Vor dem Hause der Louise Lateau

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Autor: Friedrich Hofmann
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Titel: Vor dem Hause der Louise Lateau
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 5, S. 84–88
Herausgeber: Ernst Keil
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1875
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Vor dem Hause der Louise Lateau.


„Herrgott, wie geht man mit Deiner Menschheit um!“ So werden Tausende hier, vor dem Hause der Louise Lateau, dem Landmädchen mit den blutenden Wundenmaalen des Gekreuzigten in dem Dorfe Bois d'Haine, von Zorn und Trauer erfüllt, mit uns ausrufen, während tausend Andere theils in der Blindheit eines Wunderglaubens hier eine neue Gewähr ihrer Seligkeit suchen, theils im stillen Triumphe einen neuen Sieg der Priestermacht über deren Widersacher ausbeuten, und wiederum Tausende bald in Hohn und Spott ausbrechen über jedes religiöse Gefühl, bald mit kalter Verachtung oder lächelnder Gleichgültigkeit an der ganzen Bewegung auf dem gefährlichen Kampffelde der Gegenwart vorübergehen.

Die Bewegung ist da, und die Zeit ist vorbei, wo die stolze Aufklärung in hochschwebendem Selbstgefühle auf solche Zeugnisse noch immer herrschender Finsternis hinabsehen konnte, wie auf unschädlich Vorübergehendes; die Zeit ist vorbei, wo eine vornehme Duldung geübt werden durfte gegen die Umtriebe frommer List und selbstsüchtiger Heiligkeit. Es ist kein gesellschaftliches Flüstern und kein Zeitungsgeplänkel mehr, das neben interessanten Principiendebatten die Harmlosigkeiten des persönlichen Verkehrs nicht beeinträchtigt. Nein, die Kriegserklärung ist laut verkündet; die Parteien stehen in festen Lagern; der Kampf tobt in der ganzen Schlachtlinie, und der Haß heißt jede Kriegslist willkommen.

Ein solche Kriegslist im Kampfe der Ultramontanen gegen den Staat und die Cultur der Gegenwart und vor Allem gegen den gefürchtetsten Gegner der Priestergewalt des Unfehlbaren, das deutsche Reich und den deutschen Geist, ist auch dieses Mädchen von Bois d'Haine mit ihren blutenden Wundenmaalen, und gegen die Glorie dieses gefeierten Wahns giebt es keine

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Die Gartenlaube (1875) b 085.jpg

Vor dem Hause der Louise Lateau in Bois d’Haine.
Für die Gartenlaube nach der Natur aufgenommen von L. v. Elliot.

[86] schlimmeren Waffen, als Spott und Hohn. Die Verletzungen durch sie vermindern die Zahl der fanatisirten Gegner nicht um einen Mann, aber sie verschärfen die Erbitterung und wandeln immer mehr den Kampf in einen Krieg mit vergifteten Waffen um. Nur ein Mittel giebt es, um nach und nach auch dieser Kriegslist ihre Gefährlichkeit zu nehmen: man beweise die Unmöglichkeit des gefeierten Wunders! Und wenn solch ein Beweis noch so vereinzelte Erfolge gewinnt, er dringt doch vorwärts, der unaufhaltsam rinnende Tropfen Wahrheit muß endlich den Granit des Aber- und Wahnglaubens besiegen, wenn man nicht am stetigen Fortschritte des Menschengeschlechts verzweifeln soll.

Wir haben, von diesem Standpunkte aus, mit Freude die Flugschrift des Spitalarztes Dr. B. Johnen in Düren begrüßt, die sich's zur Aufgabe gestellt, auf ruhigem, wissenschaftlichem Wege die bekannten und einflußreichsten Berichte der Professoren Lefebvre und Rohling und unseres deutschen Reichstags-Ultramontanen Majunke in ihrer Haltlosigkeit darzulegen und das Wunder als Täuschung zu entlarven. Um dieser ehrlichen und würdigen Kampfesweise womöglich noch durch eine authentische Illustration zu Hülfe zu kommen, beauftragte die „Gartenlaube“ einen belgischen Künstler, Herrn L. von Elliot, den Schauplatz und die Hauptpersonen des stigmatischen Wunderspiels zu zeichnen. Trotz anscheinlich genügender Empfehlungen fand derselbe jedoch keinen Zutritt zu dem trefflich bewachten Geheimniß; in Ermangelung eines Einblicks in das Innere des Stigmatisationshauses bietet er uns den Anblick des Aeußern, und zwar wie es vor dem Hause an dem Freitage, an welchem er die Wallfahrt zu dem Wunder gewagt, Nachmittags um zwei Uhr ausgesehen und hergegangen.

