Ein Bild aus „Deutschland im Elend“

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Textdaten
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Autor: Friedrich Hofmann
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Titel: Ein Bild aus „Deutschland im Elend“
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 52, S. 825–828
Herausgeber: Ernst Keil
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1865
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Ein Bild aus „Deutschland im Elend“.
Von Friedrich Hofmann.

„Und hier die zwei mächtigen Eisenketten an der Mauer, was bedeuten diese?“ So fragte ein alter Genosse der Burschenschaft mich auf der Veste Coburg, wohin wir nach den Jenaischen Jubeltagen einen gemeinschaftlichen Ausflug gemacht hatten. Wir standen auf der sogenannten „hohen Bastei“, zu welcher die Terrassen zwischen der Kirche und dem neuen Wirthshaus emporführen und die mit der alten starkzerwetterten Luther-Linde geschmückt ist. Auf dieser Bastei entfaltet sich vor unsern Augen ein entzückendes Panorama über das reizende Land und seine Berg- und Wälderkränze, vom Heiligen Kreuzberg der Rhön im Westen, dem ganzen Thüringerwaldkamm im Norden bis zu seinen südöstlichen Ausläufern und bis zu den fernen Kuppen des Fichtelgebirges, den langen schönen Linien der Berge des Frankenwaldes bis zum Mainthal mit seinen klöster- und capellengeschmückten Höhen und endlich bis zu den grünen Waldhügeln des Itzgrundes zu unseren Füßen. Wen dieses Bild voll Schönheit und Anmuth der Natur, dieses Paradies von fünf Eden, wie Jean Paul die Thäler seines lieben Coburg nannte, einmal entzückt hat, den wird es um so tiefer ergreifen,

Wenn wir auf all der Lande Segen
Im Geist des Krieges Bilder legen.

Die Frage meines Burschenschaftsgenossen führte uns von selbst mitten in die entsetzlichste Zeit des dreißigjährigen Kriegs. Während einer der damaligen Belagerungen der Veste soll ein feindlicher Spion eingefangen worden sein, den man geviertheilt und so dem Feinde zur Schau an diesen Ketten über die Mauer hinausgehangen habe. So lautet die Sage; die Chronik schweigt über diesen Act barbarischer Kriegsjustiz, er verschwindet aber auch sogar in der Summe der Gräuelthaten, von denen die Geschichte jener Zeit in diesen fränkischen Landen des Hauses Sachsen zu erzählen hat.

Für die Geschichte des dreißigjährigen Kriegs liegen noch heute Massen von Material verborgen und nicht wenig davon geht unbenutzt zu Grunde. Mit Recht sagt Gustav Freytag in seinen „Bildern aus der deutschen Vergangenheit“: „Viel ist über die Verwüstungen des dreißigjährigen Kriegs geschrieben worden, aber noch fehlt die große Arbeit, welche aus allen Territorien die erhaltenen statistischen Notizen zu einem Bilde zusammenstellte. Wie ungeheuer die Arbeit sei, sie muß doch unternommen werden, denn erst aus unwiderleglichen Zahlen wird die volle Größe des Unheils verständlich werden.“ Er sagt ferner, daß die Verhältnisse namentlich von Thüringen und Franken nicht Übel geeignet seien, die Vergangenheit [826] mit der Gegenwart zu vergleichen, weil Beide durch den Krieg nicht ausnahmsweise mehr heimgesucht worden seien, als andere Länder, und die Culturverhältnisse beider Landschaften bis zur Gegenwart ziemlich genau dem mittleren Durchschnitt deutscher Industrie und Landwirthschaft entsprächen. – Möge man die nachfolgenden Schilderungen als einen solchen Beitrag, als ein paar Züge zu dem großen Gesammtbilde von „Deutschland im Elend“ aufnehmen; sie verdienen vielleicht besondere Beachtung deshalb, weil sie zum Theil von mir neu aufgefunden und der Vernichtung entrissen worden sind.

