Ein Pionnier deutscher Kunst

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Autor: W. Hamm
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Titel: Ein Pionnier deutscher Kunst
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aus: Die Gartenlaube, Heft 22, S. 368–371
Herausgeber: Ernst Keil
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1875
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Ein Pionnier deutscher Kunst.


Niemals hatte das königliche Theater von St. James in London eine so glänzende Gemeinde in seinen Räumen versammelt gesehen, als am 2. Juni 1852. Die Königin Victoria war anwesend mit ihrem Gemahle, dem Prinzen Albert, und mit der Herzogin von Kent. Rings um sie reihten sich die Spitzen der britischen Aristokratie, schwere, alte Namen, wunderbare Titel und Würden, daneben reizende Frauen, Alles in festlichen Kleidern, ein glänzend bunter Anblick. Aber nicht blos Hoheit und Rang der Lebensstellung fesselten die Augen der Kundigen, auch die Aristokratie des Geistes und der Kunst war repräsentirt in ihren hervorragendsten Vertretern. In den „Private boxex“ des „Pit Tier“ saßen neben einander Chevalier Bunsen und Lord Egerton Ellesmere, Macaulay und Carlyle, Julius Benedict und Staudigl, Charles Dickens und Thackeray, am zahlreichsten aber waren zu schauen die Jünger der dramatischen Kunst, welche reservirte Sitze im „Dress Circle“ einnahmen. Die berühmtesten englischen Schauspieler hatten sich ein Stelldichein gegeben: M. Ch. Young, der beste seit den Tagen John Kemble’s, Ch. Kean, Miß Helen Faucit, die bedeutendste Trägerin der Rolle der Ophelia, Ch. Kemble, Mrs. Martin, Miß Fanny Kemble, Sartoris, Mrs. Martin, Bartley, der große Polonius, Mr. und Mrs. Cooke, Mr. und Miß Walter Lacy, Addison, Anderson u. A. mehr. Frankreich war vertreten durch Levassor, die Rose-Cheri, Numa, die St. Georges, Lafont etc., Deutschland durch Johanna Wagner, die Pianistin Wilhelmine Clauß – kurz, es war hier ein Parterre von Königen und Königinnen der Kunst versammelt. Der Vorhang rauschte in die Höhe: die Muse trat vor, im Gewande der Germania, den Eichenkranz im gelösten Blondhaar – und – zum ersten Male auf einer britischen Bühne – deutsche Laute schlugen tönend, Vielen fremd, an das Ohr der Zuhörer. Der Prolog begrüßte weihevoll Alt-England, seine kunstsinnige Herrscherfamilie und das stammverwandte Volk. Dann drückte der Sprecher des Prologs einen Lorbeerkranz auf Meister William’s Haupt, dessen Büste zwischen denen Goethe’s und Schiller’s die Bühne zierte. Das „God save the Queen“ fiel rauschend ein, und darauf leitete Beethoven’s wunderbare Ouvertüre das eigentliche Spiel des Abends ein. Man gab den „Egmont“, die erste Darstellung des Gastspiels deutscher Bühnenkünstler in Großbritannien. Der Erfolg war ein ungeheurer, das Publicum enthusiasmirt bis zur Raserei; es regnete Kränze und Bouquets; die Hervorrufe bei offener Scene wollten kein Ende nehmen. Am andern Tage waren alle Zeitungen voll von den Leistungen der Gäste. Die „German plays“ waren das Ereigniß des Tages geworden; die deutsche Kunst hatte einen der größten Triumphe gefeiert.

Sie hatte damit zurückzuzahlen begonnen, was sie vor nahezu zwei Jahrhunderten empfangen. Englische Komödianten waren es bekanntlich gewesen, welche in der Mitte des siebenzehnten Jahrhunderts in Holland und Deutschland das Schauspielwesen zuerst [369] zünftig gemacht, die Beschäftigung damit zu einem besonderen Stande erhoben hatten. Früher wurde das Volksschauspiel nur von Liebhabern gepflegt, welche oft Schurzfell und Pechdraht zur Seite warfen, um sich den Cothurn unter die Füße zu schnallen, genau wie es uns Shakespeare in der Rüpelkomödie seines Sommernachtstraumes so drastisch ergötzlich vor Augen geführt hat. Er selber, der damals fast unbekannte Schwan vom Avon, soll mit einer englischen Bande in Deutschland Gastrollen gegeben haben, doch ist dies wohl nichts weiter, als unverbürgte Sage. Ueber den Canal sind aber vor 1852 niemals deutsche Schauspieler gekommen, um ihrer Muttersprache und deren dramatischen Meisterwerken im Lande Shakespeare’s Geltung zu verschaffen. Daher war das erste deutsche Theater in London, wie Eduard Devrient in seiner Geschichte der deutschen Schauspielkunst mit Recht sagt, ein Vorgang, ehrenvoll und denkwürdig für die deutsche Kunst.

