Ein Besuch in der Uhren-Heimath La Chaux de Fonds

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Autor: H. A. Berlepsch
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Titel: Ein Besuch in der Uhren-Heimath La Chaux de Fonds
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 11, S. 165-168
Herausgeber: Ferdinand Stolle
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Erscheinungsdatum: 1860
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Ein Besuch in der Uhren-Heimat La Chaux de Fonds.

Von H. A. Berlepsch.
Jede Uhr ist ein Wecker, und zwar ein geistiger.
Jean Paul.

„Im schweizerischen Jura schreibt man fast der ganzen civilisirten Welt die Zeit vor!“ – So verblüffend dieser Satz lauten mag, so buchstäblich wahr ist er. Denn ein Jahr in’s andere gerechnet werden durchschnittlich mehrere hunderttausend Stück Taschenuhren jährlich in den jurassischen Thälern fabricirt, die überall auf unserem ganzen Erdball, wo man nicht mehr kindlicher Weise nach der Länge der Schatten und dem Stand der Sonne rechnet, sondern sich des zuverlässigen und bequemen Taschen-Chronometers bedient, auch Käufer finden.

Die Uhrenfabrikation in diesen öden, unfruchtbaren, melancholischen Bergthälern der französischen Schweiz ist eine der interessantesten Erscheinungen im Gebiete industriellen Lebens. Wie der Schweizer überall in seiner praktischen Thätigkeit, in seinem nach Erwerb strebenden Sinnen und Unternehmen durch Fleiß, Umsicht und Sparsamkeit das zu ersetzen und dem Schicksal abzuringen sucht, was die rauhe oder wilde Natur seines gebirgigen Heimathlandes ihm als Gabe des Ackerbaues und Gartens versagt, so hat auch der Jurassier, der sein Mehl und Brod, seine Früchte und Gemüse auf fremden Märkten kaufen und theuer einführen muß, sich einen Ausweg erkämpft, auf dem er das Aequivalent dafür findet. Dies ist seiner Hände Geschicklichkeit in der Uhrmacherei. Zu welch’ einer ergiebigen Vermögensquelle dieselbe geworden ist, documentirt am besten die Physiognomie derjenigen Ortschaften und Städte, in denen sie mit vollem geschäftlichen Ernst betrieben wird.

Die Uhrenindustrie hat sich besonders ausgebildet in den Cantonen Genf, Neuenburg, Waadt, Bern, Solothurn und Freiburg, speciell in den beiden großen Orten Chaux de Fonds und Locle, in den Städten Genf und Biel und in den Thälern St. Imier, Travers, St. Croix und Lac de Joux.

Chaux de Fonds und Locle, ersteres mit einer Einwohnerzahl von 16,000, letzteres von 10,000 Köpfen, tragen heute noch nicht das stolze, positive Prädicat „Stadt“, sondern sind blos Marktflecken, aber Marktflecken, in denen Millionaire wohnen, Marktflecken mit palastähnlichen Häusern und residenzlichen Straßen, mit literarischen Salons, Luxus in Küche, Keller und Garderobe, mit Gasbeleuchtung, Cercles, Theater und allem Comfort des Lebens, den Wohlhabenheit und Reichthum zu beanspruchen berechtigt sind.

Die Gartenlaube (1860) b 165.jpg

La Chaux de Fonds.