Beim Ausbruch des dreißigjährigen Kriegs standen die Länder der sächsisch-ernestimschen Linie unter zwei Häusern, dem sogenannten altweimarischen und dem coburgischen Hause. In letzterem regierten Johann Casimir und Johann Ernst, die Söhne des unglücklichen Herzogs Johann Friedrich des Mittlern, der als Beschützer des geächteten Ritters Grumbach in die Reichsacht verfallen, nach der Erstürmung Gothas und des Schlosses Grimmenstein in ewige Gefangenschaft nach Oesterreich geführt und dort gestorben war.

Herzog Johann Casimir, ein Fürst, der fest am Lutherthum hielt und auf sein Schirmrecht über die protestantische Kirche seines Landes stolz war, wußte gleichwohl sich und seinem Lande bis zum Jahr 1629 den Schutz der Neutralität zu erhalten. Konnte er dadurch auch nicht alle Drangsale des Kriegs abwenden, nahmen die fast endlosen Truppendurchzüge die Kräfte der Gemeinden bereits sehr stark in Anspruch, so traf der Verlust bis dahin doch eben nur das Gut, Blut war noch nicht vergossen worden, außer in einzelnen Fällen, wenn die Bauern „mit Spießen, Flegeln und Floßhaken“ gegen einzelne Croatenschwärme und dergleichen sich auf eigne Faust Recht verschafft hatten. Als aber nach dem Fürstentag zu Leipzig (im Februar 1631) und in Folge des Verbrechens an Magdeburg (im blutigen Mai desselben Jahrs) der Herzog sich zum Bündniß mit Schweden genöthigt sah und sogar schwedische Besatzung in seine Veste Coburg aufnahm, brachen alle Schrecken jenes Kriegs mit einem Male auf das Land herein.

Dreierlei half zusammen, um gerade diese Theile von Nordfranken und Südthüringen den ärgsten Verwüstungen auszusetzen: die Heerstraßen, die durch sie von Bamberg und Würzburg nach Sachsen führten, die katholische Nachbarschaft in den angrenzenden bischöflichen Ländern und die drei Festungen Kronach, Coburg und Königshofen. Diese an sich unbedeutenden Waffenplätze zogen jeden Feind an, und je tapferer und länger sie sich wehrten, desto schlimmer war es für das umliegende offene Land, zumal die ersten Heerzüge große Wohlhabenheit dort gefunden hatten, eine Kunde, die damals ein Trupp dem andern zurief und welche die Blutegel aller Farben anlockte, bis die Wüste fertig war. Diese Andeutungen werden genügen, um unsere Leser für die Bilder vorzubereiten, die nun vor ihren Augen aufgerollt werden sollen.

„In diesem Jahre wurde hiesiges Land durch die kaiserlichen und baierischen zusammengestoßenen Armeen durch Mord, Raub, Plünderung, auch Verheer- und Verwüstung aller Häuser und Schlösser und andere unzählige Unthaten nach wilder Barbaren-Art in einen erbärmlichen Zustand versetzt.“ So beginnt die Coburger Chronik das Jahr 1632. Schon 1631 hatte der kleine Grenzkrieg zwischen Katholischen und Lutherischen begonnen; in größerem Style wurde er nur von der Veste Kronach aus geführt, deren Besatzung ihre Streif- und Raubzüge meilenweit über das Herzogthum und selbst bis nach Steinheide auf dem Thüringer Wald hinauf ausdehnte; auch diese durch ihren Bergbau auf Gold einst blühende Bergstadt fraß dieser Krieg, die Bergwerke verfielen ganz und mühvoll erhob sich nach dem Friedensschluß um die alte Kirche ein armer Marktflecken.

Um die Kronacher zu züchtigen, rückte der „coburgische Ausschuß“ mit zwei halben und zwei Viertels-Karthaunen, unter Anführung eines schwedischen Obersten, vor Kronach; aber die Belagerung bekam übel, die Coburger mußten mit Verlust von drei Kanonen, aller Munitions- und Bagagewagen abziehen, und die Feinde wütheten schlimmer, als zuvor. Der schwarze Lieutenant, einer ihrer Führer, war noch lange nach dem Kriege ein Schreckensname geblieben.