Wir sehen auf den ersten Blick auf unsere Abbildung, daß die geistliche Vertretung hier nichts zu wünschen übrig läßt. Dieses Haus bildet einen Hinterhalt im Glaubenskampfe, dem eine tüchtige Besatzung nicht fehlen darf. Wir sehen aber auch, mit welcher Strenge die äußerste Vorsicht hier geübt wird. So hoch nämlich schätzt man den Werth des so glücklich blühenden Wunders, daß der Zutritt zu Louise Lateau Niemandem gestattet ist, der nicht eine bischöfliche Erlaubnis dazu mit zur Stelle bringt. Unser Bild deutet an, daß soeben eine offenbar nicht gewöhnliche Gesellschaft mit Geschirr angekommen ist, aber ebenso deutlich erscheint die abweisende Handbewegung des priesterlichen Wachtpostens: „Ohne Schein – nicht hinein!“ Die übrigen Gruppen erklären sich selbst. Uebrigens entzieht sich die Lateau dem Auge der Oeffentlichkeit nicht ganz: sie besucht jeden Morgen die Messe in der Dorfkirche, um die geweihte Oblate zu genießen, in welcher angeblich ihre einzige Nahrung bestehen soll. Am Schlusse des Gottesdienstes eilt sie jedoch im raschesten Laufe ihrem Hause wieder zu.

Wenn auch unserm Künstler der Zutritt zur Wunderperson selbst versagt war, so ist dies trotz der priesterlichen Wachsamkeit durch einen andern, und zwar sehr scharfen Beobachter gelungen, dessen Bericht hierüber in der „Magdeburger Zeitung“ wir das hier Nothwendigste entnehmen. Bekanntlich besteht die Stigmatisation darin, daß der Leib eines Menschen sämmtliche Wundenmaale (griechisch Stigmata) zeigt, welche Christus bei der Geißelung, Kreuztragung und Kreuzigung erhalten, und daß diese Wunden zu bestimmten Zeiten, namentlich an jedem Freitage und hohen Festtage, bluten.

Treten wir nun mit Herrn M. L. in das Zimmer der „Heiligen“, wie sie bereits vom Volke genannt wird. Es ist sehr klein und einfach, jedoch nicht ohne Geschmack eingerichtet. An der Langwand steht ein Bett, die Lagerstätte der „Gottbegnadigten“. In der der Thür entgegengesetzten Mauer befindet sich ein Fenster, das einzige des ganzen Kämmerchens. Durch dasselbe fällt das Licht nur spärlich herein, weshalb auch sogar im Sommer eine Art Halbdunkel in dem engen, niedrigen Raume herrscht.

Louise Lateau sitzt auf einem Sessel und nimmt, da sie in Ekstase ist, von unserem Eintreten gar keine Notiz. Sie zählt jetzt etwa vierundzwanzig Jahre, sieht aber viel jünger aus, zumal ihre Figur nur mittelgroß ist. Die etwas coquett frisirten Haare sind blond; das Gesicht macht auf den Beschauer keinen unangenehmen Eindruck, wenngleich die früher von Geistlichen gemachten Schilderungen über die „wunderbare, engelgleiche Schönheit“ der Stigmatisirten stark übertrieben sind. Die Züge sind weniger als schön, denn als interessant zu bezeichnen; der Mund ist außergewöhnlich klein; die Lippen sind roth und schwellend. Wenn letztere sich öffnen, was während der Ekstase mehrfach geschieht, zeigen sich sorgfältig gepflegte, schneeweiße Zähne. Die großen, blauen Augen verrathen einen bedeutenden Grad von Intelligenz; die langen Wimpern geben der ganzen Physiognomie einen etwas träumerischen Anstrich. Die Taille Louisens ist sehr schlank und wird durch den Schnitt des Kleides vortheilhaft hervorgehoben. Letzteres harmonirt auch in Beziehung auf die Farbe mit der ganzen Gestalt und Rolle Louisens. Im Allgemeinen läßt sich sagen, daß sie von der Natur mit einem im Vergleiche zu ihrer Umgebung ungewöhnlichen Maße von körperlichen Vorzügen ausgestattet ist.

