Ein Ritt in die Niederungswälder des Dnjepr

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Autor: Wilhelm von Hamm
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Titel: Ein Ritt in die Niederungswälder des Dnjepr
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 50-51, S. 728-731, 750-751
Herausgeber: Ferdinand Stolle
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1859
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Ein Ritt in die Niederungswälder des Dnjepr.
Von Dr. Wilhelm Hamm.
Der Dnjepr. – Ritt in die Steppe. – Der Eintritt in den Wald. – Im Urwald. – Das Gethier des Urwalds. – Der sächsische Schatzgräber.

Weit her aus dem Norden kommend, den Wolchonskischen Hügeln entsprungen, die auch die Wiege seiner mächtigen Schwester Wolga sind, fließt der gewaltige Dnjeprstrom gen Süden, dem schwarzen Meere zu. Wenn er in tollen Sprüngen über die granitnen Treppenstufen bei Nikopol zum letzten Mal den Jugendübermuth gebüßt hat, so wallt er in der breiten und stattlichen Gemächlichkeit rüstigster Manneskraft dahin durch ein gar anmuthiges Thal. Von allen Seiten rieseln und rennen ihm Flüsse, Flüßchen und Bäche zu, ihr silbernes Band windet sich durch frischgrüne Wiesenflächen, dunkle Wäldchen, zerstreutes Buschwerk, da und dort weiße Häuschen hübscher Dörfer und in ihrer Mitte die golden flimmernde Kuppel der Kirche – das Alles gibt ein gar liebliches Bild. Doppelt gewinnt dies, wenn der Wanderer aus der baumlosen, braunen Steppe des Südens kommt und von Nova Woronzofka aus zum ersten Mal hinabschaut in die prächtigen Plawni oder Niederungswälder, die als meilenbreite Verbrämung den riesigen Strom begleiten. Mit welchem unaussprechlichen Vergnügen sieht er sich nach monatlangem Braten unter der fast scheitelrechten Sonne wieder umfangen von schattiger Waldesnacht; wie oft hat er vorher davon geträumt, wie wahr ist ihm das Wort erschienen, daß der Wald ein Bedürfniß des gebildeten Menschen sei! Daher war auch eine der ersten Bitten, die ich dem Freund aussprach, dessen Dach für mehrere Tage mir deutsche Gastlichkeit verheißen hatte, die um einen Ausflug in den grünen Wald, und bereitwillig ward sie mir gewährt, denn auf ihn sind seine Anwohner stolz und freuen sich des Eindrucks, den seine Hallen auf die fremden Besucher machen.

An einem herrlichen Morgen zog eine stattliche Cavalcade durch die Pforte des Landsitzes, und schon ihre Zusammensetzung versprach den Genuß des Jagdritts zu erhöhen. Denn um das Nützliche mit dem Angenehmen zu vereinen, oder vielmehr, um das Letztere zu steigern, waren die Doppelflinten umgeschnallt und den Thieren des Waldes der Krieg erklärt worden. Den Mittelpunkt, den strahlenden, der Gesellschaft, bildete eine Dame. Im eleganten Amazonenhabit, den wallenden Federhut auf den kastanienbraunen Locken, kühn thronend auf einem windschnellen Tscherkessenrappen, wäre Fräulein Soninka eine reizende Erscheinung gewesen überall, nicht blos hier auf der Steppe. Sie war die Führerin

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Die Gartenlaube (1859) b 729.jpg

In den Sümpfen des Plawni.

[730] des Zugs, und eine verwegene, heldenmüthige dazu; durch Dick und Dünn ihr zu folgen, war Lust, nicht blos Gebot. Galant hielt sich ihr möglichst treu zur Seite der Onkel, ein alter, kleiner Herr mit weißem Bart und Haar, aber mit heißem, rothem Blut, ein Jäger und Fischer, ein Kräuterkenner und Pädagog, ein Schachspieler und Reiter, wie Wenige – die Jahre hatten scheinbar ihm den Zoll erlassen und ein bewegtes Leben war über ihn hinweggegangen, ohne mehr als äußere Spuren zu hinterlassen. Er hatte vieler Menschen Stätten gesehn und Sitten erkannt, war gewesen in Island und in Madeira, in Paris und in Archangel; an Norwegens Küste rettete er einst im Schiffbruch nur das nackte Leben, und bei Sebastopol pfiffen die Kugeln um sein ehrwürdiges Haupt. Wie er so da saß, in eigenthümlicher, selbsterdachter Ausrüstung auf dem muthigen Steppenklepper, gemahnte er mich an den Hawk-eye des Cooperschen Romans, der die Fremdlinge sicher durch die Schrecken der Wildniß leitet. Dann kam der Hausherr, ein junger, kräftiger Mann, echt deutschen Geblüts, ein großer Landwirth, der hier in reizender Umgegend und im Schooß der liebenswürdigsten Familie sich ein kleines Paradies geschaffen hatte. Ein trefflicher Reiter und Stallmeister tummelte er geschickt einen hohen Rapphengst edler Zucht, der unsere kleinen Thiere überragte, wie ein Koloß. Ich selbst ritt einen trefflichen tatarischen Paßgänger. Ein Reitknecht auf einem Doppelpony folgte der Gesellschaft.

