Ein Lob der Aerzte

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Textdaten
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Autor: Fanny Lewald
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Titel: Ein Lob der Aerzte
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 28, S. 484
Herausgeber: Adolf Kröner
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1888
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[484] Ein Lob der Aerzte. Sehr viel haben sich die Aerzte und Mediziner von den Satirikern und Lustspieldichtern aller Zeiten gefallen lassen müssen, und Molière ist noch nicht der schlimmste, der ihnen am Zeuge geflickt hat. Bis in die neueste Zeit hinein sind die Meister und Jünger der Heilkunde ein Stichblatt der Satire geworden. Da macht es einen überraschenden Eindruck wenn wir das begeisterte Lob der Aerzte lesen, das eine namhafte Schriftstellerin ihnen spendet:

„Ich meine, wir können im allgemeinen die heldenhafte Hingebung der Aerzte nicht hoch genug veranschlagen, und in der großen Masse sieht man darüber, wie über die großen täglichen Wunder, viel zu achtlos weg. Man ist’s gewöhnt, so vieler Größe zu begegnen; man denkt, es muß so sein. mir aber kommen die Aerzte immer wie die größten Helden, wie die modernen Heiligen vor; denn was that der herrliche edle Carlo Borromeo, was wahre Aerzte nicht thäten wie er?

Gewiß, es setzt Todesverachtung, es setzt sittlichen Idealismus und Vaterlandsliebe voraus, seine Brust dem Feinde darzubieten und unter klingendem Spiel in der Mitte von Tausenden den todbringenden Batterien, dem Ansturm der Regimenter muthig zu begegnen, aber es ist nicht an allen Tagen jedes Jahres Krieg, und die Gemeinschaft mit anderen ist eine erhebende Kraft. Es werden auch im Kriege schweigend Heldenthaten verrichtet, bei denen der einzelne still seinem wahrscheinlichen Untergang ins Auge zu blicken hat, und ich bin weit davon entfernt, den Werth des kriegerischen Heldenthums zu unterschätzen. Indeß, wenn der Soldat sich auch beständig vorzubereiten hat für seinen kriegerischen Beruf, er hat ihn nicht lebenslang, nicht alltäglich auszuüben; er hat Jahre und Jahre unangefochten sicheren Lebensgenusses für sich und mit den Seinen.

Aber jahraus, jahrein bei Tag und bei Nacht bereit zu sein für fremde Hilfe, mitten aus dem Kreise von Frau und Kindern, mitten aus dem oft so nöthigen und so ersehnten Schlafe der Nacht hinausgerufen zu werden und hinzugehen durch die schweigenden Straßen in die entlegensten Quartiere und sich nicht fragen zu dürfen: welche Art von Vergiftung ist es, die Dir dort droht? Welch ein Elend trägst Du vielleicht in der nächsten Stunde, nicht für Dich allein hinweg, sondern hinüber zu denen, die Dir werther sind, als Du Dir selbst? Nicht zurückzuschrecken vor der Berührung dessen, was alle andern, wenn sie’s können, fliehen: das ist mir immer als das Höchste erschienen, was die menschliche Selbstverleugnung zu leisten vermag – und unsere Aerzte leisten es mit der Unbefangenheit des Selbstverständlichen. Ja, ihre Familien werden in diesem Sinne heroisch mit ihnen. Sie gewöhnen sich daran, die Kranken als die Hauptsache zu betrachten, sie gewöhnen sich daran, zu sehen, wie die schwere Sorge um die Kranken den Gatten, den Vater hinnimmt; sie gewöhnen sich, ihn zu theilen mit seinem Beruf und diesem den Löwenantheil zufallen zu sehen.

‚Was aus uns wird, ist Fritz ganz gleichgültig, wenn’s seinen Kranken nur gut geht,‘ sagte einmal scherzend die Frau eines unserer ersten Aerzte zu mir, dessen Familienleben als ein Muster gelten kann. Aber es war ein Korn von Wahrheit in dem Scherze.

Wenn ich sie so vorüberfahren sehe, die kleinen Kabriolets der älteren Aerzte, wenn ich die jungen Aerzte eifrig in jedem Wetter, ihrer selbst nicht achtend, durch die Straßen eilen sehe, Schmerzen zu lindern und wenigstens Trost zu bringen durch ihr Kommen, wo sie mit bitterem Schmerze fühlen, daß sie nicht helfen können, so blicke ich mit der größten Verehrung zu den Alten wie zu den Jungen hin, und oftmals frage ich mich, wenn ich ihnen begegne: von welchem Elend kommen sie jetzt? Der Beruf des Arztes, wenn er recht erfaßt und ergriffen wird, dünkt mir der schwerste und höchste. Es ist ein Beruf, der das Wesen des Menschen über sich selbst hinaushebt; es ist ein erhabener Beruf!“

So schreibt Fanny Lewald in ihren „Zwölf Bildern nach dem Leben“.