Wie bereits erwähnt, sitzt Louise während des Anfangs der Ekstase auf einem Sessel, und zwar hält sie sich völlig unbeweglich, als wenn sie aus Stein ausgehauen wäre. Das Gesicht ist nach oben gerichtet. Die Augen sind weit aufgerissen und starren auf einen Punkt, wie es schien, in eine Ecke des Plafonds. Von den Umstehenden erfahren wir, daß dieser Zustand längere Zeit andauern werde; wir haben daher noch Muße, uns die Stigmata anzusehen.

Durch eine anscheinend unwillkürliche Bewegung verschob sich das Tuch, welches um die auf dem Schooße liegenden schneeweißen, ungewöhnlich kleinen Hände gewickelt war, und ermöglichte den das ganze Zimmer anfüllenden Besuchern die Betrachtung der betreffenden Wundenmaale. Die übrigen Wunden, ausgenommen die Kopfwunden, entziehen sich natürlich der Beobachtung des Publicums. Letzteres, welches Blut, recht viel Blut zu sehen gekommen ist, kann solches in reichlichem Maße an der Bettwäsche, dem Sessel und auf dem Boden des Zimmers wahrnehmen. Zur Vermehrung des Effectes ist auch blutige Leinwand den Blicken der Neugierigen ausgestellt.

Auf der Außenfläche der linken Hand bemerken wir ein etwa drei Centimeter langes und zwei Centimeter breites Oval, das anscheinend die Quelle des den größten Theil der Handfläche bedeckenden Blutes ist. Etwas kleiner ist das auf der inneren Handfläche liegende Stigma. Auch aus der rechten Hand kommt Blut, jedoch in ganz unbedeutender Menge. Noch geringer ist die Blutung aus den Kopfwundenmaalen. Diese befinden sich auf der Stirn und rings um den Kopf herum. An den mit Haaren bewachsenen Stellen ist außer einigen trockenen Blutkrusten nichts bemerkbar. An der Stirn nimmt man einige halbvertrocknete Blutstropfen wahr. Im weiteren Verlaufe der Ekstase wird die Stellung verändert, und diese Tropfen beginnen, so weit sie inzwischen noch nicht vertrocknet sind, nach dem Gesetz der Schwere abwärts zu fließen und nehmen ihren Weg über Wangen und Hals herab. Herr M. L. wollte einige Tropfen Blutes auffangen, um nachher sie einer mikroskopischen Untersuchung unterziehen zu lassen; seine Bitte wurde ihm jedoch rundweg abgeschlagen. Uebrigens geben die Kopfstigmata dem Gesichte der Ekstatischen einen widerlichen Ausdruck: man glaubt ein mit Opferblut beschmiertes Götzenbild vor sich zu haben. –

Während der Ekstase betrachtet die Stigmatisirte die Lebensgeschichte Christi. Den heiteren oder düsteren Momenten derselben entsprechend, wechseln Physiognomie und Stellung. Bald sieht man sie lächeln, bald weinen; jetzt ist sie heiter, jetzt wieder ernst. Daß der Körper übrigens nicht unempfindlich sei, bewies auf ganz einfache Weise eine freche Fliege; als diese plötzlich am Auge Louisens vorbei summte, zuckte sie kaum merklich zusammen.

Allmählich begann sich die ganze Gestalt zu beleben; sie drehte sich nach rechts und links; plötzlich erhob sie sich und beugte sich vorwärts, als ob sie ein uns anderen Sterblichen unsichtbares Etwas haschen wollte. Jede Bewegung, jeder Seufzer, jeder Auf- und Niederschlag der Augen zeigt, daß sie in nicht geringem Grade ihre Mienen und Geberden zu beherrschen und mit Hülfe derselben auf die anwesenden Gläubigen jeden gewünschten Eindruck hervorzubringen weiß, mit Einem Worte, daß an ihr eine Schauspielerin verloren gegangen ist.

Endlich setzte sie sich wieder mit einem gewissen theatralischen Anstand. Einige der Herren zogen die Uhr; der Haupteffect sollte jetzt zur Darstellung kommen: der Fall auf die Erde. Die Ekstatische erhob sich schnell, stand einen Moment gerade und warf sich der Länge nach auf den Boden und zwar so, daß der Rücken nach oben schaute. Dabei versäumte sie nicht, beim [87] Niederfallen dem Kleide einen solchen Schwung zu geben, daß es sich in malerische Falten legte und von den Füßen nichts sehen ließ, als die verhüllten Spitzen. Der von gewisser Seite als unnachahmlich geschilderte „Fall“ ging übrigens in ganz einfacher Weise vor sich. Zuerst ließ Louise sich auf die Kniee, dann auf die Ellenbogen und Hände nieder und lag dann mit einem Rucke auf dem Bauche. Alles dies ging so gewandt und schnell vor sich – man erinnert sich, daß seit sechs Jahren an jedem Freitag sich die gleiche Scene wiederholt –, daß man mit den Augen kaum zu folgen vermochte. Die Füße waren lang ausgestreckt, ebenso der linke Arm, auf welchen sich der Kopf stützte. Die Augen waren geschlossen; der Athem kam keuchend zwischen den halb geöffneten Lippen hervor; das Gesicht gab sich Mühe, die größte Todesangst auszudrücken.