Die Idee zu der Unternehmung war ausgegangen von Dr. Heinrich Künzel, Professor der Geschichte, Literatur und Aesthetik am Polytechnicum zu Darmstadt. Es möge vergönnt sein, diesem bedeutenden Manne, dessen Name Tausenden wohl bekannt und auch den Lesern dieses Blattes nicht fremd ist, hier einen bescheidenen Denkstein der Erinnerung zu setzen. Er verdient ihn, wie Wenige. Denn wenn ein rastlos im Dienste der Menschheit hingeopfertes, reich begabtes, für alles Gute und Hohe begeistertes Leben dazu berechtigen kann, im Angedenken der Nachwelt zu leben, so darf sein Name nicht vergessen werden. Heinrich Künzel, geboren am 26. December 1810, war der Sohn schlichter, wohlhabender Bürgersleute, welche, ihre Zeit verstehend, Alles daran wandten, ihren Kindern eine vorzügliche Erziehung angedeihen zu lassen. Nachdem er das Gymnasium mit hohen Ehren absolvirt – er ist namentlich schon als junger Mann ein Meister in Handhabung der Sprachen, alter und neuer, insbesondere auch der deutschen, gewesen – widmete er sich anfänglich dem Studium der Medicin, war aber zu sensitiven Gemüths, um lange dabei auszuhalten, weshalb er zu demjenigen der Theologie und Philosophie überging mit der Absicht, sich später ganz dem Lehrfache zu widmen. Er studirte in Gießen und Heidelberg 1829 bis 1832; in letzterer Stadt erfreute er sich des regen Umganges mit Gervinus, Schlosser und Paulus. Nachdem er promovirt, trat er als Accessist ein bei der berühmten Hofbibliothek in Darmstadt, welche unter der Leitung seines Freundes und Gönners, Geheimraths Feder, eines seinerzeit bekannten Philosophen und Schriftstellers, stand. Die trockene Wühlarbeit im Bücherstaube würzte er durch gründliche Musikstudien unter dem alten Cantor Rinck, dem großen Organisten aus der Schule des Abts Vogler, und der beiden Weber, welche seinerzeit das kleine Darmstadt zu einer Heimstätte der Tonkunst gemacht hatten. Die leidigen Bibliotheksarbeiten sagten dem strebsamen Geiste des jungen Mannes übrigens nicht lange zu; er gab seine Stelle nach Jahresfrist auf und wandte sich nach Paris. Hier trat er in Beziehung zu allen hervorragenden Geistern der Zeit, insbesondere schloß er sich an die beiden Brüder Grafen Escudier, mit welchen zusammen er ein


Die Gartenlaube (1875) b 369.jpg

Dr. Heinrich Künzel.
Nach einer Photographie.


Musikjournal gründete; gleichzeitig ward er Mitarbeiter am „Constitutionnel“ und an der „Revue des deux Mondes“.

In diese Zeit fällt auch seine Bekanntschaft mit Anton Grafen Auersperg (Anastasius Grün), der ihm zeitlebens ein werther Freund geblieben ist, auch mit Heine, Börne, Constant, Hugo, Musset, Nodier etc. verkehrte er viel. Von großem Einflusse auf sein künftiges Leben waren die freundschaftlichen Beziehungen, in welche er zu Bunsen und dessen Familie trat; sie riefen ihn nach Großbritannien, welches von nun ab das Land seiner Vorliebe blieb. Er wurde mit den bedeutendsten Persönlichkeiten daselbst genau bekannt und bewegte sich in den höchsten Kreisen.

