Pariser Bilder und Geschichten/Eine Frau

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Textdaten
<<< >>>
Autor:
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Eine Frau
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 13, S. 133-136
Herausgeber: Ferdinand Stolle
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1853
Verlag: Verlag von Ernst Keil
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Leipzig
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
Wikipedia-logo-v2.svg Artikel in der Wikipedia
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
[[Bild:|250px]]
Bearbeitungsstand
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite
[133]
Pariser Bilder und Geschichten.
I.
Eine Frau.

Als ich vor einigen Jahren nach Paris kam, ward ich von einem jungen Franzosen, dessen Bekanntschaft ich bei einer mir liebgewonnenen Familie gemacht, in eine Abendgesellschaft (petite soirée) geführt. Wie fast alle Deutschen, welche die französische Hauptstadt zum ersten Male besuchen, kam ich aus dem Staunen und Entzücken gar nicht heraus, überall die Herrlichkeiten, welche ich da erblickte, überall das Neue und Seltsame und doch schon Bekannte, überall das Eigenthümliche und Fremdartige, das mich doch nicht überraschte, über diese Welt von der man in Deutschland so viel hört und liest und die Einem doch noch wunderbarer entgegentritt, als man es erwartet, obgleich die Phantasie gewiß nicht müssig oder träg bei den Vorstellungen geblieben, die man sich von der bewegten Stadt an der Seine gemacht. Ich habe in bester Form für Alles geschwärmt, was ich vor mir sah: für die Boulevards mit ihrem bunten Gemisch von Menschen, für die prachtvoll ausgestatteten Laden und Auslagen, für die Höflichkeit aller Leute, für die unzähligen Mercis und Pardons, die in Paris so reichlich verschwendet werden, daß man mit dem Ueberfluß die ganze übrige Welt versorgen könnte. Ich schwärmte für die feine vornehme Weise aller Classen der Gesellschaft, für den Takt in Rede und Haltung, für die Toiletten, für die Ungezwungenheit der Bewegung, die Leichtigkeit der Unterhaltung, vor Allem aber für die Weiber und ihrer unbeschreiblichen Anmuth bei aller Einfachheit, für ihre Coquetterie, die sich mehr als eine gesellschaftliche Liebenswürdigkeit, denn eine gemeine Schwäche kund gibt. „Alle sind sie schön“ (die Pariserinnen nämlich) schrieb ich in meinem ersten Entzücken an einen Freund, „die Alten wie die Jungen; die Häßlichen wie die Schönen.“ Damals befand ich mich noch in der Befangenheit, welche Paris in dem fremden Ankömmling erzeugt, die nur zu sehen, aber nicht zu prüfen, zu betrachten, aber nicht nachzudenken gestattet, und aus welcher gewisse schüchterne Naturen ihr Lebelang nicht herauskommen.

„Alle sind sie schön“ dachte und schrieb ich; denn ich wußte noch nicht, daß dieses Alles äußerer Aufputz, Tünche sei, daß hier Personen und Dinge wie Theaterstücke in Scene gesetzt werden. Ich wußte noch nicht, welche Verwüstung sich hinter dieser prunkenden Außenseite, welche Krida hinter diesen kunstvollen Auslagen sich verstecke. Doch halt! ich will ja von der Abendunterhaltung erzählen, an der ich nach kurzem Aufenthalte in Paris Theil nahm. –