Städte haben ihre Schicksale in auf- und absteigenden Linien wie Staaten, Menschen und Bücher. Während viele Ortschaften, die einst im Mittelalter mit Thürmen und Thoren, mit Bürgersouverainetät und Reichsunmittelbarkeit prangten und sich im Selbstbewußtsein ihrer politischen Bedeutung neben die großen Metropolen des Handels und Verkehrs, der Kunst und des Gewerbfleißes stellten, – nun durch die Conjuncturen der Zeit, durch das mächtig reformirende Schienennetz der Eisenbahnen zur Seite geschoben, nur mühsam ein verkümmerndes, schwindsüchtiges Dasein fristen und von Jahr zu Jahr immer mehr zurücksinken in den Zustand ärmlicher Uranfänglichkeit, – so gibt es deren andere, prononcirte Parvenus in der Staaten-Entwickelung, die vor einem Jahrhundert noch in den Windeln ihres Communalwesens lagen und über einen Umkreis von wenig Stunden hinaus als unbekannte Größen nicht mitzählten, – jetzt in strotzender Jugendfülle mit wuchernder Lebenskraft von Tag zu Tag wachsen, gedeihen und mit Siebenmeilenstiefeln dem gesunden, breiten, behäbigen Plateau bürgerlicher Wohlfahrt, commercieller Größe, materieller und geistiger Macht entgegeneilen. Zu letzteren gehören die jurassischen Ortschaften, welche aller Welt sagen, „was es an der Zeit sei“. Auf sie ist das zum Schreckenswort der Gegenwart gewordene „Zu spät“ nicht anzuwenden, – sie wußten stets, „wie viel die Uhr geschlagen hat“, und eben darum, weil sie in ihrer Zeitrechnung nicht irrten (wie manche große Cabinete), wurden sie das, was sie heute sind: Tangenten des Weltverkehrs.

Im vierzehnten Jahrhundert hieß die Gegend, in welcher jetzt die Locomotiven und ihre Trains täglich zwölf Mal hin- und herrasseln, wo Messagerie und Courier-Posten herüber und hinüberfliegen, wo der elektrische Draht ununterbrochen den trommelnden Apparat in Bewegung setzt, sehr bezeichnend „die schwarzen Berge“; denn düstere Tannenwälder bedeckten weit und breit die Berge, und schwarze Torfmoore dampften in den Combes (Thalflächen). Ein Bürger von Corcelles, Namens J. Droz, siedelte um 1303 mit seinen vier Söhnen, nach der Erlaubniß seines Herrn von Valangin, sich zuerst hier an; ihm folgten Andere. 1512 zählte Chaux de Fonds erst 7 Häuser, und Locle im Jahr 1683 deren noch nicht mehr als 37. Ja, noch in allerjüngster [166] Zeit, vor 26 Jahren, war Chaux de Fonds erst mit etwa 6000 Menschen bevölkert; seitdem ist die Summe der Einwohner fast auf das Dreifache gestiegen. – Das Land, seine Boden-Erzeugnisse und sein Klima waren keinesweges so einladend, daß Menschenmassen so auffallend hier zusammenströmten. Der Bied, ein Waldwasser, überschwemmte vor einem halben Säculum bei hohem Stande fortwährend den Thalgrund, bis patriotische Männer dasselbe durch einen fast tausend Fuß langen Stollen dem Doubs zuleiteten. Noch heute sammelt man, in Ermangelung guten Quellwassers, die atmosphärischen Niederschläge in Cisternen für den Küchengebrauch, und die mittlere Jahrestemperatur von Locle steigt nicht über +7°-Celsius; – denn die Höhenlage dieses Ortes (2900 Pariser Fuß über dem Meeresspiegel) kommt jener des Inselsberghauses oder der Schmücke auf dem Schneekopf (Thüringer Wald) – und die Lage von La Chaux de Fonds (3100 Pariser Fuß) derjenigen vom Brockenhause oder vom Gipfel des Ochsenkopfs im Fichtelgebirge gleich. Alles keine anlockenden Factoren.

