Ein Gang durch eine Zuckerfabrik

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Textdaten
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Autor: O. D.
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Titel: Ein Gang durch eine Zuckerfabrik
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 32, S. 503-505
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1862
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[503]

Ein Gang durch eine Zuckerfabrik.

Die Zuckerfabrikation hat in der neuesten Zeit einen bewundernswerthen Grad der Vollkommenheit erreicht und wenn Sie mich durch eine Zuckerfabrik begleiten, sollen Sie wirklich Wunder sehen.

Hier vor dem ansehnlichen Gebäude, das durch Einfachheit und Größe die Fabrik verräth, halten in langen Reihen die Wagen, die die Rüben aus den Miethen auf den Feldern heranfahren. Dort Waren sie durch starke Bedeckung mit Erde vor Frost, durch geschickte Ventilation vor starker Erhitzung und Fäulniß geschützt. Auf Beides ist Rücksicht zu nehmen, denn die gefrorene Rübe giebt zähe, lange Säfte, die angefaulte ist zuckerärmer und steckt auch die gesunden Rüben an.

Die wohlerhaltenen Rüben wandern jetzt in den Rübensaal. Hier und da springt eine Rübe, die etwas hoch fiel, wie Glas in Stücke. Das sieht der Fabrikant gern, dies kurze, prallige Gewebe verräth Gesundheit und Reichthum. Drei Arbeiter tragen die Rüben in Körben zur Waschtrommel, die von Champannois den Namen führt. Ein langer, hohler Cylinder mit Lattenwänden dreht sich langsam in einem großen Kasten mit Wasser. In dem Cylinder ist eine Schraube, und diese befördert die oben eingeworfenen Rüben an’s andere Ende der Trommel. Hier erscheinen sie vollkommen von Erde und Schmutz gesäubert, und wir haben Gelegenheit die Rübe genauer zu betrachten. Wir haben gute Waare vor uns; die kurze, etwa 2 Pfund schwere Rübe ist fast ganz weiß, nur ein kleiner Theil des Kopfes ist gefärbt, und schnell läuft sie nach unten in eine Spitze aus. Dies sind Hauptvorzüge. Der gefärbte Theil der Rübe enthält fast keinen Zucker, er ist über der Erde gewachsen und muß weggeschnitten werden. Durch gehörig tiefe Ackerung erreicht man eine fast ganz in der Erde bleibende Rübe. Diese darf nicht die Form der Möhre haben, eher kann sie birnförmig sein, sie darf sich nicht theilen, denn in den Winkeln haftet die Erde sehr fest und birgt Steinchen, die nachher den Maschinen verderblich werden. Wollten wir die Rüben genau studiren, dann würden wir sehr bald auf den Gedanken kommen, daß diese so verschieden gestalteten Früchte wohl Glieder verschiedener Familien seien. Und so ist’s in der That, der Spielarten sind Legion, die aber von fünf Haupttypen sich ableiten lassen. [504] Man unterscheidet diese als französische, Quedlinburger, schlesische, sibirische und Imperial-Rübe.

Der Rübensaal birgt weiter nichts. Große Haufen Rüben, die, wie sie kommen, so verschwinden, und die Waschtrommeln; die gewaschenen Rüben fallen in ein Faß der Danaiden. Aber wo bleiben sie? Wir öffnen eine kleine Thür und treten in einen Raum, in welchem unser Auge vergeblich nach einem Ruhepunkte sucht. Alles ist hier in Bewegung! Millionen der stärksten Schallwellen durchjagen die Luft, wir hören kaum unser eigen Wort. Rechts im Hintergründe dreht sich ein kolossales Schwungrad, das einer Maschine von 40 Pferdekräften angehört, die große Triebfeder alles dessen, was wir vor uns sehen, was hier mit unaufhaltsamer Eile sich abspinnt. Ueber hundert Hände regen sich in munterer Geschäftigkeit, und Alles strebt einem Ziele nach. Zwischen all dem Gebrause, Getöse, Klappern und Zischen hören wir die Töne eines Volkslieds, das, von Mädchen und Männern gesungen, den Takt angiebt, nach dem die Bleche klappern. Platz, ein Wagen! der führt uns auf unsere nächste Umgebung zurück.