Mit Sir Robert Peel, Macaulay, Lord Brougham, Carlyle, Landseer, Benedict und Anderen stand er fortwährend in dem regsten Verkehre. In dem Bunsen’schen Cirkel lernte er fast Alles kennen, was England an Größen der Wissenschaft und Kunst besaß. Er wurde zum Local Secretary der Camden-Society ernannt, und ihm manche andere schöne Aussicht eröffnet, da zog ihn plötzlich ein Ruf in die Heimath, nach Frankfurt, wo er die Redaction des „Phönix“ übernahm. Er führte sie jedoch nur ein Jahr lang, dann eilte er wieder über den Canal, warm empfangen von zahlreichen Freunden, welche ihn nunmehr für immer zu fesseln gedachten. Auf Veranlassung Bunsen’s ersah ihn der Herzog von Sutherland, einer der reichsten und angesehensten britischen Peers, zum Erzieher seines Sohnes, des Marquis of Stafford, unter wahrhaft glänzenden Bedingungen, unter Anderem der Zusage einer Pfarrpfründe von achthundert Pfund Sterling nach Ablauf von vier Jahren. Allein in Künzel erwachte mit Allgewalt die Liebe zur deutschen Heimath. Er schlug das lockende Anerbieten zu Gunsten von Ritter Bunsen’s ältestem Sohne aus und ward Lehrer am Gymnasium zu Worms mit dem überbescheidenen Gehalt von siebenhundert Gulden, bald darauf Professor der Geschichte, der deutschen und englischen Literatur an dem Polytechnicum in Darmstadt. Gleichzeitig wurde er zum Lehrer der Prinzessin Marie von Hessen, der jetzigen Kaiserin von Rußland, ernannt, welcher er mehrere Jahre hindurch Unterricht im Englischen und in den schönen Wissenschaften ertheilte, bis zu ihrer Verlobung mit dem Großfürsten Alexander. Bei angestrengter Berufsthätigkeit – denn für achthundert Gulden verlangt man dort schon etwas! – gab Künzel doch seine Beziehungen nach außen nicht auf, sondern unterhielt den regsten literarischen Verkehr. Er schrieb in fast alle bedeutenderen Zeitschriften des In- und Auslandes, ebenso war er bei jeder gemeinnützigen Angelegenheit des öffentlichen Lebens immer an der Spitze, der Erste mit Rath und That – aber der Letzte, wenn es galt einen Lohn oder eine Auszeichnung einzuheimsen. Diese hat er immer den Armen im Geiste überlassen. Ihm galt es um die Sache, nicht um blinkenden und klingenden Dank. Wie übrigens der letztere in jenen Zeiten aufgefaßt wurde, geht aus einem uns vorliegenden Decrete hervor, mit welchem das hessische Oberconsistorium für jahrelange, vielfache Bemühungen als Dolmetsch des Englischen ihm, dem Professor, dem Manne der Wissenschaft, die hervorragende [370] Gehaltserhöhung von fünfundzwanzig, sage fünfundzwanzig Gulden verlieh.

Seit dem Jahre 1845 war Künzel besonders thätig für das Auswanderungswesen; er agitirte mit aller Energie des ehrlichen Mannes gegen den sogenannten Adelsverein, der bekanntlich von Texas aus Amerika zur Monarchie überzuführen gedachte, und gründete im Verein mit Dr. Stricker in Frankfurt die Zeitung „Der deutsche Auswanderer“, welche fünf Jahre lang erschien und viel Gutes gestiftet hat. Damals stand Künzel auch in engerem Verkehre mit dem alten Gagern in Hornau, von dem sich hochinteressante Schriftstücke in seinem Nachlasse vorfinden. Inzwischen war er mehrere Male wieder nach Frankreich und England gereist; in London trat er in Verbindung mit dem unternehmenden Buchhändler John Mitchell, der eben im Begriff war, eine französische Künstlergesellschaft auf die Bühne von St. James zu bringen, und welcher Künzel’s Idee, ein deutsches Musterschauspiel in England einzuführen, mit Feuereifer aufgriff. So kam eines der für die deutsche Kunst ehrenvollsten Unternehmen zu Stande.

