Ein Paar Rasirmesser

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Textdaten
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Autor: Otto Ruppius
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Titel: Kleine Amerikanische Sittenbilder
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1863
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
Kleine amerikanische Sittenbilder
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Kleine amerikanische Sittenbilder.

Nr. 5. Ein Paar Rasirmesser.

Wir waren noch nicht lange erst im gelobten Lande Amerika angekommen; glücklicherweise aber hatten wir in einem deutschen Arzte, welcher bereits alle Stadien der Acclimatisation, körperlich wie geistig, längst durchgemacht, einen theilnehmenden Rathgeber gefunden und verbrachten die Abende meist in seiner Gesellschaft, mit offenen Ohren und Herzen seinen Schilderungen über die Eigenthümlichkeit des neuen Vaterlandes horchend. Es war an einem Abende, an welchem mehrere mit anwesende Amerikaner unsern Freund über seinen vollen, wilden Bart geneckt, der damals in den Vereinigten Staaten noch etwas ganz Ungewöhnliches war, und als wir uns endlich zu unserm gewöhnlichen kleinen Kreise, Jeder hinter ein Seidel ausgezeichnetes Lagerbier, zusammensetzten, schüttelte unser Landsmann mit einem ganz eigenthümlichen Lächeln den Kopf. „Das wäre eine Geschichte für Sie – ich meine, die mit meinem Barte zusammenhängt,“ sagte er; „sie hat mich zu gleicher Zeit zum alten Junggesellen gemacht!“ und als er unsere aufleuchtenden Gesichter – denn was er auch erzählte, war wunderbar anregend – wahrnehmen mochte, trank er langsam sein Glas halb leer und ließ dann, wie nachdenklich, das Licht in dem goldhellen Glanze des Bieres spielen. „Ich kann Ihnen sagen,“ begann er, „daß das deutsche Lagerbier ein wahrer Heiland für die Amerikaner geworden ist. Erst seit sie ihm Geschmack abgewonnen haben, beginnt die Branntweinpest, gegen die sich alle Mäßigkeitsvereine umsonst abgemüht haben, zu weichen. In den heißen Sommern wird das Eiswasser, wie es hier, wo es nur Wasserleitungen, aber keine Brunnen giebt, getrunken werden muß, zu Gift für den Körper, und so wurde es stets mit Whiskey oder Cognac versetzt; erzeugte dadurch aber auch eine Gewöhnung an starke Spirituosen, die das Delirium tremens oder den Säuferwahnsinn als etwas ganz Gewöhnliches erscheinen ließen. – So hatte ich unter den Familien, bei welchen ich Hausarzt geworden war, einen ältlichen, reichen Gentleman, Mr. Davis mit Namen, zum Patienten, bei welchem sich ein leichter Anfall dieser Dyskrasie regelmäßig alle sechs bis acht Wochen wiederholte, von welchem er indessen, Dank seiner kräftigen Constitution, unter sorgfältiger Pflege und Diät immer in zwei bis drei Tagen wieder genas. Er wohnte mit einer Nichte und einem Neffen zusammen in einem hiesigen Hotel, wie dies kleine amerikanische Familien, welche kein Haus machen wollen, oft thun, und meine Krankenbesuche hatten mich der Nichte, einem liebenswürdigen Mädchen, so weit genähert, daß ohne besondere Erklärung ein Verständniß sich zwischen uns entwickelt hatte, welches jedenfalls in einer formellen Verlobung geendet haben würde, wenn nicht die Ereignisse einer merkwürdigen Nacht dazwischen getreten wären.