Ein Spiel des Zufalls, eine Fügung des Schicksals, ein Fingerzeig der Vorsehung (nenne es ein Jeder nach seinem Glaubensbekcnntniß, wie er will) gab die anscheinend unbedeutende Veranlassung zu der nachmals so großartig sich ausbreitenden Industrie, zu der bedeutenden Volks-Accumulation. Ums Jahr 1679 kam ein Roßhändler nach la Sagne und brachte als neues Weltwunder eine Taschenuhr von London mit. Bis dahin hatte man dort noch nie ein solches Ding gesehen. Da begab sichs, daß die Uhr stehen blieb. Der Eigenthümer, besorgt um sein kostbares Kleinod, vertraute dasselbe einem autodidaktischen Genie, dem vierundzwanzigjährigen Daniel Joh. Richard an, und dieser, von seinen Eltern und Allen als unpraktischer, grübelnder Mensch verhöhnt, vertiefte sich so begeistert in das Studium der hier angewandten Mechanik, daß er, ohne jede positive Vorkenntniß der diesen Constructionen zu Grunde liegenden mathematischen Bedingungen, den kühnen Entschluß faßte, eine gleiche Uhr nachzubilden. Dazu aber fehlten ihm zunächst alle technischen Hülfsmittel. Er versuchte es, sich solche, namentlich eine Divisionsmaschine, in Neuenburg oder Genf zu verschaffen. Aber seine desfallsigen Bemühungen bei Uhrmachern, die ihre Kunst wie ein Geheimniß bewahrten, waren total vergeblich und er mußte also, bevor er an die Ausführung seines Planes denken konnte, erst die Werkzeuge erfinden und selbst fertigen, mittelst deren er seinen Uhrenbau auszuführen gedachte. Muth und Ausdauer überwinden Berge von Schwierigkeiten. Auch Richard wurde ihrer Meister, und sechs Monate später lag eine von seiner Hand gefertigte Uhr zu aller Einwohner Erstaunen pickend und zeigerrückend vor. Alle Bestandtheile, Räder und Getriebe, Feder und Kette, Zifferblatt und Gehäuse, Vergoldung und Decoration war von ihm selbst gefertiget. Die Anerkennung, welche ihm wurde, die Nachfrage der Begüterten nach solchen „Zeitmessern“, die eigene Freude am Gelingen seines Impromptu’s regten ihn an, unter Beihülfe seiner Brüder fernere Uhren zu fertigen, – und so ward er Begründer der jetzt so blühenden jurassischen Uhrmacherei, der Wohlthäter eines ganzen Landes. Die neue Industrie vervollkommnete sich dermaßen, daß Locle 1741 schon 200 bis 300 Uhren mit einfachen Stundenzeigern lieferte, – daß zehn Jahre später Abraham Robert und Daniel Perrelet Maschinen erfanden, mittelst deren die gewöhnlichen mechanischen Arbeiten rascher, präciser und billiger ausgeführt werden konnten, – daß man abermals zehn Jahre später (1760) Repetiruhren construirte etc. Als berühmte Männer in diesem Fache gingen aus den jurassischen Bergen hervor: Ferd. Berthoud von Couvet, Autor einer berühmten Monographie über die Uhrmacherkunst, – sein Neffe, der bekannte Vervollkommner der Schiffsuhren, – Breguet, der famose Uhrmacher in Paris, dessen Geschäft noch heutigen Tages fortbesteht, und dessen Enkel der französischen Telegraphie so wesentliche Dienste leistete, Pierre Jacques Droz und Henri Louis Droz, Verfertiger der schreibenden, zeichnenden und clavierspielenden Automaten, Jean Pierre Droz, der berühmte Stempelschneider und Medailleur in Paris und London etc. etc.

Die Uhrenindustrie wuchs nun in gemessenen Progressionen, sodaß im Jahre 1818 die Ausfuhr derselben aus den Neuenburger Bergen und dem Val de Travers 130,000 Stück betrug, von denen etwa ein Neuntel in goldenen Schalen oder Gehäusen war, und nur 1000 Stück auf Pendel- und Stockuhren kamen. Im Jahre 1854 wurden allein in Locle und La Chaux de Fonds in den Controle-Bureaux 268,000 Stück Uhren gestempelt, von denen 161,000 in silbernen und 107,000 in goldenen Schalen. – Jetzt werden fast ausschließlich nur Taschenuhren im schweizerischen Jura verfertigt. Jene großen Tisch- und Stockuhren (pendules), welche zu einem modernen Luxusartikel des Welthandels sich ausgebildet haben, sind meist Pariser Erzeugnisse. Die nachbarlichen Franzosen gaben sich zu verschiedenen Zeiten die größte Mühe, auch in ihren Bergen die Uhrenfabrikation einzuführen und an dem Gewinn zu participiren, der die Neuchateler binnen einem Jahrhundert in ihrer Wohlhabenheit so sichtbarlich gehoben hatte; Louis Philipp verwandte Millionen auf Durchführung dieser Idee, gewann um hohe Gagen Lehrmeister und machte den Unternehmern bedeutende Capitalvorschüsse. Aber die Erfahrung, welche schon hundertfältig in anderen Gegenden, bei anderen Gelegenheiten gemacht wurde, daß Handel und Gewerbe keine Treibhauspflanzen sind, die man nach Belieben da und dorthin verpflanzen und deren Verkehrsbeziehungen man willkürlich reguliren kann, bewährte sich auch hier. Die französischen Uhrmacher konnten die schweizerische Concurrenz nicht aushalten, und das Project sank mit bedeutenden Verlusten in sich selbst zusammen.