Wenige Wochen vor diesem Zuge hatte Tilly mit achttausend Mann Königsberg (in Franken), mit einem festen Bergschlosse, berannt, genommen, die Stadt angezündet und der Plünderung übergeben. Gleich nachher fielen die Croaten von Lichtenfels aus in den Itzgrund ein und brannten und plünderten die reichen Dörfer Buch und Siemau rein aus. Von allen Seilen kamen die fliehenden Landleute nach Coburg, um Schutz und Brod zu suchen. Und doch war dies Alles nur das Vorspiel zum großen Drama!

Dies begann, als Wallenstein, nach dem Kampfe vor Nürnberg (Anfang September 1632), durch Thüringen nach Sachsen zog. Das Land des Herzogs von Coburg war das erste ketzerische eines vom Kaiser abtrünnigen Fürsten, das er auf diesem Zuge betrat, und es sollte seinen ganzen Zorn fühlen. Als die Veste Coburg sich nicht ergab und seine stürmenden Schaaren zurückschlug, loderten am Abend desselben Tages die Flammen im ganzen Lande auf. Von den Basteien der Veste sah man die Feuersäulen der Städte Rodach, Heldburg, Ummerstadt, Eisfeld, Schalkau, Neustadt und vieler Dörfer die ganze Nacht gen Himmel ragen.

Nur wenige Tage, vom 27. September bis zum 5. October, hatte Wallenstein (mit dem Kurfürsten von Baiern) vor der Veste Coburg gelegen, und wieviel Leben, Glück und Gut hatte dies dem armen Volke gekostet!

Und doch schwinden fast all diese Gräuel vor einer That des Wahns, die in denselben Tagen in Coburg geschah. Die Chronik berichtet: „Am 6. Septb. wurde ein Knabe von zwölf Jahren, Georg Grünewald’s, Kannengießers Sohn, mit dem Schwert gerichtet und hernach verbrannt, dabei zwei andere Knaben mit hinaus auf die hohe Straße geführt und bei der Meinung gelassen, als ob sie gleiche Strafe ausstehen sollten, indem sie alle gutwillig bekannt hatten, daß sie Hexerei getrieben!“ – So ging, von dem unerhörten Unglück des Krieges unberührt, die Gerechtigkeit des Wahns ihren blutigen Weg!

Sehen wir uns nun in den einzelnen Unglücksstätten um. – Während der kurzen Belagerung der Veste Coburg durch die Kaiserlichen und Bairischen war für die Soldatesca Jedermann vogelfrei, und bald begann nach der allgemeinen Plünderung eine allgemeine Flucht. Bötzinger, Pfarrer zu Poppenhausen bei Heldburg, erzählt, wie er, auf Bitten der Seinen, um sein Leben zu retten, aus seinem Dorfe geflohen, wie acht Croaten ihn „errenneten“ und bis auf’s Hemd und seine „Harzkappe“ auszogen, wie sie schon davon gesprochen, als sie einen „Pap“ oder „Pfaff“ in ihm erkannt, ihm die Testiculos zu nehmen und wie er nur durch einen derselben, einen geborenen Schweden, der als Gefangener unter die Croaten gekommen war, gerettet worden sei. Er lief, bis er in eine Wasserrunse fiel und da liegen blieb, bis es Nacht war. Dann schlich er nach Seidingstadt, fand dieses Dorf ganz leer, bis er hinter einem Stadel den Rest der Geineinde traf, eben berathend, wohin man weiter flüchten solle. Hier schenkte man dem ausgehungerten und halberfrorenen Pfarrer einen Topf Milch, ein paar alte Lederhosen voll Wagenschmiere, einen grauen und einen weißen wollenen Strumpf und ein Paar Riemenschuhe ohne Sohlen. In diesem Aufzuge floh er nach Hildburghausen, das durch ungeheure Geldopfer vor der Brandfackel bewahrt worden war, aber wo gleichwohl Alles, was laufen konnte, zur Flucht rüstete, zumal über tausend fremde Flüchtlinge sich dort angesammelt hatten. Als es wieder Nacht war, ging es an ein Scheiden – „und saßen unzehlig viel Leute mit ihren Packen auf der Gaß, auch viel mit Wägen und Kärrn angespannt, die alle, als das Thor aufging, mit fort wanderten. Als wir in’s freie Feld kamen, sahen wir, daß die guten Leutlein sich in alle Straßen austheilten. Da wurden viel Tausend Wind-Lichter gesehen, diese hatten Latern, diese Stroh-Schäube, andere Pech-Fackeln. In Summa etliche 1000 Leute zogen mit Traurigkeit fort. Ich und mein Hauff kamen, hor. 12 Mitternacht gen Themar, welche Stadt sich auch mit uns aufmachte, und abermal etliche 1000 mehr wurden. Der Marsch ging aus Schwartzig, Steinbach zu, und wo wir gegen Morgen in ein Dorff kamen, da wurden die Leute erschreckt, daß sie Hauß und Hoff auch zurückließen und mit uns fortzogen.“ – Und als dieser Pfarrer im Jahre 1634 endlich, nach unzähligen Leiden, sich nach Poppenhausen zurückwagte – „da war daselbst so große Mattigkeit und Mangel, daß wir den todten Leuten ähnlicher sahen, als den lebendigen. Viele lagen schon aus Hunger darnieder, und mußten gleichwohl alle Tage etliche Mal Fersengeld geben und uns verstecken. Und obgleich wir unsere Linsen, Wicken und andre Speiß in die Gräber und alten Särge, ja unter die Todtenköpfe versteckten, wurde es uns doch alles genommen.“