Es war eines Abends, schon spät, als ich von der genannten Dame die Botschaft erhielt, daß der Onkel einmal wieder „seine böse Zeit“ habe, daß seine Freunde im Hotel nicht mit ihm fertig werden könnten und ich mich doch baldigst einstellen möge. Ich säumte natürlich nicht und fand sie in dem allgemeinen Parlor ängstlich meiner wartend; ihr Bruder, erzählte sie, sei verreist und der Kranke unter lauter oberflächlichen Bekannten, die ihn zu beruhigen strebten, in seinem Zimmer. Dorthin, im dritten Stocke, wandte ich mich also und fand außer dem Geschäftsführer des Hauses verschiedene andere Personen, die sich bemühten, ein nicht enden wollendes Gelächter des Kranken, wozu Leute in diesem Zustande oft geneigt sind, zu dämpfen und ihn selbst auf einem Stuhle niederzuhalten – freilich mit keinem andern Erfolge, als daß die Aufregung des Patienten sich mit jeder Minute nur mehr steigerte.

Meine erste Sorge war, das Zimmer von allen Anwesenden, bis auf den Geschäftsführer des Hotels, welcher mir in derartigen Fällen schon hülfreich zur Seite gestanden, zu säubern und dann, obgleich mir der Zustand des Mannes aufgeregter als jemals zuvor erschien, meine gewöhnliche Behandlungsweise anzuwenden. Als er mich erkannte und meine ruhige Stimme hörte, begann sich bereits sein krampfhaftes Lachen zu legen, und bald bequemte er sich auf mein Zureden auch, sich in seinen Kleidern, wie ich ihn gefunden, auf das Bett niederzulegen. Ich setzte mich an seine Seite und suchte ein kaltes, vernünftiges Gespräch mit ihm anzuknüpfen, ein Mittel, das ihn früher immer am schnellsten beruhigt hatte. Ich will hier sogleich erwähnen, daß die einzige Thür des Zimmers, welche nach dem Haupt-Corridor führte, sich neben dem Kopfende des Bettes befand.

Viel schneller, als ich gehofft, schien sein Irresein und seine rastlose Aufregung sich zu verlieren, und ehe eine halbe Stunde vorüber war, lag er so ruhig mit geschlossenen Augen auf seinem Rücken und athmete so regelmäßig, daß ich schon glaubte, mich über die Heftigkeit seines Anfalles getäuscht zu haben, und diese nur den vorhergegangenen unglücklichen Beruhigungsversuchen zuschrieb. Ich bat also auch den Geschäftsführer, sich hier nicht länger unnöthig aufzuhalten; wir verabredeten indessen, daß ich vor meinem Weggange in seinem Zimmer vorsprechen sollte, damit er, wenn nöthig, während des Restes der Nacht meinen Platz am Krankenbette einnehme. Zugleich trug ich ihm auf, Miß Davis über den Zustand ihres Onkels zu beruhigen.

Eine halbe Stunde noch mochte ich den Patienten, der im ruhigsten Schlafe zu liegen schien, beobachtet haben, dann erhob ich mich, um zu gehen. Mein Hut lag auf einem Stuhle am Fenster; kaum hatte ich aber den ersten Schritt danach gethan und dem Daliegenden den Rücken gekehrt, als ich ein Krachen der Bettstelle [74] vernahm. Mich rasch umwendend, sah ich meinen Kranken todtenbleich außerhalb des Lagers stehen, den Rücken gegen die Thür gelehnt, und in seinen grünlich schillernden Augen erkannte ich sofort den Blick des vollen Wahnsinn. Noch ehe ich es indessen vermocht, einen entscheidenden Gedanken zu fassen, hatte er nach dem an der zweiten Seite der Thür befindlichen Toilettentisch gegriffen, ein kleines Etui von dort genommen, und im nächsten Augenblick glänzte in jeder seiner Hände ein geöffnetes Rasirmesser.

Ich gestehe ehrlich, daß ich im ersten Moment ein Gefühl hatte, als laufe mir ein Tropfen eiskaltes Wasser über den Rücken; dazu war der Wechsel von der bewegungslosen Ruhe dieses Menschen zum Handeln unter der wildesten nervösen Erregung ein so plötzlicher, unerwarteter gewesen, daß ich mich vollig überrumpelt sah, daß mir nichts zu thun übrig blieb, als ihn regungslos zu bewachen – welchem krankhaften Gedanken er gefolgt war, davon hatte ich natürlich nicht die geringste Ahnung und nur des Einen war ich mir bewußt, daß ich versuchen mußte, auf jede seiner Ideen einzugehen, bis ich seinen eigentlichen Zustand erkannt.

