Ein Satz (Tucholsky)

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Textdaten
Autor: Kurt Tucholsky
unter dem Pseudonym
Ignaz Wrobel
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Titel: Ein Satz
Untertitel:
aus: Die Weltbühne. Jg. 21, Nr. 5 vom 3. Februar 1925, I, S. 178, [Rubrik: Bemerkungen]
Herausgeber: Siegfried Jacobsohn
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 3. Februar 1925
Verlag: Verlag der Weltbühne
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Erscheinungsort: Berlin
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scan auf Wikimedia Commons
Kurzbeschreibung:
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[178]

Ein Satz

Wenn Sie in einer Gesellschaft unter lauter offenen, netten und freundlichen Menschen, die ungezwungen plaudern, klar blicken und so gar keine Würde um sich verbreiten, Einen sehen, der mit herausgestreckter Brust jedes seiner Worte posaunt, unter einer niedrigen Stirn zwei kleine kalte Augen, ohne daß Sklaven vorhanden wären, herrisch blitzen läßt, weil ihm nichts daran gelegen ist, etwas zu gelten, aber Alles daran, mehr zu gelten als die Andern, Einen, der im Knopfloch ein Bändchen trägt und auf der Backe vielleicht eine schlecht verheilte Narbe, der sich sein Monokel einklemmt, wenn er etwas lesen will, das er doch nicht verstehen wird, Einen, der feige und gewalttätig zugleich aussieht, und dessen ganzes Gehaben an einen mühsam gezähmten Schlächterburschen gemahnt, der auf dem Tanzboden gleich einen Krawall anfangen wird, Einen, der entschlossen ist, für die dümmste Sache mit dem ganzen Einsatz seiner Persönlichkeit voll und ganz einzutreten, und der so viel Prestige hat, daß ihm für die Humanitas nichts übrig bleibt, der sich, selbst ein leerer Sack, hinter seinen Titel, seine Dekoration und seine gesellschaftliche Stellung verkriecht, die er auch im Sitzen straff betont, Einen, dem nur wohl ist, wenn er unter Kerls, die nicht schreiben und lesen können, aber von ihm zu fressen bekommen, mit der Reitgerte imponieren darf, und der sich hütet, in andre Gesellschaftsklassen zu gehen, weil man ihn da lächelnd abtäte, Einen, der mit gut gepflegten, ein wenig zu dicken Fingern auch von jüdischen Bankiers gern nimmt, wenn es etwas zu verdienen gibt, und der den Kellner der Weinabteilung zur Abspiegelung seiner Macht braucht, den gekrümmten Trinkgeldrücken vor dem Thron seiner Eitelkeit, Einen, der sich hinter dem Staat verbirgt, wenn er etwas ausgefressen hat oder Pension bezahlt haben möchte – wenn Sie so Einen sehen, dann können Sie darauf schwören: dieser Mann ist ein Nationalist.

Ignaz Wrobel