Ueber die Steppe reitet man nicht, wie daheim auf den Stadtpromenaden. Die weite, flache Ebene scheint einzuladen, zu drängen zum flüchtigsten Rosseslauf, es überkommt den Reiter eine Hast und ein Streben in die Ferne, deren er sich sonst nicht bewußt ist. Und so flogen wir denn auch bald dahin im gestreckten Galopp, wetteifernd um den Vorrang. Den aber ließ unsere holde Herrin sich nicht streitig machen, weit voraus uns Allen trug sie ihr unvergleichlicher Zelter, und ihre weiße Feder flatterte triumphirend an der Spitze, trotz der lebhaften Stimulationen, mit welchen der Onkel sein Pferd ihr zur Seite zu halten trachtete. Nebenher sprangen und kläfften lustig die Hunde – verwundert standen die grauen Rinder auf aus dem thauigen Graß, um dem wilden Rennen Platz zu machen, die Zieselmäuse schössen wie rothe Pfeile in ihre Erdlöcher vor dem „Donnergepolter des Hufschlags“ – was freilich eine poetische Licenz ist in Betracht des weichen Steppengrunds – und immer näher traten die dunklen Massen der Plawni uns entgegen.

Zwischen den ersten hohen Bäumen erschienen da und dort graue Strohdächer, zerstreute Häuschen des großen Dorfes Gruschewko, dessen Wohnungen in der Steppe auseinander liegen, wie die Körner von des Säemanns Wurf. Hier hinderte der Fluß Skarwna, ein kleiner Vasall des Dniepr, den Weiterritt. Fräulein Soninka rieth zwar kurz, auf gut Glück hinüberzusetzen, und schon war sie bereit zur That, als zur rechten Zeit noch der Rus des Oberförsters dem Wagniß ein Ziel setzte. Dieser wohnt dicht am Ufer und kam, die Gesellschaft zu begrüßen. Er rieth ihr, von den Pferden zu steigen und sie von dem Reitknecht hinüber führen zu lassen; so geschah es, und es war ein Glück. Denn kaum hatte der Bursche mit zwei Handpferden einige Schritte in dem Wasser zurückgelegt, als plötzlich die Thiere in dem Schlammgrund versanken bis an die Sättel; hoch auf spritzte das getrübte Element, die scheuen Rosse suchten sich aus des Führers Hand zu befreien, dabei sanken sie immer tiefer, es war ein angsterregender Anblick. Aber er dauerte nicht lange: der Reitknecht, obgleich bis an die Hüften im Wasser, hielt sich wacker und ließ nicht los, ein paar Schritte weiter kam festerer Grund, und dann war bald das jenseitige Ufer erreicht. Mittlerweile ward auch die rechte Furt gefunden, die der Grundherr stolz durchritt, während des Försters ältester Knabe die anderen Mitglieder der Gesellschaft einzeln in einem schmalen Nachen hinüberruderte. Endlich waren Alle wieder beisammen; das Intermezzo hatte keine weiteren Folgen, als ein paar nasse Sättel, aber die trockneten bald bei dem ferneren scharfen Ritt.

Noch ein zweiter Nebenfluß war zu passiren, die Potpilna, breiter und reißender, als der erste. Hier ging aber eine regelrechte Fähre. Diese sind in Rußland durchgängig der Art eingerichtet, daß ein gewaltiges Tau über das Wasser gespannt ist, längs dessen der Fährmann fein Schiff hinzieht. Hat er Bauern eingenommen, so läßt er die für ihn eintreten bei der harten Arbeit; uns erzeigte er die Ehre selber.

„Betrachten Sie den Kerl!“ sagte der Onkel, „würden Sie nicht geschwind zum Revolver greifen, wenn Sie ihm allein auf der weiten Steppe begegneten?“

In der That, es konnte kaum ein wilderes, thierischeres Gesicht geben, wie das des athletischen Mannes; die langen, gelben Haare hingen ihm zottig über die kleinen Schlitzaugen, aus denen es manchmal hervorblitzte, wie beim lauernden Wolfe, der sich nicht getraut, eine willkommene Beute anzufallen. Viele ähnliche Gesichter Hab’ ich in Rußland gesehen, und es schauderte mir unwillkürlich, wenn ich ihren Ausdruck zu entziffern versuchte!

Aber da ist der Wald, da steigen die grünen Massen des Gebüschs aus der moorigen Erde, dort rauschen die Wipfel himmelhoher Bäume. Auf einmal befanden wir uns eng eingeschlossen auf schmalem Pfad. Rechts und links wucherte das saftige, windendurchflochtene Schilfrohr bis über Reitershöhe empor, gleich einer festen Mauer, das Spiel des Windes darin glich dem Rauschen der See, kleine, zierliche Sänger wiegten sich hoch oben auf den grauen Fahnen und lieblich klang ihr feines Lied in die Melodie des frischen Morgens. Hier und da lag eine freie Wiese inmitten des Röhrichts, da war großes Getümmel und rege Arbeit, denn die Heuernte fand statt, obgleich im August. Nur in diesem besondern günstigen Jahr fiel sie so früh, gewöhnlich erst in den September. Denn sobald im Frühjahr der Schnee zu schmelzen beginnt, so steigt von Tag zu Tag der Dnieprstrom in ganz außerordentlichem Maße. Im Mai hat er seine flachen Ufer zu beiden Seiten viele Meilen weit überschritten, die Plawni sind zu einem unermeßlichen See geworden, aus welchem die Bäume sonderbar hervorragen; zwischen den Kronen derselben fährt man im Boot hoch über dem Grund, auf dem wir jetzt gemächlich reiten; der Ochsenbauer verwandelt sich in einen Kahnführer, jeder Verkehr findet nur zu Wasser statt. Häufig genug unterwaschen die andringenden Fluchen die lehmgekneteten Häuschen der Bauern, oder ergießen sich zur Ueberraschung der Bewohner in die halbunterirdischen Semlanken (ErdWohnungen), obgleich die Ansiedler sich möglichst erhöhte Gründe ausgesucht haben. Allein dennoch ist die jährliche Ueberschwemmungsperiode ihre liebste Zeit. Dann erst auch wird die Landschaft zu einem wahrhaft großartigen Bild, zu einem stillen blauen Meer, aus dem unzählige grüne Inseln auftauchen. Mit Beginn des Monats August fangen die Wasser endlich an wieder abzulaufen, aber trotz der brennenden Sonnenhitze dauert es doch lauge genug, bis Menschen und Thiere sich wieder in die Plawni wagen dürfen. Und die Ersteren müssen noch häufig dafür bittere Strafe leiden, denn aus dem schwammigen Boden quillt ein Fieberdunst hervor, der von dem Neuling unfehlbar Tribut fordert. In diesem heißen Jahr lagen die Plawni ausgetrockneter da, als seit Menschengedenken; die Betten vieler Flüsse zeigten ihren schwärzlichen nackten Grund, von Millionen Rissen klaffend, kläglich lagen die geborstenen Kähne darauf; abscheuliche Miasmen entströmten den verwesenden Muschelschichten und anderen Organismen der verlorenen Wasserwelt.