Aus Eisenblech gefertigt wird er auf kleinen Rädern schnell fortgeschoben. Jetzt steht er, in einem Fenster erscheint ein Beamtengesicht, winkt, einige Rüben zu, einige zurück – gut! – der Wagen rollt von der Brückenwage und eilt fort. Die Rüben sind gewogen, genau 5 Centner wiegt man in solchem Kasten auf einmal, und der Steuerbeamte notirt die Zahl der Wagen und die Zeit, in der sie auf einander folgen. Er erlaubt uns einen Blick in sein Buch, alle 4 Minnten wägt er einen Wagen, in 24 Stunden 1400 Centner, gewiß eine schöne Zahl, die im Laufe eines Jahres zu der Summe von 250,000 Centnern heranwächst. Doch ehe die Rüben gewogen werden, hat man sie geköpft, sie fielen durch die Wand auf ein Caroussel, das sich langsam dreht, und an welchem etwa 10 Frauen mit einem Bret vor der Brust und einem langen scharfen Messer in der Hand stehen. Diese schneiden den gefärbten Kopf weg; ist derselbe nämlich auch nicht ganz zuckerleer, so enthält er doch so wenig Zucker, daß er die Steuer nicht tragen könnte. Ueberdies enthält er Gährungsstoff; er fällt und wird bei Seite geworfen.

Die versteuerten Rüben - sie haben zum großen Jammer der Fabrikanten 1/4 Thlr. à Ctr. gezahlt – fahren an die Reiben. Ein Cylinder, etwa 2 Fuß lang und von 1 Fuß Durchmesser, dreht sich etwa 1200 Mal in der Minute um sich selbst, er ist mit scharfen Sägeblättern dicht besetzt, so daß er allenfalls einem riesigen Igel gleicht. Ganz komisch sieht es aus, wie abwechselnd zwei Stücken Eisen, die an Gelenkstangen befestigt sind, diesem Cylinder Verbeugungen machen. Dabei nähern sie sich und entfernen sich und bei jeder Näherung fassen sie eine Rübe, auch wohl deren zwei und drücken sie gegen den Cylinder. Im Nu ist die Rübe zermalmt, verschwunden, nicht der kleinste Rest ist übrig geblieben, und der Poussoir (so heißt das Eisenstück) entfernt sich wieder. Das geht so riesig schnell, daß zwei Reiben sich nicht übereilen, um den ganzen Bedarf an Rübenbrei zu liefern. Dieser erscheint vorn als feine, breiige, weiße Masse – weiß aber nur auf Momente. Die Rübe, die lebendige Wurzel hält sich, bleibt unverändert, der Brei jedoch erliegt fast augenblicklich dem Einfluß der Luft, er wird röthlich, braunroth, endlich schwarz. Und mit diesem Farbenwechsel hält gleichen Schritt die Umwandlung des Zuckers; der Verlust lauert hier in jeder Secunde. Und doch will Alles seine Zeit haben; der Saft soll gewonnen werden!

Vor den Pressen steht ein langer eiserner Tisch, an diesem einander gegenüber sieben Paar Mädchen. Zwischen jedem Paar liegt ein Haufen eiserner Bleche, daneben große wollene Beutel. Die Mädchen fassen einen solchen Beutel, ein Knabe schüttet in den geöffneten ein kupfern Gefäß voll Brei, schnell ist dieser im Beutel vertheilt, der Beutel durch Umschlägen geschlossen, mit dem Mangelholz geebnet, und ein Arbeiter nimmt Blech und Beutel vom Tisch und schichtet sie in den hydraulischen Pressen. So schnell dies geht, so viel Brei 28 geübte Hände „packen“ können, es geht doch noch zu langsam. Verfolgen wir den Brei weiter. Ist eine der 10 hydraulischen Pressen gefüllt, so läßt man sie wirken. Erst geht die Platte schnell in die Höhe, der Stoß schwindet mehr und mehr, und der Saft fließt in Strömen ab. Ist dies eine Zeit lang so gegangen, so hört eine der beiden Pumpen, die die Presse treiben, auf zu wirken, und nun arbeitet die eine langsam fort, bis der Saft ganz ausgepreßt ist. Während der Zeit war die benachbarte Presse schon geleert und wieder gefüllt; sobald man die erste „abstellt“, beginnt die andre zu arbeiten. Von den 10 Pressen sind also nur immer fünf im Gange.

Die Bleche kehren zurück zum Tisch, die Beutel, die nun einem Bogen Pappe gleichen, werden in’s „Masseloch“ geworfen, dort entleeren sie Kinder und befördern sie in die Wäsche, wo sie so vollkommen gereinigt werden, daß aus ihnen ablaufendes ausgerungenes Wasser selbst auf einen Porzellanteller klar erscheint.

