Ein Stiergefecht auf der Insel Madagaskar

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Textdaten
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Autor: unbekannt
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Titel: Ein Stiergefecht auf der Insel Madagaskar
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 5, S. 49–50
Herausgeber: Ferdinand Stolle
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1854
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Ein Stiergefecht auf der Insel Madagaskar.
(Tagebuchsskizze.)

Nicht Spanien allein ist das Land der Stiergefechte, jener blutigen Schauspiele, welche unsere humane Zeit nachgerade in Acht und Bann zu thun begonnen hat; auf der ostafrikanischen Insel Madagaskar gehören sie ebenfalls zu den Belustigungen des Volks.

Ich hatte Gelegenheit, einem Stiergefechte in Mazangai beizuwohnen, nachdem mir von früherer Zeit her die spanischen nicht unbekannt waren. Ueber letztere würde ein Madagasse mitleidig lächeln, so ganz furchtbar anders ist bei ihm der Kampf.

Man kann sich nicht leicht etwas großartiger Wildes, grauenhaft Schöneres vorstellen. Da giebt es für den Toreador keine Schlupfwinkel, wohin er sich nöthigenfalls vor der Wuth seines Feindes retten kann, und kampflustig genug sind auch die madagassischen Stiere, um nicht erst wie die spanischen durch rothe Tücher gereizt werden zu müssen.

Der erste beste Madagasse, mit einem Wurfspieß und kurzem Beile bewaffnet, trat hervor und näherte sich schnell einer Heerde wilder Stiere, deren drohende Hörner und von Zorn geschwollene Nasenlöcher die Lust zum Kampfe verriethen. Das Auge des Madagassen suchte einige Augenblicke wählend unter den Thieren, bis er dasjenige, das ihm das stärkste und bösartigste schien, herausgefunden hatte.

Dann schleuderte der madagassische Toreador seinen Wurfspieß mit fester Hand auf den Feind, und das Gefecht begann. Nach kurzem Besinnen stürzte sich der verwundete Stier ungestüm auf seinen Angreifer, der, da sein Wurfspieß in den Weichen des Thieres sitzen geblieben, schon zur Hälfte entwaffnet war. Der Stier suchte schmerzlich brüllend seinen Gegner nach allen Seiten hin und wurde nur noch wüthender, als er statt diesen zu fassen, mit seinen Hörnern immer nur in die leere Luft stieß. Mit freudestrahlendem Auge und lächelndem Munde schlüpfte der behende Madagasse fortwährend rechts und links an den Seiten des Stiers vorüber, der durch diese muthwilligen Neckereien immer erboßter wurde. Bisweilen, wenn das grimmige Thier seinen Kopf zum furchtbaren Stoße senkte, glaubte ich den Madagassen unrettbar verloren. In demselben Augenblicke aber setzte er seinen Fuß auf die breite Stirn des Thieres, und flog dann mit einem fünfzehn Fuß hohen Sprung über dasselbe weg, um leicht wie ein Tiger wieder auf die Füße stehen zu kommen.

Nach und nach erhitzte sich jedoch der Toreador an dem wagehalsigen Spiele und kein Lächeln umspielte mehr seinen Mund. Seine Blicke nahmen einen wildern Ausdruck an, seine Muskeln schwollen straffer und ernstlicher begann der Kampf. Schnell und immer schneller umkreiste er den Stier, sein blankes Beil, das im Sonnenscheine ringsum Blitze warf, hoch in der Luft schwingend. Allmälig wurden die Kreise, die er beschrieb, enger, und endlich, als er den rechten Moment gekommen glaubte, stürzte er sich mit einem heisern Geschrei rasch auf seinen furchtbaren Feind, der plötzlich schwankte und wie vom Blitze getroffen hinstürzte. Der Madagasse hatte ihm mit einem Hiebe die Gelenke der beiden Hinterfüße durchhauen.

Es gewährte einen traurigen Anblick, wie jetzt das arme Thier, das eben erst noch so fürchterlich schön in seiner Wuth war, sich, eine lange Blutspur hinterlassend, mühsam fortschleppte und in ein klägliches, weithin hallendes Gestöhn ausbrach. Der Madagasse vervollständigte schnell seinen Sieg, indem er mit einem letzten Beilhiebe seinem Opfer den Kopf spaltete.

Einige dreißig Stiere wurden so auf die verschiedenste Art erlegt, und ich hoffte schon, dieses blutige Schauspiel, das mir, als bloßem Zuschauer, der an der Aufregung und Gefahr des Kampfes keinen Theil hatte, schließlich widerwärtig geworden war, beendigt, als ich plötzlich eine junge und sehr hübsche, böchstens sechszehnjährige Madagassin hervortreten sah, die ihrerseits den Kampf versuchen wollte. Ein Madagasse, vermuthlich ihr Geliebter oder Mann, begleitete sie.

Peinlich ergriff es mich bei dieser Scene; auf die ich nicht gefaßt gewesen.

Nachdem sich das junge Mädchen unter den Stieren einen Gegner herausgewählt, schleuderte es fröhlich jauchzend den Wurfspieß auf ihn ab. Der Stier, mitten in die Brust getroffen, stieß ein wüthendes Geheul aus und stürzte sich in mächtigen Sprüngen auf seine stolze und hübsche Feindin. Diese lies sich von diesem Angriff, auf den sie übrigens gefaßt sein mußte, nicht außer Fassung bringen, und schwebte leicht und anmuthig um das zornschnaubende Ungeheuer.

Dieses gefährliche Geplänkel, das mir das Herz zusammenschnürte, dauerte ziemlich lang. Durch einige ermuthigende oder vorwurfsvolle Worte, welche der Geliebte fallen ließ, angeregt, [50] griff endlich die junge Madagassin mit hocherhobenen Beile unerschrocken den Stier an. Allein, mochte ihr nun in diesem verhängnißvollen Augenblicke der Muth wanken, oder gebrach es ihr an Erfahrung, oder versah sie sich sonst wie, genug – ihr flüchtig blitzendes Beil verletzte nur leicht den nervigen Hals des riesigen Thieres.

Eine grauenvolle Scene folgte nun.

Bevor noch das Mädchen dem neuen Angriff ihres Feindes ausweichen konnte, hatte es derselbe schon mit seinen spitzen Hörnern gepackt und schleuderte es über dreißig Fuß hoch in die Luft. Zweimal fing der wüthende Stier das arme Kind mit seinen Hörnern auf, und immer wieder warf er es zornknirschend in die Luft zurück. Voller Entsetzen wandte ich mich von dem gräßlichen Anblick ab, während die Eingebornen in rasende Beifallsbezeugungen ausbrachen.

Der Madagasse, welcher während des ganzen Kampfes das junge Mädchen begleitet und angefeuert hatte, zögerte nicht, sie zu rächen, indem er den Stier tödtete.

Er machte jedoch, was übrigens leider auch ganz überflüssig gewesen wäre, nach seinem Siege keinen Versuch, um dem armen Kinde Hülfe zu leisten, sondern zuckte, als er an der Leiche desselben vorüberging, halb mitleidig, halb verächtlich die Achseln, wie wenn er ihr noch Ungeschicklichkeit vorwerfen wollte. Dann setzte er ruhig seinen Weg fort, ohne ein einziges Mal den Kopf zu wenden, ohne einen letzten Blick, ein letztes Wort Derjenigen zu schenken, die er vielleicht im Leben geliebt hatte und an deren Tod er sicherlich die Schuld trug.