Ein Opfer vorschneller Justiz

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Textdaten
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Autor: Balduin Groller
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Titel: Ein Opfer vorschneller Justiz
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 21, S. 354–356
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1877
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung: Bericht über einen Justizirrtum
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[354]
Ein Opfer vorschneller Justiz.[1]
Aus den Erlebnissen eines älteren Zeitgenossen.

Heutzutage, wo jedes wichtige oder nur halbwegs sensationelle Ereigniß sofort eine weltumspannende Oeffentlichkeit erlangt, kann man auch von Verbrechern als von „Helden des Tages“ sprechen, und man kann ihre Namen als die von allgemein bekannten Persönlichkeiten nennen, in der Voraussetzung, daß die Geschichte ihrer Verbrechen in allen Gegenden, in welche nur ein Zeitungsblatt dringt, bekannt geworden sei. Der vielgenannte Francesconi hatte zu Wien kaum den Richtplatz betreten, auf welchem er seinen mit furchtbarem Raffinement an einem armen Briefträger verübten Raubmord durch sein eigenes Leben sühnen sollte, er hatte kaum in reumüthiger Ueberschwenglichkeit seinen Ankläger, den Staatsanwalt, geküßt und von diesem eine Minute vor der Hinrichtung den unabsichtlich humoristischen Abschiedsgruß: „Leben Sie wohl!“ entgegengenommen, als die Wiener Behörden schon eines anderen Candidaten für den Galgen, Raimund Hackler’s, des verthierten Muttermörders, habhaft wurden. Bald wurde auch dieser vom Leben zum Tode geführt, und man kann sich denken, daß zwei so rasch nach einander vollzogene Todesurtheile in allen Schichten der Wiener Gesellschaft die Discussion über die Zweckmäßigkeit und die Berechtigung der Todesstrafe in den Vordergrund rückten.

So saß denn auch eines Abends eine vorwiegend aus Künstlern bestehende Gesellschaft um einen runden Marmortisch in einem Wiener Kaffeehause und debattirte mit vielem Eifer über die große Tagesfrage. Neue Argumente wurden allerdings nicht aufgebracht, wohl aber alle bereits allgemein bekannten mit vielem Feuer vertreten. Es ist vielleicht kaum mehr möglich, neue Argumente in dieser Frage in’s Treffen zu führen, aber es scheint auch kein Bedürfniß nach solchen vorzuliegen, da ja die vorhandenen für die Vernunft sowohl, wie für das Gefühl vollkommen ausreichen. Man sprach von der Besserungsfähigkeit der menschlichen Natur, von der Möglichkeit eines Irrthums, also auch von der eines Justizmordes, von der Unmöglichkeit, einen [355] solchen Irrthum wieder gut zu machen; man beleuchtete die Abschreckungstheorie; man führte, allerdings durch keinen Notar beglaubigte, aber bona fide hingenommene statistische Daten in’s Feld – kurz, man vergaß nichts, was einiges Licht über diese wichtige Frage zu werfen geeignet schien. Man disputirte eine Weile hin und her, bis endlich ein Mitglied der Gesellschaft, einer der trefflichsten Architekten Wiens, der bis dahin sich schweigend verhalten hatte, in unverkennbarer Erregung ausrief:

„Könnt Ihr denn nicht von etwas Anderem reden? Ich werde förmlich trübsinnig, so oft ich an derlei Geschichten erinnert werde.“

Warum gleich trübsinnig? Warum soll ihm ein solches Gespräch näher gehen als einem Andern? Es sei Pflicht, da zu reden, und so laut wie möglich zu reden. So ungefähr tönte es aus dem Chorus heraus, bis auch der Architekt glücklich in das Vordertreffen der Debatte hineingedrängt wurde und schließlich statt aller weiteren Beweisgründe eine Geschichte erzählte, die uns in der That gar viele Argumente aufzuwiegen scheint und die wir hier fast wörtlich, wie sie uns im Gedächniß haften blieb, wiedererzählen wollen.