Die Uhrenindustrie ist mit dem schweizerischen Jurassier so innig verwachsen, daß alle Bewohner dieser Bergthäler gleichsam geborene Uhrmacher sind. Sieht man sie arbeiten, so möchte man glauben, es sei ein ganz anders gearteter Menschenschlag, mit viel feiner gestaltetem, sorgsamer ausgebildeten, gebrauchsfähigeren Organismen, der hier mit ungewöhnlicher Leichtigkeit, fast spielend die spitzfindigsten Kunststücke der Kleinmechanik ausführt. Intelligenz, klarer Scharfblick und lächelndes Selbstvertrauen lebt in diesem Volke von frühester Jugend an, wie solche kaum irgendwo in anderen Fabrikdistricten nur in annähernder Weise gefunden werden dürften. Woher kommt das? Einfach daher, daß der jurassische Uhrenmacher nicht gedankenloser Bediener der Maschine geworden ist wie der Spinner, der Zwirner, der Besorger des mechanischen Webstuhles, der Appreturgehülfe etc. etc., sondern daß bei jeder seiner Verrichtungen der Verstand, die Aufmerksamkeit ununterbrochen in Anspruch genommen werden, daß die Beobachtung der difficilsten Verhältnisse Bedingung des Gelingens seiner Arbeit ist. Obwohl er jeden Augenblick genöthigt wird, die Vortheile der Maschincn-Vermittelung zu benutzen, so kommt diese doch nur in so beschränktem Maße und gleichsam als Nebensache in Betracht, daß die leitende Hand, das prüfende, spähende Auge, die exacte Berechnung der subtilen Wirkungen jene kleinen Hülfsleistungen der Mechanik vollständig außer Rechnung bringt. Also diese fast angeborene, intelligente, applicative Fertigkeit ist einer der Factoren, welcher die Verbreitung der Uhrenindustrie par Ordre du Cabinet nicht überall ohne Weiteres zuläßt; es müßte eine Bevölkerung mit Aufwand außerordentlicher Opfer mehrere Generationen hindurch factisch erst dazu erzogen werden.

Aber ferner ist es auch die Eintheilung der Arbeit, die nothwendige Voraussetzung des Vorhandenseins einer außerordentlichen Menge hülfsleistender Hände, welche jedem Concurrenzversuche schwer zu bewältigende Hindernisse in den Weg legen. Unendlich viele bestimmt abgegrenzte Specialfertigkeiten greifen wie die Räder eines Uhrwerkes selbst in den Organismus des großen Geschäftsbetriebes ein und ermöglichen nicht nur überhaupt mit Leichtigkeit und bedeutender Zeitersparniß arbeiten zu können, sondern diese Specialarbeiter sind auch Virtuosen in ihren Fächern und können aus allen den angegebenen Gründen mit geringeren Kosten produciren.

Es gibt keinen anderen Industriezweig, bei welchem die Theilung der Arbeit so weit getrieben wird, als in der Uhrenfabrikation oder eigentlicher „Uhrenmanufactur“. Denn so fabrikmäßig das ganze Geschäft organisirt ist, so außerordentlich viel verschiedene Hände an der Herstellung jedes einzelnen Uhren-Exemplares mitwirken müssen, so wenig verläuft der Betrieb desselben nach dem allgemein adoptirten Begriffe fabrikativ, da 1) weder ein Fabrikherr die Uhr vom rohen Metall an bis zur letzten feinen Politur durch ausschließlich in seinem Dienste stehende Arbeiter fertigen läßt, noch 2) die einzelnen Arbeiten gemeinschaftlich in besonders dazu erbauten und eingerichteten großen Gebäuden und Fabriksälen ausgeführt werden.