Ich befand mich in einer „honetten“ Gesellschaft. So nennt man nämlich in Paris eine Gesellschaft, die aus [134] Frauen besteht, welche ihren Männern wirklich und förmlich angetraut sind und aus Mädchen, welche, im Schutz der Familie lebend, ihrer Tugend kein lesbares Fragezeichen anhängen; denn auch die Andern haben hier ihr eigenes Leben und Treiben, ihre Salons, ihre bunte rauschende schimmernde Welt. Was die Männer betrifft, sind sie für eine Gesellschaft nicht maßgebend; denn Glacéhandschuhe, Frack und schwarzes Beinkleid sind die hinreichende Legitimation des Mannes für jeden Pariser Salon. Uebrigens bestand der männliche Theil der Gesellschaft aus bekannten ansässigen jungen Kaufleuten, Aerzten, Advokaten, Agents de change, deren Glücksumstände in einem schnellen Wachsthum begriffen, eine glänzende Zukunft verhießen. Da der Zirkel der wohlhabenden Bürgerklasse angehörte, waren die Toiletten nicht nur gewählt, sondern reich und etwas solider, als man sie bei den Honetten bemerkt, welche, seitdem der Faubourg St. Germain politisch und soziell in Verfall gerathen, Königinnen der Mode geworden. Die Französin jedes Standes weiß von sich die Ueberladung fern zu halten und in dieser klassischen Einfachheit besteht das Geheimniß ihrer unerreichbaren Eleganz; abgerechnet die angeborne Anmuth und Geschmeidigkeit, die sie im baumwollnen wie im Sammtkleid, im Hut mit Marabus und im Häubchen beibehält.

Zwischen diese Gewerbsleute waren einige Künstler untergeordneter Qualität als Gährungsstoff der Conversation gemischt. Diese führten das große Wort und machten Bonmots, wie ihre großen Vorbilder Alexander Dumas und Alfred de Müsset in seiner guten Zeit, da er noch nicht das ecclatante Unglück in der Liebe gehabt und nicht so viel Absynth getrunken, wie jetzt. Mein Freund selbst trieb allerlei Künste: Musik, Malerei und aus Liebhaberei, da er doch etwas thun mußte, wenn er nicht damit beschäftigt war, die beträchtlichen Renten seiner alten Mutter zu verprassen. Die französische Lebhaftigkeit verläugnete sich auch in diesem Kreise nicht, ob er gleich aus so philiströsen Gliedern bestand, als man sie nur in Paris aufzutreiben vermag. Man plauderte, man scherzte, man lachte, man tischte Witze aus eigener und fremder Werkstatt auf; man erzählte Skandale aus den allerhöchsten Kreisen, Anecdoten, tausend komische Vorfälle, man spottete, man sprach Politik. Das Philisterthum liegt eben nicht in der Natur des Franzosen, der immer eine Zeit gehabt, da er sich die Zügel schießen ließ, und in die er, ob jung, ob alt, immer wieder zurückfällt, so wie er den Schauplatz seiner ernsten Beschäftigung, das Bureau, das Comptoir, das Magazin verläßt, um sich dem Vergnügen hinzugeben. Es gibt keinen unsystematischeren Menschen als den Franzosen, und ohne System, ohne Uhr und Kalender in der Hand kein Philisterthum! –

Der Salon, welcher uns aufnahm, war elegant mit allem erforderlichen Zubehör eingerichtet; nur durch kleine Mängel unterschied er sich von dem der eigentlich vornehmen Welt, von dem der großen Künstler, Staatsmänner und der traditionellen Herrlichkeit. So fehlte z. B. das reiche Lichtmeer, von dem sich die vornehme Welt bei solchen Gelegenheiten überströmen läßt. Es fehlte der Ausdruck gewisser Marotten und Liebhabereien, der Einem in den Salons ausgezeichneter Personen entgegentritt. Als Kupferstich- oder Autographen-Sammlungen, Statuen, Vasen, Albums, Portraite berühmter Personen, welche eine Meinungs- oder Geschmacksrichtung bezeichnen. Kurz man vermißte die Symbole der höhern Lebenssphäre; doch kündigten sich desto lebhafter die Wohlhabenheit und das behagliche Bewußtsein derselben an, das man in Paris so selten findet, wo Jeder Alles haben will und von nichts weniger als einem Staatsministerium träumt.

Die Hausfrau, das prachtvollste Exemplar von einer Pariserin, machte auf eine so anziehende Weise die Honneurs, daß sie alle Gäste, besonders die männlichen, entzückte. Eine Deutsche sucht in einer Gesellschaft Einem, höchstens Zweien, die sie vorzieht, dem Vornehmsten, dem Schönsten, dem Berühmtesten, und wenn sie liebt, nur dem Gegenstand ihres Herzens zu gefallen. Die Andern gehen leer aus. Die Französin will Aller Beifall gewinnen, und sie läßt in einer Gesellschaft, neben ihrem Gotte, noch andere Götter bestehen. Sie ist im Salon demokratisch, sie weiß im Salon von keiner Rangordnung. Sie hat freundliche Blicke und Lächeln für Alle ohne Unterschied des Standes. Ihr Auge macht Streifzüge durch den ganzen Gesichtskreis bis hinab zum Diener, der mit Erfrischungen aufwartet; sie versteht es im Fluge zu erobern.

