Ein Blick auf die Waarenlager und das große Feuer in London

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Titel: Ein Blick auf die Waarenlager und das große Feuer in London
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aus: Die Gartenlaube, Heft 30, S. 480
Herausgeber: Ferdinand Stolle
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Erscheinungsdatum: 1861
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[480] Ein Blick auf die Waarenlager und das große Feuer in London. Alle Welt weiß etwas von der Ungeheuerlichkeit des Verkehrs und Handels in London, aber Wenige auch derer, die mitten drin stecken, haben eine Vorstellung von der Massenhaftigkeit und Mannigfaltigkeit seiner Einzelnheiten. In den engen Nebenstraßen der City, wo die Häuserwände so hoch steigen, daß man weder Licht noch Himmel oben sieht und man mit Recht hervorschimmernde Sterne am Tage erwarten könnte, wie sie wirklich erscheinen, wenn man aus der Tiefe eines Brunnens oder Bergwerks emporblickt, in diesen furchtbaren Straßenengen gehen wir vor unzähligen Hausern vorbei, deren manches mehr Menschen und Schätze enthält als eine deutsche Stadt oder gar manch deutscher Staat mit Sitz und Stimme im deutschen Bunde. Der Herr und Regent eines solchen Hauses zählt seine Diener und Arbeiter nach Hunderten und Tausenden, seine Schätze nach Millionen. Die sprüchwörtlich gewordenen Bezeichnungen „Kaufmanns-Fürsten, Handelskönige“ etc. sind hier wörtlich zu nehmen. Manch solches Haus setzt jährlich 6–15 Millionen Thaler um. Der Raum in dieser Straßen quetschender Enge ist kaum leer zu kaufen, wenn man ihn dicht mit dicken Goldstücken als Kaufpreis belegt. Ein solches Anerbieten für den Ankauf eines kleinen Stücks Erdoberfläche hinter der Paulskirche wurde auch wirklich gemacht und unter der Bedingung gemacht, daß man die Goldstücke nicht breit neben einander lege, sondern in dichten Reihen auf die hohe Kante schichte und so die Baustelle belege. Zu diesen Gegenden, wo, wie Jemand witzig bemerkte, jeder Quadratzoll leerer Raum einen solid gefüllten Cubikzoll Gold werth ist, Privatgeschäftsleute zu finden, die ihren Grund und Boden nicht nach Zollen, sondern nach Morgen berechnen und von jedem Zoll mehr Bodenrente beziehen, als der Landmann von einem wohlbestellten ganzen Acker – in diesen Gegenden viel, glänzenden, weiten Raum zu finden, das ist das erste Wunder, das uns anstaunt, wenn wir in ein solches engverstecktes Londoner „Waarenhaus“ treten. Mehr und erhabenerer Raum, als im prächtigsten Dome, keine Fenster, aber mehr Licht als draußen unter freiem Himmel, keine Thüren, aber festerer und feuerfesterer Verschluß als in Arnheim’schen Geldspinden, keine Treppen, aber leichterer Verkehr zwischen den verschiedenen Etagen als bei uns zwischen zwei nebeneinander liegenden Stuben, ein Haus, aber mit mehr Straßen inwendig, als in einer ganzen deutschen mit Mahl- und Schlachtsteuer ummauerten Stadt – lauter Wänden solidester Art, fest und hoch gemauert von Steinen außen, inwendig mit oft vielellendicken Wänden von Schnittwaaren, Callico, Cattun, Sammet, Seide, Tuch, kostbar gefüllten Tonnen, Kisten, Ballen und Packeten – 1–10 Millionen Thaler an Werth. Das Licht kommt blos von oben durch’s Glasfensterdach und leuchtet verschönernd in die verschiedenen Etagen-Gallerien herab, die durch auf und ab gleitende „Versenkungen“ voller Waaren und Menschen stets mit einander in lebendiger Verbindung bleiben, so daß man nicht zu steigen, Waarenlasten nicht auf und ab zu tragen braucht. Für Thüren wäre der Raum zu kostspielig. Man schiebt sie eisern und doppelt auf Rollen in die Wände hinein, wenn das Geschäft beginnt, wieder hervor am Abende und macht so die einzelnen Abtheilungen nicht nur diebs-, sondern auch feuerfest.

Das ist eine Idee von einem modernen Waarenhause in der City von London zum Verkauf im Großen. Eben so ungeheuerlich sind die Waarenlager weiter unten, größtentheils an der Themse, besonders auf der Surrey- oder Südseite, östlich von der London-Brücke mit der berühmten Tooleystreet, in welcher neulich zwei solcher Speicher Stoff zu der größten unter den 10,000 Feuersbrünsten lieferten, die London seit dem großen Brande von 1666 – also im Durchschnitt wöchentlich einmal illuminirten.