Die Männer stiegen von den Pferden, die dem Reitknecht anvertraut wurden, unter dessen Geleit unsere Dame lustig weiter ritt, während wir, die Flinten zur Hand, in’s Dickicht drangen. Mit jedem Schritt ward es nunmehr urwäldlicher; mächtige Wurzeln krochen über die Erde, üppiges Gestrüpp schoß seine Loden dicht empor, dazwischen rankten sich Dornen und Schlingpflanzen, und bei jedem Schritt brach der Fuß ein in den morschen Boden. Da durfte man wohl an Brasilien denken und wünschte sich eine Axt in die Hand, statt der unbequemen Flinte. Wenn man halb kriechend, halb gleitend endlich in freieres Bereich zu kommen wähnte, da war es ein schwarzer, dampfender Tümpel, den man umgehen mußte; und schlimmer noch, das Durchbrechen des Gesträuchs jagte zahlreiche Schwärme wilder Enten vielerlei Art, Becassinen, Bläßenten, Reiher und andere angenehme Wasserfreunde auf, die meistens schon weit waren, ehe man das Gewehr an den Backen bringen konnte. Nur der ernste und ehrenfeste Bugai, welchen die Kleinrussen nach seinem Geschrei Quack nennen, unsere Rohrdommel, blieb neugierig, aber in hinreichender Entfernung, auf einem abgestorbenen Ast sitzen und lugte mit vorgestrecktem Hals nach den fremden Eindringlingen in den Waldfrieden. Dagegen schoben Dutzende von Schildkröten ihr getäfeltes Haus und sich selbst in Sicherheit, das heißt, in das schlammige, froschgefüllte Wasser, so schnell sie konnten, und drollig sah es manchmal aus, wenn sie dabei übereinander hinweg zu fliehen strebten, ein sonderbarer Knäuel.

Endlich, keuchend, Gesicht und Kleider zerrissen, die Extremitäten [731] mit schwärzlich-grüner Kruste gepanzert, durch und durch in Schweiß gebadet, kamen wir aus dem verwünschten Unterholz des Sumpfes heraus. Gern hätte ich die Andern ausgelacht, wie sie mich, aber ein überraschender Anblick fesselte meine ganze Aufmerksamkeit. Der Hochwald der Plawni trat uns entgegen in seiner ganzen Majestät, Schönheit und Eigenthümlichkeit. Seinen Hauptbestand bilden Weiden, aber Weidenbäume wie es in der ganzen Welt nicht mehr gibt. Ihre ungeheueren Stämme, verknotet, verwachsen, auseinander gerissen, verkrüppelt und verschränkt, wie es die wildeste Phantasie des Künstlers nicht zu denken, geschweige denn darzustellen wagt, sahen allem Andern ähnlich, nur nicht Pflanzengebilden, und wäre nicht die Krone der hellgrünen Blätter gewesen, man hätte sie für Versteinerungen oder für barocke Götzenbilder untergegangener Riesenvölker halten können. Die ältesten, umfangreichsten dieser vielhundertjährigen Bäume waren alle hohl; von ihrer Größe mag man sich dadurch einen Begriff machen, daß nicht selten ein Reiter zu Pferd in der Höhlung sich bergen kann. Viele davon sind schwarz ausgebrannt, denn wie allenthalben in der Welt, zünden auch hier die Mäher und Hirten ihr Kochfeuer an in der bequemen, zuggeschützten Hütte; aber nichtsdestoweniger grünten die obenstehenden Aeste lustig fort. Gebrochene Stämme lagen überall unbenutzt am Boden, bis sie verfaulten; zuweilen hatten sie in der Rinde wieder ausgeschlagen, und dann sah der graue Stamm aus wie ein Felsen, aus welchem Gebüsch zum Licht emporschoßt. Zwischen den Weiden, sie hoch überragend, baueten mächtige Schwarzpappeln ihre zackig verworrenen Kronen in den Himmel, von dem sie freilich nur hier und da ein blaues Stückehen gewahren ließen. Was ihren Stämmen an Umfang abgeht, das ersetzen sie durch gewaltige Höhe; indem sie aber allenthalben die niedrigern Weiden überdachen, bildet sich ein Waldgewölbe von großartiger malerischer Wirkung, wie man es von diesen sonst gering geachteten Bäumen kaum erwarten würde, die freilich bei uns auch selten in Wäldern zusammen stehen. Den Boden zwischen ihnen bedeckt theils ein prächtig grüner, moosiger Rasen, jetzt gerade von den Heuern kurz geschoren, theils Schilf und Buschwerk mancherlei Art, fast undurchdringlich verflochten mit Kletterpflanzen und Dornranken; hier und da schimmerten die Spiegel trüber Lachen zwischen dem Grün hervor.