Es waren sicher mehrere Minuten, in denen er mich vollkommen regungslos anstarrte; dann begann er mit einer Stimme, die nichts mehr von seinem gewöhnlichen Tone hatte und mit einer eisigen Bestimmtheit zwischen seinen geschlossenen Zähnen hindurch drang: „Doctor – niedersitzen!“ und zugleich deutete seine Rechte gebieterisch nach einem Stuhle am Fenster, unweit von uns.

Wenn nur die Rasirmesser nicht gewesen wären, wäre ich seiner Aufforderung wohl gefolgt – so hieß dies aber, mich dem Wahnsinnigen wehrlos preisgeben; ich regte mich also nicht. Noch einmal wiederholte er den Befehl, und seine Lippen schienen sich dabei kaum zu bewegen; als ich aber in meiner Stellung blieb, nahm er seine beiden Messer in die Linke und schritt leise, fast katzenartig auf mich los. Ich fühlte, ehe ich nur zu einem Entschlusse gelangen konnte, mich mit unwiderstehlicher Gewalt bei der Brust gefaßt, zurückgeschoben und auf den Stuhl niedergedrückt, während er mit dem Tone eines unbeugsamen Entschlusses mir in’s Ohr sprach: „Doctor, Sie müssen niedersitzen!“

In diesem Momente fühlte ich, wie mich das Entsetzen packte – ich wußte, daß, wenn es dieser Kraft des Wahnsinns gegenüber noch eine Rettung für mich gab, diese nur aus einer völlig duldenden Haltung meinerseits erwachsen konnte, und doch bürgte mir auch hierbei nichts dafür, daß er mich nicht gelassen abschlachtete. Mit Macht indessen meine Fassung zusammenraffend, gelang es mir, meinen ersten Schrecken zu überwinden, und als jetzt ein neuer Befehl erklang: „Setzen Sie sich aufrecht!“ dem er zugleich mit seinen Händen Nachdruck gab, „jetzt die Arme gekreuzt! jetzt den Kopf in die Höhe!“ folgte ich bereitwillig seinen Worten und vermochte es sogar, ihm mit einer heitern Miene, als betrachte ich Alles wie einen Scherz, in das todtenbleiche Gesicht, das zeitweise nur in einem leichten krampfhaften Zucken eine Bewegung zeigte, zu blicken.

Jetzt ließ er seine unheimlichen Augen langsam über meine ganze Gestalt laufen, und augenscheinlich mit meiner Stellung und meinem Verhalten zufrieden, trat er rückwärts wieder nach der Thür zurück. „Doctor,“ sagte er hier in verhältnißmäßig ruhigerer Weise, „Sie werden diese Nacht bei mir bleiben, ich brauche Sie!“ In mir schoß jetzt der Gedanke auf, zu versuchen, durch eine ruhige Vorstellung Einfluß auf seinen Geist zu gewinnen; kaum hatte ich indessen unwillkürlich den Kopf bewegt, als sich sein ganzes Gesicht verzerrte. „Stillsitzen – kein Glied rühren!“ klang es in den frühern Lauten des Wahnsinns, und ich sah nur zu wohl, daß mein einziges Heil in regungslosem Ausharren lag. Er aber hielt den mißtrauisch beobachtenden Blick fest, unermüdlich auf mich gerichtet, und so verging Minute auf Minnte, Viertelstunde auf Viertelstunde. Wie lange ich eigentlich so in steter Furcht eine unwillkürliche Bewegung zu machen gesessen, weiß ich nicht, aber die lebhafteste Phantasie kann sich kein richtiges Bild von der Pein, welche die lautlose Stille mit jeder Minute mehr auf mich ausübte, machen. Außer kleinen Mauerstückchen, welche zeitweise im Innern der hohlen Wände niederfielen, oder den Regentropfen, die von der Dachrinne regelmäßig auf das Fenstergesims schlugen, unterbrach kein Laut das Schweigen – dazu aber kam noch die Qual meiner Unbeweglichkeit, die ich, wie ich von Neuem belehrt werden sollte, unter keinen Umständen aufgeben durfte.

