Ein Pirschpfad auf der Gemsjagd

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Textdaten
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Autor: Friedrich Gerstäcker
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Titel: Ein Pirschpfad auf der Gemsjagd
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 1, S. 4–6
Herausgeber: Ferdinand Stolle
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1858
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Ein Pirschpfad auf der Gemsjagd.
Von Fr. Gerstäcker.

Im Laufe des vorigen Jahres versuchte ich, den Lesern der Gartenlaube die Jagd auf Gemsen zu schildern, indem ich ihnen besonders das Auf- und Niedersteigen in den Bergen beschrieb. In der beifolgenden Zeichnung führe ich nun den Leser ein mal quer durch die Berge, und zwar auf einem der sogenannten Pirschpfade, die im Ganzen allerdings nicht gefährlich zu begehen sind, aber doch auch ihre sehr interessanten Stellen haben.

In unseren deutschen Wäldern kann der Leser überall „Pirschpfade“ sehen. Es sind schmale, durch Dickichte ausgehauene Gänge, in solcher Art angelegt, daß der Jäger geräuschlos darauf hinpirschen mag, und dabei zu Stellen geführt wird, auf denen das Wild entweder herüber und hinüber wechselt, oder zur Aeßung auf offene Waldwiesen tritt, oder auch wohl eine künstlich angelegte Suhle besucht.

Der eigentliche Gemsjäger nun kennt allerdings keine solche von Menschenhand angelegten Wege, denn mit Stock und Steigeisen klettert er eben in die Berge hinein, wie sie der liebe Gott ihm hingestellt hat, und sucht dem scheuen Wilde beizukommen, so gut das eben geht. Er nimmt sich dabei auch noch Zeit, und wendet volle Tage daran, einen einzelnen Bock zu beschleichen, oder auf seinem Wechsel zu warten, bis es ihm einmal gefällt, dort vorbeizukommen. Viele Schluchten, sogenannte Klammen, sind selbst ihm dabei unzugänglich, und er muß sie in weiten Umwegen umklettern, und gerade in solche Plätze stellt sich der Gemsbock am liebsten ein.

Die Gemse sucht überhaupt die schroffsten, unzugänglichsten Stellen, und nicht allein deshalb, weil sie dort am leichtesten und schnellsten einer plötzlichen Gefahr ausweichen kann, sondern weil auch gerade an solchen die süßesten Gräser und Kräuter wachsen. Im Wald und auf den Lannen fände sie Aeßung genug, und zwar viel reichlicher, als auf dem schroffen Geröll der Reißen und an den steilen Hängen, aber jenes Gras ist lange nicht so zart und süß, als das, was spärlich wächst, und die saftige, fast gewürzige Gemskresse liebt ebenfalls nur die sonnigsten und rauhesten Orte.

Für herrschaftliche Jagden sind aber die Pirschwege unumgänglich nöthig und zwar nicht allein für die Schützen selber, sondern besonders auch für die Treiber, und zwar, um die in den Bergen höchst werthvolle Zeit zu ersparen. Aber es kommt auch deshalb Alles darauf an, daß sie mit Umsicht eingerichtet und angelegt werden, wenn sie nicht mehr Schaden als Nutzen bringen sollen.

Hauptsächlich dienen sie dazu, die enormen Entfernungen in den Bergen zu kürzen, und manche „schieche" Schluchten überhaupt zugänglich zu machen, deren äußeren Rand man sonst nur berühren könnte; oder auch, wo sie an zugänglicheren Wänden hinführen, das Wild in Sicht zu bekommen, und dann – vom Pirschpfad ab – den eigentlichen Pirschgang erst zu beginnen. Vom Pirschpfad selber aus wird man selten ein Stück zum Schuß bekommen, es müßte sich denn rein zufällig dort in der Nähe äßen. Die Entfernungen in diesen Bergen sind zu gewaltig – das Revier ist zu entsetzlich ausgedehnt, seine Jagd auf einen solchen Pfad zu beschränken. Fast so nöthig, wie die Büchse für den Jäger, ist deshalb auch die Perspective, – Bergspectiv, wie es der Tyroler gar nicht übel nennt – mit diesem die mächtigen Wände und Hänge, Schluchten und vorspringende Felsen ordentlich und gehörig abzuäugen, und nach dem gesehenen Wild dann die Jagd gehörig anzuordnen, oder sich auch an das Wild hinanzupirschen.