Mir gefiel sie über alle Maßen, diese Madame Lamont, mit dem zarten, blassen, unmerklich mit Rosa angehauchten Gesichtchen, mit den geistreichen sprühenden Augen, in denen so viel Verständniß, so viel Muthwillen, so viel kleine Teufeleien zu sehen waren. Was war das Lächeln auf diesen spöttischen Lippen lockend und einnehmend; was trug sie das Köpfchen und schüttelte sie die braunen Locken so eigenmächtig launenhaft! Von ihrem Füßchen spreche ich nicht; denn für das gibt es kein Wort, keine Kritik, und wie gut verstand sie es, diesen Reiz zur rechten Zeit sichtbar und unsichtbar, oder besser gesagt, reden und schweigen zu machen. Kurz, Madame Lamont, war eine bezaubernde Erscheinung, die Einem ganz leicht den Kopf verrücken konnte.

„Ist Herr Lamont glücklich?“ frug ich meinen Freund, als wir uns auf einen Augenblick zusammenfanden und unbelauscht sprechen konnten.

„Wahrscheinlich,“ gab dieser zur Antwort.

„Ist er von seiner Frau geliebt?“ frug ich weiter.

„Ohne Zweifel,“ erhielt ich zur Antwort; „denn Madame Lamont hat die Einwilligung ihrer Aeltern zu dieser Verbindung erzwungen und weit vortheilhaftere Anträge zurückgewiesen.“

„Der Glückliche!“ rief ich aus.

„Ihnen gefällt also Madame Lamont, wie es scheint?“ sagte der Franzose, indem er mich mit einem schonenden Lächeln ansah.

„Ob sie mir gefällt!“ gab ich zurück; „doch möchte mich, wenn ich ihr Mann oder Geliebter wäre, ihr Wesen sehr beunruhigen.“

„Beunruhigen, wie so?“ frug erstaunt der Franzose.

„Weil sie zu liebenswürdig ist. –“

„Kann man das sein?“

„Mir macht diese Frau den Eindruck, als forderte sie leichtsinnig alle Bewerbungen heraus und ich hätte Angst, daß sie nicht Kraft genug besäße, sie alle zurückzuweisen.“

„Wohin verirrt sich Ihr germanisch türkischer Geist,“ rief lachend mein französischer Freund. „Ich verstehe gar nicht recht, was Sie da Alles sagen und weiß nur, daß Madame Lamont eine hübsche junge Frau ist und ihre [135] Schönheiten nicht verschleiert, sondern im Gegentheil sehen und wirken läßt.“

„Ist es nicht trostlos, daß sie sich nicht mit dem Triumphe über das Herz ihres Gatten begnügt!“

„Sie würden doch nicht verlangen,“ rief staunend der Franzose, „daß Ihre Frau Ihnen allein zu gefallen suche?“

„Wir Deutschen haben diese Anmaßung.“

„Wenn Sie das durchsetzen, wünsche ich Ihnen viel Glück,“ höhnte ungläubig der Franzose. „Eine Pariserin würde eine solche Forderung gar nicht begreifen und nur mit Lachen und Mitleiden erwidern.“ – – –

