Ein Napolitaner

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Textdaten
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Autor: Woldemar Kaden
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Titel: Ein Napolitaner
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 15, S. 260
Herausgeber: Adolf Kröner
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1889
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[249]
Die Gartenlaube (1889) b 249.jpg

Ein Napolitaner.
Nach einem Gemälde von J. Casado del Alisal.
Photographie im Kunstverlage von B. Schlesinger in Stuttgart (J. Laurent & Co. in Madrid).

[260] Ein Napolitaner. (Zu dem Bilde S. 249.) Aus der Stadt Neapel, aus ihrer nächsten Umgebung, etwa Portici, Sorrent oder Amalfi, stammt er eigentlich nicht. Wenn wir aber ein wenig über die Berge südwärts wandern, in die Landschaft des lukanischen Apennin hinein, da kommen wir in das Land Basilikata und das ist die Heimath dieses Trovatore. Ja, ich stehe nicht an, als Vaterstadt unseres Mandolinisten ohne weiteres Viggiano zu nennen.

Wer in Italien, sei es in der Lombardei, sei es am Fuße des Vesuv oder Aetna, den Namen Viggiano vernimmt, der lächelt, hebt seine Hand und schnalzt mit den Fingern im Takt, denn der Name Viggiano bedeutet Musik. Fragen wir einen Italiener nach seinem Geburtsort und er nennt uns Viggiano, so sind wir auch zu der weitern Frage berechtigt: „Welches Instrument spielen Sie?“ Wer in Italien als wandernder Musikant vor den Häusern spielt, ist fast ausnahmslos ein Viggianese, und wenn es je einem Litterarhistoriker einfallen sollte, nach der Heimath des Goetheschen Harfners zu forschen, so ist er auf der rechten Spur, wenn er dessen Wiege in Viggiano sucht.

Das Musiknest Viggiano liegt im Gebirge im Kreis Potenza, und seine 7000 Einwohner sind wie die alttestamentlichen Sänger berühmt durch zweierlei Künste. Waren diese Hirten und Harfner, so sind jene vortreffliche Vangatori d. h. Erdarbeiter (von welcher Arbeit auch dem Burschen im Bilde noch etwas anhaftet) und geborene Musikanten.

Man erzählt, daß man einem Zigeuner-Neugeborenen (auch von den Czechen wird das erzählt) einen Kreuzer, eine Fiedel und einen Strick in die Nähe der greifenden Händchen legt. Greift das Büblein nach dem Kreuzer, so wird er ein Bettler, nach dem Strick – ein Spitzbube; ein Musikant aber wird er, wenn er die Fiedel ergreift. Der kleine Viggianese hätte die Wahl zwischen Hacke und Harfe, oder er nimmt beides, er wird sich immer ehrlich durch die Welt schlagen. Ja mehr als das, oft schlägt er dabei ein ganz anständiges Kapital heraus und kommt, nachdem er seine rauhe Fellkleidung abgestreift, als angesehener Mann im modernsten Gewand wieder heim und baut sich ein stattliches Haus, hängt die Harfe an die Wand und fängt einen Handel mit dem Auslande an.

Wieviel reizende Geschichten hört man in Viggiano erzählen an den langen Winterabenden, wenn das Feuer im Kamin prasselt und der Schnee auf den Bergen der Basilikata alte Erinnerungen an die einst durchwanderten Mitternachtsländer und die Nordlandsmenschen wachruft! Diese Geschichten sind es, die das junge Volk bewegen, die Hacke in die Ecke zu stellen und lieber mit dem tönenden Saiteninstrument das Glück immer und immer wieder auf den Gassen des Auslandes zu suchen. Hübsche Jungen sind es zumeist, die da hinausziehen, und so finden sie überall Anklang. Freilich läuft es nicht bei allen glatt ab. Viele von den armen Burschen verschlingt die Straße, viele stehen als Sklaven im Dienste gemeiner vaterländischer Spekulanten, die sie anwerben, kaufen, sie ausbeuten und dann im Elend verkommen lassen. Viele sind oft froh genug, wenn sie nach Jahr und Tag sich wieder heimgefunden haben und als verlorene Söhne die verrostete Hacke hervorsuchen können.

Der junge Napolitaner, wie er hier vor uns steht, von Blumen und Blättern, von lustigen Rebenranken umflochten, ist, wie ihn der Maler, der Dichter, wie ihn ein romantisches Gemüth auffaßt, ein Stück italienischer Poesie; aber das Bild hat auch seine Kehrseite und die ist eitel Prosa.

Woldemar Kaden.