Welche Sorgen, Mühen, Plagen aber die Zusammenbringung eines solchen erfordert, kann nur Derjenige ermessen, der sich jemals mit Aehnlichem befaßt hat. Künzel hatte die gesammte artistische Leitung übernommen, die Engagements zu besorgen, die Auswahl des Repertoires zu treffen, die Theaterzettel zu verfassen wie den Prolog – kurz, er mußte Alles in Allem sein. Seiner fieberhaften Thätigkeit, seinem gereiften Kunsturtheile und dem Einflusse seiner allen Interessenten diesseits und jenseits sympathischen Persönlichkeit gelang das scheinbar Unmögliche. Das deutsche Schauspiel in London ward zum Ereigniß; es gelang glänzend in jeder Richtung. Emil Devrient war die bedeutendste unter den gewonnenen Kräften, der Hauptträger des Erfolges; neben ihm wirkten hervorragend Grans, Kühn, Lehfeld, Wisthaler, Denk, Birnstill, von Frauen Lina Schäfer, Frau Stolte, Fräuleins Eppert und Stromeyer. Der berühmte Maschinist Brandt vom Darmstädter Hoftheater leitete die Scenerie; als Musikdirector war A. Thomas engagirt. Vom 2. bis 30. Juni 1852 brachte die Gesellschaft an vierzehn Abenden die folgenden Dramen zur Darstellung: „Egmont“ (zweimal), „Don Carlos“, „Kabale und Liebe“ (zweimal), „Der arme Poet“, „Humoristische Studien“, „Der gerade Weg der beste“, „Der Majoratserbe“, „Die Eifersüchtigen“, „Hamlet“ (zweimal), „Emilia Galotti“, „Faust“ (zweimal), „Die Räuber“, dann in einer Matinée „Das Sololustspiel“ und „Einer muß heirathen“, endlich das dramatisirte „Lied von der Glocke“ (zweimal). Mit jeder Vorstellung stieg der Enthusiasmus des Publicums. Dieses treffliche Zusammenspiel, in dem auch die schwächere Kraft ihren Platz mit voller Wirkung ausfüllte, dieses Maßhalten im Affect ohne Einbuße der Wärme, diese Schönheit der Sprache und der Bewegungen waren den Briten völlig neu. Prinz Albert hatte (in einem uns vorliegenden Briefe) davor gewarnt, Schillers „Maria Stuart“ zu bringen: die ganze Auffassung sei anti-englisch, das Kirchliche, wenn auch versteckt, ein Gräuel. Ebenso rieth er dringend davon ab, Stücke Shakespeare’s in deutscher Sprache auf die Londoner Bühne zu bringen, er sei überzeugt, daß ein solcher Versuch verunglücken müsse. Nun, es wurde gewagt, und „Hamlet“ hat unter allen Stücken, nächst „Faust“, den glänzendsten Erfolg gehabt, worüber sich Niemand mehr freute, als der Prinz-Gemahl selber. Die Briten bewunderten nebenbei die Treue und Schmiegsamkeit der Schlegel’schen Uebersetzung, welche fast alle Zuhörer vor sich hatten; die strenge „Times“ selber ließ sich zu dem Ausspruche herbei: „Die Deutschen sind das einzige Volk, welches übersetzen kann.“

Der Earl of Ellesmere, dessen Kunsturtheil damals als das erste in England galt, schrieb nach der Aufführung gleich in der Nacht an Bunsen (der Brief liegt ebenfalls vor uns): „Ich bewahre eine treue, unauslöschliche Erinnerung an John Kemble, Young und den ältern Kean in der Rolle des Hamlet, ebenso habe ich Talma darin gesehen, der, trotz der schlechten Uebersetzung von Dulis, darin seine großen Momente hatte. Ohne Bedenken stelle ich aber Emil Devrient über Alle. Er bringt die feinsten Spitzen des Charakters und der Situation mit einer Bravour zur Geltung, daß sich Shakespeare selber – dessen Geist heute zweifellos unter uns weilte – zum höchsten Beifall hingerissen gefühlt hätte, mit gleicher Vollkommenheit giebt er aber auch die ruhigeren, empfindungsvollen Stellen wieder. Die Monologe lassen absolut nichts zu wünschen übrig, weder von Seiten des Schauspielers noch des Uebersetzers. Die Belehrung der im Stücke auftretenden Mimen war gleichfalls ganz vollkommen, und um per saltum auf die übrigen Mitwirkenden zu kommen, so sage ich nicht zu viel mit der Behauptung, daß ich niemals die nebensächlichen Rollen so gut dargestellt gesehen habe; bei uns werden dieselben stets auch nebensächlich behandelt. Sie haben alle Ursache, stolz auf Ihr vaterländisches Theater zu sein, dem sich in Bezug auf höchste Kunstentwickelung kein anderes vergleichen kann, weder in London noch in Paris, obgleich letzteres die Rachel hat. Ich habe jene Zuhörer wahrhaft beneidet, welchen die schönen Klänge der deutschen Sprache geläufiger waren als mir, doch selbst trotz dieses fühlbaren Mangels haben die empfangenen Eindrücke mir wieder die Erinnerung an die besten Tage der englischen Bühne auf das Lebhafteste erweckt. Egerton Ellesmere, 18 Belgrave Square, 17. Juni 1852.“