„Denkt Euch zwei junge Mädchen, die an einem Brautkleide nähen! Ein hübsches Bild – nicht wahr? Die Freundin war gekommen, der Braut zu helfen; Beide sind glücklich; sie sehen froh in die Zukunft, die sie rosig ausmalen, dann träumen sie, um gleich darauf fröhlich zu lachen, sich zu umarmen und dann wieder munter weiter zu arbeiten. Nur wenn sie sich auf zu ungebundener Fröhlichkeit ertappen, halten sie plötzlich inne, sehen sich erst bedeutungs-, beinahe vorwurfsvoll an, um dann einen Blick der tiefsten Trauer und innigsten Theilnahme auf eine dritte Persönlichkeit zu werfen, die sich mit ihnen in derselben Stube befindet und am allereifrigsten an dem Brautkleide arbeitet. Diese Persönlichkeit hatte übrigens nichts Auffallendes; es war ein Frauenschneider, wie es ihrer unzählige geben mag, ganz ohne irgend welche hervorstechende Eigenthümlichkeiten in seiner äußeren Erscheinung, welche als ‚besondere Merkmale‘ hervorgehoben zu werden verdienten. Als die Mädchen wieder einmal ihre Heiterkeit plötzlich unterbrachen, als hätten sie sich auf einer Schuld ertappt, richtete der Schneider einen fast gütig zu nennenden Blick auf sie und sagte sanft:

‚Warum hören Sie auf zu lachen? Ich höre das Lachen so gern.‘

Die beiden Mädchen seufzten tief auf, und ihre Augen füllten sich mit Thränen.

‚Denken Sie nicht daran!‘ fuhr der Schneider fort, ‚auch ich bin ja ganz ruhig, und aus ruhigem Herzen heraus schwöre ich Ihnen, daß ich kein Mörder bin. Ich bin verurtheilt und werde morgen hingerichtet werden; ich lüge nicht, so nahe meiner letzten Stunde. Ich beklage auch mein Schicksal nicht, und ich werde leicht von dieser Welt scheiden. Der Herr in jener andern Welt wird meiner armen Seele gnädig sein. Es ist Alles abgeschlossen, und von Ihnen erbitte ich nur das Eine: Denken Sie doch ja nie, daß es wirklich ein Mörder gewesen sei, der an diesem Brautkleid mitgenäht hat!‘

Darauf schwieg er wieder und lächelte, ja er lächelte fast wie verklärt vor sich hin. Und es war kein stiller Irrsinniger, der diese Worte gesprochen; der Mann war wirklich zum Tode verurheilt und sollte wirklich am nächsten Tage geköpft werden. Die Braut war die Tochter des Gefängnißdirectors in einer mittelgroßen Stadt Deutschlands; ihre Freundin war meine Schwester. Der hier erwähnte Schneider hatte die Ausstattung der Braut zu nähen übernommen, doch ehe er noch damit zu Ende war, wurde er gefänglich eingezogen, unter die Anklage auf Mord gestellt und nach kurzem Processe – denn die Sache lag sehr einfach – zum Tode verurtheilt. Einen Fluchtversuch oder sonst irgend welche Excesse hatte man von ihm nicht zu befürchten, und so wurde seinen inständigen Bitten, bis zu seinem letzten Tage an der Ausstattung weiter nähen zu dürfen, Folge geleistet. Die beiden Mädchen, die den Mann von früher her kannten, hatten sich, überdies bereits gewöhnt, in der Nähe von Verbrechern zu leben, mit diesen sogar dann und wann zu verkehren, bald in seine Gesellschaft gefunden, sodaß sie sogar zeitweilig ganz vergessen konnten, in welcher Gesellschaft sie sich befanden.