Im Gegentheil, der ganze Herstellungsproceß ist eigentlicher „Handwerksbetrieb“ im Großen, – Handwerksbetrieb auf eigene Rechnung und Gefahr jedes einzelnen mitwirkenden Darstellers irgend eines Uhrentheiles. Nur die Ebauches, d. h. die ersten grobformenden [167] Bearbeitungen der Messingtheile und das Drehen der Schrauben, werden in großen Localen „fabrikmäßig“, im vulgären Sinne, gefertigt und hierzu Frauen und Kinder verwendet. Die weitaus größte und für die Herstellung einer Uhr wichtigste Summe der kunstgeübten Hände arbeitet daheim im Stübchen, im Kreise ihrer Familie unter Mitwirkung und Mitverdienst derselben. Der eigentliche Uhrenfabrikant oder Etablisseur hat in der Regel keine Arbeiter im Hause, höchstens einen Visiteur auf dem Comptoir. Die einzelnen Uhrenbestandtheile: Räder, Spiralen, Federn, Zeiger, Zifferblätter, Gehäuse etc. läßt der Etablisseur ebensowenig speciell und ausdrücklich fertigen, sondern bezieht diese je von den Arbeitern (oder man könnte treffender sagen „kleinen Fabrikanten“), welche sich auf eine specielle Branche geworfen haben. Zwei der interessantesten Special-Geschäftszweige sind die der Rubinschleifer und Spiralmacher.

Bekanntlich haben die Cylinder- und Anker-Uhren den Vortheil, viel regelmäßiger und unabhängiger von äußeren Einflüssen zu gehen, als die früheren Spindeluhren. Diese Regulirung des Ganges wird zunächst durch die „Cylinderhemmung“ herbeigeführt. Letztere aber veranlaßt zugleich auch größere Friction und Abnutzung der davon betroffenen Theile, und um diese zu paralysiren, ist man auf den Einfall gekommen, die Stahlzäpfchen der Räder nicht wie früher lediglich in Löchern der Metallbestandtheile (der Pfeiler- und Klobenplatte) laufen zu lassen, sondern dafür härtere, minder abnutzbare Körper zu wählen. Dies sind die Rubinsteinchen, welche, je mit einem Loch versehen, an denjenigen Stellen eingelassen werden, wo die Stahlzapfen laufen. Cylinderuhren haben entweder vier oder acht Steinchen (huit trous en pierres), Ankeruhren deren dreizehn. Bei dieser Einrichtung kann eine Uhr vierzig Jahre und länger in Bewegung sein, ohne daß sich das Mindeste abnutzt.

Die Rubinchen sind meist kleiner als ein Hirsekorn und so dünn wie Papier. Diese mit geschlemmtem Diamantstaub zu schleifen, ist vielleicht die minutiöseste Arbeit, die es überhaupt in der Weltindustrie gibt. Meist wird sie von zarten Mädchenhänden besorgt. Ein Rubinenschleifer hält gewöhnlich zehn bis zwanzig Mädchen. Ist das Steinchen, welches mikroskopisch untersucht wird, geschliffen, so kommt es in die Bohrmaschine, um das Loch einzuschneiden. Diese Arbeit ist weniger ein eigentliches Bohren, als vielmehr ein unendlich subtiles Hämmern oder Meißeln mit einer Nadel, die in kaum denkbar kurzen Zwischenräumen gleichsam in zitternder Bewegung immer auf ein und dieselbe Stelle hintupft, – vielleicht einige hunderttausend Mal in einer Stunde. Die Nadel, wenn sie vom härtesten Stahl wäre, würde aber dem Edelsteine dennoch nichts anhaben können; darum wird auch diese Lochmeißelung mittelst Diamantstaubes vorgenommen, welcher, da die Nadel aus sehr weichem Stahl gefertigt ist, sich in die Spitze festsetzt, und so zum Angriffsbohrer wird. Je vier Steine werden ein „jeu“ genannt und kosten (von der kleinsten Sorte) etwa zwei Francs. Die Producte dieser Liliputaner-Industrie während eines ganzen Jahres lassen sich füglich in einer etwas großen Pillenschachtel aufbewahren, und doch beträgt der durch dieselben repräsentirte Stoff- und Arbeitswerth etwa hunderttausend Franken.