Auf einem prächtigen, reichbeschatteten Freiplatz erwartete uns die schöne Amazone und das Frühstück; ich glaube, das letztere zog in diesem Augenblick unsere Gefühle weit energischer an, als die Erstere! Und das wird man uns abgematteten Jägern eben so gern verzeihen, als sie uns verzieh! Wie hübsch einladend sah die weiße Serviette auf dem grünen Rasen aus, und wie unendlich hübscher noch alle die guten Sachen, welche malerisch darauf gepflanzt waren! Mit Waidmannslust begann sofort die Vertilgung derselben, den Beginn machte natürlich der unerläßliche Magenschlüssel Wodka, mit dem der Onkel niemals aufschloß, ohne dabei sein Lieblingsmotto, sein goldenes Wort auszusprechen: „Es gibt, keinen schlechten Schnaps!“ Allmählich aber traten Pausen ein, die sich immer öfter wiederholten und von bedenklichen Drehungen des Halses begleitet waren. „Wo ist der Wein?“ fragte endlich auf einmal unser Gastherr. O weh, er war vergessen worden, der wohlversehene, mit nassen Tüchern umhüllte Flaschenkorb war stehen geblieben, wo er stand, und wir mußten den Durst mit Wasser löschen. Glücklicherweise war dieses wenigstens mitgenommen worden; es befand sich, nach kleinrussischer Sitte, in einem eigenthümlich gestalteten Fäßchen, dessen Handhabung Geschicklichkeit erforderte, denn es mußte die Spundöffnung über den zum Himmel gerichteten Mund gehalten werden. Da gab es vielen Scherz, wenn dem Ungeschickten die Fluth über Bart und Brust schoß!

Nach einer Stunde bestiegen wir wiederum die Pferde. Ein schmaler Pfad leitete immer tiefer in den Urwald. Näher traten die riesigen Stämme zusammen, Falken und Sperber flogen schreiend von ihren Horsten auf, wilde Tauben girrten im hohen Laub, aber kein Singvogel ließ sich hören. Auch vierfüßiges Wild ist in dieser Jahreszeit selten in den Plawni zu treffen. Zuweilen kommen aus den Lindenwäldern im Norden verirrte Rehe herein, aber die sumpfige Niederung scheint ihnen wenig zuzusagen; öfter trifft man im Spätjahr wilde Schweine, von welchen aber keineswegs gewiß ist, ob es nicht blos verwilderte sind. Diesen aber wird der heftigste Krieg gemacht, weil sie die besten Wiesenstellen durchwühlen und allerlei verderblichen Unfug stiften. Wie in Amerika ließen lange Zeit hindurch die Bauern ihre Schweine, denen die rohen Zeichen ihrer Besitzer aufgebrannt waren, unbedenklich das ganze Jahr hin- durch in die Plawni, wo sie sich in erstaunlicher Zahl vermehrten; nur zu gelegentlichem Bedarf wurde hier und da ein Stück geholt. Seitdem aber die Besitzung in strengerer Weise bewirthschaftet wurde, war ein Verbot gegen diesen Gebrauch ergangen. Die Bauern kehrten sich nicht daran. Da wurden eigens zu diesem Zweck mehrere Dutzend Flinten angeschafft und die damit bewaffneten Uprawitels (Verwalter), Prikaschtschiks (Beamten), Vögte und Schäfer führten einen unbarmherzigen Feldzug gegen das halbzahme Rüsselwild. Noch im vergangenen Jahre sind auf diese Weise über zweihundert Schweine in den Plawni getödtet worden. Die erlegten Thiere bleiben unberührt liegen, die Eigenthümer dürfen sie holen. Aber die meisten davon werden eine Beute der Geier, Adler, Krähen, Füchse und Wölfe. Die letzteren stellen sich nur mit dem Winter ein. Dann aber durchstreifen sie in großen Rudeln die Waldung, sie wagen sich bei hartem, andauerndem Frost bis an die Dörfer, und schauerlich klingt ihr wüstes Geheul ganze Nächte hindurch, beantwortet von dem zaghaften Gebell der Hunde, deren jedes Haus eine ganze Anzahl hält zur Bewachung von Menschen und Vieh. Hunderte von Schafen fallen alljährlich den blutdürstigen Bestien zum Opfer, trotz aller Vorsicht und Wachsamkeit der Hirten.

„Hier herum muß jetzt der Schatzgräber Hausen,“ sagte der Onkel. – „Der Schatzgräber? Wer ist das?“ – „Sie werden ihn kennen lernen,“ rief unser Führer und setzte seinen. Rappen in Galopp, um dem weit vorangeeilten Fräulein nachzukommen. Es war schwer, hier nebeneinander zu reiten. Immer wunderbarere Formen entwickelte der Wald, immer gewaltigere, seltsam gestaltete Bäume drängten sich, eine tiefe Dämmerung lag zwischen ihnen, wie Riesenschlangen liefen ihre verknoteten Wurzeln über den schmalen Pfad, der nicht selten von einem gestürzten Stamm gesperrt war, über welchen die Pferde hinwegsetzen mußten. Sie thaten dies willig und ohne Hülfen zu erwarten, nicht einmal strauchelten die bewundernswürdigen Thiere auf ihren Stahlfüßen; wer hätte auch auf den Weg achten können, da es beständig galt, den Kopf zu schirmen vor den niedrigen Aesten, die sich zu einem undurchdringlichen Dach über uns verschränkten. Da schlug plötzlich in nicht großer Ferne die tiefe Stimme eines Hundes an, lustig antworteten ihm Nero und Hector, unsere Begleiter. „Das ist der Schatzgräber!“ rief der Onkel. Das Dickicht lichtete sich vor uns, ein Heller Sonnenschein blendete fast die Augen. Noch lag ein mächtiger Stamm im Wege; lachend flog die kühne Soninka darüber, und wie Diamantenregen sprühte es rings um sie empor – da galt kein Halten und Besinnen – hinüber, und in einem Augenblick befanden wir uns Alle bis zum Sattelknopf im Nasser. Ein schmales Flüßchen schlängelte sich hier träge durch den Wald, eingerahmt von uralten Weiden und haushohem Schilf. Der gefallene Baumstamm hatte es den Augen verborgen, bis es zu spät war, aber lachend und glücklich ging die Passage von Statten. Fast erschrak ich, als am andern Ufer mir plötzlich eine höchst sonderbare Gestalt in’s Auge fiel. Es war ein langer, hagerer, alter Mann, sein gelbes, runzelvolles Gesicht stach eigenthümlich ab gegen das weiße Lockenhaar, die dichten Augenbrauen und den wohlgepflegten, schneeigen Bart, der ihm bis zum Gürtel herabwallte. Auf dem Haupt trug er eine kegelförmige Tatarenmütze aus schwarzem Lämmerfell, damit war auch sein langer, dunkler Talar verbrämt; er stützte sich auf einen Spaten und neben ihm stand ein großer, zottiger Wolfshund. Er kam mir vor, wie ein geheimnißvoller Zauberer aus irgend einem der unbekannten Heidenvölker östlicher Steppen – man denke sich meine Verwunderung, als er uns plötzlich begrüßte im allerbesten sächsischen Hochdeutsch: „Ei scheenen kuten Tag, meine Herrschaften; wo kommen Sie denn her so zeit’g?“ – „Guten Tag. Lehmann!“ rief der Onkel, „was gibt’s Neues? Hast Du nicht wieder einen Schatz gefunden?“ – „Ach, schweigen Sie doch, Sie Spötter,“ entgegnete der in einen Lehmann verwandelte Zauberer, „Sie kriegen mich nicht wieder dran. Aber wollen Sie nicht die Gütigkeit haben, und ein bischen bei mir absteigen? Ich habe guten Quaß und Krebse, so groß wie Schafe!“ Das ließ sich hören, wir folgten der freundlichen Einladung; ich konnte mich immer noch nicht von meinem Staunen erholen.