Der Criminalfall des Schneiders war in der That ein sehr einfacher, und der Proceß konnte wirklich ein sehr kurzer sein. Er hatte mit seiner Mutter und seiner Frau ein unscheinbares Häuschen fast am Ende der Stadt bewohnt. Seine Ehe war keine glückliche, und es war notorisch, daß er mit seiner Frau in Unfrieden lebte. Eines Tages starb seine Frau plötzlich, und der des plötzlichen Todes halber vorgenommene Obductionsbefund ergab, daß die Frau an Gift gestorben sei. Es wurde durch Zeugenschaft der Nachbarn erhärtet, daß sie am Tage vor ihrem Tode einen heftigen Streit mit ihrem Manne gehabt habe; es wurde dem Schneider nachgewiesen, was er übrigens gar nicht leugnete, daß er nach dem Streite weggegangen sei, um Rattengift zu kaufen, und daß er das Rattengift auf das Fensterbrett in der Küche gelegt habe. Am nächsten Morgen stand seine Frau nicht auf, weil sie sich unwohl fühlte; seine Mutter war schon seit Wochen bettlägerig; ein Dienstmädchen gab es in dem Hause nicht; also sah er sich genöthigt für seine Frau zu kochen. Er hatte ihr einen Eierkuchen gemacht. Er erinnert sich nicht, die Küche auch nur auf kurze Zeit verlassen zu haben, und giebt selbst zu, daß es geradezu eine Unmöglichkeit gewesen wäre, daß irgend ein Fremder, ohne von ihm bemerkt zu werden, die Küche hätte betreten können. Er selbst hat seiner Frau den Eierkuchen gebracht; er hat ihr, nach eigenem Geständniß, zugeredet ihn ganz zu verzehren, da er für sich und seine Mutter schon etwas Anderes besorgen wolle, – und in diesem Eierkuchen befand sich das Gift, ein großer Theil desselben Giftes, das auf dem Fensterbrett in der Küche lag.

Es wurde der Apotheker vernommen, der das Gift verkauft hatte. Er erinnerte sich genau, wie viel er davon abgegeben habe, und so weit es sich schätzen ließ, fehlte an dem aufgerissenen Päckchen am Fensterbrett genau so viel, wie sich bei der Obduction der vergifteten Frau in deren Körper nachweisen ließ. Der Schneider gab Alles, Alles zu, nur die Hauptsache nicht, daß er nämlich seine Frau vergiftet habe. Vergeblich hielt man ihm vor, daß ein reumüthiges Geständniß ihm als ein mildernder Umstand zu Gute kommen würde – es war Alles umsonst; er leugnete standhaft. Freilich war auch das vergebens; der Thatbestand war ein zu klarer, der Indicienbeweis ein zwingender – er wurde zum Tode verurtheilt. Das Urtheil nahm er mit Gelassenheit auf, auf die Frage des Gerichtspräsidenten, ob er noch Etwas vorbringen wolle, schüttelte er den Kopf und rief mit andächtiger Innigkeit: ‚Herr! Vergieb ihnen, denn sie wissen nicht, was sie thun!‘ Natürlich war Alles empört über eine derartige Verstocktheit und Heuchelei.

Nun wandte er sich mit einer fast wunderbar erscheinenden Freudigkeit der letzten Arbeit seines Lebens, der Brautausstattung, zu, und als er endlich am Tage nach der im Eingang geschilderten Scene auf dem Armen-Sünder-Karren zum Richtplatze geführt wurde, da grüßte er wohlgemuth zu dem Fenster hinauf, an welchem die beiden Freundinnen, auch seine letzten Freundinnen in diesem Leben, bitterlich weinend standen. Seine Heiterkeit verließ ihn bis zu seinem letzten Augenblicke nicht, und als er an den Block geschnallt wurde, rief er wieder mit andächtiger Innigkeit: ‚Herr! Vergieb ihnen, denn sie wissen nicht, was sie thun!‘ Das waren seine letzten Worte; einen Augenblick später war sein Kopf vom Rumpfe getrennt. Der irdischen Gerechtigkeit war Genüge geschehen. –