Nicht minder interessant und eben so minutiös ist die Verfertigung der Spiralen. Betrachtet man dieses in jeder Taschenuhr sichtbare Maschinentheilchen, das so dünn und zart wie ein Haar, in ewiger Unruhe seine Federkraft spielen läßt und unaufhörlich sich zusammenzieht und wieder ausdehnt, so bewundert man sicherlich die unendliche Geduld und Geschicklichkeit, welche dazu gehören muß, solche nur guten Augen erkennbare Körperchen aus hartem, sprödem Metall zu schaffen. Und diese Stahlhärchen, diese mikroskopischen Manufacte werden, was ihre letzte und difficilste Form anbetrifst, wenn auch unter Anwendung complicirter Werkzeuge, doch fast von freier Hand gearbeitet. Bei keinem anderen Fabrikate wird die Wertherhöhung des Rohmaterials durch die Arbeit bis zu solchem Grade getrieben, als bei den Spiralen. Sie sind, als einer der zartesten von Menschenhänden darstellbaren Gegenstände des Kunstfleißes, ohne Uebertreibung zugleich der größte Triumph der Arbeit zu nennen. Einige Zahlen werden die unglaubliche Differenz näher beleuchten, welche hier zwischen dem Stoff und der fertigen Waare liegt. Eine Spirale von mittlerem Kaliber wiegt circa funfzehn Milligramm; es gehen deren also etwa scchsundsechzig Stück auf ein Gramm. Würde nun bei der Umwandelung des fertig bereiteten Stahls durch Schmiede- und Walzarbeiten zu papierdünnem Blech, durch Zerschneiden desselben zu jenen haarfeinen Streifchen und bei der weiteren Bearbeitung bis zum fertigen Handelsproduct durchaus kein Materialverlust eintreten (der aber natürlicherweise eintritt), so würden aus einem Centner Stahl 31/2 Millionen Stück solcher Spiralen gefertigt werden können. Das Dutzend kostet beim Fabrikanten im Jura, je nach Größe und Güte, 1/2 bis 3 Francs. Nimmt man also etwa 13/4 Franc (14 Silbergroschen) pr. Dutzend als Mittelwerth der überhaupt producirten Spiralen an, so ergibt dieser Preisansatz, auf das Gewicht reducirt, einen Handelswerth von 525000 Franken pr. Centner. Der Centner des besten englischen Stahls kostet aber höchstenn nur 170 bis 200 Franken. Es ist somit fast die ganze obige Werthsumme reiner Arbeitsgewinn, eine Potenzirung des Rohmaterials auf das mehr als Halbmillionenfache seines ursprünglichen Stoffwerthes. Keine Branche irgend eines der großen Industriezweige erzielt auch nur annähernd ein solch enormes Resultat.

So wie diese beiden näher beleuchteten Specialbranchen, gibt es deren noch viele, die, eine jede scheinbar unabhängig von der anderen für sich fabrikationsmäßig producirend, in den großen Herstellungsproceß der Uhrenfabrikation auf das Genaueste eingreifen (Fabricant d’aiguilles, fabr. de balanciers, fabr. de Calottes, cercles et cuvetten, fab. de pignons, de ressorts-de-barillets, de cadrans en émail et métalliques, faiseur de raquettes etc. etc.). Es ist eine gemeinsame Norm, ein Allen als gemeinsames Productionsgesetz geltendes mathematisches Maß, nach welchem sie arbeiten, – es ist ein gemeinsames Ziel, an welchem Alle endlich zusammentreffen: die fertige Uhr.