Unterdeß war es drei Uhr geworden. Einige der Anwesenden theilten sich dies flüsternd mit. Auf einmal machte Louise eine Bewegung. Sie lag jetzt so auf der Erde, als wäre sie an ein Kreuz festgenagelt. Die ausgesteckten Arme standen in rechtem Winkel vom Körper ab; die Hände lagen flach auf der Erde; die Beine waren gekreuzt und die Füße lagen so auf einander, daß der Rücken des rechten auf der untern Fläche des linken Fußes ruhte. In dieser Stellung blieb sie längere Zeit unbeweglich liegen.

Auf den unbefangenen Zuschauer machte die ganze Scene einen unbeschreiblich widrigen und peinlichen Eindruck. Man denke sich das mit Blut beschmutzte Kleid und Gesicht des Mädchens, die zusammengeklebten Haare, ferner die unästhetischen Stellungen und die verschiedenen oben geschilderten Manipulationen. Vervollständigt man noch das Bild, indem man sich ein halbes Dutzend Geistliche, einige dito ältliche Damen aus allen Ständen und einige wallfahrtende Laien vorstellt, welche alle das Wunder anstarren und voll Ehrfurcht jede Bewegung der „Heiligen“ mit einer Aufmerksamkeit verfolgen, die einer bessern Sache würdig wäre, so kann man sich einen annähernden Begriff von dem jeden Freitag in Bois d'Haine sich abwickelnden Schauspiele machen.

Hier schließen wir die Mittheilungen des Herrn M. L über die Lateau, und nun möge Dr. Johnen die Führerschaft der Leser durch das Labyrinth der Untersuchungen der als Wunder verehrten Täuschung übernehmen. Wir können ihm natürlich nur zu den wichtigsten Sätzen folgen, indem wir sein Schriftchen selbst der Theilnahme, die es bereits gefunden (dritte Auflage, Köln und Leipzig, E. H. Mayer), in immer weiteren Kreisen empfehlen. Es ist nicht ohne Bedeutung für die Wirkung der Johnen'schen Schrift, daß ihr Verfasser selbst Katholik ist. „Der katholischen Religion von Herzen ergeben,“ sagt er, „habe ich die Ueberzeugung, daß nur die Wahrheit, welche sie auch sei, in dieser Angelegenheit der Kirche Nutzen bringen kann. Es bedarf keines Beweises, daß hier, wie überall, eine recht baldige Erkenntniß der Wahrheit, und, wenn diese gegen die Sache spricht, ein offenes Geständniß das Beste sein wird.“

Nach Johnen's Ansicht ist ein Besuch im Hause des Wunders zur Aufdeckung der Wahrheit völlig vergebens. Darum hält er es auch für ein Zeichen von Mangel an Urtheil und Erfahrung, wenn man daraus, daß Männer wie Virchow, trotz der wiederholten Einladung von Seiten der „Germania“, nicht nach Bois d'Haine pilgern, ein stillschweigendes Zugeständniß des Rückzuges der Wissenschaft ableitet. Auch Professor Schwann aus Lüttich erklärte vor Kurzem in einem in mehreren Zeitungen mitgetheilten Briefe, daß er an den Arbeiten der Commission (zu welcher Lefebvre gehörte) in Bois d'Haine nicht Theil genommen habe, weil die Bedingungen einer wissenschaftlichen Untersuchung nicht erfüllt worden wären.