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Die Gartenlaube (1858) b 005.jpg

Der Pirschpfad.

Ich mag hier gleich bemerken, daß der Tyroler statt „treiben“, wenn nur ein oder zwei Jäger das Wild angehen riegeln sagt, und das Treiben selber einen Bogen nennt.

Natürlich sind aber auch diese sogenannten Pirschpfade in jenen Bergen außerordentlich ungleich und, wo es der Boden erlaubt, breit, bequem und sicher. Durch Laatschendickichte werden sie nur mit Beil oder breitem Messer ausgehauen, und an den, wenn auch steilen Graslannen hin hat die Spitzhacke leichte Arbeit, und [6] der Fuß des darauf Hinschreitenden findet festen und sicheren Halt. Gerade dort aber, wo sie in die schroffen Schluchten und Klammen führen müssen, den Weg abzuschneiden, den man sonst stundenweit auf- oder abwärts zu suchen hätte, ziehen sie sich nicht selten schmal und ängstlich an schroffen überhängenden Wänden hin, und der Wanderer, der sie betritt, mag sich vor Schwindel hüten.

Schon ihre Anlage ist an solchen Stellen, wie sich leicht denken läßt, mit nicht geringer Gefahr verbunden, und der Arbeitende muß nicht allein Tage lang über solchen Abgründen hängen, sondern sich auch Zoll für Zoll seinen Weg hinüberzwingen. Diese Leute sind aber alle schwindelfrei und schauen mit kaum einem andern Gefühl auf die blaue Tiefe zu ihren Füßen, als es der Seemann empfindet, wenn er auf die durchsichtige Woge schaut.

Der an der Oberfläche meist verwitterte Fels läßt sich allerdings ziemlich leicht aufschlagen, und bietet solcher Art keine weitere Schwierigkeit; trotzdem gibt es dort eine Menge von Stellen, wo der losgeschlagene Stein unmittelbar in Kirchthurmtiefe wegfällt und der Arbeiter darf ihm um Gottes Willen nicht nachschauen, sonst ist er verloren. Sie behaupten, daß der fallende Stein den Menschen gern mit nachziehe, und selbst die Jäger drehen das Gesicht vom Abgrund fort, wenn ihnen ein Stück Geröll unter dem Fuß losgeht und, die Wand hinunter stürzt.

Frisch angelegt, lassen sich diese Pfade zwar immer noch verhältnißmäßig leicht begehen, denn der Arbeiter muß auf die gefährlichsten Stellen immer einige Sorgfalt verwenden, um selber darüber hinzukommen. Das nasse Wetter im Winter aber, der Schnee, niederbrechende Lawinen und losbröckelndes Gestein nehmen sie arg mit, und wenn sie nicht oft und fleißig nachgesehen und ausgebessert werden, werden sie höchst schwierig, ja oft lebensgefährlich zu passiren.

Der obige Pirschpfad führt in Tyrol durch die sogenannten „Bockgräben“ – eine tief in den Berg eingerissene, furchtbar steile und wilde Klamme, und der Künstler hat nicht einmal die gefährlichste Stelle da aufgenommen. Nicht ganz in der Mitte zieht sich dieser Pfad nämlich unter einem überhängenden Felsen hin, der dem Jäger nicht einmal gestattet, sich ganz aufzurichten. Gebückt, den Oberkörper dem Abgrund zugedrängt, mußten wir den Ort passiren, während an einer Stelle sogar der Boden etwa drei Fuß lang weggebröckelt war, und uns zum Sprung nöthigte.