In diesem Augenblicke trat ein schlankgewachsener Mann, sehr elegant gekleidet, mit einem glattrasirten Gesichte, lebhaften Zügen und einem Blick, der nach Verschiedenheit der Personen, auf die er gerichtet war, einen verschiedenen aber immer sprechenden Ausdruck annahm, in den Salon. Er war alt. Die Furchen auf der Stirn, der tief eingegrabene Krähfuß um die Augen, die ergrauten Haare, und die Zahnlücken, beträchtlich an Zahl, zeigten auf 60 oder wenigstens nahe an dieses Alter. In seinem Auftreten zeigte sich eine etwas absichtliche Nachlässigkeit; aber nichts desto weniger waren seine Verbeugungen gegen die verschiedenen Personen, die er begrüßte und überhaupt seine Bewegungen von auffallender Anmuth und Rundung. Die Unterhaltung war für einen Augenblick unterbrochen; denn Aller Blicke und Aufmerksamkeit wendeten sich dem Ankömmling zu; es ist leicht zu denken, wie meine Neugierde, zu wissen, wer dieser Mann sei, durch diese Signale einer ausgezeichneten Persönlichkeit, gespannt wurde. Doch da es mir nicht passend und nicht großstädtisch genug vorkam nach dem Gegenstand der allgemeinen Theilnahme den Ersten Besten aus der Gesellschaft zu fragen, und mein Freund in einem lebhaften Gespräche mit einigen Damen begriffen war, begnügte ich mich vorläufig damit, diese neue Erscheinung zu beobachten, und so bemerkte ich denn, daß ihm die schöne Hausfrau mit mehr als Freundlichkeit, mit einer Art von Huldigung entgegenkam; sie beschäftigte sich von nun an so ausschließlich mit ihm, als es nur der Anstand zuließ. Sie lauschte auf seine Worte mit einer Andacht, als ob Orakelsprüche aus seinem Munde gekommen wären.

Das Spiel, das sie vorhin mit Blicken und andern Reizen getrieben, hörte plötzlich auf; sie war von dem einen Gaste so ganz und gar in Anspruch genommen, daß sie die übrige Umgebung zu vergessen schien; sie wollte nun, so wenigstens kam es mir vor, gar Niemandem mehr gefallen, als diesem Einen. Mich setzte dieses Benehmen der jungen Hausfrau in Erstaunen; doch gewahrte ich nichts von einer ähnlichen Wirkung an den übrigen Gästen, wie ich auch forschen mochte. Herr Lamont selbst, dessen Gesichtszüge ich mit der größten Aufmerksamkeit prüfte, sah so unangefochten aus, als ob ihn das Betragen seiner Frau gar nichts anginge. Kaum einen gleichgültigen Blick warf er auf die Beiden, deren Unterhaltung seine schöne Ehehälfte so gänzlich einnahm. – Die Sache war mir ein Räthsel, aber so zarter Natur, daß es mir widerstrebte, meinen jungen Freund um dessen Lösung zu bitten. Ich beschränkte mich also, da ich mit ihm unbelauscht sprechen konnte, auf die leicht hingeworfene Frage:

„Wer ist dieser Herr?“ indem ich auf den auffallend Begünstigten zeigte.

„Es ist der große Schauspieler Frederic Lemaitre“ antwortete mir ohne weitere Bemerkung der Franzose.

Wochen vergingen; ich hatte in dem bewegten wechselvollen Pariser Leben die vorübergehenden Begegnungen dieses Abends längst vergessen, als mir eine Geschichte zu Ohren kam, in welcher Madame Lamont die Heldenrolle spielt und die in den verschiedensten Kreisen der Gesellschaft so viel Aufsehen machte als eben eine Geschichte in Paris, wo sich Geschichten wie Menschen rasch verdrängen, zu machen pflegt.

Herr Lamont hatte seit einiger Zeit zu bemerken Gelegenheit gehabt, daß sich seine Frau an gewissen Tagen zu gewissen Stunden vom Hause entfernt, ohne jemals von diesen Gängen und deren Zweck ein Wort zu sprechen. Wie sehr sich auch Herr Lamont bemühte alle beunruhigenden Gedanken in Bezug auf seine Frau von sich zu weisen, sie kamen dennoch mit der bekannten Zudringlichkeit unangenehmer Gedanken und warfen dunkle Schatten auf sein Herz und sein Vertrauen. Eines Tages, nachdem er lange und vergebens mit sich selbst gekämpft hatte, frug er seine Gattin mit so viel Ruhe, als er eben zu behaupten im Stande war, was es denn mit den auffallend häufig und regelmäßig sich wiederholenden Gängen für eine Bewandtniß habe. In der unverkennbarsten Verlegenheit durch diese Frage, suchte Madame sich zu sammeln und antwortete mit unsicherer Stimme, daß sie in der letzten Zeit viel bei ihrer Putzmacherin zu thun gehabt. Nun ließ Herr Lamont seine Gattin nicht mehr aus den Augen und so wie es ohne auffallend zu sein geschehen konnte, begab er sich zur Putzmacherin seiner Frau.