Ein sehr beachtenswerther Abschnitt der Johnen'schen Schrift handelt vom Zweck der Stigmatisation. Johnen sagt:

Nach Rohling ist derselbe folgender: „Seitdem die Thatsache von Golgatha bei Tausenden gleichgültiger Seelen wie in Vergessenheit kam, wollte Gott von Zeit zu Zeit Einigen seiner Auserwählten, welche durch Gottes- und Nächstenliebe glänzten, auf wunderbare Weise an ihrem Körper jene Wunden des Welterlösers von Neuem einprägen.“ Nach allen Berichten war der heilige Franz von Assisi der Erste, der dieser Gnade theilhaftig wurde; seit jener Zeit, 1226 nach Christo, bis auf unsere Louise finden sich nach unseren Gewährsmännern etwa sechszig bis siebenzig Personen, welche die Stigmata bald so, bald anders gezeigt haben. Wenn der eben angegebene Zweck der Stigmatisation richtig ist, so muß es auffallend erscheinen, daß bis zum Jahre 1224, also in den ersten zwölfhundert Jahren des Christenthumes, kein Fall von Stigmatisation verzeichnet ist, während von da ab, bis zum Jahre 1867, also in den folgenden sechshundert Jahren, sechszig bis siebenzig Mal das Wunder von Gott gesetzt wurde. Entweder war das Wunder bis zum Jahre 1224 nicht nöthig, oder es fand sich bis dahin kein Mensch, der desselben würdig gewesen, oder endlich drittens muß man annehmen, daß Gott sich bis dahin desselben nicht habe bedienen wollen. Herr Rohling und Herr Majunke bringen uns über diesen Punkt keine Aufklärung. Für uns ist die Thatsache wohl geeignet, die Stigmatisation in Mißcredit zu bringen.

Bei Betrachtung der Geschichte der Stigmatisation muß es ganz besonders auffallend erscheinen, daß die meisten Träger der Stigmata dem weiblichen Geschlechte angehörten. Wenn nun der Zweck, den Gott durch das Wunder im Auge hat, der ist, uns Menschen noch einmal recht eindringlich, ja gleichsam in natura das Leiden Christi in Erinnerung zu bringen – ein anderer ist auch kaum denkbar, da nach katholischer Lehre eine Wiederholung des Leidens Christi um der Verdienste willen unnöthig ist – , so widerstrebt es dem gesunden Menschenverstande und dem jedem Menschen eingeborenen Gefühle für das Schickliche, daß sich Gott hierzu des Körpers eines unreifen, kranken weiblichen Wesens bedienen sollte. Die kühne Hoffnung Rohling's auf das Wunder von Bois d'Haine, daß es die Katholiken stärken, die Protestanten und Juden in den Schooß der wahren Kirche führen werde, können wir nach dem Gesagten nicht theilen. Wenn diese Wirkungen durch die Betrachtung des Lebens, des Leidens und der Lehre Jesu selbst nicht hervorgebracht werden, durch das blutende Mädchen zu Bois d'Haine werden sie nimmer zu Stande kommen. Denn wenn das Original, Jesus selbst, ohne Wirkung bleibt, wie soll dann ein so zweifelhafter, naturwidriger Abklatsch so große Kraft besitzen?

In der Geschichte der Stigmatisation, fährt Johnen fort, begegnen wir noch einem andern Punkte, der die directe Urheberschaft Gottes zweifelhaft macht. Es ist dies, wie bereits angedeutet, die für alle Träger des Wunders constatirte und in den Berichten concedirte Thatsache, daß sie vor und während der Stigmatisation krank waren. Und da sollen wir eine Thatsache, die ebenfalls einem kranken Boden entsprossen ist, die in ihrem Werthe und Wesen auf derselben Linie mit jenen Erzeugnissen verstörter Gehirnthätigkeit steht, als ein von Gott gewirktes Wunder betrachten? Die Thatsache, daß Louise von frühester Kindheit an bis heute krank war und ist, bietet uns die psychologische Erklärung ihres Handelns; sie enthält zugleich die einzige Entschuldigung ihres Thuns. Denn nur die Annahme einer Krankheit kann sie ganz oder wenigstens theilweise entlasten von der Schuld, daß sie so Viele getäuscht hat und noch täglich täuscht.

Ein weiteres Bedenken, welches uns in der Geschichte der Stigmatisirten entgegentritt, ist die große Conformität in den Erscheinungen, wenigstens in den letzten Fällen. Die Wunder sind alle wie nach einem Muster gearbeitet und verrathen dieselbe Abstammung. Anfangs klein an sich, werden sie von der Umgebung selbst groß gezogen. Unbemerkt treiben der Wunderträger und diejenigen, welche sich für die Erscheinung interessiren, in eine Fährte, aus der ihnen der Rückzug schwer wird. So schreiten sie auf der eingeschlagenen Bahn voran; sie vervollkommnen und vergrößern das Wunder immer mehr und mehr, bis von dem natürlichen Menschen fast Nichts mehr übrig bleibt. So haben es bei Louise der Pfarrer, die Bischöfe und die medicinische Commission gemacht.