Wie viel Händearbeit gehört zu dieser Art der Saftgewinnung, welch Capital steckt in den Pressen, in den Beuteln! Und doch ist die Ausbeute nicht rühmenswerth. Ein und ein halb Procent Zucker bleibt in der Masse, und das will viel sagen bei 250,000 Centner von etwa 12 Procent Gehalt! Diesen Uebelstand fühlt man empfindlich genug und sucht ihm abzuhelfen. Das Pressen ist jedenfalls die roheste Methode, den Saft zu gewinnen, sie kann nie zum Ziel führen. Besser ist das Auswaschen, wo man eine Säule Rübenbrei langsam vom Wasser durchsetzen läßt. Wie oben das Wasser zufließt, fließt unten der Saft ab, und fast zuckerfrei bleibt die Masse zurück. Indeß liefert diese Methode doch sehr dünne Säfte, und es scheint, als werde sie mit Recht verdrängt von der sogenannten Centrifugalmethode. Hier dreht sich in einer großen, senkrecht stehenden Trommel eine etwas kleinere mit nicht geringerer Geschwindigkeit als die Reiben. Die senkrechte Wand der kleinen Trommel ist siebartig durchlöchert und trägt inwendig noch ein starkes Drahtgewebe. In diese Trommel fällt der Brei, durch Centrifugalkraft vertheilt er sich aufrecht an dem Sieb und in einigen Secunden ist er saftleer, ja fast trocken. Mit wenig Wasser hilft man nach und erzielt eine Masse, die kaum 1/2 Procent Zucker enthält. Die zahlreichen Vorzüge dieser Methode liegen auf der Hand, und mit Recht findet sie mehr und mehr Eingang. Die unappetitliche Handarbeit ist fast ganz verbannt.

Der aus eine oder die andere Weise gewonnene Säst ist röthlich bis braun, durchaus trübe, etwa wie Blut, und färbt sich immer dunkler. Daraus soll nun weißer Zucker gemacht werden! Fünf große kupferne Kessel stehen zu seiner Aufnahme bereit. Jeder Kessel faßt etwa 1200 Quart. Schnell füllt sich dieser eine, und während nun der andere gespeist wird, geht mit dem Inhalt des ersteren eine höchst wunderbare Veränderung vor sich. Mit eingesenktem Thermometer erhitzt man durch Dampf, der zwischen den beiden Böden des Kessels strömt, den Saft auf 63–65° R. möglichst schnell, schließt dann das Dampfventil und schüttet in den Saft bereitstehende, soeben ans 10–12 Pfd. Kalk bereitete Kalkmilch, rührt stark durch und läßt dann mit wenig zuströmendem Dampf ganz langsam, ungestört den Saft bis zum Siedepunkt sich erhitzen. In diesem Augenblick durchbricht die dicke, graue Schlammdecke, welche bisher den Saft bedeckte, plötzlich eine Welle goldgelber Flüssigkeit, aber schnell schließt sich das Ventil, man wartet einige Minuten, öffnet dann ein im Boden des Kessels angebrachtes Rohr, und – rheinweinheller Saft, goldig klar, strömt daraus hervor. Was ist da geschehen? – Der Kalk ist der Wundermann, er hat Alles, was nicht Zucker heißt, an sich gezogen, hat es unlöslich gemacht und als Schlamm abgeschieden. Dieser schwimmt nun als zähe Masse auf dem Saft. Leider ist dieser Ausspruch nicht vollkommen wahr, Alles scheidet der Kalk nicht ab, und was er unangetastet läßt, das bedingt eben den großen Verlust, den die Industrie erleidet. Salze und einige dem Eiweiß ähnliche Körper bleiben gelöst und sind auf keine Weise ganz zu entfernen. Aber immerhin ist der Gewinn ein außerordentlich großer, und hätten wir keinen Kalk, so hätten wir wahrscheinlich auch keinen Zucker, wenigstens nicht zu den heutigen Preisen.

Da hinter den „Scheidepfannen“ regt sich’s auch noch und führt eine unsaubere Existenz. Es sind die Schlammpresser, welche in leinenen Beuteln den Schlamm vom Saft befreien und dadurch einmal Saft, andrerseits eine Masse gewinnen, welche außer Kalk großentheils die Stoffe enthält, die zum Wachsen der Rübe so wesentlich sind. Als sehr gesuchter Dünger wird deshalb der Schlamm aufbewahrt.