Mein Peiniger schien endlich mit seiner Beobachtung fertig zu sein und zu seinem Hauptwerke schreiten zu wollen. Seine Rasirmesser plötzlich hebend und sie schwingend, kam er auf mich zu; er schwang sie, während er einen Kreis um mich beschrieb, nach allen Richtungen, über mir und rings um mich. Dann faßte er meinen Arm und bezeichnete mit der Schneide eines der Messer einen Kreis um denselben, als wolle er ihn amputiren; nun galt es meinem Halse und Gesichte – erst brachte er das Rasirmesser so nahe meiner Kehle, daß ich jeden Augenblick einen Schnitt in die Luftröhre erwartete, dann funkelte es dicht vor meinen Augen, und er rasirte mich in Gedanken über und über. Seine Hauptaufmerksamkeit aber schien er zuletzt einer kleinen Glatze auf meinem Hinterkopfe zugewandt zu haben. Ich kann nicht sagen, was er damit anfing, ich fühlte jedoch abwechselnd seine Hand und die flache Klinge des Messers darauf. Am Ende trat er, als ob er sich eines gelungenen Werks freue, wieder rückwärts nach der Thür und betrachtete mich unverwandt – Gott weiß es, welche Hallucination ihm vorschweben mochte – ich aber meinte nächstens unter der mir gebotenen Regungslosigkeit und Nervenanspannung ohnmächtig werden zu müssen. Einige Male war ich daran, auf jede Gefahr hin aufzuspringen, nur um eine einzige kräftige Bewegung machen zu können, aber immer erhielt meine Besonnenheit noch zeitig genug den Sieg. Meine größte Sorge blieb es indessen, daß ich meine Besinnung verlieren, und so vertheidigungslos einer neuen tollen Idee des Irrsinnigen preisgegeben werden möchte.

Da war es mir während einer unwillkürlichen Bewegung, sei es unter dem Zwange der Nerven oder um meiner Hand einen Stützpunkt zu schaffen, unbemerkt gelungen, die Hand unter das Brusttheil meiner Weste zu schieben. Welche Erleichterung mir dies schon verschaffte, läßt sich nicht beschreiben – ich konnte jetzt wenigstens meine verborgenen Finger bewegen. Ich ballte die Hand, ich öffnete und schloß sie, wiederholte dies schnell und mehrmals und preßte sie endlich gegen mein Herz. Das schien mir neues Leben zu geben; ich fühlte mich stärker, selbstvertrauender, besser im Stande das Ende dieser Qual abzuwarten.

Jetzt bemerke ich, wie etwas Neues meinen Wahnsinnigen eingenommen haben mußte; er hatte ein leichtes, unzusammenhängendes Murmeln begonnen und wandte zeitweise den Kopf nach der Thür, als stehe dort Jemand, mit welchem er sich unterhalte. Aber er hatte mich dabei nicht vergessen. Plötzlich hob er den Kopf und befahl mir in seiner früheren bestimmten Weise aufzustehen und mich auf das Bett zu legen. Glücklich darüber, endlich meine halbgelähmten Beine wieder bewegen zu dürfen, erhob ich mich und legte mich, gehorsam wie ein wohlgezogenes Kind, auf das Bett; bald merkte ich hier, daß meine Lage sich durch diesen Umzug bedeutend gebessert hatte. Erstens konnte ich mir durch eine leichte Bewegung jede gewünschte Stellung geben; zweitens konnte ich jedes Wort, welches der Kranke murmelte, verstehen; als Hauptsache aber betrachtete ich, daß ich jetzt kaum über einen Fuß weit von der Thür entfernt war und das Thürschloß sich an meiner Seite befand. Noch hatte ich keinen Plan, wie zu entrinnen, aber ich sah, daß ich jetzt wenigstens an einen solchen denken durfte. Angestrengt horchte ich vor Allem seinen Worten, und bald wurde mir klar, daß er sich einbilde, es stehe Jemand vor der Thür, welcher einzutreten verlange, um mit mir zu sprechen. Was ich hörte, waren natürlich nur die Antworten, welche er auf die eingebildeten Fragen von außen gab. Kaum hatte ich aber den Sinn des so geführten Gesprächs erkannt, als ich mich auch gerettet meinte. Mit Zuversicht und Kälte, als ob ich schon frei wäre, konnte ich jetzt denken und handeln.

