Ein Brief und seine Antwort

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Textdaten
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Autor: Alfred Brehm
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Titel: Ein Brief und seine Antwort
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 51, S. 859–860
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1871
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[859] Ein Brief und seine Antwort. Unter den vielen in allerlei Angelegenheiten an mich gelangenden Briefen gebe ich hier einen wieder, welcher nur zu deutlich beweist, wie schwer gekettet das Volk noch in den Banden des Aberglaubens liegt. Er lautet wortgetreu:

„Sehr geehrter Herr Doctor! Verzeihung, daß allerunterthänigst Unterzeichnete Herrn Doctor mit einer ergebenen inständigen Bitte zu belästigen wagt: Ich habe seit mehreren Jahren kranke Augen, welches für mich ein um so größeres Unglück ist, da ich eine alte kranke Mutter zu erhalten habe; nun hat man mir eine Sympathie gesagt, von deren Wirkung ich überzeugt bin; doch muß ich einen Wiedehopf haben. Ich habe mich mit der Bitte schon an Dr. Westermann in Amsterdam gewendet, der mir von einem Herrn, der dort bekannt ist, als so edel und gefällig geschildert wurde. Ich erhielt diesen gütigen Brief zurück, den ich zugleich benütze, Herrn Doctor zu bezeugen und bitte von ganzem Herzen ergebenst, so gütig sein und mir einen Wiedehopf schicken lassen zu wollen. Der Herr wird Sie tausendfach segnen, wie meine gute alte Mutter und ich Herrn Doctor ewig dankbar sein werden. Ich bitte mir denselben gütigst auf Postnachnahme senden lassen zu wollen. Derselbe ist um so leichter zu schicken, da ich den Vogel nicht lebendig brauche; nur bitte ich recht, recht sehr, nachdem derselbe getödtet, gleich einpacken lassen zu wollen, damit er nicht erst verwest. Bitte, bitte, sobald als möglich.“

Hierauf erfolgte selbstverständlich nicht die Zusendung eines Wiedehopfes, sondern die nachstehende Antwort, welche wohl auch für so manch einen Anderen dienen kann:

„So unendlich ich Ihr Leiden bedauere, so würde es doch gegen meine

[860] innigste und beste Ueberzeugung sein, wollte ich Ihnen den gewünschten Wiedehopf senden. Ich würde damit nur einem schädlichen und schändlichen Aberglauben Vorschub leisten; ich würde in Ihnen Hoffnungen unterstützen helfen, welche sich niemals erfüllen können. Lassen Sie sich es gesagt sein mit vollem Ernste: Wenn die Kunst und Wissenschaft der Aerzte Ihnen nicht hilft, ein altes Weib oder ein sogenannter kluger Mann helfen Ihnen mit Sympathie gewiss nicht. Beide wollen Sie nur betrügen und Geld von Ihnen ziehen; Ihr Leiden heilen können sie nicht. Ich will Ihnen einen andern Rath geben, wenn Sie wollen: Wenden Sie sich an einen Ihrer besten Aerzte, fragen Sie ihn, ob er glaube, daß, wenn nicht er, so doch ein hiesiger Augenarzt Ihnen helfen könne, und dann lassen Sie sich entweder von dem dortigen Arzte behandeln, oder kommen Sie hierher nach Berlin, um sich behandeln zu lassen. Ich werde, da Sie arm sind, Sie unterstützen und bei meinen Freunden für Sie bitten, damit Sie, wenn irgend möglich, von Ihrem Leiden befreit werden. Einen Wiedehopf aber sende ich Ihnen nicht, obgleich ich mehrere davon besitze. Denn das Leben eines so schönen Vogels raube ich nicht eines blinden, unsinnigen Wahnes halber. Noch einmal: Wer Ihnen sagt, daß er Ihr Augenleiden durch Sympathie heilen könne, der betrügt Sie und verdient Ihre Verachtung, nicht aber Ihr Vertrauen.“
A. Brehm.