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Ein Seelenverkäufer. – Biographie des Schatzgräbers. – Wie der Schatzgräber zu seiner Frau kam. – Allein im Urwald. – Theater in der Steppe.

Der kleine Fluß bildete einen Bogen, und eine Stelle in dessen Bezirk war von Schilf und Gestrüpp geklärt. Hier stand eine kegelförmige Hütte aus in die Erde gesteckten, oben verbundenen Baumschößlingen, mit Rasen bedeckt, das getreue Abbild eines indianischen Wigwam. Weiches Heu bildete das ganze Mobiliar derselben. Hier wohnte Lehmann, der Schatzgräber, während der Zeit des Heuwerbens. Er hatte diese Arbeit in einem District der Plawni zu beaufsichtigen; eigentlich war er Prikaschtschik oder Schäfereiverwalter auf einem der Vorwerke jenseits des Dnjepr. Nachdem er uns Allen die Hände geschüttelt und mich besonders als speciellen Landsmann mit ausgesucht sächsischer Höflichkeit begrüßt hatte, eilte er zu seiner Kochstelle in einem nahen, hohlen Weidenbaum; hier entfachte er ein prasselndes Feuer und hing darüber den halbkugelförmigen Kessel aus Gußeisen auf, welcher das unentbehrlichste Geräth jeder, russischen Haushaltung ist; er füllte ihn mit Wasser und wies den Reitknecht an, des Kochamtes zu walten. Er selber rief: „Ich hole die Krebse; wollen sich’s die Herrschaften nicht bequem machen?“ und stieg in einen winzig kleinen Kahn, den er mit einer langen Stange flußabwärts stieß bis zu dem tiefern Tümpel, wo sein Krebskasten verwahrt lag. „Betrachten Sie jenes Fahrzeug,“ sprach mich der Onkel, auf das Schifflein deutend, an. „Da haben Sie wieder ein Stück, das zum Urwald paßt. Der Kahn ist aus einem Weidenstamm ausgehauen, er faßt nur einen einzigen Menschen und es gehört Geschicklichkeit dazu, sich darin im Gleichgewicht zu erhalten. Daher stammt auch sein Name. Sie wissen vielleicht, daß man draußen in Europa (in Rußland spricht man nicht vom Ausland, sondern von Europa!), am Rhein, die kleinste Art der Kähne „„Seelenverkäufer““ nennt? Nun, gerade so heißen sie auch Hierzuland, nämlich „Duschakupka“, wörtlich übersetzt, und ich möchte nur wissen, wo die Bezeichnung zuerst entstanden oder ob sie von beiden Völkern gleichzeitig erfunden worden ist!“