Ich begann zuerst auf die von ihm gegebenen Antworten leise neue Fragen zu stellen und gab ihm sodann Erwiderungen auf seine Aeußerungen. Mich dem Tone seiner Stimme anbequemend ward auch ich etwas lauter, und bald hielten wir ein völliges Zwiegespräch. Ich, als der Außenstehende, hatte ihm vorgeschlagen die Thür einige Zoll weit zu öffnen, durch welche Spalte dann der „große Unbekannte“ mir, dem Doctor, seine Wünsche mittheilen sollte, und er stimmte diesem endlich zu. Ich faßte krampfhaft das Kopfkissen. Mein Plan war, die Thür, sobald sie geöffnet, plötzlich aufzureißen, meinen Kerkermeister hinter sie zu drängen, im Nothfalle ihm das Kissen in’s Gesicht zu schleudern und dann nach dem Zimmer des Geschäftsführers zu flüchten.

Es wäre dies zwar recht schnell und verhältnißmäßig leicht auszuführen gewesen, wenn nur meiner eigenen Erschöpfung nicht die sonderbare Kraft des Wahnsinns gegenüber gestanden hätte. So geschah es, daß, als ich gegen ihn sprang, er kaum wankte. [75] Ich hatte allerdings die Thür so weit aufgerissen, daß ich seine Ueberraschung benutzen und mich hindurch drängen konnte; mit knapper Mühe aber wehrte ich durch das Kissen, welches er faßte, seine Hände von mir ab. Auch wäre mir nicht eine Secunde Zeit geblieben, um die Thür eines andern Zimmers zu öffnen und wieder zu schließen. Ich sah nur einen Weg zur Flucht – eine Treppe, unweit von mir, welche nach dem nächsten Stocke hinauf führte. Ich darf wohl nicht erst sagen, daß ich dort hinauf mehr flog als lief – aber hinter mir hörte ich einen kurzen, gellenden Schrei, der kaum Aehnlichkeit mit einer menschlichen Stimme hatte, und das Geräusch der mir auf der Treppe folgenden Fußtritte gab mir eine vollkommen klare Idee von den weiten Sprüngen, mit welchen der Wahnsinnige mir nacheilte.

In der Etage, welche ich erreicht, brannte nur ein einziges Gaslicht; mit einem raschen Blicke sah ich mich nach einer offenen Thür um, aber nichts zeigte sich, und ich hatte keine Secunde Zeit, um die Oeffnung einer oder der andern zu versuchen; ich flog mit unverminderter Schnelligkeit – denn mir war es, als fühlte ich schon die Rasirmesser meines schrecklichen Patienten im Nacken – dem einzigen Ausgange zu, welcher sich bot, einer steilen Stiege, welche nach dem flachen Dache führte. Die Fallthür desselben war offen, und wenn ich noch zeitig genug oben anlangte, um sie zu schließen, so mußte ich gerettet sein. Kaum aber hatte ich den ersten Fuß auf das Dach gesetzt und hob in der Hast der Todesangst die schwere Thür, als auch schon die leuchtenden Augen meines Verfolgers dicht unter der Oeffnung erschienen. Ich warf die Thür auf ihn, es galt jetzt Leben um Leben; aber sein muskulöser Arm mußte sie aufgefangen haben, denn sie fiel nicht in die Fugen, und ehe ich einen Versuch machen konnte, mich auf sie zu werfen, sah ich, wie sie sich wieder hob. Die Angst der Verzweiflung erfaßte mich – der einzige, noch übrige Weg zur Flucht war der Sprung vom Dache eines vierstöckigen Hauses.