Man hätte glauben sollen, der außerordentliche Erfolg, den das deutsche Theater in London erzielte, habe auch seinem Gründer und Leiter nur Anerkennung gebracht. Dem war aber nicht so. Kaum zurückgekehrt, wurde Dr. Künzel von seiner vorgesetzten Behörde darüber zur Verantwortung gezogen, daß er es gewagt, ohne gnädige Erlaubniß der großherzoglich hessischen Oberstudiendirection während seiner Ferienzeit ein Pionnier der deutschen Kunst zu sein. Zwar vermochte man seiner dem verbohrten Zopfthum gegenüber glänzend ironischen Rechtfertigung nichts anzuhaben, allein man versagte ihm kurzweg im nächsten Jahre den Urlaub, und ein Anderer mußte die Leitung der zweiten Saison des deutschen Schauspiels in London 1853 übernehmen. Obgleich diesmal noch bessere Kräfte engagirt waren, neben Emil Devrient Dessoir, Gabillon, Fräulein Fuhr, und der Enthusiasmus des britischen Publicums ebenso groß war, wie im Jahre vorher, kam doch kein rechter Zug in dieses zweite Gastspiel; innere Zerwürfnisse brachen aus, und somit wurde die Idee der permanenten Einführung der deutschen Schaubühne in London wiederum begraben. „Die Seele fehlte!“ hatte John Mitchell geschrieben – vielleicht hat er dabei an die hochpreisliche Oberstudienbehörde in Abdera gedacht. Es ist noch zu bemerken, daß Künzel sich früher selbst dramatisch mit Erfolg versucht hat; sein Festspiel „Elisabeth“ erwarb ihm schon 1836 die goldene Medaille vom Könige von Preußen; ein anderes, „Mozart“, kam zur wiederholten Ausführung.

Von nun an lebte Dr. Künzel vorzugsweise den Wissenschaften und einer außerordentlich regen gemeinnützigen Thätigkeit. Seine Schriften sind sehr zahlreich; er veröffentlichte vorzügliche Uebersetzungen von Benjamin Constant’s „Adolph“, Cooper’s „Geschichte der amerikanischen Marine“, Sheridan’s Lustspiel „die Liebesjagd“, Wellstedt’s „Reisen nach der Stadt der Khalifen“, Charles Lamb’s „Shakespeare-Erzählungen“, Sir Robert Peel’s „Leben und Reden“ (dem Ritter von Bunsen zugeeignet). An selbstständigen Werken gab er heraus eine „Geschichte von Hessen“, ein ebenso originales als höchst interessantes Werk, und das für die Geschichte des spanischen Erbfolgekriegs hochwichtige „Leben und Briefwechsel des Landgrafen Georg von Hessen, des Eroberers und Vertheidigers von Gibraltar“. Für das Letztere erhielt er die einzige Auszeichnung, welche ihm jemals für seine großen Verdienste wurde, den ebenso unfruchtbaren wie billigen Titel „Hofrath“. Schon 1837 war Künzel dem Freimaurerorden beigetreten, in welchem er eine weit über die engeren Grenzen seiner Heimath hinausreichende Wirksamkeit entfaltete; abgesehen von einem größeren Werke über das Freimaurerwesen, hat er dasselbe in zahlreichen Abhandlungen und Aufsätzen von jeder Seite beleuchtet und gefördert. Sein großes Talent ließ ihn auch in diesen Kreisen bald zum Mittelpunkte werden; längere Jahre hindurch war er Meister vom Stuhle, und seine Reformbestrebungen stehen bei den „Brüdern“ in gutem Andenken. Auch als Dichter hat Künzel viel Schönes geleistet. Er ließ sich nicht leicht eine Gelegenheit entgehen, sein Votum in gebundener Rede hinausfliegen zu lassen; besonders waren es Zeitereignisse, welche ihn zu zündenden Strophen begeisterten, denn er war ein deutscher Patriot im besten Wortsinn, ein freisinniger Ehrenmann, abhold allem Unwahren und Unedlen. Leider hat ihn seine große Anhänglichkeit an die engere Heimath [371] auch einem Localpatriotisinus in die Arme getrieben, dem er seine beste Lebenskraft gewidmet hat ohne Dank und Entgelt.