Noch lange sprach man von diesem ruchlosen Mörder, der mit so merkwürdiger Verstocktheit in den Tod gegangen war; über sein standhaftes Leugnen war doch nicht so leicht hinwegzukommen. Einige – und diese blieben mit ihrer Ansicht in der Minderheit – behaupteten, daß er nicht ganz zurechnungsfähig gewesen; die überwiegende Mehrheit jedoch bekämpfte alle solche Zweifel und pries die Justiz, welche die Welt von einem solchen Scheusal befreit hätte. Nach und nach verstummten auch diese Debatten, und die ganze Geschichte gerieth im Vergessenheit, bis sie nach acht langen Jahren den Bewohnern der Stadt in ganz eigenthümlicher Weise in Erinnerung gebracht werden sollte. Um diese Zeit starb die Mutter des Hingerichteten; kurz vor ihrem Tode jedoch, als sie fühlte, daß ihre letzte Stunde gekommen sei, hatte sie einen geistlichen Herrn zu sich beschieden und diesem das Geständniß abgelegt, daß sie es gewesen sei, welche das Gift in jene verhängnißvolle Speise geschüttet habe. Sie habe es mit ansehen müssen, wie ihre Schwiegertochter ihrem Sohne das Leben verbittere, und da habe sie den unglückseligen Entschluß gefaßt, ihn von diesem Weibe zu befreien. Sie habe den Moment erhascht, als ihr Sohn von der Küche in den Hof gegangen sei, [356] um etwas Holz für den Herd zu spalten; da sei sie von ihrem Krankenlager aufgesprungen, aus der Kammer geschlüpft, und als eine halbe Minute später ihr Sohn zurückgekehrt, da sei das Gift schon in der Pfanne gewesen und sie wieder auf ihrem Krankenlager. Als sie dann weiter gesehen habe, welche Wendung die Dinge nahmen, da habe sie wohl ihre unselige That tausendmal verflucht, und doch habe die entsetzliche Furcht vor dem Tode sie immer und immer abgehalten, durch ein Geständniß das Leben und die Ehre ihres Sohnes zu retten. –

Wie ein Lauffeuer verbreitete sich diese Nachricht in der ganzen Stadt. Der alten Mörderin war der Proceß nicht mehr zu machen, denn wenige Stunden schon nach ihrem Geständnisse stand sie vor dem höchsten Richter über alle Welten, aber die Ehre des unschuldig Gerichteten sollte, soweit dies möglich, wiederhergestellt werden. Seine Leiche wurde aus dem ‚Verbrecherviertel‘ in den Friedhof übergeführt, dahin, wo auch andere ehrliche Menschen den ewigen Schlaf schlafen. Ein unabsehbares Geleite folgte dem Todten, und die ganze Stadt bemühte sich, ihm die letzte, die verdiente Ehre zu erweisen. Als die Menge sich nach dieser Trauerfeierlichkeit verlaufen hatte, knieten noch zwei junge Frauen betend vor dem frisch aufgeworfenen Hügel; es waren die beiden Freundinnen, in deren Gesellschaft der Unglückliche seinen letzten Tag verlebt hatte. –

Das ist die Geschichte, und darum werde ich immer bis in die Seele hinein traurig, wenn ich für die Beibehaltung der Todesstrafe streiten höre; als ob es nicht hundertmal besser wäre, zehn Schuldige zu milde zu bestrafen, als auch nur einen Unschuldigen seines Lebens und seiner Ehre für immer zu berauben!“ Mit diesen Worten beschloß der Architekt seine Geschichte; die ganze Gesellschaft hatte mit tiefer Theilnahme zugehört. Nun war jede weitere Diskussion abgeschnitten. Alle schienen es zu fühlen: Wozu noch Argumente suchen, wenn sie mit so furchtbarer Klarheit schon vor Augen liegen?

Balduin Groller.
  1. Der nachstehenden authentischen Mittheilung wollen wir als einem interessanten Beitrage zur Geschichte der Justizpflege die Aufnahme nicht versagen. Die Bewohner von H. werden sich der hier ohne jede Ausschmückung geschilderten Vorgänge sicher noch erinnern. D. Red.