Da erblickte ich in kurzer Entfernung eine schwarze Oeffnung, wie sie das von Wolken verdeckte Mondlicht abzeichnete – der Ausgang einer zweiten auf das Dach führenden Treppe – und mit dem Blicke hatte ich auch schon das Geländer derselben in der Hand; soeben hörte ich, wie die erste Fallthür mit einem Krach aufschlug – ich eilte hinab, mechanisch mich an der Treppen-Barrière festhaltend, sonst hätte ich sicherlich den Hals brechen müssen; immer weiter hinunter, von Stockwerk zu Stockwerk in wahnsinniger Hast, denn ich hatte die Ueberzeugung, daß mein Verfolger nur wenige Stufen entfernt hinter mir hersauste; ich erreichte die „Office“ des Hotels, auf welchem Wege weiß ich jetzt noch nicht – Niemand war hier zu meinem Beistande wach; ich flog der Hausthür zu, schob mit einem Griffe den mir bekannten Riegel zurück und sprang auf die Straße, den Drücker der halboffenen Thür in der Hand behaltend. Mein Plan war es, den heraneilenden Wahnsinnigen durch ein plötzliches, kraftvolles Oeffnen der schweren Thür umzuwerfen. Aber ich wartete athemlos – nichts von verfolgenden Schritten ließ sich hören. Ich vermuthete eine List, wie man diese oft bei Wahnsinnigen findet, und öffnete vorsichtig den Eingang etwas weiter, aber ich konnte nichts entdecken, und doch wagte ich auch nicht, meine geschützte Stellung zu verlassen oder mich auch nur bloßzugeben. In diesem Augenblicke sauste vom Dache des Hauses hart an meiner Seite, ein Gegenstand durch die Luft nieder, mit einem dumpfen Geprassel auf den Steinen des Seitenwegs aufschlagend – ich war mechanisch zurückgesprungen; mein erster Blick aber zeigte mir jetzt die zerschmetterte Leiche meines Patienten – ich erkannte seine Kleidung, die ich in dieser entsetzlichen Nacht so lange Gelegenheit gehabt zu studiren, sofort. – –

„Nun, meine Herren,“ fuhr der Erzähler nach einer kurzen Pause fort, „es wird Sie vielleicht nicht Wunder nehmen, daß ich seit jener Nacht es nicht habe über mich gewinnen können, ein Rasirmesser an meinen Hals bringen zu lassen, oder dies auch nur selbst zu thun. Ich war übrigens drei Tage lang unfähig meinen Geschäften nachzugehen und ließ Miß Davis wissen, daß, sobald ich wieder ausgehen könnte, ich sie besuchen werde. Eigenthümlicherweise aber faßte mich, wenn ich jetzt auch nur an das Mädchen dachte, eine Art Widerwillen. Am vierten Tage bekomme ich ein Billet von ihr von einem keinen Packete begleitet. Sie bedauerte meine Krankheit, noch mehr aber die Ursache derselben und sandte mir einen Brief ihres Bruders, welcher so eben den Nachlaß des Onkels geordnet. In diesem Briefe nun hieß es, daß nicht allein die ausschweifende Lebensweise von Mr. Davis, sondern auch seine unglückliche Theilnahme an einer Messerfabrik ihn völlig bankrott gemacht hätten und daß ich deshalb schleunigst meine Rechnung gegen den Gestorbenen einreichen möge. Indessen habe der Schreiber, im Einverständniß mit seiner Schwester, ein ausgezeichnetes Stück Arbeit, welches bei der letzten Weltausstellung einen Preis erhalten, von dem Nachlasse zurückgelegt und übersende es mir, als Anerkennung meiner großen Freundlichkeit gegen den Verstorbenen – ein Paar mit Goldrücken versehene Rasirmesser!

Ich verreiste vier Wochen und habe dann Niemand von der Familie Davis wiedergesehen!“

O. R.