Der geklärte Saft hat sich inzwischen in einem verschlossenen, in der Erde stehenden Kessel gesammelt. Im ferneren Verlaufe der Fabrikation muß er viele unter einander stehende Gefäße passiren, man muß ihn deshalb jetzt sehr hoch heben und zwar bis unter das Dach der Fabrik. Dies geschieht einfach durch Dampfdruck. Drei Atmosphären Ueberdruck würden den Saft nahe an 90 Fuß heben, man hat also nichts nöthig, als in den geschlossenen Kessel auf die Oberfläche des Saftes Dampf zu leiten. In [505] dem zweiten Rohr, welches am Boden des Kessels beginnt, steigt der Saft; wir aber steigen vier Treppen in die Höhe und sehen hier oben in der „Saturation“ den Saft wieder, wie er eben in kupferne Gefäße fließt. Durch den auf 100° erhitzten Saft leitet man hier Kohlensäure, die durch Verbrennung von Coaks bereitet wurde. Dies hat folgenden Zweck. Der in den Scheidepfannen zugesetzte Kalt ist theils verbraucht zur Fällung schädlicher Stoffe, ein Theil aber ist mit dem Zucker verbunden als Zuckerkalk gelöst geblieben. Diesen zu entfernen, ist die Aufgabe der Saturation, und sie wird durch Kohlensäure erreicht, da diese den Zuckerkalk zersetzt und kohlensauren Kalk als Schlamm abscheidet. Durch Absetzen und systematisches Abzapfen klärt man den saturirten Saft, um ihn in den Verdampfpfannen sogleich bis zu einer bestimmten Concentration abzudampfen. Hier in diesen großen Kesseln, in denen der Säst so lebhaft kocht, erkennen wir aber die „blanke“ schöne Flüssigkeit der Scheidepfannen nicht wieder. Eine fast braune, wenigstens dunkelgelb gefärbte Brühe läuft er aus den Verdampfpfannen auf die Filter. Tiefe sind die größten Helfer des Fabrikanten. Dem Beinschwarz oder der Knochenkohle dankt er Alles, und man verwendet deshalb die größte Sorgfalt auf dieselbe. Unten im Gährlocal können wir erstaunliche Mengen davon finden, wie sie mit Wasser übergossen, nach dem Gebrauch gereinigt wird. Gährung und Fäulniß reichen sich die Hand und zerstören alle organischen Stoffe, die die Kohle dem Saft entzogen hatte. Ein Zusatz von Salzsäure löst den aufgenommenen Kalk, die so weit gereinigte Kohle sehen wir dann sorgfältig gewaschen, indem sie wiederholt durch reines, stetig fließendes Wasser gezogen wird, endlich sehen wir sie in eisernen geschlossenen Cylindern geglüht, in denselben abgekühlt und so zu neuem Gebrauch wieder bereit. Bei allen diesen Operationen giebt es Abfall, der als werthvoller Dünger verkauft wird, trotzdem aber ist der Verbrauch der Kohle ein so bedeutender, daß ihr Preis den des Zuckers mit bestimmt. Darum dürfen wir diese schwarzen berußten Männer, die „die Filter packen“ und „abtragen“, die die Kohle waschen und glühen, nicht geringschätzend ansehen; von ihrer Treue in der Arbeit hängt sehr viel ab.

Das etwa 12 Fuß hohe Filter ist gepackt, mit Kohle gefüllt, ein Strom heißen Wasser fließt dann zunächst hindurch, die Kohlen anzufeuchten. Würde man dies verabsäumen, so liefe man Gefahr, einen verbrannten Saft zu erhalten, denn die Hitze, die bei Berührung des Saftes mit trockner Kohle auftritt, steigert sich oft bis zur Rothgluth.

Ist nun der Saft filtrirt, so begrüßen wir ihn wieder als Dünnsaft in seinem goldenen hellen Kleide; ja wir haben die Freude, diesen oft wasserhell ablaufen zu sehen. Man sieht ein, daß nun Alles gethan wäre, könnten wir plötzlich das Wasser entfernen. Dies geht aber leider nicht so schnell, wie es sich wünschen läßt. Man muß kochen, und das kann man nur bei erhöhter Temperatur, und diese hohe Temperatur kann der Zucker, können die andern im Saft enthaltenen Stoffe durchaus nicht vertragen, vollends nicht, wenn ungehindert die Luft den kochenden Saft berührt. Darum ist es ein großer Fortschritt in der Zuckerfabrikation, daß man gelernt hat, bei Abschluß der Luft und bei niedriger Temperatur zu kochen. In geschlossenen Gefäßen und bei vermindertem Luftdruck wird dies ausgeführt. Luftpumpen arbeiten kräftig, saugen den aus dem Saft sich entwickelnden Dampf ein und verdichten ihn mit Hülfe von kalten: Wasser. Die Heizung geschieht durch Dampf wie überall. So ist es denn gelungen, den Saft einzukochen, ohne ihm sehr zu schaden; schöne Apparate gestatten überdies ununterbrochenes Kochen, hier fließt dünner Saft ein, dort verläßt „Dicksaft“ den Apparat. Freilich ist er etwas gebräunt, aber diese Bräunung ist unvermeidlich. Man filtrirt ihn dafür noch einmal und zwar über neue Kohlen, während der Dünnsaft, was ich vorher nicht erwähnte, jedesmal nur auf solche Kohlen fließt, über welche schon Dicksaft gegangen ist.

