr begünstigten Goethe zu betrachten. Die deutschen Größen jener Zeit hatten noch keinen Sinn für das elegante Comfort- und das prunkende Nippeswesen unserer modernen Arbeitszimmer, im Gegentheil schien ihnen nur wohl zu sein in einer gewissen Vergegenwärtigung ihrer früheren Wohnungen und Schulanstalten und auf Universitäten, und sie hatten deshalb mitunter manchen schweren Strauß mit ihren Frauen zu bestehen. Sie überließen sich gern dem süßen Hang zu dem Gewohnten, und fühlten sich behaglich in einer Bequemlichkeit, die auf keine Weise durch Glanz sie genirte, dem [Verke]hr und dem Träumen mit den Musen so hold war, in einer Art von Durcheinander dennoch eine gewisse Ordnung aufrecht erhielt, leicht finden ließ, was man gerade brauchte und suchte.

Unter den mehrfach über einander geklebten Tapeten hatte man glücklicherweise noch Schiller’s Tapete gefunden. Da sie selbst unmöglich ganz zu Tage gefördert werden konnte, fertigte ein hiesiger Fabrikant getreu nach dem Muster eine neue. Diese Form wird gewiß nicht Mode werden, sie erinnert in Allem an Armuth in Kunstfertigkeit und Geschmack. Aber hier hilft sie die Seele in die rechte Stimmung zu versetzen und eine gewisse Harmonie über alle diese Dinge zu verbreiten: Schiller’s Schreibtisch und Tabaksdose, sein außerordentlich einfaches Bettgestell, sein Clavierchen, das ihm so oft Erholung und Schwung verlieh, die Guitarre, die unansehnlichen Wandbilder mit ihren armen Rahmen, die einfachen Stühle. Das Alles beschäftigte die Herzen und Phantasien unserer weiblichen Wesen beinahe ausschließlich, sie konnten nicht loskommen von Betrachtungen und Vergleichungen zwischen damals und jetzt und wollten nicht begreifen, wie Frau von Schiller eine solche Möblirung ertragen, wie Schiller selbst in solcher Umgebung seine Seele zu so erhabenen Gedanken, Gefühlen und Anschauungen aufschwingen konnte.

Die Schillerbibliothek wird täglich interessanter: die verschiedenen Ausgaben von Schiller’s Werken, die Uebersetzungen Englands und Frankreichs, andere auf Schiller selbst oder seine Werke Bezug nehmenden Bücher, sammeln sich mehr und mehr. Es ist in der That der Mühe werth, durch wiederholte öffentliche Aufforderungen an Buchhändler in Deutschland, England und Frankreich dieser werthvollen Schiller-Bibliothek fort und fort neuen Zuwachs zu verschaffen, nach und nach der Vollständigkeit näher zu kommen. Daraus sollten sich die Redactionen der deutschen Hauptzeitschriften ein eigenes angelegentliches Geschäft machen und auch daran erinnern, daß wir 1859 das Fest aller Deutschen, Schiller’s Säkularfeier zu begehen haben. Die Nation bedarf solcher Aufrechterhaltung und Ermunterung, ihre Einheits- und Centralelemente beruhen ja lediglich in den großen Geistern, die deutsch schreiben und unsere Sprache zu ihrer vollen Herrlichkeit herangebildet haben.

Endlich hatten sich die Frauen von der Mobiliarinspection losgemacht und waren nun an das Fremdenbuch gerathen, worin auch wir unsere werthen Namen eintragen mußten. Auch abgesehen von der allgewöhnlichen Neugierde, gewährt die Durchsicht dieses Buchs der Schillerhausbesucher einen eigenthümlichen Reiz und fesselt unwiderstehlich. Es ist keine Höhe und keine Tiefe der Gesellschaft, es gibt keinen noch so obscuren Winkel Deutschlands, der nicht hier mit einigen Namen verträten wäre, die Throne haben ihre Repräsentanten hierher gesendet und aus allen Landen Europa’s kamen Besucher der Stätte, die der Seher und Prophet des neunzehnten Jahrhunderts bewohnt hatte. Nord- und Südamerika sendeten ihre Boten des Grußes und der Verehrung den Manen des Sängers der Humanität und der edelsten Freiheit. Wie peinigte und [140] ängstigte sich sein Herz im Anblick aller politischen und socialen und philosophischen Bedrängnisse, Wirren und Uebelstände des alten Herkommens, des Aberglaubens und des eingefleischten Despotismus, wie mächtig griff er in die Saiten gegen alle diese Ungethüme und wie tief schnitten seine Worte in den alten Krebsschäden ein. Ach, welche glühenden Thränen und Schmerzen hat der gütige Himmel diesem Edlen und Herrlichen erspart, indem er ihn 1848 und die spätern Jahre nicht erleben ließ.

Einige hiesige Buchhändler dürfen sich freuen, ihre beträchtlichen Opfer für Gründung des Schiller-Albums nicht fruchtlos gebracht zu haben. Schriftsteller, Dichter, Tonsetzer, Maler und andre Männer des Geistes drängen sich immer mehr und mehr herzu, dem Andenken Schiller’s hier ein Blättchen zu widmen. Auch hierin liegt eine würdige Aufgabe der deutschen Zeitschriften: sie sollen von Zeit zu Zeit an dieses Album erinnern, zur weiteren Betheiligung aufmuntern. Wie viele auch erschienen sein mögen, so sind doch der Berufenen noch mehr, und der dritte Band hat noch der leeren Seiten manche. Dieses Album sollte zur Säkularfeier von 1859 in einer Prachtausgabe veröffentlicht werden, es gäbe ein köstliches Memento, wie wir ein zweites bis jetzt nicht besitzen. Fortsetzen soll man es, immer fortsetzen und von zehn zu zehn Jahren veröffentlichen. Was auch noch Großes und Herrliches dem Reich der deutschen Poesie erblühen möge, Schiller’s Werke werden unvergänglich und sein Name für jeden Deutschen stets ein geweihter bleiben!