Von den Schicksalen der Geistlichen und Schullehrer, von denen in den Kirchenbüchern und Schulbibeln noch Manches bis [827] auf uns gekommen ist, läßt sich am leichtesten auf das der Volksmasse schließen.

Der Pfarrer von Bürden starb damals Hungers in Hildburghausen; der Schulmeister von Veilsdorf entwich nach Thüringen, „um von gutherzigen Leuten ein Stück Brod zu betteln, weil der größte Hunger im Dorfe herrschte und fast kein Mensch mehr im Orte war“; den Superintendenten von Eisfeld führten die Soldaten auf den Markt, zogen ihn da bis auf das Hemd aus und jagten ihn so aus der Stadt. Das Dorf Stelzen, hoch am Thüringerwald, wurde auf Michaelis 1632 bis auf Kirche, Schule und Hirtenhaus abgebrannt. Der Pfarrer meldete seine Noth nach Eisfeld, indem er klagt, daß ihm nichts übrig geblieben sei, als „seine acht kleine, arme, nackte, hungerige Kindlein“, – und er unterschrieb sich: „unterdienstwilliger und gehorsamer armer verbrannter Pfarrer daselbst“.

So war das Brennen und Morden durch das ganze Land gegangen, von Itzgrund an bis zu den letzten Dörfern am Thüringerwald, wo der Feind von Norden her einbrach und alles Erreichbare verwüstete, und von der Nähe Kronachs an, das Herzog Bernhard von Weimar dreimal belagerte, um dem Coburger Lande von dieser seiner gefährlichsten Seite Schutz zu bringen, und dreimal vergeblich und nur mit dem Siegerübermuth die Raub- und Mordlust der Besatzung und der gesammten Bevölkerung vermehrend, bis zu dem Verheerungsgebiet von Königshofen, das in diesem Kriege abwechselnd bald in den Händen der Schweden, bald in denen der Kaiserlichen war.

Aber noch höher stieg das Elend des Landes, als die Veste Coburg selbst in die Hände der Kaiserlichen fiel. Nach einer Belagerung vom 20. Oktober 1634 an wurde sie am 28. März 1635 dem kaiserlichen General-Wachtmeister v. Lamboy übergeben.