In der Tooleystraße wohnen keine Menschen, sondern blos Schiffsladungen von Waaren. Am Tage ist sie mit furchtbaren, breiträderigen, dorfkirchenhoch beladenen Wagen und riesigen Pferden mit starkumbuschten Elephantenfüßen und einem solchen Donnern, Knattern, Rasseln und Rasen gefüllt, daß die Menschen nicht mit einander sprechen, sondern sich blos gegenseitig in die Ohren brüllen oder durch Zeichensprache verständlich machen können. Oben über der Tooleystraße giebt’s keinen Himmel, nicht einmal schinkenfarbigen Londoner, sondern blos galgenartig hervorragende, kettenrasselnde, krachende Krahne mit schwebenden, steigenden, sinkenden Centnerlasten.

In dieser Tooleystraße brach also Feuer aus. Es fing ganz bescheiden und verborgen an, dem kleinen Veilchen gleich, aber mit dem Essen kommt der Appetit. Das gilt natürlich von dem entsetzlichsten Vielfraße, dem Feuer, in des Wortes verwegenster Bedeutung. Es bemächtigte sich mit der Zeit – binnen 24 Stunden – aller aufgespeicherten Vorräthe und verzehrte nach einer gedruckten amtlichen Liste folgende Gegenstände: 20,000 Centner Zucker, gegen 8000 Centner Kaffee, über 300 Säcke Cacao, mehr als 4000 Centner Pfeffer, über 1000 Kisten Ingwer, 180 Centner Packete Cassia, 1684 Packete Sago, über 500 Packete kostbarer Farbenstoffe, 2000 Pack Lackfarbe, 369 Tonnen Salpeter, der explodirte, 24,000 Ballen Baumwolle, über 1000 Packete verschiedener Harzstoffe, 10,000 Centner Hanf, 170 Ballen Saffran, 83 Ballen Senna, 110 Pack Schellack, 1500 Ballen Gelbwurz, 8839 Fässer Talg, 4000 Speckseiten, 5000 Fässer Fleisch – Inhalt des einen Waarenlagers – in dem andern daneben: 16,000 Säcke klaren Zucker, 700 Ballen Hanf, 130 Tonnen (à 20 Centner) Cichorien, 300 Säcke Kleesaat, 14,000 Säcke Mehl, über 5000 Säcke Hopfen, 173 Kisten Gutta Percha, 350 Tonnen Oliven-Oel und mehrere Tausende von Tonnen verschiedenster Farbenstoffe.

Man denke sich diesen Verbrennungsstoff von 24stündiger Dauer, diesen Fraß und diese Verdauung von Werthgegenständen, an denen oder deren Werth eine ganze preußische Armee auf dem Kriegsfuße ein ganzes Jahr zu kauen und zu verdauen gebabt haben würde. Die Straße ist ungeheuer eng im Verhältniß zu ihrer vollgepfropften Höhe und Länge, so daß die von allen Seiten herbeijagenden Spritzen und Helden, die das mit jedem Augenblicke vielköpfigere Ungeheuer erlegen sollen, keinen Platz finden. Die Rettung der Speicher wird bald aufgegeben, und man beschränkt sich auf den Schutz der Umgebungen. Dies gelingt so meisterhaft, daß das Brand-Ungeheuer sich in seiner allmächtigsten Wuth doch am Ende ohnmächtig selbst verzehren muß. Es wirbelt und prasselt die lohenden Flammen himmelhoch und beleuchtet die Drei-Millionen-Stadt in der erhabensten Weise, besonders die Schiffe und Mastenwälder auf der Themse unten, die Paulskirche, die prächtige Zollhaus-Façade, den Tower, die London-Brücke. Eine entsetzliche Attaque auf die Schiffe mit fließenden, brennenden Oel- und Talgströmen über die Themse hin bildet das furchtbarste Schauspiel, aber die Schiffe werden gerettet. Auch die Salpeter-Explosion verdonnert verhältnißmäßig ohne großen Schaden. Nur der tapferste Held und Feldherr der Feuerwehr fällt mitten im siegenden Kampfe glorreicher als mancher bedenkmalte Feldmarschall, der auf Befehl Tausende in den Tod commandirte, ohne daß man hinterher eine Spur von Ehre oder Nutzen entdecken konnte. – Das große Feuer hat die beiden verzehrten Waarenlager sehr stark beleuchtet, sodaß wir wohl weiter kein Licht hinzuzufügen brauchen.