„Madame Lamont hat eine Broche, ein kostbares Andenken von ihrer Mutter verloren. Ist es nicht vielleicht bei Ihnen hier gefunden worden?“ frug Herr Lamont gespannt die Verschönerungskünstlerin.

„Madame Lamont war heute gar nicht hier, Monsieur,“ antwortete die so angeredete Putzmacherin.

„Vielleicht gestern?“ frug Herr Lamont weiter.

„Auch gestern habe ich nicht die Ehre gehabt.“

„Also vorgestern?“

„Die Toilette der Madame Lamont für diese Saison ist seit 14 Tagen vollständig, und es ist sehr lange, daß ich nicht das Vergnügen ihres Besuches gehabt.“

Herr Lamont stürzte fort; er war außer sich vor Wuth und Erbitterung, und Gedanken an Scheidung von der Frau, die ihn so glücklich und so unglücklich gemacht, berührten seine Seele.

Zum Glücke ist der Weg von der bezeichneten Putzmacherin bis in seine Wohnung ein langer, so daß er Zeit hatte sich zu fassen und ließ sich die Stimme, welche noch keinem eifersüchtigen Manne geschwiegen, vernehmen, welche ihm zurief: Vielleicht ist sie doch unschuldig. Auf diese Weise besänftigt, nahm sich Herr Lamont vor, keine Uebereilung zu begehen und sich vollkommene Gewißheit des Frevels zu verschaffen, bevor er ihn bestrafen würde. Es fiel ihm ein, was ihm längst hätte auffallen können, daß er ja den Zweck der geheimnißvollen Gänge durch ein unbemerktes Auflauern ermitteln könnte. Er beschloß die theils traurige, theils lächerliche Rolle zu spielen, die schon so viele Thoren und vernünftige Leute vor ihm gespielt.

Er hielt sich eines Tages in der Straße verborgen, bis er seine Frau mit eiligen Schritten aus dem Hause [136] gehen sah und nun folgte er ihr unbemerkt in gut berechneter Entfernung durch die Straßen quer über die Boulevards, dann wieder durch Straßen bis in die rue de l’echiquier.

Hier sah er sie in ein Haus treten, das ihm wohl bekannt war. Sie ging rasch an der Loge des Concierge vorüber, ohne nach irgend Jemand zu fragen und stieg die Treppe empor.

„Wie einheimisch,“ murmelte der eifersüchtige Ehemann vor sich hin. Sein Herz pochte mit heftigen Schlägen; und eine Zeitlang blieb er vor dem erreichten Hause stehen, theils um sich zu sammeln, theils um mit sich selbst zu berathen, wie er vorgehen sollte, um den beabsichtigten Zweck zu erreichen.

Drauf trat er in’s Haus.

„Monsieur Lemaitre?“ rief er dem Concierge zu.

„Er ist ausgegangen,“ antwortete mürrisch, wie das in Paris Sitte, der Thorhüter.

„Nicht wahr! für mich muß er zu Hause sein,“ rief Herr Lamont und stürmte die Treppe empor.

Mit einer gewissen Sicherheit hielt er bei einer Thüre im zweiten Stockwerk und klingelte. Ein Diener öffnete.

„Sie sind es, Herr Lamont,“ frug dieser, da er den Ankömmling sogleich erkannte.

„Ja freilich bin ich es; was ist darin so Auffallendes?“ antwortete Herr Lamont mit bissiger Schärfe im Ton.