Bis hierher haben, fast könnte man es sagen, die Maschinen ohne Menschenhülfe gearbeitet; wie in einem wohlgeordneten Organismus floß der Saft durch Röhren und Gefäße, und jedes Glied des Ganzen erfüllte seinen Zweck, der Arbeiter hatte nur Hähne zu öffnen und zu schließen, kaum ist in einer guten Fabrik Weiteres zu schaffen. Jetzt aber tritt der Meister ein. In dieser glänzenden kupfernen Hohlkugel von 6 Fuß Durchmesser kocht er den Dicksaft „auf Korn“. Man nennt den Apparat fälschlich das Vacuum, aber leer ist er ja nicht, leer ist nichts, man arbeitet nur, zu demselben Zweck wie vorher, unter vermindertem Luftdruck. Bei etwa 4 Zoll Barometerstand kocht der Saft nicht über 56° und kocht so lebhaft, daß in überraschend kurzer Zeit der Zeitpunkt gekommen ist, wo „das Korn sich bildet“. Nun stellt der Zuckersaft einen Syrup dar, von dem ein Tropfen zwischen Daum- und Zeigefinger zu einem Faden von bestimmter Länge sich ausziehen lassen muß. Füllt man dann den Zucker aus Kästen, so krystallisirt er in einigen Tagen und wir haben Rohzucker oder Farin, erstes Product; kocht man aber weiter, so erscheinen sehr bald kleine Krystalle wie Flimmer an dem Glase, welches zur Beobachtung in der Wand des Apparats eingefügt ist. Die Krystalle wachsen schnell, eine honigartige, breiige Masse bildet sich, und an einer leicht anzustellenden Probe sieht man den Augenblick, wo das Gut die Gahre hat, wo schnell das Kochen unterbrochen werden muß. Dabei hat es der Meister ganz in seiner Gewalt, feinkörnigen Zucker zu locken oder grobkörnigen. Höhe der Temperatur, schnelles oder langsames Kochen und ein wohl abgemessener Zusatz heißen Dicksaftes sind die Mittel, mir denen er jedes gewünschte Korn herstellen kann. Was er kochen wird, ist größtentheils abhängig von der Mode!

Das fertige Gut verläßt das Vacuum und wird in die Blechformen gefüllt, in denen es zu den Broden erstarrt, die nicht weiß, wohl aber gelb bis braun aussehen. Wie die nun weiß machen?

Das ist nicht schwer, denn die Farbe sitzt nicht in den kleinen Krystallen, sondern nur in dem Syrup, der zwischen diesen sich befindet. Man stellt also die gefüllten Formen auf-Gestelle, zieht den in der Spitze befindlichen Pfropfen und läßt ablaufen, was ablaufen will. Der „grüne Syrup“ sammelt sich von all den tausend Broden und wird dann wieder verkocht; was von diesen Broden abläuft, liefert ein drittes Product, dieses ein viertes, und dieses endlich ein fünftes. Zwischen den beiden letzten aber liegt ein rundes Jahr, unten im Syrupslocal können wir die großen Cisternen sehen, in denen das vierte Product langsam krystallisirt. Was dann noch flüssig bleibt, ist bis heute für die Fabrikation verloren.

Unsere Brode sind nun vollständig abgelaufen, und man „deckt“ sie nun, d. h. man giebt ihnen einen Aufguß einer starken Lösung weißen Zuckers in Wasser. Diese weiße Lösung, die „Deckkläre“, verdrängt allen gelben, noch an den Krystallen haftenden Syrup, allmählich wird das Brod von dem Boden nach der Spitze hin weiß, endlich ist auch diese vollkommen entfärbt, und das Brod ist „nett“. Dann setzt man es auf die „Rutsche“, man verbindet nämlich die Spitzen der Blechformen mit einem System von Röhren und dieses mit der Luftpumpe. So werden Hunderte von Broden auch vom letzten „weißen Syrup“ befreit, und triumphirend zeigt Ihnen der Fabrikant kunstgerecht auf einer Hand „das nette Brod“.

O. D.