Die einzelnen Bestandtheile, die, wenngleich von den verschiedensten Seiten bezogen, dennoch nach Nummer und Kaliber auf’s Genaueste zusammenpassen, gehen nun durch eine Menge Hände. Zuerst bekommt sie der „Triebmacher“, der die Getriebe einschneidet, so daß sie ineinander greifen; dann erhält sie der „Finisseur“, der die einzelnen Theile „finirt“, die Räder zusammen- und die Brücken aufsetzt. Darauf der „Echappement planteur“, der die Raquette (Unruhe) und die Echappement-Theile, die wieder von anderen Branche-Arbeitern gefertiget sind, plantirt. Hierauf gelangt das ziemlich vollständige innere Werk in die Hände des Zifferblatt-Aufsetzers (Fabricant et poseur de cadrans), der, wenn er geschickt ist, täglich 10 bis 15 Francs verdienen kann. Alle diese Leute wohnen und arbeiten für sich in ihren Häusern, so daß die längliche Schachtel, in welcher jederzeit sechs Uhren Platz haben, mit letzteren in ihren verschiedenen Entwickelungsstadien fortwährend unterwegs ist, von einem Hause zum andern wandernd. Ist das Zifferblatt aufgesetzt, so wandert das Werk zum „Faiseur des boîtes“ oder „Schalenmacher“, der das goldene oder silberne Gehäuse nach Angabe des Fabrikanten, wie schwer und theuer dasselbe sein darf, darumlegt.

Vorläufig ist dieses Gehäuse noch ganz blind und roh, ohne jede Decoration. Die Genfer Schalen sind eleganter, gustöser, nobler als die im Jura gefertigten, während die großen Uhrenschalen vorzugsweise in Locle dauerhaft, solid und kräftig in den Scharnieren hergestellt werden. Für Damenuhren namentlich, „Savonettes“, kann man nur Genfer Arbeit gebrauchen. Allgemein wird für silberne Schalen dreizehnlöthiges Silber, für goldene achtzehnkarätiges Gold verwendet. Um diesen Gehalt der edlen Metalle zu garantiren, kommen die rohen Schalen auf das Controle-Bureau, wo sie probirt und gestempelt werden. Schleuderer und Fabrikanten, die à tout prix Geschäfte machen wollen, lassen indessen auch, indem sie das Controle-Bureau umgehen, geringer legirte Schalen machen.

In solch geringerer, aber sehr elegant aussehender Waare macht Chaux de Fonds besonders Geschäfte, während Locle immer mehr auf äußerst solide Arbeit sieht. – Steckt nun das Werk in der rohen Schale, so kommt es zum Cuvette-Macher, der den inneren Messing-Deckel anbringt. Bei solchen Uhren, deren Cuvette von Silber oder Gold ist, fertigt dieselbe der Monteur des boîtes. Nun erst erhält das Ganze der Repasseur, welcher das Werk in der Schale justirt, die Brücken, Kloben etc. finirt, überhaupt das ganze Uhrwerk zuerst in Gang setzt. Damit aber ist es noch nicht fertig, denn Werk und Schale werden nun nochmals auseinander genommen, ersteres wird regulirt, vergoldet und die Stahltheile polirt, – indessen der Guillecheur oder Graveur (zwei getrennte Branchen) das Gehäuse decoriren und durch die bei ihnen arbeitenden [168] Finisseusen und Polisseusen fertig machen lassen. Nun erst läuft das Stück durch die letzte Hand, die des Remonteur, der die Uhr fix und fertig dem Fabrikanten abliefert.

Chaux de Fonds und Locle sind die hohe Schule der Uhrmacherei. Fortwährend trifft man hier Lehrlinge und Gehülfen aus allen civilisirten Ländern; nur die Engländer, die nächst der Schweiz die namhafteste Uhrenfabrikation betreiben, sind zu stolz, ihre siegreichen Concurrenten zu besuchen.

Der Werth solcher Uhren, die nie anders als im halben Dutzend verkauft werden, steigt von 6 Francs pr. Stück (sogen. grissots, d. h. Semiler-Uhren) bis zu 2000 Francs und darüber. Oft liegt der hohe Preis weniger in der luxuriösen Ausstattung, als in der verbürgten großen Genauigkeit. Eine Uhr kann dadurch, daß sie auf der Pariser Sternwarte ein halbes Jahr beobachtet wurde, um vielleicht 1000 Francs im Preise steigen. Die geringsten Uhren (man sagt, das Stück in Neusilber um einen Fünffrankenthaler = 11/3 Thaler Courant) liefert in sehr großer Quantität der berner Jura. Den größten Export-Verkehr hat Chaux de Fonds.