„Nicht das Mindeste, Monsieur,“ entschuldigte der Diener; „ich will Sie sogleich melden.“

„Das ist überflüssig. Ich kann schon so eintreten,“ sprach gereizt Herr Lamont und ohne eine Antwort abzuwarten, trat er in das Gemach, welches an den Vorsaal stieß. Es war leer; allein in dem Salon links, den er wohl kannte, hörte er sprechen; er blieb stehen, um zu lauschen. Eine Männerstimme, die er sogleich als die Frederic Lemaitre’s erkannte, sprach: „Ist es nichts, einem Manne Alles zu sein, und das bist Du mir im ganzen Umfang der Bedeutung. Ich breche mit meiner Vergangenheit, mit meinen Hoffnungen und Träumen, um ganz Dir zu gehören, und noch bist Du nicht zufrieden?“

„Ich bin Dein, ob ich will oder nicht; eine verborgene Gottheit bezwingt mein Herz und gibt mich Dir zum Eigenthume; doch sie dünkt mir eine dunkle, feindliche; ich muß Dich lieben; ob ich es gleich fühle, daß diese Leidenschaft eher mein Verderben, als mein Glück.“ –

„Ja, Dein Verderben!“ wiederholte furchtbar der arme Herr Lamont, dem schier die Sinne vergingen, der auf ein Sopha sank, weil er sich nicht aufrecht zu erhalten vermochte, denn er erkannte die Stimme seiner Frau, welche auf die Rede Lemaitre’s Antwort gab. Und wie sprach sie? mit welchem Feuer, mit welcher Begeisterung. Nie hat er, den sie doch zu lieben vorgab, sie so sprechen hören. Der arme Mann fuhr sich mit den Händen in die Haare, er war in Verzweiflung. Es kamen ihm noch fürchterlichere Vorsätze als Scheidung in den Kopf. Sie sollen Beide sterben, die mich so schändlich verrathen, sagte er vor sich hin mit einem Blick nach der Thüre des Salons. Drinn sprach die männliche Stimme wieder: „Wie magst Du Dich ängstigen! Ein Cherub mit dem flammenden Schwerte will ich vor Deinem Paradiese Wache halten. Und wenn ich Dir ohnmächtig erscheine, zaghaft, von weichem nachgiebigen Wesen, Deine Liebe macht mich zum Helden, zum Gotte. Drum brauchen wir nichts, gar nichts um glücklich zu sein, als unsere Liebe. Die sei wahr und groß, und wir können den Beistand des Schicksals entbehren.“

Madame Lamont sprach:

„Laß mich ruhen an Deinem Herzen, laß mich hangen an Deinen Lippen, laß mich die Welt mit ihren Schmerzen und Freuden in Deinen Armen vergessen.“ –

Nun hielt sich Herr Lamont nicht länger; alle Mäßigung von sich werfend, stürmte er auf die Thüre, wie um sie zu durchbrechen, öffnete und trat in den Salon.

Mit zornfunkelnden Blicken sucht er die Strafbare und ...... er traut seinen Augen nicht ..... seine Frau, in einem Schleppkleid, steht in einer hochtragischen Stellung da, vor ihr Lemaitre mit einem Heft in der Hand, an ihrer Attitude Mancherlei verbessernd. Die alte Haushälterin des berühmten Schauspielers, welche ihm, da er von seiner Frau getrennt lebt, die innern Angelegenheiten überwacht, sitzt auf einem Sopha mit einem Strickstrumpf in der Hand und sieht mit Wohlgefallen lächelnd auf die schöne abenteuerlich aufgeputzte Erscheinung, die sich linkisch und doch anmuthig in dem ungewohnten Costüm benimmt. Herr Lamont bleibt starr vor Entzücken und Beschämung stehen. Niemand spricht ein Wort, bis Madame Lamont das Schweigen bricht.

„Edouard, Du hast mir die Freude verdorben,“ ruft sie unter Thränen. „Ich wollte Dich zu Deinem Namenstag mit einem Schauspiel überraschen. Herr Lemaitre hatte die Gefälligkeit mir meine Rolle einzustudiren und nun ist Alles vorbei.“

Herr Lamont stotterte einige entschuldigende Worte. – Madame Lamont aber war nicht mehr dazu zu bewegen ihre Lection fortzusetzen und es hatte mit dem Namenstagsstück ein Ende. Unter Thränen hat der Eifersüchtige später die Verzeihung seiner braven Frau erfleht, die es lange nicht vergessen konnte, daß er ihr durch sein Mißtrauen eine schöne Freude verdorben.