Noth und Elend, schreibt 1635 die Chronik, waren nun auf das Höchste gestiegen. Das Land war ganz mit fremden Soldaten überschwemmt, im Amte Römhild lagen die thunischen, gallasschen, hatzfeldischen und andere Regimenter, in Heldburg vom adelshofischen und anderem Volk, in Neustadt und Eisfeld lagen Ungarn und des Oberst Forgatsch Croaten und in den Coburger Dorfschaften die Lamboy’sche Reiterei. Dazu kam noch Feldmarschall Piccolomini, der mit vielem Geschütz der Veste nach Königshöfen zog, um dieses den Schweden zu entreißen. Wie die Hyäne hinter Löwen und Tiger her, um zu verschlingen, was diese übrig gelassen, brach nun noch Generalfeldzeugmeister Marchese de Grana von der linken Kronacher Gegend her in’s Land. Die Bauern machten in all ihrem Jammer damals noch einen guten Unterschied zwischen ihren Drängern, sie nannten den Wallenstein den großen Feind, den Lamboy den kleinen Feind und den Marchese de Grana den Kehraus: er nahm, was er noch fand. und hinterließ die Hungersnoth und die Pest. Wer noch fliehen konnte, suchte in der Fremde, die Meisten in Thüringen, das Leben zu fristen. Fast alle Schulen standen leer, weil die Kinder zu Grunde gegangen waren, viele Pfarrer mußten sich von Tagelöhnerarbeit, von Holzhacken und Dreschen ernähren, wo es überhaupt noch Etwas zu dreschen gab, denn auch vieles Land blieb öde liegen, überwuchert mit Dornen und Disteln, die meisten Häuser wurden verwüstet, die Scheunen selbst rings um die Stadt Coburg abgerissen und vom Feind und Freund als Brennholz benutzt. Außerhalb der Stadt Coburg war im ganzen Land kein ganzes Haus mehr zu finden, und – es sind nur wenige Worte, aber sie drücken das Gräßliche jener Zeit ganz aus: „sind damals mehr als fünfhundert Kinder auf den Gassen todt gefunden worden, ohne die allen Leute, die der Hunger gefressen. Es war auch sonderlich erbärmlich, daß eine Frau von Roßfeld eingebracht wurde, welche ihren Nachbarn ermordet hatte, in der Meinung, ihn zu essen.“

Als endlich der Abschluß des Prager Friedens zwischen dem Kaiser und Sachsen auch dem Lande Coburg einige Ruhe verhieß, kehrten die Entflohenen zu ihren Heimstätten zurück, und die Regierung, die indeß, nach Johann Casimir’s Tode (1633), an seinen Bruder Johann Ernst übergegangen war, wandte alle möglichen Mittel an, um den Anbau der ganz verödeten Fluren wieder zu bewerkstelligen. Sie hatte im Jahre 1636 bedeutende Getreidevorräthe in Thüringen angekauft und forderte nun ihre Aemter und Gerichte auf, den Bedarf jeder Gemeinde und die Transportmittel, die dieselbe zur Herbeiführung jener Vorräthe liefern könne, anzugeben, aber auch zugleich über den damaligen Zustand derselben, namentlich wie viel von Aeckern bestellt, wie viel „Mannschaften“ noch vorhanden und was an Feldern und Häusern wüst stehe, zu berichten.

Von diesen Nachforschungen nun liegen aus Heldburger Archivpapieren die Original-Protokolle des Gerichts Heldburg und eine tabellarische Zusammenstellung der Cent Hildburghausen über sämmtliche zu beiden gehörige Dörfer vor mir.[1]

Trotz mehrfacher Mahnungen der Regierung vergeht doch das ganze Jahr 1636, ohne daß die Gemeinden zur Abholung des Getreides sich entschlossen hätten; im März 1637 schreibt die fürstl. sächs. Geheim- und Kammer-Canzlei zu Coburg an die Gerichte, „daß nun periculum in mora sei wegen der Samenabfuhr in Thüringen“, und so werden denn endlich im April die vorhandenen Transportmittel angemeldet. Schon ein Blick auf dieses Verzeichniß genügt, um den entsetzlichen damaligen Zustand des Landes zu ahnen. In fünfzehn Dörfern der Cent Hildburghausen sind nur vier Karrenführer aufzubringen gewesen, außerdem sechsunddreißig Schubkarren und zweiundsiebenzig Träger; in dreizehn Dörfern des Gerichtes Hildburg gar nur eine einzige Karrenfuhre und außerdem sechsunddreißig Schubkarren und siebenzig Träger. Dazu bemerkt der Hildburghäuser Bericht noch: „Die Leut werden so urplötzlich krank, also daß dieselben dahin sterben und mancher das neue Korn nicht geneust, worauf er sich lang gefreuet. Der liebe Gott wende es zum Besten!“