Die Leute nun, die ihre Lebenszeit in den Bergen verbrachten, und gar nicht anders gewohnt waren, als Felsen über sich und Luft unter sich zu sehen, liefen in vollkommener Gemüthsruhe darüber hin. Wir aber, die wir uns mehr in einem umgekehrten Verhältnisse wohl fühlen – das heißt lieber die Felsen unter und die Luft über uns haben, passirten den Weg doch mit Herzklopfen. Es war jedenfalls ein ganz häßlicher, und selbst in der Erinnerung sehe ich noch den blauen, düsteren Abgrund neben mir, und höre das Geröll unter unseren Füßen fortbröckeln, durch die Luft zischen, und nach langer, langer Zeit mit mattem Schall unten aufschlagen.

Das sind solche Momente im Leben, wo man fühlt, daß Einem das Leben selber nur an einem Faden hängt, und wo das Nachlassen einer Sehne, das Zucken einer Muskel schon, den Tod, den grimmen Tod zur Folge haben könnte. Und doch liegt auch wieder ein eigenthümlich wilder Reiz gerade in solcher Gefahr, die, so leicht gemieden, fast, unwillkürlich den Menschen anzieht, sich ihr hinzugeben. Lockt die Jagd – die Gemsjagd noch außerdem, dann hält die Leidenschaft uns auch schon oben.

So vortheilhaft nun aber diese Pirschwege, wenn richtig und sparsam angelegt, für die Jäger sind, so viel Nachtheil können sie der Jagd bringen, besonders wenn sie durch Gegenden führen, die von Hirten begangen werden.

Diesen nämlich sind solche Pfade, durch deren Hülfe sie oft einen bequemen Weg in’s Thal hinab, oder von Alm zu Alm finden, äußerst gelegen, und anstatt, wie sonst, ihren gewöhnlichen, vom Vieh begangenen und vom Wild gemiedenen Weg zu gehen, laufen sie jetzt so oft als möglich pfeifend, singend und jodelnd mitten durch’s Revier. Ja, sie treten in solchen Klammen oft sogar absichtlich Steine los, die Gemsen aufzuscheuchen, und ihren Spaß daran zu haben.

Natürlich lassen sich das die scheuen Thiere nicht lange gefallen, sondern meiden lieber ihre altgewohnten Aeßungsplätze, um stille nicht so häufig gestörte Schluchten aufzusuchen. Selbst wo dichte Laatschenbüsche und Wald den Hang bedecken, und der auf solchem Pirschweg Hingehende vollkommen gedeckt bleibt, ist ein solches häufiges Begehen der Berge dem Wildstand schädlich. Es gibt kaum ein Thier auf der Welt, das eine feinere Witterung hätte, wie die Gemse – oder überhaupt alle Antilopenarten – und fast noch mehr fürchtet sie den Feind, wenn sie ihn nicht sieht, und nur Wind von ihm bekommt, als wenn er offen heraustritt.

Deutlich kann man das erproben, wenn man von Gemsen entdeckt ist, und dann ganz still bleibt, oder sich gar versteckt. Dann lassen sie rasch den weithin schallenden und ganz eigenthümlich klingenden Warnungspfiff ertönen, werden unruhig, und wenn sie noch mehrere Tausend Schritt entfernt sind, springen sie einige Sätze, bleiben wieder stehen und äugen umher, und pfeifen dann auf’s Neue, und läßt man sich nicht wieder blicken, so fliehen sie die Gegend, so rasch sie können. Zeigt man sich aber, daß sie den Feind im Auge behalten können, dann hören sie gewöhnlich mit Pfeifen auf und bleiben ruhig, lassen auch wohl den Jäger an sich vorüberziehen. Sie kennen dann die Gefahr und wissen, daß sie ihr im schlimmsten Fall entgehen können, während sie bei einem nicht sichtbaren Feind, den sie gleichwohl in der Nähe wittern, sich von keiner Seite mehr sicher fühlen.