Von welcher Ausdehnung dieses Geschäft ist, mag man daraus entnehmen, daß allein im Jahre 1856 die enorme Summe von einer Million einmalhunderttausend Stück Uhren in der Schweiz gefertigt wurde. Der Export hat sich Märkte in den entlegensten Weltgegenden gesucht, und es gibt jetzt auf dem ganzen Erdball kein civilisirtes oder in Civilisirung begriffenes Land, in welchem es nicht auch schweizerische Uhren gäbe. Wie der Basler Bandfabrikant seine Seidenbänder im Dessin und Gewicht den Forderungen der verschiedenen Länder anpaßt, nach welchen er exportirt, wie der ostschweizerische Mousseline-Manufacturist die Trachten und Gewohnheiten der Brasilianer, der Indianer, Mulatten und Inselbewohner Westindiens studirt, um seine Gewebe danach einzurichten, so auch läßt der jurassische Etablisseur große, schwere, altmodische Uhren mit drei und vier Gehäusen für die Türkei, Egypten und andere moslemitische Länder, oder Uhrenpaare für die Chinesen fertigen. Denn dieses Volk soll sich nicht mit dem Besitz einer gutgehenden Uhr begnügen, sondern es trägt eine Secundantin in der Tasche, um damit die eigentliche Uhr zu controliren.

Der Werth des allein in den Neuenburger Bergen zu Uhrgehäusen verarbeiteten geprägten Goldes und Silbers beläuft sich jährlich auf mehrere Millionen Franken. Im Jahre 1857 importirte nach den eidgenössischen Zolltabellen die Schweiz an Uhren, Uhrentheilen und darauf bezüglichen Werkzeugen 690 Centner im Werthe von 8,280,000 Francs, und exportirte dagegen 2121 Centner im Werthe von 101,824,000 Francs, so daß die Mehrausfuhr dieses einzigen Jahres 931/2 Millionen Franken ausmachte.

Gegenwärtig mögen in allen Uhrendistricten summarisch etwa 40,000 Menschen Beschäftigung in diesem Industriezweige finden. Den jährlichen Verdienst eines Arbeiters kann man nach einer Durchschnittszahl auf etwa 1560 Franken (416 Thaler Courant) anschlagen, während es deren freilich nicht wenige gibt, die ihre jährliche Einnahme auf 4000 bis 6000 Francs zu steigern wissen. Da Wohnungen und auch zum Theil die Lebensmittel in den Jura-Orten enorm theuer sind, so müssen gute Löhne gezahlt werden. Der eingeborene Jurassier beschäftigt sich mit keinem anderen Erwerbszweige, als mit der Uhrenfabrikation, weil sie ihm mehr einbringt, als jedes andere Gewerbe; alle übrigen Handwerke überläßt er gern Schweizern anderer Cantone oder Ausländern, die sich dort niederlassen.

Die Schweizeruhren werden von keinem Lande hinsichtlich der Billigkeit und Concurrenzfähigkeit übertroffen. Selbst auf jenen Märkten, wo England in anderen Industrie-Artikeln obenan steht, gestaltet sich der Uhrenverkauf so, daß aus der Schweiz zwei Drittel, und aus England erst ein Drittel bezogen werden. Nach ziemlich verbürgten Gerüchten sollen unter den als „englisches Fabrikat“ in den Welthandel kommenden Uhren fast die Hälfte schweizerischen Ursprunges und nur die Schale wirklich englische Arbeit sein.

Bei der Industrie-Ausstellung in Bern 1857 wurden namentlich folgende Fabrikanten durch Preise ausgezeichnet: Ulysses Lecoultre in Sentier, Perret und Henri Grandjean in Locle (Letzterer namentlich für Marine-Chronometer), Julien Perret in Chaux de Fonds, Golay-Leresche, Lutz und Sohn, Philippe Patek und Cie. in Genf (Letzterer Erfinder des Remontoir par le pendant) etc. Aber es gibt noch viele Firmen, die ebenso arbeitende sind, als die genannten.