Das letzte Glied in der Kette der Erscheinungen ist daher bei vielen der Stigmatisirten die völlige Enthaltsamkeit von den Subsistenzmitteln der übrigen lebenden Erdenwesen: sie leben ohne Speise und Trank. Auch Louise Lateau fastet nun schon drei Jahre. Allerdings läuft die ganze „medizinische Untersuchung“ dieser Enthaltsamkeit auf den Satz hinaus: „Louise nimmt keine Nahrung zu sich, denn sie hat es selbst gesagt, und ihre Schwester Aline hat es auch gesagt.“ Der einzige wissenschaftliche Beweis für die völlige Enthaltsamkeit ist nur durch Constatirung der Leere des Magens zu liefern; aber eine Untersuchung des Inhaltes des Magens hat nicht stattgefunden; sie wäre durch Anwendung der Magenpumpe mit Leichtigkeit auszuführen gewesen.

[88] Am ausführlichsten und eingehendsten behandelt Johnen die beiden mehr sinnenfälligen Erscheinungen des Wunders: das Bluten und die Ekstase. Auf diesem Gebiete, auf welchem der Mediciner Schritt um Schritt mit unerbittlichen Sätzen der Wissenschaft dem Wunder zu Leibe geht, können wir ihm hier nicht folgen; man muß die ganze Kette der Beweisgründe gegen die Behauptung, daß die stigmatische Blutung nur durch ein Wunder zu erklären sei, vor Augen haben, um sich des Resultats auch gründlich mit zu erfreuen; das Herausheben einzelner Glieder hilft uns nichts, und darum verweisen wir in dieser Beziehung unsere Leser auf das Schriftchen selbst. Am Schlusse desselben faßt Johnen das Ergebniß seiner Beleuchtung zusammen und stellt als unbestreitbar folgende vier Sätze auf:

1. Louise Lateau war und ist noch heute eine kranke Person.

2. Für die Behauptung, daß Louise Lateau keine Nahrung seit mehreren Jahren zu sich nehme, ist kein einziger wissenschaftlicher Beweis erbracht worden.

3. Die Berichte haben nicht den wissenschaftlichen Beweis geliefert, daß die stigmatischen Blutungen nicht auf natürlichen Ursachen beruhen.

4. Louise Lateau leidet an Hysterie und die Ekstase ist ein Zeichen dieser Krankheit.

Soweit Dr. Johnen. Diesem klaren und wahren ärztlichen Bekämpfer unwürdigen Spiels mit Religion und Glauben kommt nun auch die Naturwissenschaft zu Hülfe. Ein Bericht aus Zürich verkündet folgende merkwürdige Entdeckung der Chemie:

„In der letzten (December-) Sitzung der ‚Naturforschenden Gesellschaft in Zürich‘ machte Professor Weith Mittheilungen über ein Verfahren, die Erscheinungen der sogenannten Stigmatisirung, wie sie z. B. Louise Lateau von Bois d’Haine zeigt, welche jeden Freitag an bestimmten Stellen des Körpers Blut schwitzt, auf chemischem Wege künstlich hervorzubringen. Reibt man die Haut mit einer Lösung von Eisenchlorid oder besser noch von schwefelsaurem Eisenoxyd ein, welche Operation durchaus keine sichtbaren Spuren hinterläßt, und besprengt man dann die betreffenden Stellen mit der sehr verdünnten wässerigen Lösung des Rhodankaliums, so tritt in auffallendster Weise eine höchst intensive, scheinbare Blutung ein. Der Vorgang beruht auf der bekannten Umsetzung des Rhodankaliums mit der Eisenverbindung; es entsteht lösliches Eisenrhodanid, welches sich durch seine intensive, rein blutrothe Farbe auszeichnet. Durch Vorführung eines vorher mit Eisenchlorid präparirten Individuums, welches dann mit der völlig farblosen Lösung von Rhodankalium besprengt wurde, konnten sich die Mitglieder der Gesellschaft von dem überraschenden Effect dieser chemischen Reaction überzeugen.“

Sollte mit dieser Eisenchloridlösung auch das große Räthsel der Stigmatisation gelöst sein, dann hätte, wie schon so oft, ein kühner Trumpf der Finsterlinge zu einem neuen Triumph der Wissenschaft geführt. Dies Eine steht wenigstens fest: Die Stigmatisation kann künftig mit obigem Mittel Jedermann zu seinem Vergnügen treiben.

Fr. Hfm.