Je weniger Pirschpfade deshalb in einem Revier angelegt werden, desto besser ist es jedenfalls für den Gemsenstand. Das scheue Wild nimmt es genugsam übel, wenn es nur einmal im Jahr, und zwar zur Jagdzeit aufgetrieben, und durch Schießen, Hunde und Jäger gestört und geängstigt wird; hat es aber die übrigen Monate auch keine Ruh, dann sucht es eben einen Platz, wo sich die Spitzhacke noch nicht bis zu ihrem sichersten Versteck die Bahn gehauen hat.

Ein anderer Beweis, daß die Gemse den Pirschwegen nicht hold sein kann, ist der, daß sie diese Pfade selten oder nie selber benutzt. Das Roth- und Rehwild ist viel vertrauter, ja nimmt sie sogar sehr gern und häufig an, und äßt sich halbe Stunden weit auf ihnen hin. Auch der Fuchs benutzt sie gern zu seinen Spaziergängen, und man findet überall in ihnen seine Spuren und Losung. Die Gemse dagegen setzt fast immer nur über die Pirschpfade quer hinweg, und schon die weißen Stumpfe der abgehauenen Laatschen sind ihr fatal.

Desto mehr benutzt sie dagegen, wie sich leicht denken läßt, das Vieh in den Bergen, das sie besonders bei schlechtem Wetter oft so zusammentritt, daß man kaum noch darauf fort kann. Das Vieh ist überhaupt des Jägers Feind, und besondere die Schafe, wenn sie vorzüglich in größerer Zahl die Berge begehen, sind im Stande, auch die letzte Gemse zu vertreiben, denen die Losung der Schafe wie das danach wachsende Gras zuwider ist. Aus Rindern machen sie sich weniger.

Diesen letzteren werden die Pirschwege aber gar nicht etwa selten verderblich, und die Hirten verbauen deshalb oft die gefährlichsten Stellen mit abgehauenen Zweigen oder Bäumen. Die Kühe laufen nämlich ziemlich unbesorgt darauf hin und gerathen zuweilen, wenn sie noch junges Gras an deren Rändern finden, in jene Klammen, wo der Pfad immer enger und enger wird. Zuletzt können sie nicht mehr weiter, sind aber auch nicht mehr im Stande, sich umzudrehen, machen dann geängstigt ein paar Schritt rückwärts, und stürzen bei dem ersten Fehltritt in die Tiefe hinab. Dort ist nachher weder Haut noch Fleisch mehr von ihnen zu gebrauchen – wenn man sie überhaupt wieder herausschaffen könnte.

Solcher Art sind die Pirschwege im Gebirge – jetzt über grasige Lanne, jetzt durch dichtes und zähes Laatschengestrüpp, und dann plötzlich an schroffer, schwindelnder Klippe hinführend, wo der Boden unter dem Fuße wegzusinken scheint; wer dann an solchen Stellen nicht einen sichern Schritt und hellen Blick hat, soll sie lieber meiden.

Wie ich schon oben bemerkte, sagen die Jäger, daß ein hinunterfallender Stein den Menschen nachziehe, und Unglücksfälle, dadurch herbeigeführt, sollen allerdings schon vorgekommen sein, ja nicht einmal zu den Seltenheiten gehören. Die Ursache liegt aber auch dafür klar auf der Hand, denn während der Stein senkrecht an der Wand niederfällt, muß er allmählich, je tiefer er fällt, mehr und mehr aus dem Gesichtskreis des Nachschauenden kommen, der um ihm mit den Augen zu folgen, gezwungen ist, sich weiter und weiter nach außen biegen. Dadurch kommt er mit dem schweren Oberkörper unmerklich über den Abgrund, und mag er so schwindelfrei sein, wie er will, er muß das Gleichgewicht verlieren. Ueberhaupt ist das Steigen da oben an den Wänden herum manchmal wirklich, wie der Amerikaner sagt, „viel zu interessant, um angenehm zu sein.“