Wir hatten uns mittlerweile auf ein schattiges Plätzchen gelagert; angelegentlich fragte ich nach der Lebensgeschichte des sonderbaren Landsmannes, den ich hier in der Wildniß gefunden. Sie war ziemlich einfach. Lehmann stammt aus Mittweida oder dessen Nähe, und kam vor beinahe vierzig Jahren als Schäfer nach Rußland; dreiunddreißig Jahre lang verwaltet er seinen gegenwärtigen Posten. Er hält sich für einen sehr gebildeten Mann, ja für einen Gelehrten, verachtet daher gründlich seine Collegen und „das Volk“; er besitzt eine Bibliothek und studirt viel; aber sein Studium erstreckt sich nur auf „die höhere Welt“; Dr. Faust’s Höllenzwang, der Clavis Salomonis, Traumbücher und Prophezeihungen füllen alle seine Mußestunden, und seine Hauptleidenschaft, ja das Dichten und Trachten, der Angelstern seines ganzen Lebens ist das Schatzgraben. Dieses hat er zu einer wahren Wissenschaft gemacht und betreibt es mit aller Umsicht eines bewährten Adepten. Kein verrufener Ort, keine Ruine, kein altes Tatarengrab ist sicher vor seinem Spaten; wenn ein altes Weib ein Lichtlein hat tanzen sehen am sumpfigen Busch, gleich ist er hinterher und wühlt sich ein, wie ein Maulwurf; und er hat dabei Glück gehabt, denn er fand mehrere hübsche Stücke Bernstein, welcher längs des Dnjeprs nicht selten ist. Vielleicht ist das seltsame Treiben des alten Mannes durch die Oertlichkeit erweckt worden, in der er lebt, denn hier auf den Dnjeprinseln waren die geheimnißvollen festen Lager der Saporoger, jener kühnen Freibeuter, welche bald die Polen, bald die Tataren auf eigene Faust bekriegten, keinem Scepter, nicht einmal dem des Czaren, unterthan, unermeßliche Schätze zusammenschleppten und vergeudeten. Und dazu noch der Kranz der zahllosen „Mogilen“ oder Hünengräber rings auf der Steppe, von welchen einige, geöffnet, Gerippe, Waffen und goldenen Schmuck in Fülle zu Tage boten – Veranlassung genug, aus dem träumerischen Schäfer einen fanatischen Schatzgräber zu machen. So hieß er auch, der Kladokopatelj, bei Alt und Jung, Russen und Deutschen, weit und breit. Mancherlei Scherze wurden mit ihm getrieben. Der Onkel hatte vor mehreren Jahren bei allen Bekannten alte Münzen, Silber und Kupfer, gesammelt; letzteres bildete die Mehrzahl, aber er selbst hatte ein abgegriffenes Goldstück dazugeopfert, und das Ganze, in einen antiken Scherben gepackt, auf dem alten Saporoger Kirchhof bei Pawkrosk kunstvoll vergraben. Der Schatzgräber erhielt Nachricht von einer bläulichen Flamme – es war ein Spiritusfeuer! – die sich daselbst zeige, und in der Nacht darauf hob er wirklich muthig den Schatz. „Sie hätten das Gesicht sehen sollen, mit dem er zu uns kam!“ fuhr der Onkel, in der Erinnerung lachend, fort. „Stolzer war noch kein Kaiser, sicherer kein Weltweiser! Zwar ward er sehr verblüfft, als ihm später der gespielte Streich entdeckt und ein Verzeichniß der Münzen und ihrer Geber vorgelegt ward, allein gar bald gewann er seine Siegesfreude wieder, denn unglücklicherweise war gerade ein silbernes Hauptstück des Fundes darin anzuführen vergessen worden! Und so ist und bleibt er denn der „Schatzgräber“, und wenn Sie wollen, können Sie ihn heute Nacht an jeden beliebigen Ort sprengen; ohne den Spaten in der Hand geht er nie aus.“ –

Eben kam der Schatzgräber wieder zurück in der Duschakupka und brachte ein Netz voll der größten Krebse, die er unbarmherzig in das brodelnde Wasser des Kessels warf. Dann deckte er eine Grube hinter deiner Hütte auf und holte einen Ständer voll Quaß hervor, der mit allerlei Kräutern und Baumblättern gewürzt war. Das säuerliche Getränk schmeckte köstlich in der sonnigen Schwüle, nicht minder die Krebse, wenn sie gleich das stauende Element verriethen, dem sie entnommen waren. Lehmann wartete auf mit einer Würde, welche hoch ergötzlich war; besonders machte er sich um die schöne Soninka zu schaffen, suchte ihr die besten der Panzerthiere aus und war in einer Weise verbindlich und civilisirt artig, die im grellsten Widerspruch zu seinem barocken Costüm und Aussehen stand. Unter Scherzen und Neckereien ging das improvisirte Mahl vorüber. „Schatzgräber,“ sagte der Onkel, „Du hast uns königlich bewirthet und verdienst königlichen Dank. Ich weiß etwas für Dich, aber ich sage Dir’s nicht eher, als bis Du diesem fremden Herrn erzählt hast, wie Du zu Deiner Frau gekommen bist.“ – „Ach, Herr Onkel, Sie wollen wieder über mich lachen,“ entgegnete der Alte. – „Nein, gewiß nicht!“ betheuerte der Spötter. „Die Geschichte ist viel zu ernst und interessant dazu.“ – „Aber Sie haben sie ja schon oft gehört.“ – „Einerlei, so etwas kann man nie genug hören.“ – „Bitte, lieber Herr Lehmann, erzählen Sie!“ schmeichelte auch Fräulein Soninka, da konnte er nicht widerstehen. Mit gekreuzten Beinen setzte er sich uns gegenüber, wie ein kirgisischer Schamane, und begann mit verschämtem Lächeln:

„Es ist jetzt schon ziemlich lange her, die Ueberschwemmung war gerade sehr groß, stärker als gewöhnlich, da machte ich mich eines Morgens in der Duschakupka auf, um nach einigen Skirden (Heuschobern) zu sehen, die ich gefährdet glaubte. Lustig und guter Dinge fuhr ich dahin, bald mußt’ ich mich durch dichtes Schilf arbeiten, bald durch Baumäste, aber ich kannte so ziemlich die Richtung, wenn auch zu Wasser Alles ganz anders aussieht, wie zu Land. Endlich kam ich in’s Freie, wie ein weiter See lag es vor mir, ich strebte quer hinüber nach einer Waldspitze, der Marke meiner Fahrt. Aber auf einmal fand ich mit der Stange keinen Grund mehr und eine heftige Strömung riß mich fort, gerade nach der entgegengesetzten Seite. Aergerlich stieß ich fortwährend rechts und links um mich, den Boden zu suchen, plötzlich fand ich ihn auch, hatte aber so tief und kräftig eingestoßen, daß mir die Stange entfuhr und ich nun Hülflos dahin schwamm. Eine schöne Geschichte! dacht’ ich, war aber keineswegs verzagt, denn schon befand ich mich wieder zwischen den Bäumen. Ich versuchte einen Ast abzureißen, um mich seiner als Ruder zu bedienen, aber auf einem solchen kleinen Seelenverkäufer, der bei jeder Verletzung des Gleichgewichts umkippt, und bei der heftigen Strömung ging das durchaus nicht. Ich ergab mich daher in mein Schicksal, kauerte nieder, damit mich die Zweige nicht aus dem Schifflein schleudern konnten, trank einen Schluck Branntwein, den ich glücklicherweise bei mir führte, und trieb dahin. Nur vor Einem hatte ich Angst, nämlich, daß die Fluth mich dem großen Strom zuführe, dann wär’ ich in meiner Nußschale verloren gewesen. Allem so weit kam es glücklicherweise nicht. Als ich nach langen, bangen Stunden endlich wieder in ein ruhigeres Fahrwasser gekommen war, [751] beschloß ich, mich in Sicherheit zu bringen, ehe die Nacht hereinbreche. Mein guter oder böser Stern führte mich zu einem gewaltigen Weidenbaum, dessen Krone eben über dem Wasserspiegel hervorragte; ich hielt mich an den Aesten fest, und nach vielen vergeblichen Versuchen glückte es mir, einen derselben durch den Ring meines Fahrzeugs zu ziehen und so vor Anker zu gehen. Nachdem ich dasselbe nach Kräften befestigt, schwang ich mich in die Baumwipfel und richtete mich da häuslich ein. Ich muß sagen, ich habe schon besseres Nachtquartier gehabt, meine armen Glieder thaten mir am Morgen so weh, daß das Stehen auf den Aesten, wie ein Kranich, eine wahre Erleichterung war. Neuer Schrecken – das Tageslicht zeigte mir meine Duschakupka verschwunden, das Wasser war um mehrere Arschinen gestiegen, und ich saß auf dem Baume. Herunter konnte ich nicht, denn ich schwimme wie eine bleierne Ente, auf Erlösung durfte ich in dieser Wildniß nicht rechnen, nur im Verlaufen des Wassers war Rettung. Also abwarten! Aber das war schwer. Was soll ich’s weiter ausmalen? Drei Nächte und zwei Tage hatte ich schon auf dem verfluchten Baume – ich habe ihn mittlerweile abgehackt! – zugebracht, der Hunger quälte mich furchtbar, der Schnaps war alle, es begannen vor meinen Augen rothe Feuerringe zu kreisen, ein unüberwindlicher Schwindel befiel mich, es war, als flüstere mir ein heißer Athem in’s Ohr: Wirf Dich hinab, dann ist’s vorbei! Da auf einmal klang es, wie eine ferne Menschenstimme – gewaltsam riß ich mich empor – ja, ja, ein Helles Lied scholl über’s Wasser. Hülfe, hierher, Hülfe! brüllte ich, wie ein geschundener Wolf – das Liedlein schwieg, ein Ruf gab Antwort, und gleich darauf trat eine breite Lödla (Boot) voll Heu, zwischen die Bäume, gerudert von einer strammen Dirne, die verwundert nach dem Vogel umschaute, der so laut sich kundgethan hatte. Als sie mich sah, fing sie an zu lachen, daß sie auf’s Heu fiel, aber in demselben Augenblick lag ich auch neben ihr und regte mich nicht mehr. Erschrocken fuhr sie hurtig davon, – sie hielt mich für todt und gestand später, daß sie unterwegs nicht übel Lust gehabt habe, den ungebetenen Gast auszuladen; allein der Himmel gab ihr bessere Gedanken ein und so brachte sie mich glücklich nach Kaprilowka vor und in das Haus ihrer Mutter. Hier lag ich ein paar Tage im Fieber – ich konnte gar nicht von dem verwünschten Baum herunter kommen! – die guten Seelen pflegten mich liebreich – und so hat sich’s gemacht!“

„Aber, Lehmann,“ fragte der Gutsherr, „habt Ihr es denn niemals bereut? Ihr, ein gebildeter Mann, ein Ausländer, ein Schriftgelehrter, und ein kleinrussisches Bauermädel? Wie klappte denn das zusammen?“

„Es ging!“ erwiderte der Schatzgräber,, „was das Eine zu wenig hatte, hatte das Andere genugsam, das gibt die besten Ehen. Meine Warinka war ein hübsches, gutes Kind; sie braute ihren Quaß und kochte ihren Borscht, trotz Einer, und dann“ – fügte er heimlich hinzu – „sie war ein Sonntagskind. Geboren Schlag zwölf Uhr Mittags am heiligen Lichtmeßtag. Sie sah mehr, wie die Andern. Aber ich darf’s nicht sagen. Und die Mutter, die alte Mariman, das war eine kluge Frau, konnte das Feuer besprechen, Menschen und Vieh curiren, und sonst noch Vieles. Ich habe Manches von ihr gelernt. Nein, nein, bereut Hab’ ich’s niemals!“

„Nun, dann ist der Weidenbaum doch dein Glück gewesen, Schatzgräber,“ sagte der Onkel.

Nach einem herzlichen Abschied von dem sonderbaren Einsiedler ritten wir weiter durch Wiesen und Wald. Ein paar Mal ward noch die Jagd versucht, aber ohne andere Ausbeute, als einen hübschen Sperber, den ich erlegte, um nur etwas geschossen zu haben. Allmählich neigte sich die Sonne zum Untergang, wir trabten auf dem Heimweg. Plötzlich gab unsere Amazone ihrem Tscherkessen die Peitsche und stob vor uns dahin, wie eine Windsbraut; in wenigen Augenblicken war sie uns aus dem Gesicht. In der Erwartung, sie werde ihr Pferd nur eine Strecke weit ausgreifen lassen, beeilten wir uns nicht besonders, sie einzuholen. Allein sie war und blieb verschwunden, wie weiter und schneller wir auch ritten. Es begann schon zu dunkeln, unsere lauten Rufe hallten durch die Waldung – keine Antwort! Eine eigenthümliche Unruhe überkam uns Alle.

