Ein Schlangenbeschwörer

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Wechseln zu: Navigation, Suche
Textdaten
<<< >>>
Autor: unbekannt
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Ein Schlangenbeschwörer
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 8, S. 112
Herausgeber: Ferdinand Stolle
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1856
Verlag: Verlag von Ernst Keil
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Leipzig
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
Wikipedia-logo.png Artikel in der Wikipedia
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
[[Bild:|250px]]
Bearbeitungsstand
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite


[112] Ein Schlangenbeschwörer. E. Linck erzählt in seinem kürzlich erschienenen Buche: „Die Schlangen Deutschlands“ folgenden Fall. Der rühmlich bekannte Naturforscher Lenz in Schnepfenthal machte sich an einem Sommertage des Jahres 1830 mit einigen jungen Freunden auf, um Schlangen zu suchen. Auf der Schwelle seines Hauses trat ein etwa vierzigjähriger Mann zu ihm, der sich ihm als Begleiter anbot: er sei der Schlangenbeschwörer Hörselmann. Der Name war dem Naturforscher bekannt, er hatte schon die mannigfachsten Dinge von ihm gehört. Hörselmann war wegen Betrugs und Meineids im Zuchthause gesessen und ernährte sich nun damit, daß er auf Jahrmärkten in den Wirthshäusern herumzog, die Taschen voll Ringelnattern und Blindschleichen, die er für giftige ausländische Schlangen ausgab, die zu zähmen seiner Kunst gelungen sei. Lenz ließ sich die Begleitung des Abenteurers auf der beabsichtigten Schlangenjagd gefallen. Dieser erzählte, er verdanke seine Kunst der Schlangenzähmung theils eigener Forschung, theils der Unterweisung eines italienischen Arztes, theils einem kostbaren, überaus seltenen Buche, in dessen Besitz er sei. Die Schlangenjagd blieb ohne Erfolg. Lenz kehrte nach Hause zurück. Hörselmann begleitete ihn dahin und wünschte die Schlangen zu sehen, die der Naturforscher in wohlverschlossenen Kisten aufbewahrte. Beim Anblick der Gefangenen ging dem Beschwörer Herz und Mund erst recht auf. Er that als habe er alte Bekannte vor sich, sprach auf das vertraulichste mit ihnen und rühmte sich seiner Macht mit ihnen. Endlich ließ er sich eine der Kisten öffnen. In dieser lagerten fünf Schlangen. Er faßte eine derselben, eine Kreuzotter, um die Mitte des Leibes und hob sie aus der Kiste. Die Schlange blieb theilnamlos und begnügte sich, das Schwanzende um den Arm des Verwegenen zu legen. Als er aber fortfuhr, mit ihr zu sprechen und traulich mit ihr zu thun, da begannen ihre Augen zu glühen und ihre Zunge zeigte sich in heftiger Bewegung. Erschrocken rief Lenz dem Beschwörer zu, das gefährliche Thier von sich zu werfen, aber dieser hatte in seiner Selbsttäuschung, in seinem Fanatismus den höchsten Gipfel erreicht, murmelte eine unsinnige Zauberformel und steckte plötzlich Kopf und Hals der Schlange in seinen Mund. Das entsetzliche Schauspiel dauerte nur einen Augenblick. Der Gaukler riß plötzlich die Schlange wieder heraus, sein Gesicht röthete sich, seine Augen glichen denen eines Rasenden, er spie wiederholt Blut aus und brach endlich, von Todesschauern erfaßt, in das Bekenntniß aus, daß seine Wissenschaft ihn betrogen habe. Die Schlange hatte den Unglücklichen weit hinten in die Zunge gebissen. Alle Hülfe war vergebens, nach einer Stunde war er eine Leiche. Von dem angeblichen Buche wurde in Hörselmann’s Nachlaß keine Spur vorgefunden.