Das Aktenstück über den Zustand der Dörfer des Gerichts Heldburg führt die Aufschrift:

„Was an Winter- und Sommerfrucht ausgebauet, auf’s Neue bestellt, an Pferden und Mannschaften vorhanden, auch wüst stehet im Gericht zu Heldburg April 1637.“

Da lesen wir u. A.: In Colberg: Ist kein Pferd noch sonst lebendig Vieh allda. Sind noch 4 Männer und 3 Wittweiber am Leben und stehen 23 Wohnhäuser ganz ledig. In Rieth: Ist nicht mehr als ein Pferd in der Gemeinde. Daselbst stehen 60 Häuser ledig, und sind noch 20 Hausgesaß, darunter 11 Männer, am Leben. In Lindenau: Sind noch in Allem 12 Mannschaften und 3 Wittiben vorhanden und stehen hierüber noch 58 Häuser ledig. Und so fort. Am allerschlimmsten sah es in vier anderen Dörfern dieses Heldburger Gerichts, in Poppenhausen, Käßlitz, Schweikershausen und Seidingstadt aus. Das Protokoll sagt: „Liegt Alles öd und wüst, ist auch an keinem Ort nichts an Viehe und ist zu besorgen, diese Dörfer werden künftig ganz wüst.“ In Seidingstadt, das jetzt 300 Einwohner zählt, lebten 1637 noch ein Mann und 3 Wittweiber, in Poppenhausen, jetzt mit 170 Einwohnern, noch 3 Männer, in Käßlitz, jetzt mit 230 Einwohner, noch 4 Männer, und in Schweikershausen, das jetzt wieder eine blühende Gemeinde von 54 Familien und über 200 Einwohner hat, lebte noch ein einziger Mann, „so sich des Schueb-Karrns und Tragens aus Thüringen nehrt“. –

„Summa gantz Vermögens im Gericht Heldburgk ist: 177 Acker Winterbau, 75 Acker Sommerbau, 75 Acker auf’s Neu bestellt, 8 Pferde, 115 Mannschaften, 54 Wittweiber, 550 ledige Häuser“. Also 170 arme Menschen noch, wo heute gegen 5000 glücklich leben! –

Ein nicht viel weniger erschütterndes Bild zeigt uns das „Verzeichnuß derer in der Cent Hildburghausen Dorfschaften anitzt befindenden Mannschaften, Wittiben, auch wie stark dieselbe hiebevor an Mannschaft gewesen, was an Pferden etc. und was öde liegt“.

[828] Wir müssen uns jedoch hier auf die Mittheilung beschränken, daß in den schönen und großen Fluren der Dörfer dieses Amtsbezirks im Ganzen nur 713½ Acker nothdürftig angebaut waren, 3228½ Acker werden als „ödes Feld“ angegeben, 345 Häuser standen wüst, und wo jetzt 6000 Menschen leben, fand man damals nur noch 313 zusammen.