„Sie hat sich verirrt!“ rief der Onkel, „die vielen Flüsse – die Nacht – es muß etwas geschehen!“

„Ganz recht,“ entgegnete sein Neffe, „reite Du im Galopp gerade aus, Sie aber“ – zu mir gewendet – „schlagen diesen Pfad links ein, er führt direct zur Fähre und nach Gruschewka, ich mit dem Reitknecht wende mich rechts, um ihn draußen in die Dörfer zu senden – auf der Steppe treffen wir uns wieder; wer sie findet, feuert die Flinte ab!“ Und dahin sprengten Alle nach verschiedenen Richtungen, ich war allein in der doppelten Nacht des Urwalds.

Unvergeßlich wird mir dieser Ritt sein. Mein Pferd überließ ich ganz sich selbst, es wußte jedenfalls besseren Bescheid, als ich. In dem falben Zwielicht, das der aufgehende Vollmond durch die Wipfel warf, zeichneten sich die seltsamen Stämme der Bäume in den phantastischsten Gestalten viel schroffer, als bei Tageslicht, unheimlich rauschte der Nachtwind im Laub, Fledermäuse schwirrten dicht umher, und schauerlich klang der tiefe Schrei der Uhus durch den Wald. Da und dort flimmerte faulendes Holz mit bläulichem Schein, große Nachtfalter flogen mir in’s Gesicht, zwischen dem Röhricht blinkten mondbeschienene Lagunen hervor, wie Riesengespenster standen die grauen Weiden darin. Und plötzlich stieg ein Irrwisch vor mir auf. Ich hatte noch keinen gesehen, glaubte nicht einmal an die Existenz dieser Sumpfphantome – aber dort, vor mir, tanzte wahrhaftig ein Helles Lichtlein. Unwillkürlich zog ich die Zügel an. In demselben Augenblick bellte ein Hund und eine laute barsche Stimme rief gut deutsch: „Wer da?“ „Gut Freund!“ gab ich reglementsmäßig zur Antwort; sogleich erschien ein weiter Heller Kreis auf dem Pfad und in dessen Mittelpunkt die auffallende Gestalt des Schatzgräbers mit seinem Spaten und seinem Hund. „Wie kommen Sie hierher?“ fuhr er mich ganz verdrießlich an. Mit wenigen Worten erklärte ich ihm die Sache; er schien sehr unwirsch. „Nur gerade aus! Sie sind auf dem rechten Wege!“ rief er und drehte sich um; als hätte ihn die Erde verschluckt, war er sammt seiner Laterne verschwunden. Nach einem Paar hundert Schritten gelangte ich auch auf die freie Steppe. Gleich darauf fiel ein Schuß, dann noch einer, ich gab dieselbe Antwort, und ein Reiter sprengte gegen mich an. „Gefunden?“ fragte ich. „Gefunden!“ antwortete der Gastfreund, „Soninka ist längst zu Hause, jetzt waren Sie es, der uns Sorge machte. Aber nunmehr lassen Sie Ihren Klepper die Eisen fühlen!“

Wie wohl that der helle Glanz des Speisesaals und der Anblick der langen, gedeckten Tafel den ermüdeten Urwaldpionieren! Alle Magenfreuden der Steppe und des Südens standen in reicher Fülle aufgetischt, Haselhühner und Wachteln, Trauben und Arbusen, kühlende Badwinia (Fischsuppe) und dampfender Borscht, Boklaschani und Sterlet, und wie die Herrlichkeiten alle heißen mögen, nicht zu vergessen den feurigen Zarski Riesling der Krim in Eis. „Es ist recht romantisch draußen in den Plawni,“ sagte der Onkel, „aber ich lobe mir doch die Civilisation!“

Die rasche Flucht unserer holden Amazone, über welche sie bei der Tafel manch’ anzügliches Wörtchen hatte hören müssen, ohne viel darauf zu antworten, wurde erst nach derselben erklärt. Denn da wurden wir Alle hinausgedrängt aus dem Saale in ein Nebenzimmer, es galt eine Ueberraschung. Und die war es. Als wir wiederum herein gelassen worden, hatte sich der Salon zur Hälfte in ein Theater verwandelt; eine vierhändig gespielte Ouvertüre empfing uns, dann rauschte der Vorhang auseinander. Körners Nachtwächter wurde gegeben, und zwar so gegeben, wie man ihn schwerlich je gesehen hat oder sehen wird. Denn die Schauspieler waren lauter Mädchen, und zwar schöne, holde, und sie spielten natürlich zum Entzücken. Soninka als Tobias Schwalbe hätte des reizenden Röschens Abneigung gegen den ehrlichen Nachtwächter unbegreiflich erscheinen lassen, wenn die beiden Studenten, Herr Ernst Wachtel (Lysinka) und Herr Karl Zeisig (Lotti) nicht gar so allerliebst gewesen wären mit ihren zierlichen Schnurrbärtchen, und dabei so ernst, so tief im Geist ihrer geistreichen Rollen! Und als zuletzt der liebenswürdige Nachtwächter hoch auf dem mächtigen Ofen saß, der das Brunnenhäuschen vorstellte, und verzweifelnd herunter tutete, und die schönere Hälfte der Zuschauer sich plötzlich in das Chor der Nachbarn verwandelte – wer hätte da nicht lachen müssen bis zu Thränen? Prächtig war der Abend oder vielmehr die Nacht, die dem schönen Tage folgte; alle Müdigkeit war vergessen, nach dem Schlüsse des Schauspiels wurde noch lustig getanzt zu dem Piano, schon zehnmal hatte die würdige Mutter gesagt: „Kinder, nun ist’s genug!“ Aber endlich hat Alles ein Ende. – Man weiß auch in der Steppe zu leben, besonders die Deutschen!