Ein Hülferuf

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Titel: Ein Hülferuf
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aus: Die Gartenlaube, Heft 51, S. 860
Herausgeber: Ernst Ziel
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Erscheinungsdatum: 1879
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Ein Hülferuf.


Am 6. December begrub man auf dem Friedhofe von Zwickau in Sachsen in zwei großen Gräbern 77, und auf den Gottesäckern ihrer Heimathdörfer noch 12 Bergleute; sie alle hatten bei ihrer Arbeit durch schlagende Wetter einen plötzlichen Tod gefunden. –

Am 1. December, Abends 6 Uhr, war eine Belegschaft von 150 Mann im zweiten Schachte des Brückenberg-Steinkohlenvereins bei Zwickau angefahren und gegen 10 Uhr erfolgte der Wetterschlag, welcher so vielen Leben ein schreckliches Ende bereitete. Rettung war nicht mehr möglich, der Versuch, den Cameraden zu Hülfe zu kommen, hat sogar noch mehreren wackeren Männern den Tod gebracht. –

Das Geschlecht, welches die großen Kriege miterlebte, ist gewiß abgehärtet gegen das Grauenhafte des Anblicks von zerschmetterten und zerfetzten Menschenleibern; was aber hier bei dem Heraufbringen der Todten sich dem Auge enthüllte, hätte das furchtbarste Schlachtfeld nicht schrecklicher aufzuweisen vermocht.

Am Nachmittag des 6. December standen die 77 Särge auf zwei großen Begräbnißstätten des Friedhofs, jeder Sarg umringt von den jammernden Hinterbliebenen, die es sich hier und da nicht verwehren ließen, noch einmal den Sargdeckel zu öffnen und Abschied zu nehmen von den oft entsetzlichen Resten ihrer Lieben, ihrer Väter, ihrer Brüder, ihrer Gatten und Söhne. – Um 2 Uhr zogen 800 Cameraden der Todten in bergmännischer Feiertracht heran; sie hatten in der Marien-Kirche Zwickaus dem Trauergottesdienste beigewohnt und brachten nun an den Gräbern den Todten die letzte Ehre dar. Viele dieser Opfer ihres Berufs waren nicht blos Helden „tief unter der Erde“, sondern auch auf den Schlachtfeldern Böhmens und Frankreichs gewesen; ihnen donnerten die Ehrensalven über das Grab.

Die Todten ruhen – aber die Lebenden wollen leben, und für sie bitten wir um Gaben der Liebe. Von den 89 Verunglückten waren 58 Familienväter, welche 132 Kinder hinterlassen haben. Da thut Hülfe Noth. Wohl sind die gewerbfleißigen Städte Sachsens wacker bemüht, den drückendsten Sorgen der Wittwen und Waisen abzuhelfen – aber Niemand lasse sich von dem Gedanken die Hand lähmen, daß diesen Armen durch die Wohlthätigkeit zu viel dargebracht werden möchte: mehr, als sie verloren haben, kann ihnen Niemand geben, denn sie Alle haben ihr Liebstes verloren. –

Die „Gartenlaube“ stellt hiermit ihren Opferstock auf und sie wird über alle Gaben gewissenhaft quittiren.