Die Hälfte der Schuld dieser furchtbaren Verwüstung liegt auf den Schweden, die, sobald der Friede mit dem Kaiser geschlossen war, in dem lutherischen Lande ärger hausten, wildere Gräuel der Menschenmarter (Schwedentrunk!) begingen, als sogar den Croaten möglich war. Der Krieg ernährte sich längst selbst, er hatte fast zwanzig Jahre gewährt, die ganze Jugend hatte noch kein Bild des Friedens gesehen! – Ein schwedischer Oberst war es, Namens Phuls, der damals vom Lande Coburg berichtete: „Es ist durch die ausgestandene schwere Kriegslast dahin gediehen, daß Hunde, Katzen, Ratten, Mäuse, todtes Aas (um das sich die Menschen geschlagen!) und andere abscheuliche Dinge dem armen Landvolk zur Speise gedient, das sich gerne mit Trebern, Leinkuchen, Kleien und Eichelbrod, gleich den unvernünftigen Thieren, zu sättigen begehret, wenn sie nur dessen genug haben konnten. Weil es aber auch daran mangelte, so wollten die Mütter ihre Kinder angehen, und schlachten etc.“ – Und wirklich hat, so schreibt die Chronik, eine Frau zu Roßfeld, Anna Hessin, zwei Kinder ermordet, Würste davon gemacht und dann gegessen. Man hielt sie für eine Zauberin, brachte sie zur gefänglichen Haft und wollte sie eben mit glühenden Zangen zerfetzen und dann verbrennen, als sie noch zu rechter Zeit im Gefängniß starb. Ihr Körper wurde dennoch auf der Gerichtstätte verbrannt. So wüthete der Hunger bis zum Wahnsinn!

Damit seien diese Mittheilungen geschlossen. Aber eine doppelte Lehre nehmen wir aus diesen Jammerbildern mit: erstens die, daß wir nicht ungerecht urtheilen sollen über die bürgerlichen Nichtswürdigkeiten, die unser Volk nach dem dreißigjährigen Kriege bis zur französischen Revolution, ja bis zu den Befreiungskriegen in den meisten deutschen Ländern zeigt, denn dieses arme deutsche Volk hatte sich vom tiefsten Elend zu erholen; und zweitens, daß die Art, wie dieses Volk aus Schutt und Asche und Blutlachen wieder erstand, uns mit freudiger Bewunderung und mit dem schönsten Vertrauen für sein Vorschreiten in die Zukunft erfüllen muß. Trägt auch das deutsche Volk hie und da noch leise Spuren der politischen Folgen jenes Kriegs, der deutsche Boden hat sie überwunden, aus dem Dorngestrüpp der Einöden und Wüsten sind wieder fruchtbare Felder geworden und wieder gilt von ihm und auch von dem einst so schwer heimgesuchten Fleckchen deutscher Erde, an dessen Anblick unser Auge auf der Veste Coburg sich labt, das Wort des Tell:

Dort blüht das Korn in langen, weiten Auen,
Und wie ein Garten ist das Land zu schauen.



  1. Im Jahre 1857 wurde das Archiv auf der Veste Heldburg im Meiningischen an die meistbietenden Kaufleute und Krämer der Umgegend verkauft. Ein mir befreundeter Kaufmann in Eisfeld gestattete mir die Durchsicht des Restes der von ihm erstandenen sechs Centner Archivpapiere; es waren im Ganzen über dreißig Centner verkauft worden. Was ich in dem geringen Vorrath, den mein Freund mir noch vorlegen konnte, fand, mußte mich befürchten lassen, daß mit diesem Archive manche wichtige historische Nachricht namentlich über die Zeit des dreißigjährigen Kriegs unrettbar verloren gegangen sein möge. Außer einem sehr interessanten und von der ersten Anzeige bis zur letzten Scharfrichtersrechnung vollständigen Hexenproceß fand ich Privatbriefe, Protololle und Berichte aus der Zeit von 1567 (von Zeitgenossen Grumbach’s mit Bezug auf diesen) bis 1677 (wo der Hof- und Feldtrompeter von Heldburg um sein Neujahrstrinkgeld mahnt); die wichtigsten Stücke gehören aber der schlimmsten Zeit des dreißigjährigen Kriegs für das Coburger Land an, den Jahren 1635 bis 1637. Von diesen theile ich hier Einiges mit. – Eine Bitte darf ich aber wohl nicht ganz unterdrücken, die Bitte, nunmehr die alten Archive in Deutschland zu schonen; die Barbarei von Seiten kenntnißloser oder gegen Wissenschaft und Volksthum gleichgültiger Beamter gegen sie sollte doch endlich lange genug gedauert haben.