Ein Märchenerzähler (Die Gartenlaube 1875/5)

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Textdaten
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Autor: S.
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Titel: Ein Märchenerzähler
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 5, S. 77, 88
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1875
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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[77]
Die Gartenlaube (1875) b 077.jpg

Der Märchenerzähler in einem tunesischen Kaffeehaus.
Nach der Natur aufgenommen von Robert Leinweber.

[88] Ein Märchenerzähler. (Mit Abbildung, S. 77.) Es ist ein classischer, sagenreicher Boden, auf welchem Tunis steht. Hier gründete Elissa mit den Riemen einer Rindshaut ein Weltreich, an dessen Größe und Zerstörung sich die Namen Hamilkar’s, Hannibal’s und der Scipionen knüpfen; hier tauchten im Laufe der Geschichte bunt nacheinander die Schaaren der Vandalen, Mauren und Kreuzfahrer, die Krieger Karl’s des Fünften, Cromwell’s und Ludwig’s des Vierzehnten auf, und vor Allem hier an diesen träumerischen Ruinen Karthagos zog zum großen Theil die Glanzperiode des siegreichen Halbmondes vorüber. Man muß es wohl deshalb natürlich finden, daß die jetzige Bevölkerung dieses Landes mit besonderer Vorliebe von dessen romantischer Vergangenheit zehrt, und die Weise, in welcher sie es thut, stimmt mit dem öffentlichen Leben und Treiben, dessen orientalischer Ursprung unverkennbar ist, ebenso überein, wie die schreienden Waarenausrufer und die offenen Werkstätten im Zuck (Bazar). Der letztere ist der Centralpunkt des Verkehrs, der das ganze lärmende und ostensible Gepräge eines Handelsplatzes trägt, auf welchem sich Nationen der verschiedensten Art ein Stelldichein geben.

Nachdem wir die große Moschee und die Kasbah, oder wie es von den Spaniern genannt wird, das Fort la Goletta, in Augenschein genommen und uns mühsam durch das bunte Gewimmel der Beduinen, Araber, Juden, Neger, Griechen, Portugiesen etc. gedrängt haben, verspüren wir eine leichtverzeihliche Sehnsucht nach jener Erquickung, die in diesem tropischen Himmelsstriche eine wahre Gottesgabe zu nennen ist, nach einer Tasse echten Mocca, und da sich nahe vor uns ein alter maurischer Bau erhebt, der sich durch den zerlumpten Araber, welcher oben auf den Stufen behaglich eine Tasse des heißen Labsals schlürft, sozusagen als Kaffeehaus zu erkennen giebt, so zögern wir nicht, einzutreten. Durch einen engen dunkeln Gang gelangen wir in eine hohe, düstere Halle. Das Mauerwerk ist verwittert, und die weißgestrichenen byzantinischen Bogen werden von grün und roth bemalten schlanken Säulen getragen. Auf dem roh getäfelten, mit Steinsitzen und Binsenmatten versehenen Fußoden haben sich Männer jeden Alters gelagert und bilden in ihren hellfarbigen Trachten malerische Gruppen. Schweigend und ernst trinken sie ihren Kaffee oder rauchen ihre Cigarette, ihren Haschisch, während der Kaffeediener leichtfüßig und fast unhörbar umhertrippelt, um mit der glimmenden Kohle das aromatisch duftende Kraut in Brand zu stecken. Die ganze träge Ruhe, die sich im Wesen des Orientalen ausspricht, kommt in einer solchen Tabagie zum vollen Ausdrucke. Da es hier aber keine Kaffeehausliteratur nach europäischen Begriffen giebt, so ist auf andere Weise auch für geistigen Genuß gesorgt. Ein Greis, der schon durch seine schöne, imposante Gestalt Aufmerksamkeit erregt, erhebt sich, besteigt einen der Ruhesitze und beginnt zu sprechen. Alles lauscht; immer fließender und feuriger tönen seine Worte; lebhafte Gesten begleiten sie und verfehlen auch auf die scheinbar Theilnahmlosen unter den Anwesenden ihren Eindruck nicht. Was erzählt dieser Mann im fremden Idiom seines Landes?

Ist es der Scheiterhaufen der Dido, oder sind es die Ruinen des alten Karthago, die ihm dieses Pathos entlocken? Sind es die Kriegszüge der Kalifen und die Heldenthaten seiner Voreltern, die ihn und seine Zuhörer so begeistern, oder sind es romantische Rhapsodien aus der Geschichte der spanischen Mauren, Bruchstücke jenes herrlichen Märchenschatzes, der in der Alhambra Granada’s vergraben liegt? Wir wissen es nicht; wir können uns nur dem fremdartigen, aber immerhin wohlthuenden Eindruck hingeben, den diese an historischen Erinnerungen so reiche Küste, diese gleich Rom so vielfach verwandelte Stadt und vor Allem die vor uns sich abspielende Scene, staffirt von hohem, ehrwürdigem Gemäuer, auf uns macht. Von dem gleichen Gefühle scheint auch der Künstler geleitet gewesen zu sein, dessen gewandter Stift diese Scene uns in dem vorliegenden Bilde wiedergiebt.

S.