Seit dem Jahre 1854 war Dr. Heinrich Künzel überaus glücklich verheirathet mit Elise Hamm. Seine Professur am Polytechnicum nahm ihn zwar, besonders im Verhältnisse zu dem damit verbundenen Gehalte, sehr in Anspruch, ließ ihm aber, bei seiner rastlosen Benutzung jeder Stunde, immer noch Zeit zu einer reichen literarischen Thätigkeit. Die hervorragendsten periodischen Organe, wie „Gartenlaube“, „Unsere Zeit“, „Ueber Land und Meer“, „Allgemeine Zeitung“, „Neue freie Presse“ etc. enthalten treffliche, öfters mit vieler Entschiedenheit den Nagel auf den Kopf treffende Aufsätze von ihm. Er hatte schon im Jahre 1839 Vorlesungen über Literatur eröffnet, später einen Cyclus über englische Sprache abgehalten, natürlich Alles ohne Anspruch auf irgend eine Gegenleistung; ebenso verdankt seine Vaterstadt ihm die dauernde Einführung eines Systems wissenschaftlicher Vorträge, seit 1866. Allen möglichen Vereinen hat er angehört; wo es galt, der Humanität eine neue Stätte zu gründen, das Schöne oder Gute aus dem Schmutze des Alltagslebens hervorzuziehen in’s Licht, da war er stets einer der Ersten, Thätigsten, Opferwilligsten. Er gründete unter Anderem den Frauenverein „Charitas“, welcher in der Stille viel des Guten wirkt; sein letztes Werk war die Bildung des Thierschutzvereins für das Großherzogthum Hessen.

Heinrich Künzel war ein wahrhaft edler Mensch, von Allen benutzt, von Vielen verkannt, von Wenigen so ganz gekannt, wie seine volle, reiche Seele es verdiente. Tausende leben heute noch, die „seiner Sitten Freundlichkeit erfahren“. Hunderten hat er geholfen; sie auf den rechten Weg gebracht mit Rath und That; zahlreiche Schüler verehren in ihm den humanen Lehrer, der es verstanden hat, die trockene Materie zu durchgeistigen und Liebe in die Herzen der Jugend zu pflanzen; groß war der Kreis seiner Freunde und Bekannten in aller Welt. Die Nachricht von seinem plötzlichen Tode im besten Mannesalter hat daher Viele erschüttert. Der völlig gesunde und kräftig heitere Mann befand sich in einer heiteren Abendgesellschaft, in welcher er stets ein gerngesehener, belebender Gast war. Plötzlich brach er zusammen und war todt. Es geschah dies am 11. November 1873. Ihm ist der Heimgang leicht geworden, schwer aber lastet sein Scheiden auf Denen, die heute noch das Dasein ohne ihn kaum für möglich halten. Möge der bescheidene Gedächtnißzweig, den ich hiermit auf das Grab des braven Mannes lege, der mir näher stand als jeder Andere im Leben, dazu beitragen, bei den Vielen, die ihn gekannt und geliebt, die Erinnerung an ihn wach zu halten. Er hätte wohl ein anderes biographisches Denkmal verdient. Hier, in dem Blatte, das ihm vor Anderen werth gewesen, sei Heinrich Künzel’s vorzugsweise gedacht als eines Pionniers der deutschen Kunst.
W. Hamm.