Ein Bild aus der Wüste

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Titel: Ein Bild aus der Wüste
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 14, S. 166
Herausgeber: Ferdinand Stolle
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1854
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[166] Ein Bild aus der Wüste. Unter den freien Beduinenstämmen Afrika’s und unter deren berühmten Pferden war besonders eins weit und breit berühmt. Es flog schneller wie die Sandwolke des Sturmes und hatte zartere Glieder als der Strauß. Der Fürst eines Stammes, mit Namen Doher, hatte schon große Massen von Vermögen geboten, um dieses Wunder der edeln Rosse zu kaufen, aber vergebens. In dem Brande seiner Sehnsucht konnte er keine Ruhe finden, so daß er endlich auf folgende List fiel, in den Besitz den Rosses zu kommen. Er beschmutzte sein Gesicht mit dem Safte eines Krautes, kleidete sich in Lumpen, band sich ein Bein beinahe bis an den Hals hinauf und gab sich so die bemitleidenswertheste Gestalt eines verkrüppelten Bettlers. So ging er, um auf Nober, den Eigenthümer des berühmten Rosses, im Freien der großen Wüste vor den Zelten zu warten, wo er vorbei kommen mußte. Als er Nober heranfliegen sah, schrie er ihm jämmerlich um Hülfe entgegen.

„Ein armer Fremder! Seit drei Tagen lieg’ ich hier ohne Wasser, unfähig, einen Schritt zu gehen. Ich sterbe. Hilf mir, Allah wird Dir’s lohnen.“

Nober bot ihn gütig sein Pferd an, er möge nur kommen, aber der Schurke erwiederte: „Ich kann nicht aus. Hilf mir aufstehen!“

Nober, vom Mitleid ergriffen, stieg ab, führte das Pferd dicht heran, und bückte sich, um ihm aufzuhelfen. Aber mit der Elasticität eines Gummiballes sprang Doher jetzt auf das Pferd, und mit ihm davon fliegend, rief er höhnisch: „Ich bin Doher. Nun hab’ ich Dein Pferd und Du hast es gehabt.“

Nober rief ihm nach, nur noch ein Wort zu hören. Seiner Sache gewiß, machte Doher in gehöriger Entfernung Halt und fragte höhnisch, was er ihm noch für guten Rath mitzugeben habe.

„Du hast mein edles Thier genommen.“ sprach Nober ruhig und edel. „Da der Himmel dies so zugegeben, wünsch’ ich Dir Glück dazu; aber ich bitte Dich herzlich, es niemals Jemandem zu erzählen, wie Du dazu gekommen bist.“

„Und warum nicht?“ frug Doher.

„Weil,“ erwiederte der edle Araber, „weil ein anderer Mensch dann leicht wirklich in Deiner vorherigen Lage gefunden werden könnte, ohne daß man ihm hilft, da man ihn einer gleichen That fähig halten könnte, wie Du mir gezeigt hast. So würdest Du manche That des Mitleids verhüten.“

So sprach er und wandte sich ab.

Doher, von der Wahrheit, dem Adel und der Schönheit dieser Worte plötzlich ergriffen, ritt herbei, sprang von dem Rosse, gab es dem Eigenthümer zurück und umarmte ihn. Nober lud ihn in sein Zelt. wo Beide mehrere Tage verlebten und treue Freundschaft schlossen für’s Leben.